Freitag, 27. Oktober 2006, kurz nach zwölf Uhr mittags: Im Brockenhaus der Heilsarmee Thun stehen das Leiter paar Sylvia und Markus Doyon mit ihren Angestellten im Halbkreis um die Ladenkasse und machen lange Gesichter. Soeben hat eine Delegation aus dem Hauptquartier Bern dem Team eröffnet, das Brocki werde auf April 2007 geschlossen - und allen 14 Beschäftigten gekündigt. Es gibt einen minimalen Sozialplan: Wer keine neue Stelle findet, erhält drei Monate länger den Lohn, dann ist Schluss. Sylvia Doyon, wie ihr Mann langjähriges Mitglied der Heilsarmee-Kirche, ist entsetzt: «Dass man das Brocki schliesst und die Leute auf die Strasse stellt, steht völlig im Widerspruch zu den christlichen Werten, die das Unternehmen immer so hochhält!» Doyons sind 49-jährig und haben vier schulpflichtige Kinder. Die Kündigungen betreffen zudem eine 62-jährige Frau, die dem Brocki 18 Jahre lang treu war, und drei IV-Teilrentner, die auf dem Arbeitsmarkt grösste Mühe haben werden.
Die Entlassungen sind die letzte Station eines Leidensweges, der bis 2004 zurückgeht. Damals beschliesst die Heils armee, den 24 Brockis eine neue Mission aufzutragen: Sie müssen mehr Profit erzielen! Das Geld soll nach Bern in die all gemeine Kasse für Sozialwerke fliessen. Dafür wird die Kultur der Brockis völlig umgekrempelt: Es entstehen ein zentrales Callcenter, das alle Anrufe entgegennimmt, und vier regionale Abhol- und Sortier betriebe, die jedes Verkaufsobjekt erfassen und mit fixen Preisen versehen.

«Ein ökologischer Unsinn»
In Thun regt sich Widerstand gegen das Diktat aus Bern. Markus Doyon, seit über 17 Jahren im Thuner Brocki, zweifelt am Nutzen der Regionalisierung. «Es ist ein Unsinn, die Waren in der halben Schweiz herumzufahren, auch aus ökologischer Sicht.» Zudem würde man die Kundschaft vergraulen: Wer im Brockenhaus einkaufe oder dort etwas abgebe, wolle bewusst örtliche Projekte unterstützen - und nicht irgendein unbekanntes Kässeli. Und um die geforderten Profite zu erreichen, so Doyon, müsste er sein Personal massiv abbauen, wogegen die Direktion für Callcenter und Sortierwerke mit der grossen Kelle anrichten könne.

Doch solche Bedenken geraten den Oberen in den falschen Hals. Nach einem Infotag im November 2004 wird eine Thuner Mitarbeiterin schriftlich verwarnt - weil sie allzu kritische Fragen gestellt hatte. Als auch andere Beschäftigte Zweifel anmelden, ist endgültig Feuer im Dach. Es folgen ein reger Schriftverkehr und un zählige Aussprachen, sogar eine Taskforce wird eingesetzt. Einzelne Angestellte verlassen das Brocki. Ein früherer Chauffeur meint: «Die Heilsarmee verliert ihre Glaubwürdigkeit und nimmt ihre soziale Verantwortung nicht mehr wahr.» Eine ehemalige Verkäuferin schreibt in einem Brief von einer «unflexiblen, ja diktatorischen Haltung der Direktion».

In der Antwort aus Bern wird dieses Aufmucken scharf verurteilt: «Wir wollen nicht, dass <hintenrum> kritisiert und genörgelt wird», hält der damalige Brocki leiter Schweiz, David Küenzi, fest. Dann droht er mehr oder weniger direkt: «Wer nicht für etwas ist, ist dagegen. Und das behindert uns, unser Ziel zu erreichen: die Verbesserung des Gewinns.»

Für dieses Ziel ist der Heilsarmee-Führung fast jedes Mittel recht: Sie schliesst das Brocki Thun ohne Ankündigung ans Callcenter an. Ebenso plötzlich fahren Last wagen aus Bern ins Oberland und machen den Thunern den Abholdienst streitig. Einmal weigert sich Leiter Doyon, den Gewinn ins Hauptquartier zu transferieren - prompt gibt es eine schriftliche Verwarnung inklusive Androhung von Kündigung und Strafanzeige. Ein andermal schlägt er vor, den Laden für eine Pilotphase von zwei Jahren selbstständig zu führen; Bern lehnt ab. Und um unliebsame Reaktionen zu unterbinden, blockiert die Zentrale heimlich das Gästebuch im Internet. Kurz: ein knallharter Kleinkrieg, der einer sozialen Institution unwürdig ist.

Neues Brocki mit genehmen Leuten
Mediensprecher Pierre Reift relativiert: «Die Heilsarmee-Leitung sah leider trotz intensiver Suche keine Alternative zu diesem einschneidenden Schritt. Auch für eine christliche Institution ist es nicht immer möglich, jedes Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten.» Man habe aber einen Sozialplan erstellt und sei im Gespräch mit den Leuten. Brocki-Leiter Doyon etwa biete man «ein externes Outplacement-Verfahren» an, eine gekündigte Person komme fürs hauseigene Arbeitslosenprogramm in Frage. Warum aber konnten die Thuner ihr Brocki nicht selbstständig weiterführen, wie sie es gewünscht hatten? Reift gibt den schwarzen Peter zurück: «Es haben viele Gespräche stattgefunden, einen Vorschlag der Direktion haben die Vertreter in Thun jedoch abgelehnt.»

Doch die Hauptrolle spielte das Geld: Die Heilsarmee erzielte 2005 einen Umsatz von 183 Millionen Franken, allein der «Handels- und Warenertrag» der Brockis betrug 16,5 Millionen. Um derart erfolgreich wirtschaften zu können, so Reift, seien «gewisse Rahmenbedingungen» unabdingbar: «Die Verantwortung und das Risiko liegen letztlich nicht bei den Mitarbeitenden, sondern bei der Direktion.» Die Brockis dürften nicht mit Spendengeldern finanziert werden: «Die Filialen sollen einen Gewinn abwerfen, damit andere soziale Aufgaben finanziert werden können. Der Laden in Thun war dazu nicht mehr in der Lage.» Aus dem Brocki-Fonds erhalte etwa das Passantenheim Thun einen Beitrag, so Reift. Zudem fliessen jährlich mehrere hunderttausend Franken aus diesem Topf in die Heilsarmee-Entwicklungshilfe. Nun ist die Direktion auf der Suche nach einem Ersatzstandort: Dereinst soll in Thun ein neues Brocki eröffnet werden - jedoch nur mit Leuten, die genehm sind und ebenso profitorientiert ans Werk gehen wie die Leitung in Bern.

Für die gekündigten Angestellten ist das kein Trost. Eine betroffene Mitarbeiterin hält der Heilsarmee-Direktion ein Wort aus Hebräer 13, 5 entgegen: «Der Wandel sei ohne Geldgier; lasset euch genügen an dem, was da ist.»

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