Berta T. hat 32 Jahre lang für die gleiche Versicherung wertvolle Arbeit geleistet, jetzt steht die 58-Jährige auf der Strasse. Magaziner Hugo P. schuftete während 29 Jahren für eine Speditionsfirma, bevor er mit 60 den blauen Brief erhielt. Und Fritz M., ebenfalls 60, rackerte sich bis zur Kündigung vor drei Monaten 15 Jahre lang für einen Detailhändler ab. In den Kündigungsschreiben ist jeweils von «Reorganisation» oder von «Übergabe in jüngere Hände» die Rede.

«Vom ausgetrockneten Arbeitsmarkt profitieren auch die über 50-Jährigen», hatte der Beobachter im Frühjahr geschrieben. Doch trotz Aufschwung beschweren sich beim Beobachter-Beratungszentrum noch immer ältere Mitarbeiter über den Rauswurf aus heiterem Himmel. Für die betroffenen 55- bis 60-Jährigen kann die Kündigung die Zwangspensionierung bedeuten. «Arbeitnehmer über 50, die ihre Stelle verlieren, haben ein überdurchschnittlich hohes Risiko, langzeitarbeitslos, ausgesteuert und sozialhilfeabhängig zu werden», heisst es in der Botschaft des Bundesrats zur 11. AHV-Revision.

Grössere Firmen, die es sich leisten können, stellen die Älteren nicht einfach vor die Tür, sondern versüssen ihren Mitarbeitern den frühzeitigen Abgang. Bei der Swisscom etwa geht die Belegschaft im Schnitt mit 58 in Pension. Auch in der chemischen Industrie sind kaum noch Mitarbeiter über 60 zu finden. SBB-Mitarbeiter sowie Kantons- und Bundesangestellte steigen ebenfalls drei bis fünf Jahre vor dem Rentenalter aus.

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Immer weniger Ältere im Job
Die Folgen dieser Firmenpolitik zur Verjüngung des Personals: Unter der älteren Bevölkerung sind immer weniger Berufstätige zu finden. So hat sich der Anteil der nicht erwerbstätigen 55- bis 59-jährigen Männer zwischen 1991 und 1997 verdoppelt. Und von den 60- bis 64-Jährigen ist bereits jeder Vierte nicht mehr berufstätig – siehe Grafik oben (Quelle: Nationales Forschungsprogramm «Alterung und individuelles Altern»). Insgesamt sind nur noch 25 Prozent aller 60- bis 64-jährigen Männer und Frauen erwerbstätig.

Das faktische Rentenalter liegt also längst unter dem gesetzlichen Pensionsalter von 65 für Männer und 62 für Frauen. Ein nationales Forschungsprogramm zum Thema Altern kommt zum Schluss: «Der europaweite Trend zur Frühpensionierung hat auch die Schweiz erfasst, paradoxerweise zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Alterung der Erwerbsbevölkerung beschleunigt.» Denn immer mehr Rentnerinnen und Rentnern stehen immer weniger Erwerbstätige gegenüber: Im Jahr 2030 werden es 43 Rentner auf 100 Erwerbstätige sein.

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Frühpensionierungen schaden
Auch das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen steigt stetig, weil immer weniger junge Erwachsene in das Berufsleben eintreten. «Die zukünftige Wirtschaft kann sich eine Diskriminierung älterer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nicht mehr leisten», schreibt deshalb der Zürcher Professor François Höpflinger im Schlussbericht zum kürzlich abgeschlossenen Forschungsprogramm «Alterung und individuelles Altern». Der Trend hin zur «Forcierung von Frühpensionierungen» sei vor diesem Hintergrund «langfristig nicht haltbar».

«Längst nicht alle wünschen sich, möglichst früh in Pension zu gehen», sagt auch Hans Ulrich Schütz, Sekretär der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände. «Die meisten gehen, weil sie das Gefühl haben, dass man sie nicht mehr will.» Die Firmen unternähmen noch immer viel zu wenig, um ältere Arbeitnehmer richtig zu integrieren und ihre Arbeitskraft voll zu nutzen. Schütz: «Mit Ausnahme einiger weniger Projekte im Kaderbereich ist die Wirtschaft bisher den Beweis schuldig geblieben, dass sie wirklich gewillt ist, Leute ab 55 einzusetzen.»

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