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«Kinder der Landstrasse»Der Kinderklau

1972 deckte der Beobachter einen Skandal auf. Die hoch geachtete Pro Juventute hatte jahrzehntelang fahrenden Familien ihre Kinder geraubt - mit behördlicher Duldung.

von und

Die Qualität einer journalistischen Recherche bemisst sich an den Folgen. So gesehen war die Story von Beobachter-Redaktor Hans Caprez, die am 15. April 1972, schon fast im Heft versteckt, auf Seite 26 erschien, ein Meisterstück. Was der Beobachter unter dem Titel «Fahrende Mütter klagen an» publizierte, war das, was man in Journalistenkreisen einen Scoop nennt - ein Knüller, dessen Halbwertszeit nicht nur wie üblich zwei Tage, sondern 20 Jahre beträgt.

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Die Folgen: 2200 Fahrende erhielten vom Bund elf Millionen Franken Genug­tuung; der Bundespräsident entschuldigte sich, eine Historikerkommission verfasste einen offiziellen Bericht über die Sache.

Der Skandal: Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute hatte jenischen Müttern im Verlauf von 50 Jahren bis 1972 über 600 Kinder weggenommen und sie in Heime, Anstalten und Pflegefamilien gesteckt. Diese Kinder von Hausierern, Scherenschleifern, Schaustellern und Gelegenheitsarbeitern sollten sesshaft gemacht werden. Die Pro Juventute war kein kleiner Quartierverein, sondern eine ehrenwerte Organisation - immerhin durfte sie im Namen des Bundes Sondermarken in Schulen verkaufen. Im Stiftungsrat sassen die so genannten Spitzen der Gesellschaft, Präsident war meist ein aktiver Bundesrat. Kurz: Mit der Pro Juven­tute wurde eine quasistaatliche Institution frontal angegriffen. Ein Jahr nach dem Beobachter-Artikel gab es das «Hilfswerk» nicht mehr.

Ein Leben in Heimen

Ursula Waser ist eine der 2200 Betroffe­nen, die (symbolisch) entschädigt wurden. Sie erhielt die Maximalsumme von 20'000 Franken. Man könnte meinen, das sei eine Menge Geld. Doch ist das viel für 18 geraubte Lebensjahre? Sie wurde 1953 als sieben Monate altes Baby ihren Eltern entrissen und lebte in den folgenden 18 Jahren in über 30 verschiedenen Heimen. Aus den Akten, die sie zu Hause aufbewahrt, mehrere Bundesordner, tritt uns der Gründer und langjährige Leiter des «Hilfswerks» entgegen, Alfred Siegfried. Er schrieb nach der Kindswegnahme an die lokale Vormundschaftsbehörde und gratulierte zum «Sieg» über die Eltern von Ursula Waser: «Diesmal sind Sie prächtig durchgedrungen.» Siegfried war ein Besessener, der überall in der Schweiz nach Kindern von Fahrenden suchte, sie regelrecht verfolgte.

Systematisch trennte er sie von den Eltern und verwischte alle Spuren − deshalb die häufigen Heimwechsel. Als Siegfried sein Amt aufgab, war die Kultur der Fahrenden in der Schweiz weitgehend zerstört.

Schuld waren aber auch Bund, Kantone und lokale Behörden. Die Pro Juventute stiess kaum auf Widerstand, die Vormundschaftsbehörden waren wohl sogar froh, dass ihnen jemand die Arbeit abnahm. Finanziert wurde das «Hilfswerk» zur Hauptsache durch die kommunalen Armenbehörden. Auch einige Kantone zahlten, Graubünden nahm das Geld aus dem so genannten Vagantenkredit, der erst 1978 abgeschafft wurde. Die Leiterinnen der Waisenhäuser, etwa der Menzinger und der Ingenbohler Schwestern oder der Se­raphischen Liebeswerke, stellten offenbar auch keine Fragen. Die Pro Juventute handelte nicht isoliert, sondern wusste sich von einem breiten Konsens getragen.

Der Bund subventionierte die Stiftung ebenfalls, und was noch wichtiger war, der aktive Bundesrat als Präsident der Pro Juventute verlieh ihr enormes Prestige. Das ermöglichte es Siegfried, in den Gemeinden quasi als Amtsträger aufzutreten. Was immer auch die Pro Juventute tat - es erschien als vom Bund abgesegnet.

Bundespräsident Alphons Egli entschuldigte sich, allerdings erst im Jahr 1986, 14 Jahre nach der Enthüllung. Der Stiftungsratspräsident der Pro Juventute aber, alt Bundesrat Rudolf Friedrich, weigerte sich, denselben Schritt zu tun.

Weniger bekannt, aber nicht weniger schlimm waren die Kindswegnahmen an einer anderen Minderheit, den ledigen Müttern, wie der Beobachter im Frühling 2006 berichtete. Es ist derselbe Ungeist, der hier zum Vorschein kommt. Vielen jungen Frauen nahmen die Behörden bis in die siebziger Jahre ihre unehelichen Kinder weg, liessen sie unter grossem Druck Verzichtserklärungen unterschreiben, um die Babys zur Adoption freizugeben. Noch heute haben diese Frauen kein Recht, die neue Identität ihrer Kinder zu erfahren. Wegen des Beobachters wird sich demnächst das Parlament mit dieser Frage beschäftigen müssen. Wir bleiben dran.

Veröffentlicht am 28. Dezember 2006