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LichtplanungWie findet man das richtige Licht für einen Raum?

Das Einmaleins der Raumbeleuchtung: Wie man mit welcher Lichtquelle die optimale Stimmung in eine Wohnung zaubern kann.

Eine Stehlampe kann einen Raum höher erscheinen lassen.
von aktualisiert am 29. September 2017

Mario Rechsteiner, 56, ist Vizepräsident der Schweizer Licht-Gesellschaft (SLG). Seit 20 Jahren ist er Inhaber der Lichtplanungsfirma art light GmbH in St. Gallen. Das Unternehmen mit acht Mitarbeitern hat zahlreiche internationale Preise für Beleuchtungskonzepte und -projekte gewonnen.

Beobachter: Was ärgert Sie als Lichtplaner am meisten?
Mario Rechsteiner: Dass die Architektur häufig das Tageslicht nicht optimal nutzt – es ist ein Zufallsprodukt. Man achtet darauf, dass das Gebäude schön in eine Häuserzeile passt. Was das Tageslicht im Innern bewirkt, wird häufig nicht hinterfragt.

Beobachter: Grosse Fenster sind heute üblich – hat man eher zu viel Tageslicht? Rechsteiner: Tendenziell zu wenig. Das zeigt sich in gefangenen Räumen wie Nasszellen ohne Fenster, wo nur bedingt Wohnqualität entsteht.

Beobachter: Was ist gutes Licht im Innern?
Rechsteiner: Eine optimale Beleuchtung sollte auf Stimmungen reagieren können. Wo nötig, soll sie gutes Sehen ermöglichen, aber auch erlauben, eine Atmosphäre wie am Lagerfeuer zu schaffen.

Beobachter: Heisst das, dass Licht dimmbar sein muss?
Rechsteiner: Mit der heutigen Technologie ist es sicher ein Vorteil, man kann sich so einfach Lichtstimmungen schaffen. Aber auch kleine Lichtquellen in verschiedenen Höhen können zu einer angenehmen Atmosphäre beitragen.

Das Einmaleins der Raumbeleuchtung

Wandleuchte diffus
Stehleuchte indirekt
Tischleuchte
Downlight
Uplight
Pendelleuchte direkt und indirekt
Pendelleuchte diffus
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Beobachter: Sind Wohnungen heute gut beleuchtet?
Rechsteiner: Man muss unterscheiden: In Mietwohnungen wird aus Kostengründen alles dem Mieter überlassen. Tendenziell wird immer häufiger buntes Licht eingesetzt, weil es mit LEDs einfach geht. Ich glaube, die wenigsten Leute wissen, welchen Einfluss farbiges Licht haben kann. Dabei kann etwa zu viel Blaulicht am Abend den Schlaf beeinträchtigen. Im Wohneigentum kommt das Licht meist als Letztes. Man gibt viel Geld für Bad und Küche aus, aber eine professionelle Lichtplanung ist oft zu teuer.

Beobachter: Es besteht also noch viel Potenzial.
Rechsteiner: Ja. Licht sollte als ein Bestandteil der Architektur betrachtet werden. In der Antike wurden Fensteröffnungen meist sehr präzis platziert. Der Betrachter kann feststellen, dass dem Licht damals ein ganz anderer Stellenwert beigemessen wurde. Heute gilt: Überall, wo Strom ist, kann man was machen. Und so sehen teilweise auch die Wohnungen aus. Häufig sind sie fast überbelichtet. Räume haben mehr Charme, wenn sie auch Rückzugsorte bieten. Früher gab es eine Petroleumleuchte über dem Tisch, aber schon in der Ecke war es dunkel. Dort war dann der Kachelofen.

Beobachter: Was ist heute das Ziel von Kunstlicht?
Rechsteiner: Erst seit der Erfindung des künstlichen Lichts können wir nachts arbeiten, es war und ist noch immer ein wesentlicher Taktgeber der Industrialisierung. Der Nachteil ist, dass wir uns hin zu einer 24-Stunden-Gesellschaft bewegen und der Körper nur bedingt dafür gebaut ist. Heute gehen die Bestrebungen dahin, Tageslicht zu simulieren. Das Schlagwort ist HCL, Human Centric Lighting. Dabei verändert das Kunstlicht seine Farbtemperatur und manchmal auch seine Intensität. Mit der LED, die nicht nur leuchtet, sondern auch ein elektronisches Bauelement ist, lassen sich immer wieder neue Funktionen definieren.

Beobachter: Fliehen Sie manchmal vor dem Licht?
Rechsteiner: Ja, nachts in die Natur. Es gibt nichts Schöneres als eine nächtliche Schneeschuhtour ohne Laterne.

«Man sollte ausprobieren und mit einer Nachttischlampe durch die Wohnung gehen. So sieht man, wie viel Licht man wo braucht.»

