Am Anfang musste ich unendlich viele verschiedene Haltestellen aufsagen wie zum Beispiel «Erdmannlistein». Diesen Halt konnte ich gar nicht hochdeutsch aussprechen, sondern nur stark mit Dialekt eingefärbt. Zum Glück war das eine absolute Ausnahme unter den Hunderten von Bahnhofsnamen, die ich im Auftrag der SBB in einem Berner Tonstudio in ein Mikrofon sprach.

Als ausgebildete Schauspielerin arbeite ich schon seit langem als Sprecherin fürs Fernsehen. Dort erfuhr ich auch, dass die SBB eine neue, weibliche Stimme suchten. Eine erfreuliche Ausnahme, denn ob beim Fernsehen oder in der Werbung: Die Stimmen von Frauen sind immer weniger gefragt.

Bevor ich den Auftrag der Bahn erhielt, durchlief ich ein aufwendiges Casting. In einer ersten Runde musste ich während rund einer Stunde Texte vorlesen wie: «Wir treffen mit fünf Minuten Verspätung ein.» Mehrere Ausscheidungsrunden und Monate später erfuhr ich dann, dass sich die Verantwortlichen für mich entschieden hatten. Bevor ich jeweils während vier Stunden im Tonstudio meine Sätze las, musste ich mich wie ein Instrument stimmen. Wir starteten die über ein halbes Jahr verteilten Aufnahmen immer mit demselben Referenzsatz. Auf diesen Satz, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnern kann, musste ich mich immer einstellen. Meiner Stimme sollte später niemand anhören, wie ich am Tag der Aufnahme aufgelegt war. Sie sollte so konstant wie möglich klingen.

Der Computer macht die Sätze
Zwischen den einzelnen Satzteilen musste ich jeweils eine Zäsur einlegen. Das war völlig ungewohnt, denn normalerweise darf ich auf keinen Fall stockend sprechen. Doch für die Bahn werden meine Sätze von Tontechnikern in einzelne Sequenzen geschnitten und von einem Computer wieder neu zusammengesetzt. Deshalb hatte ich die Haltestellen auch immer in zwei Versionen aufzusagen: einmal mit der Betonung in der Satzmitte, einmal am Satzende. Die Ortschaften waren immer in einen Satz eingebettet. Denn hätte ich sie einzeln gesprochen, würden die neu zusammengesetzten Texte künstlich klingen. Manchmal stand auf meinem Skript auch ein Satz mit fettgedruckten Worten wie: «Der Restaurantwagen befindet sich am Ende dieses Zuges.» War «der Restaurantwagen» fett gedruckt, so wusste ich, dass dieses Teilstück weiterverwendet wird, der Rest diente nur zur Einbettung. Dank insgesamt 20'000 solcher Sequenzen, davon 6000 in Deutsch, können die SBB jederzeit flexibel auf Fahrplanänderungen reagieren und neue Sätze mit meiner Stimme zusammensetzen, ohne dass ich jedes Mal extra wieder ins Studio muss. Für die Pausen im Millisekundenbereich zwischen den Satzteilen sorgt dann der Computer.

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Immer und immer wieder sprach ich Ortsnamen mit derselben Satzmelodie. Als ich längst wieder zu Hause war, gingen sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Am Anfang betete ich sogar noch im Traum die Haltestellen herunter.

Ich habe kein Auto und bin sehr häufig mit dem Zug unterwegs, doch viele Orte kannte ich trotzdem nicht einmal dem Namen nach. Ich musste darauf achten, den Ort auch für einheimische Ohren korrekt auszusprechen, etwa das zürcherische Adliswil, das statt auf der Endsilbe «wil» auf der Anfangssilbe betont wird. Noch wichtiger aber war, dass Auswärtige verstehen, wo der Zug als Nächstes halten wird. Als kleine Knacknüsse entpuppten sich das sankt-gallische Haggen, eine Mischung aus langem «G» und «K», oder der Zischlaut bei «Müntschemier». Wie ich meine eigene Stimme charakterisieren würde? Warm und relativ tief. Ich bin gespannt, wie sie schliesslich mono aus den einfachen Lautsprechern in den Zügen tönen wird.

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Ein leises Lächeln auf den Lippen
Meistens war ich ab zwölf Uhr im Studio in Bern. Das Mittagessen liess ich aus. Der Heisshunger kam erst nach den Aufnahmen. Am schwersten fiel es mir aber, auf Kaffee zu verzichten, denn Koffein trocknet meine Stimmbänder aus. Dann bekomme ich eine kratzige Stimme und einen Frosch im Hals.

Die Bahn wünschte sich neutrale, verständliche und freundliche Ansagen. Als wir die Störungsmeldungen aufnahmen, stellte ich mir dennoch vor, wie ich einer genervten und frierenden Reisenden erklären würde, dass ihr Zug lediglich fünf Minuten Verspätung hat - meistens sind es ja dann 15. Sobald ich mich in eine solche Situation versetze, schlägt sich dies automatisch in meiner Stimme nieder; allerdings sind nur feine Nuancen hörbar. Mehr liegt aber nicht drin, sonst würde ich den Reisenden bei den tausendfachen Wiederholungen ziemlich rasch auf den Wecker gehen. Genauso funktioniert es mit der Freundlichkeit: Ich versetzte mich in eine Stimmung, als ob ich ein leises Lächeln auf den Lippen hätte.

Ich war sehr lange Off-Sprecherin bei der «Tagesschau», habe live Texte zu Filmberichten gelesen. Manchmal waren es fürchterliche News wie am 11. September. Ich sass im Studio und sah zum ersten Mal die Bilder der einstürzenden Wolkenkratzer. Trotzdem durften sich meine Emotionen nicht in der Stimme niederschlagen. Manchmal riefen mich am Tag nach einer Sendung Bekannte an und glaubten, sie hätten an meinem Ton meine Stimmung erkannt. Sie lagen häufig falsch.

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