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JenischeDer Kampf gegen das Vergessen

Sie wurden vor vielen Jahren ihrer Kultur entrissen, ausgebeutet und sexuell missbraucht. Doch die Leiden der Kinder der Landstrasse dauern bis heute an.

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Meine grösste Angst», sagt Ernst Spichiger, die Augen hellwach, «ist die Vorstellung, ich könnte pflegebedürftig werden und sie würden mich wieder versorgen. Lichterlöschen um zehn Uhr, eingesperrt sein, die Isolation – das würde ich nicht mehr verkraften.»

Hinter der Station Sihlau am Dorfausgang von Adliswil ZH beginnt das Niemandsland. Mannshoher Maschendraht entlang dem Bahngleis, stark befahrene Strasse ohne Trottoir, lang gezogene Baracken, wo fremdländische Männer im Halbdunkel unter den Türrahmen stehen: das Asylbewerberheim. Auf einem Kiesplatz wohnt der 48-jährige Ernst Spichiger. Sein Zuhause ist ein Wohnwagen, seine Familie das Zigeuner-Kultur-Zentrum.

Spichiger ist Jenischer und Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse». Zwischen 1926 und 1973 hatte die Pro Juventute mit Einverständnis des Bundes rund 3000 Kinder von Fahrenden zwangsbevormundet und ihren Familien entrissen. Sie wurden in Heimen und bei Pflegeeltern platziert, viele kamen in psychiatrische Anstalten und Gefängnisse. Erklärtes Ziel der Aktion: die jenische Kultur zerstören.

Viele der Opfer, als Arbeitskräfte ausgenutzt und von Vormund, Pflegeeltern und Pro-Juventute-Mitarbeitern sexuell missbraucht, leiden heute noch stark unter den Erlebnissen. Ernst Spichiger etwa wurde seinerzeit zu einem Bauern gebracht, der ihn aufs Schlimmste vergewaltigte. «Seither bin ich beziehungsunfähig; ich kann es nicht mehr ertragen, wenn jemand meinen Körper berührt.»

Was ihm noch mehr zu schaffen macht, ist der Verlust der eigenen Identität und Kultur. Erst in den achtziger Jahren, nachdem der Beobachter den Skandal publik gemacht hatte, erfuhr er seine Herkunft. Doch die «Rückführung» war schmerzhaft: Seine Eltern waren verstorben. Zwei Brüder traf er als Heroinabhängige wieder, eine Schwester als Alkoholikerin, eine andere hatte sich das Leben genommen. Ein Bruder ist bis heute verschollen.

«Man müsste Geld zur Verfügung stellen und ein Zentrum für Familienrückführungen eröffnen, das die Stammbäume verfolgt und die Leute bei den Wiedersehen begleitet. Denn allein», sagt Spichiger, «allein schafft man so etwas fast nicht.»

Um es doch zu schaffen, hat Spichiger eine eigene Form der Verarbeitung gefunden: Er hat Malen gelernt – trotz seiner Farbenblindheit: «Ich lese die Farben von der Tube ab.» Häufig zeichnet er Landschaften, die er sich aus der Fantasie vorstellt, weil er fast nicht mehr gehen kann. Und obschon er «nie das Gefühl von Glück und Geborgenheit erleben durfte», ist sein liebstes Sujet die Familienidylle: «Die Geborgenheit», «die Familie», «das jenische Leben» sind die Titel seiner Arbeiten.

So wie Ernst Spichiger geht es vielen Betroffenen. Stefania Stoffel, 66, wurde als Neunjährige unter Vormundschaft gestellt und von einer Pflegefamilie zur anderen, von einem Heim ins nächste verschoben. 1949 kam die 16-Jährige ohne richterliche Verfügung für neun Monate in die Strafanstalt Bellechasse FR, wo sie nach sechs Wochen Einzelhaft gar in die «Mörderabteilung» verlegt wurde.

Grund: Bei einem Gespräch auf dem Pro-Juventute-Sekretariat in Zürich hatte Hilfswerkleiter Alfred Siegfried versucht, sie zu vergewaltigen. «Er hat mich an der Hüfte zu sich gezogen und gesagt: "Chum Meiteli, i han no keini gfrässe!"» Stefania Stoffel wehrte sich mit Fusstritten. «Doch dann», erzählt sie in ihrem Wohnhaus in Deitingen SO unter Tränen, «kam die Sekretärin herein und packte mich. Noch am selben Abend war ich im Loch.»

Alfred Siegfried hat zahlreiche seiner Mündel sexuell missbraucht. Stefania Stoffel weiss, dass mehrere jenische Frauen von ihm Kinder zur Welt gebracht haben. Siegfrieds pädophile Veranlagung ist heute aktenkundig: Der ehemalige Lehrer am Humanistischen Gymnasium in Basel wurde 1924 aus dem Unterricht heraus verhaftet – wegen Unzucht mit Schülern. Er wurde fristlos entlassen und zu zwei Monaten Gefängnis bedingt verurteilt.

Moralisch und seelisch am Ende
Ein psychiatrisches Gutachten qualifiziert ihn als «ein angeboren homosexuell veranlagter Mensch mit einem Geschlechtstrieb von besonderer Stärke». Doch statt ihn in eine psychiatrische Klinik zu «versorgen», wie es der Antrag der Gutachter forderte, kam er als freier Mann aus der Untersuchungshaft. Noch im selben Jahr engagierte ihn die Pro Juventute als neuen «Leiter der Abteilung Schulkind».

