Als Uschi Waser, Präsidentin der Stiftung Naschet Jenische, kürzlich einen Brief vom Bundesamt für Kultur (BAK) erhielt, sah sie sich in ihrer Meinung ein weiteres Mal bestätigt: «Wir Jenischen sind es gewohnt, lange warten zu müssen. Dabei vergeht die Zeit, die Opfer sterben.» Im Brief wurde sie zu einer Tagung nach Bern eingeladen. Grund: Das Nationale Forschungsprogramm NFP 51 stellt bis 2006 «neue Forschungen, die die Jenischen betreffen», in Aussicht – eine Forderung, die seit 30 Jahren auf dem Tisch liegt.

Waser war selbst vom «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» betroffen – jener Aktion von Pro Juventute und weiteren Organisationen, mit der zwischen 1926 und 1973 rund 600 fahrende Kinder den Eltern weggenommen wurden, um sie unter Zwang sesshaft zu machen. Schon in den siebziger Jahren verlangten die Opfer eine gründliche Untersuchung. Bisher ist jedoch nur eine Minimalstudie erstellt worden, und selbst für die brauchte es Geduld: Erstmals 1983 von einer Bundeskommission angeregt, ging sie 1996 in Auftrag.

Als das Forscherteam unter der Leitung von Roger Sablonier 1998 die Ergebnisse präsentierte, mussten viele Fragen offen bleiben. «Eine weitere Untersuchung ist notwendig», hiess es damals, denn einzig die Akten der Pro Juventute konnten ausgewertet werden. Eine Befragung der Opfer fand nicht statt, auch sind weitere Akten bis heute nicht erschlossen.

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Diese historischen Dokumente drohen verloren zu gehen, da deren Verwaltung vielerorts nicht geregelt ist. In der Strafanstalt Bellechasse FR zum Beispiel, wo viele Jenische inhaftiert wurden, seien «grosse Teile der Kartei durch einen Brand zerstört worden», informiert die Gefängnisdirektion. Frühere Versuche, die Dossiers ins Kantonsarchiv zu überführen, waren gescheitert.

Dabei wäre solches Material äusserst wertvoll, wie die Sablonier-Studie festhielt: «Die Zusammenarbeit von kantonalen Heimen, Kliniken, Anstalten und Polizei mit der Pro Juventute müsste geklärt werden.» Dringend nötig sei zudem «der Einbezug möglichst vieler mündlicher Aussagen von Betroffenen und Beteiligten».

Seither sind wieder vier Jahre verstrichen; inzwischen scheint die Thematik niemanden mehr gross zu bewegen. Beispiel Parlament: 1997 hatte die SP-Nationalrätin Silva Semadeni in einer Interpellation gefordert, das Dossier zügig an die Hand zu nehmen. Resultat: Die Diskussion wurde vertagt, das Begehren 1999 abgeschrieben – «weil seit mehr als zwei Jahren hängig», so die amtliche Begründung. Ein anderes Beispiel liefern die Kantone: Bei der Präsentation des Sablonier-Berichts 1998 wünschten noch elf Kantone weitere Studien – bei einer Sondierung für das NFP 51 waren es noch drei. «Das Interesse ist erlahmt», konstatiert Paul Fink, Abteilungsleiter beim BAK.

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Nur am Rande ein Thema
Das NFP 51 zum Thema Integration und Ausschluss wird hier nicht grundsätzlich Abhilfe schaffen. Im Ausführungsplan kommen die Jenischen nur in einer Fussnote vor. Was also können sie erwarten? Der Historiker Thomas Huonker, der selbst ein Projekt plant, gibt sich diplomatisch: «Das Thema Jenische ist gesetzt, und Geld ist vorhanden, was viele Möglichkeiten eröffnet.» Zwölf Millionen Franken stehen zur Verfügung, vor allem für generelle Fragen der Integration. Das bedeutet, dass die Jenischen zwar nicht ignoriert werden, aber auch keinen Schwerpunkt bilden.

Bis zum 10. Juni sind die Projekte einzureichen, Resultate sollten 2006 vorliegen. Zu erwarten sind Eingaben von – neben Huonker – Spezialisten wie Thomas Meier, Roger Sablonier und Jakob Tanner. Kein Projekt einreichen werden die «Kinder der Landstrasse», was Uschi Waser bedauert: «In unseren Reihen gibt es keine Professoren – weil man uns jahrelang um unsere Bildung betrogen hat.

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