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Verdingt, versorgt, vergessenLange genug gewartet

Hindelbank, 2010: Bundesrätin Widmer-Schlumpf (2. von links) mit Frauen, die schuldlos ins Gefängnis mussten. Bild: Yoshiko Kusano

Betroffene früherer Zwangsmassnahmen werden ungeduldig. Die offizielle Schweiz lässt sich Zeit, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

von Otto Hostettleraktualisiert am 2012 M10 23

Zwei Jahre sind vergangen, seit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an einem bewegenden Anlass im Frauengefängnis Hindelbank administrativ Versorgte empfing. Die Frauen waren ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis gesteckt worden, bloss weil den Ämtern ihr Lebensstil oder jener ihrer Eltern nicht passte.

Seit der Feier ist es still geworden. Bei weiteren Betroffenen fürsorgerischer Zwangs­massnahmen hat sich die offizielle Schweiz nicht entschuldigt – weder bei den Kindern, die verdingt oder ins Waisenhaus gebracht wurden, obwohl sie keine Waisen waren, noch bei den Frauen, die man gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen sterilisierte. In Bern heisst es lediglich, das Bundesamt für Justiz bereite einen Anlass für Verdingkinder vor. Ein konkretes Datum ist nicht in Sicht.

Nun verlieren die Betroffenen die Geduld. Die Vereine der administrativ Versorgten, Fremdplatzierten, Netzwerk-Verdingt und eine Gruppe Zwangssterilisierter wenden sich in einem Aufruf an den Bundesrat und die Konferenz der Kantonsregierungen.

Mit 18 zwangssterilisiert

Sie fordern, dass sich der Bund endlich offiziell entschuldigt, uneingeschränkte Akteneinsicht gewährt, einen runden Tisch zur Aufarbeitung des Geschehenen einberuft und die Betroffenen entschädigt. «Bis heute werden wir für etwas stigmatisiert, für das wir keine Schuld tragen», schreiben die Betroffenen. «Wir appellieren an Sie, endlich eine würdevolle Lösung für eine Wiedergutmachung zu ermöglichen.»

Bernadette Gächter ist eine Betroffene. Mit 18 wurde sie von der Psychiatrischen Klinik Wil als «geistesschwach» eingestuft. Im Kantonsspital St. Gallen trennte man ihr «aus eugenischen Gründen» die Eileiter durch und trieb das ungebo­rene Kind ab. Vor einem Jahr wandte sie sich mit einer weiteren Betroffenen an Justizministerin Simonetta Sommaruga. Diese antwortete verständnisvoll: «Mir liegt viel daran, dass auch die Leiden der Betroffenen von Zwangssterilisationen und Zwangskastrationen durch die Behörden Anerkennung finden.» In welcher Form, sei offen. Seither ist nichts passiert.

Inzwischen verlangen auch 30 prominente Sozialwissenschaftler die Aufarbeitung der jahrzehntelangen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie unter anderem die finanzielle Entschädigung der Betroffenen.

Nachtrag: «Endlich tut sich etwas»

2010 machte Bundesrätin Eve­line Widmer-Schlumpf mit einem Empfang in Hindelbank einen ersten Schritt, jetzt folgt der nächste: Die Rechtskommission des Nationalrats will Menschen, die als Jugendliche wegen ihres ­angeblich liederlichen Lebenswandels ohne Verfahren in ­Anstalten versorgt wurden, offiziell rehabilitieren. Mit 17 gegen 5 Stimmen schlägt sie der Bundesversammlung vor, das Unrecht per Beschluss zu an­erkennen. Eine finanzielle Entschädigung sieht das dazu geplante Gesetz nicht vor.

«Endlich tut sich etwas», sagt Ursula Biondi, die als 17-Jährige 1967 im Frauen­gefängnis Hindelbank landete, obwohl sie nie eine Straftat begangen hatte. Betroffene anderer Zwangsmassnahmen sind von einer Rehabilitierung noch weit entfernt.

So warten neben Verding- und Heimkindern auch jene Frauen und Männer auf ein Zeichen der offiziellen Schweiz, die bis in die siebziger Jahre ­ohne ihr Wissen oder gegen ­ihren Willen sterilisiert oder kastriert wurden.

Otto Hostettler, 23.10.2012