Plötzlich wird es Louisette Buchard zu viel. Soeben hat die 70-Jährige den Stapel Briefe, die sie über all die Jahre geschrieben und erhalten hat, aus dem Buffet geholt und auf den Stubentisch gelegt – die sonst so lebhaft erzählende Frau sucht gequält nach Worten. «Es braucht so viel Zeit, seine Identität wieder zu finden. Man hat uns entweder total verängstigt – oder dann völlig gebrochen.»

Es ist ein milder Nachmittag im Spätherbst. Durch die geöffnete Balkontür im fünften Stock des einfachen Mietshauses am Stadtrand von Lausanne fällt fahles Sonnenlicht. Buchard ist eines von schätzungsweise 100'000 Waisenkindern, die zwischen 1920 und 1970 in Schweizer Heimen, Anstalten und bei Pflegefamilien untergebracht wurden.

Die Scham liess die Opfer schweigen
Der Journalist Michel Kellenberger, der für das Westschweizer Fernsehen recherchierte, geht davon aus, dass bis in die sechziger Jahre schweizweit jedes siebte Kind dieses Schicksal erlitt. Es handelte sich nicht allein um Waisen, die beide Elternteile verloren hatten. Damals wurden auch uneheliche und Kinder von allein erziehenden Müttern fremdplatziert.

Auch Armut und Alkohol spielten eine Rolle. Kinderreichen Familien, deren Ernährer zu wenig Lohn nach Hause brachte oder diesen sogleich ins Wirtshaus trug, entzogen die Behörden ebenfalls das Sorgerecht. Selten auf Wunsch, manchmal mit dem Segen, oft aber gegen den Willen der Eltern wurden die Kinder unter Vormundschaft gestellt und so häufig umplatziert, dass der Kontakt zu ihrem Herkunftsmilieu abbrach.

Erst vor wenigen Jahren kamen die Missstände allmählich ans Licht. Die Opfer brauchten Jahrzehnte, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Viele schämen sich für das Versagen der Eltern und fühlen sich mitschuldig. Zudem ist es schwierig, Dokumente zu finden, die eine Rekonstruktion der Biografie ermöglichen. Viele Waisen wissen bis heute nicht, wer ihre leiblichen Eltern sind. Und wer bei den zuständigen Stellen anklopft, erhält oft den Bescheid, die Archive seien unter Verschluss oder bereits vernichtet.

Alleingang einer mutigen Frau
Im Gegensatz etwa zum «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse», mit dem die Pro Juventute im selben Zeitraum mindestens 600 Kinder den Familien der Fahrenden entriss, gibt es für die Waisen keine zentrale Anlaufstelle. Für sie waren in erster Linie die Heimatgemeinden zuständig, was die Suche nach den Quellen erschwert.

Zudem fehlte es lange Zeit am politischen Willen, dieses Thema anzupacken. 1999 forderte eine parlamentarische Motion, für die «wahre Geschichte der Waisen» eine Kommission einzusetzen und Forschungsgelder zu sprechen. Die Motion wurde aber in ein weniger verbindliches Postulat umgewandelt, auf die lange Bank geschoben und kürzlich abgeschrieben.

Dass nun doch Bewegung ins Dossier kommt, ist vor allem Louisette Buchard zu verdanken. Seit 1979 ist sie ein halbes Dutzend Mal in den Hungerstreik getreten, um die Waisenforschung in Gang zu bringen. Diesen November hungerte sie 20 Tage vor der Waadtländer Erziehungsdirektion in Lausanne. «Wenn man uns nicht hilft, unsere Identität wieder aufzubauen, tötet man uns ein zweites Mal», begründet Buchard ihr Engagement.

Dass sie sich mit den Aktionen selbst gefährdet, nimmt die betagte Frau in Kauf: Das Hungern hat ihren Kreislauf geschwächt, das Sitzen in der Kälte ihre Füsse so anschwellen lassen, dass sie keine Schuhe mehr anziehen kann. «Lieber sterbe ich, als dass ich aufgebe», sagt Buchard resolut.