Unter den traumatischen Erlebnissen leidet Stefania Stoffel heute «viel mehr als damals, als ich meine Akten sah». Die Frau ist «moralisch und seelisch am Ende» und hat eine Psychotherapie abgebrochen: «Ich mag nicht mehr.» Ihre Eltern sind tot, die Geschwister, die noch leben, lehnen sie ab; sogar die eigenen vier Kinder wollen nichts mehr wissen von der «Zuchthäuslerin».

Nun versucht Stefania Stoffel, das Erlebte auf ihre Art zu verdauen: Sie reist an die Orte des Geschehens, sucht ehemalige Vormundspersonen, Pro-Juventute-Angestellte und Mitwisser auf und konfrontiert sie mit unbequemen Fragen. Mit wenig Erfolg: Die Verfolger von damals wollen sich an nichts mehr erinnern. Ihre Dokumente hat die Frau nun einer Regisseurin gegeben, die daraus ein autobiografisches Theaterstück erarbeitet. «Danach werfe ich die Akten weg», sagt Stefania Stoffel.

Auf seine Weise hat auch Peter Paul Moser die Erlebnisse als «Kind der Landstrasse» bewältigt. Zehn Jahre lang hat er seine Erinnerungen aufgeschrieben. Nun liegt seine Autobiografie in Buchform vor. 640 Seiten in zwei Bänden: «Entrissen und entwurzelt» und «Die Ewigkeit beginnt im September». «Wenn es mir schlecht ging, habe ich geschrieben», erzählt der 73-Jährige in seinem Arbeitszimmer in Thusis GR, wo er seine Akten, fein säuberlich in Bundesordnern eingereiht, auf dem Bücherregal stehen hat.

Moser wurde am 11. Februar 1927 – er war gerade 13 Monate alt – von Polizei, Pro Juventute und Ordensschwestern gewaltsam aus dem Elternhaus geholt. Es folgten zahlreiche Platzierungen bei Familien, Heimen und Anstalten, dann die mühevolle Suche nach Eltern und Geschwistern. «Seit das Buch fertig ist», sagt Moser, «bin ich beruhigt: Jetzt ist die Sache für mich irgendwie erledigt.»

Allerdings fehlt es dem AHV-Rentner an Geld: Um sein Werk auf den Markt zu bringen, schreibt er unzählige Sponsoren an. Mitverantwortliche von damals, die Pro Juventute und das Seraphische Liebeswerk, haben abgesagt, andere Anfragen sind hängig. Einzig der Bund (Pro Helvetia) hat 4900 Franken bezahlt.

Akteneinsicht wurde gestoppt
Müsste der Staat die Opfer der Jenischenverfolgung nicht stärker unterstützen, damit sie das Erlebte bewältigen können? Die Eidgenossenschaft behandelt das unliebsame Dossier schleppend. 13 Jahre mussten die Betroffenen warten, bis sich nach Auflösung des Hilfswerks der Bundesrat bei ihnen entschuldigte (Alphons Egli, 1986). Erst dann beschloss das Parlament, eine Untersuchung durchzuführen. Doch daraus wurde nichts: Zwar flossen elf Millionen Franken in einen Entschädigungsfonds, doch die Forderung der Opfer nach voller Akteneinsicht und -berichtigung und nach einer umfassenden Studie blieb unerhört. Akteneinsicht und Zahlungen wurden 1992 gestoppt – der Fonds war leer.

Vier weitere Jahre lang kämpften die Opfer, bis das Bundesamt für Kultur – für magere 50000 Franken – wenigstens eine Analyse der Pro-Juventute-Akten in Auftrag gab. Die Historiker Roger Sablonier, Walter Leimgruber und Thomas Meier von der Universität Zürich präsentierten im Frühjahr 1998 ihren Bericht, der Klartext spricht: «Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt», bilanzierten sie an der Präsentation der Studie in Bern unter dem Vorsitz von Bundesrätin Ruth Dreifuss.

Die Magistratin zeigte sich «tief betroffen» und versprach, «dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte» gründlich aufzuarbeiten. Sie schickte die Untersuchung den Kantonen zur Vernehmlassung. Nun sind die Stellungnahmen eingetroffen: Eigene Studien will keiner der Stände durchführen. «Sie fühlen sich überfordert», bilanziert Dreifuss, nur elf Kantone wünschten weitere Forschungen.

Jetzt liegt das Dossier wieder auf den Tischen des Bundesamts für Kultur, wo es unerledigt bald das nächste Jahrtausend erleben wird. «Ich mache keine Versprechen, die ich nicht halten kann», meint Dreifuss auf die Frage, wann die Vernehmlassung ausgewertet sei.

Dabei drängt die Zeit: Viele Opfer sind betagt und erkrankt, körperlich wie psychisch. Zum Beispiel Ernst Spichiger, der sich kaum mehr in die Gesellschaft eingliedern konnte und sich für fünf Jahre «mutterseelenallein» auf eine Alp zurückzog.

Heute hat er nur mehr einen Wunsch: «Ich will hier im Wohnwagen sterben, mein Leben fertig leben.» Er blickt auf ein unvollendetes Bild auf dem Tisch und fügt mit ruhiger Stimme an: «So werde ich sagen können: Ich habe zu meiner Kultur zurückgefunden.»


Veröffentlicht am 10. August 2000