Was sich siezt, das neckt sich, aber was sich duzt, das liebt sich. Das hat sich wohl die Geschäftsleitung des Elek­trizitäts­werks der Stadt Zürich (EWZ) gedacht − und deshalb im Juni die Höflichkeitsform im Unternehmen verboten. Auch Direktor Marcel Frei will nur noch geduzt werden. ­«Damit wird das Wirgefühl gestärkt», sagt Geschäfts­leiterin Marie Avet, neu einfach Marie.

Duzen als Teil der Unternehmenskultur ist freilich nichts Neues. Bei der Swisscom duzt man sich seit mehreren Jahren. Auch bei Microsoft, Ikea und Sunrise nennt man sich leger beim Vornamen. «Flachere Hie­rarchien und der Wunsch, den Teamgedanken zu fördern, haben in hiesigen Unternehmen weit verbreitet zur Du-Anrede geführt», sagt Knigge-Experte Christoph Stokar. Im eng­lischen Sprachraum ist ein Unterschied zwischen «Sie» und «du» ohnehin unbekannt; man sagt «you», egal, ob Kollege oder Chef.

Unklar ist noch, wie sich die Regelung beim EWZ auswirkt, wenn Direktor Marcel Frei zu Marcel oder gar «Mäse» wird und sein Sekretär, nennen wir ihn mal Peter Müller, zu Peter oder «Pesche».

Eine schlanke Kommunikation

Muss Pesche in Zukunft wohl auch mal ­länger im Büro bleiben, weil er Kumpel Mäse gegenüber nicht Nein sagen kann? Oder wird es Pesche bei künf­tigen Spannungen im Chef­büro etwas leichterfallen, seinen Frust auf den Vorgesetzten in Worte zu fassen? Ein «Was gibts zu motzen, Mäse?» flutscht nun einfach besser über die Lippen als «Mit Verlaub, geschätzter Herr Direktor, ich bin aufgebracht über Ihre Äusserungen bezüglich meiner Arbeit, werde diese aber dennoch akzeptieren».

Rein betriebswirtschaftlich gesehen, steckt in der neuen Duzkultur beim EWZ beträchtliches Sparpotenzial. Wer täglich 20-mal «Würdsch du» statt «Würded Sie» sagt, verwendet in 20 Jahren über 100 000 Silben weniger. Bei 1200 EWZ-Angestellten wären das 24 000 Silben täglich oder rund ­6,5 Millionen jährlich.

Angenommen also, man benötigt für ein «Würdsch du» eine halbe Sekun-de weniger als für ein «Würded Sie», dann wären das rund 112 Arbeits­tage, die das EWZ jährlich einsparen könnte. Damit würde das Unternehmen rund 50 Stellenprozente pro Jahr einsparen, also eine fünfstellige Summe.

Spätestens bei einer schwachen Wirtschaftslage dürfte sich das Elektrizitätswerk Zürich wohl wieder auf seine Tradition besinnen. Direktor Mäse mag Sekretär Pesche zwar kurz vor der Mittagspause noch freundschaftlich duzen, doch der Ton des Schreibens, das danach auf Müllers Pult liegt, dürfte um einiges förmlicher sein: «Danke für Ihren Einsatz, geschätzter Herr Müller. Aus wirtschaftlichen Gründen müssen wir Ihnen ­leider mitteilen, dass …»

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