 

Mario Rechsteiner, Vizepräsident Schweizer Licht-Gesellschaft (SLG)

Beobachter: Worauf muss man achten, wenn man privat eine Beleuchtung plant?
Rechsteiner: Man sollte ausprobieren und mit einer Nachttischlampe durch die Wohnung gehen. So sieht man, wie viel Licht man wo braucht. Dann sollte man sich an den Tätigkeiten orientieren. Der Klassiker ist der Spiegel im Bad: Wie vermeide ich Schlagschatten? Wie verhindere ich, dass ich mich beim Rasieren verrenken muss? Wie sollte die Lichtfarbe sein, damit ich morgens nicht so bleich aussehe? Denn wenn ich etwas Bräune im Gesicht habe, fühle ich mich besser. Jeder hat Gewohnheiten und Bedürfnisse. Wesentlich ist, zu überlegen: Wo brauche ich Licht, wo ist es mir zu hell? Das ist schon ein wertvoller Erfahrungsschatz.

Beobachter: Man ärgert sich wohl meist über zu wenig Licht...
Rechsteiner: ...oder über blendendes Licht. Gerade LEDs sind schwierig. Sie erzeugen viel Licht auf kleiner Fläche, und das blendet oft. Die Leuchtdichte ist 40- bis 50-mal so hoch wie bei einer Glühlampe und entspricht teils fast der Sonne. Die LED ist sehr grell. Das wird häufig bemängelt.

Beobachter: Man müsste ja nicht in die LED blicken.
Rechsteiner: Der Mensch sieht auch peripher. Wenn der Helligkeitsunterschied zwischen dem engeren Sehfeld von etwa 30 Grad und dem Umfeld, das wir auch wahrnehmen, zu gross wird, überschreitet das die Akzeptanzschwelle des Auges. Man hat das Gefühl, dass eine LED blendet, auch wenn sie sich ausserhalb des engen Sehfelds befindet.

Beobachter: Was machen Sie dagegen?
Rechsteiner: Die eine Variante ist, darauf zu achten, dass die Leuchten sehr gut entblendet sind. Da trennt sich oft die Spreu vom Weizen. Ausserdem kann man mit diffuseren Lichtquellen arbeiten oder das Licht indirekt einsetzen.

Beobachter: Das Problem ist der Umgang mit der LED?
Rechsteiner: Ja, auch unsere Erwartungshaltungen. Tageslicht wird gegen Abend immer wärmer. Die Kerze hat eine sehr warme Lichtfarbe. Auch die Glühlampe hat einen warm glühenden Ton, und wenn ich sie reguliere, wird sie immer wärmer. Wenn aber die LED weniger leuchtet, wird das Licht meist nicht wärmer.

Beobachter: Davon abgesehen: Machen es LEDs leichter, gutes Licht zu schaffen?
Rechsteiner: Nicht unbedingt. Oft ist die Leuchte heute ein fertiges System, das bei einem Defekt komplett ausgetauscht werden muss. Taktgeber ist die Elektronikindustrie, die die Bauteile im Halbjahresrhythmus verändert. Für mich ist das eine andere Kultur. Früher gab es eine eigene Lichtbranche mit eigenen Standards: Fassungen blieben über Jahrzehnte gleich.

Beobachter: Und heute?
Rechsteiner: Die Elektronikindustrie tickt anders. Denen ist es doch egal, wenn man die Leuchte wegwerfen muss. Ist eine Leuchte aus Asien, die dann zur Entsorgung in Schwarzafrika landet, wirklich nachhaltiger als eine Glühlampe, die nicht so energieeffizient ist, aber hier produziert wird? Wohin bewegen wir uns eigentlich?

«Lichtplanung ist wie Kochen. Die Zutaten sind allen bekannt. Aber wie man sie verarbeitet, darauf kommt es an.»

 

Mario Rechsteiner, Vizepräsident Schweizer Licht-Gesellschaft (SLG)

Beobachter: Wie gehen Sie als Lichtplaner vor? Berechnen Sie die Lichtmenge?
Rechsteiner: Wenn möglich, sehen wir uns an, wie der Kunde lebt. Um zu sehen, was für ihn gut ist und was ihn stört. Das Licht zu berechnen ist im privaten Wohnraum selten nötig. Der Planer weiss sehr gut, wie viel Licht was wo macht.

Beobachter: Was kostet eine Lichtplanung?
Rechsteiner: Das hängt stark von den Bedürfnissen ab. Bei einem einfachen Einfamilienhaus beginnt das bei rund 6000 Franken. Wir hatten aber auch schon Kunden, denen diente ein persönliches Beratungsgespräch für ein paar hundert Franken, und danach war der Kunde zufrieden.

Beobachter: Was sind die schönsten Aufgaben für Sie?
Rechsteiner: Wenn man mit dem Architekten ein Gebäude entwickeln kann, bei dem das Licht im Vordergrund steht und nicht die Leuchte. Wo man die Räume mit ihren Oberflächen so in Szene setzt, dass das Licht wie selbstverständlich ist. Lichtplanung ist wie Kochen. Die Zutaten sind allen bekannt. Aber wie man sie verarbeitet, wie man die Speise präsentiert, wie man die Balance schafft zwischen Gerüchen und Geschmäckern, darauf kommt es an – genau wie bei der Lichtplanung.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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