Jetzt scheint sich ihr Engagement auszuzahlen. Der Kanton Waadt hat kürzlich eine Pilotstudie lanciert, um das Schicksal der Waisen aufzuarbeiten. Geneviève Heller von der Fachhochschule für Soziales und der Lausanner Historiker Pierre Avvanzino erhalten für erste Grundlagenstudien 50'000 Franken. Auch in Bern bewegt sich etwas: Die Gruppe für Wissenschaft und Forschung im Departement des Innern will demnächst 100'000 Franken in die Studie investieren. Im Juni 2004 soll definitiv feststehen, ob und wie dieses traurige Kapitel Schweizer Geschichte erforscht wird. Denkbar wäre eine auf die Deutschschweiz ausgedehnte Studie im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms. In der Deutschschweiz hat erst die Stadt Zürich damit begonnen, ihre Zwangsmassnahmen in der Sozialfürsorge aufzuarbeiten.

Louisette Buchard hat ihre Leidensgeschichte in einer Autobiografie festgehalten. 1933 in Lausanne geboren, kommt sie als Fünfjährige in ein erstes Waisenhaus in Freiburg. «Wahrscheinlich, weil meine Mutter sich scheiden liess – aber das habe ich nie genau herausgefunden.» Drei Jahre später, als ihr Vater stirbt, wird sie nach Bellinzona in ein streng katholisches Heim umplatziert. Im Alter von 15 Jahren verlegt man Buchard in eine Erziehungsanstalt. Mehrmals versucht das Mädchen zu fliehen, doch es wird immer wieder aufgegriffen. «Nach meinem letzten Fluchtversuch wurde ich so brutal verprügelt, dass man einen Arzt holen musste, um mich zu reanimieren.»

Die Akten wurden zerstörtEs folgen weitere Heime und Pflegefamilien. Nach einer Vergewaltigung landet Buchard in einer psychiatrischen Klinik. Schliesslich überführt man sie 1951, mit 18 Jahren, ins Zuchthaus Bellechasse FR. Dort bleibt sie sechs Monate – «ohne Grund, ohne richterliches Urteil». Erst 1956, als sie heiratet, endet die Odyssee als Waisenkind: Endlich hat sie eine eigene Familie und wird von den Behörden in Ruhe gelassen.

«Ich weiss bis heute nicht, ob ich über all die Jahre einen Vormund hatte», sagt Buchard und sucht im Briefstapel nach jenem Dokument von 1991, in dem ihr das Jugendamt Neuenburg mitteilt, man habe ihr gesamtes Dossier vernichtet – damit diese Dokumente «die Betroffenen nicht das ganze Leben lang begleiten», begründete die Behörde die Zerstörungsaktion.

Doch traumatische Erinnerungen lassen sich nicht einfach löschen. Als wäre es erst gestern gewesen, schildert Janine Sottas aus Broc, die im selben Heim wie Buchard untergebracht war, was sie als Waise erlebte. Sottas, 1944 geboren, verlor im Alter von neun Jahren den Vater; die Mutter, die ihre drei Kinder behalten wollte, wurde in eine Irrenanstalt gesteckt. «Eines Tages fuhren sie mit dem Auto vor, gaben meiner Mutter eine Spritze und steckten sie dann in eine Zwangsjacke. Später nahmen sie uns auch noch alle Familienfotos weg.»

Die Geschwister kamen in verschiedene Heime; Janine in ein Schwesternhaus. «Manchmal schloss man mich in die stockdunkle Besenkammer ein und vergass mich dort über Nacht.» Statt zur Schule zu gehen, mussten die Waisen putzen, Alte und Kranke pflegen oder den Garten bestellen. Begehrte eines der Kinder auf, wurde es einfach in ein anderes Heim versetzt.

Ein Leben lang ausgebeutet
Janine Sottas verbrachte über zehn Jahre in fünf verschiedenen Anstalten. Als sie volljährig wurde, ging der Albtraum weiter: Fast ohne Schulbildung, fand sie sich in der Gesellschaft nie mehr wirklich zurecht. Nach einer Vergewaltigung wurde sie jung Mutter und erhielt einen Vormund. Bei den Hilfsjobs, die sie annahm, wurde sie finanziell ausgebeutet.

Erst seit gut zwei Jahren hat Janine Sottas keinen Beistand mehr; heute muss sie mit einer IV-Rente von 2400 Franken auskommen. Sie weiss, dass sie bis ans Lebensende unter ihrem Los leiden wird. «Als ich meinen Bruder zum ersten Mal wiedersah, weinte ich nur. Er wuchs in der Deutschschweiz auf und sprach kein Französisch. Ich spreche kein Deutsch – wir konnten kein Wort miteinander reden.»

Andere Betroffene können nicht über ihre Geschichte sprechen, weil sie von Schamgefühlen geplagt werden. «Viele haben noch nie jemandem davon erzählt, nicht einmal dem Ehepartner oder den Kindern», sagt die 57-jährige Claudine Stucky aus Belfaux. Als ihr Vater 1957 erkrankte, bat die Mutter die Gemeinde um Sozialhilfe für die neun Kinder. Doch statt eine Lösung zu suchen, steckten die Behörden sechs der Geschwister in Heime.

Um zur «Misere in der eigenen Familie» stehen zu können, brauche es intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sagt Stucky. «Wer in Heimen war, trägt für immer einen Makel mit sich; wir gehen mit gesenktem Kopf durchs Leben.» Sie selbst habe Jahrzehnte gebraucht, um ihr Schicksal zu akzeptieren. «Warum soll man sich für seine Geschichte schämen, als Kind trägt man doch keine Schuld.»

Eine schier unglaubliche Geschichte hat M. V. erlebt, ein heute 81-jähriger Bauernsohn aus dem Kanton Freiburg. Vor drei Jahren vertraute er seine Erlebnisse einer Westschweizer Illustrierten an, doch weil ihm der Artikel böse Briefe einbrachte, mag er nichts mehr dazu sagen. «Er ist gesundheitlich angeschlagen», sagt seine Frau am Telefon, «die Aufregung wäre nicht gut für sein Herz.» M. V. wurde von seinen Eltern im Alter von vier Jahren zunächst zu einem Onkel gebracht. 1930, als er acht Jahre alt war, wurde er als «Verdingbub» öffentlich versteigert. Diese sogenannte «mise noir» («schwarze Versteigerung») war im 19. und im frühen 20. Jahrhundert vor allem in armen ländlichen Regionen weit verbreitet. Im Kanton Freiburg brachte erst ein Gesetz aus dem Jahr 1928 die unwürdige Praxis nach und nach zum Verschwinden.

Geschichten wie vom Sklavenhandel
Um die Kosten für den Unterhalt der Waisen zu sparen, wurden die Minderjährigen auf dem Dorfplatz den Landwirten als Knechte angeboten. Wer das tiefste Angebot machte und so die Gemeindekasse am meisten entlastete, erhielt den Zuschlag; der Richtpreis betrug fünf Franken pro Monat und Kind. Historisch aufgearbeitet ist das Schicksal der versteigerten Waisen bis heute nicht; die Zeit drängt, denn nur wenige Zeitzeugen sind noch am Leben.

Ob versteigert oder versorgt: Traumatische Erinnerungen an Hunger und Gewalt sind den meisten Waisen und Halbwaisen gemeinsam. André Emery aus Thônex kam im Alter von sechs Jahren in ein Heim, nachdem sein Vater gestorben war. Was er in den Internaten erlebte, verfolgt den 71-Jährigen noch heute. «Wenn eines von uns zu laut schwatzte, kam der Direktor mit dem Feuereisen und schlug zu, bis man nicht mehr sitzen und liegen konnte.»

Emery, der im Altersheim lebt, hat zwei Suizidversuche hinter sich und ist in psychiatrischer Behandlung. «Es ist wichtig zu zeigen, dass in der Schweiz nicht alles rosa ist», meint er. Man müsse unbedingt verhindern, dass sich die Vergangenheit wiederhole. «Die alten Menschen zum Beispiel werden heute so ausgegrenzt wie vor fünfzig Jahren die Waisenkinder.»

Buchtipp
«Tour de Suisse im Käfig»: Die Autobiografie von Louisette Buchard mit dem Titel «Le tour de Suisse en cage» kann direkt bei der Autorin bezogen werden. Zeitzeugen, die über ihre Erlebnisse Auskunft geben möchten, können sich schriftlich an dieselbe Adresse wenden: Louisette Buchard-Moltani, 42, chemin de Renens, 1004 Lausanne.

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