Weghaben will sie nur einer. «Sie» das ist Beatrix Müller, Lehrerin in Arbon seit mehr als 30 Jahren. «Einer» das ist Peter Hinderling, der Schulleiter der Arboner Primarschule Bergli, im Amt seit gerade einmal einem Jahr.

Ist der Zynismus unfreiwillig? «Wir hoffen, dass Sie bald wieder eine Ihnen zusagende Stelle finden werden», schreibt Schulpräsident Konradin Fischer im Kündigungsbrief an die 56Jährige. Bloss: In Zeiten zurückgehender Schülerzahlen sind die Aussichten für Müller auf eine neue Stelle gering.

Was den Fall unverständlich macht: Die Kündigung erstaunt alle, die mit der Arboner Mittelstufenlehrerin zu tun haben. «Frau Müller ist die beste Lehrerin in der Welt», schreibt die Viertklässlerin Ronja. «Ich möchte, dass Frau Müller bleibt», notierte ihre Kameradin Elena Solidaritätsbekundungen auf einer Karte an die Schulleitung. 17 Schülerinnen und Schüler von Müllers Klasse haben unterschrieben. Mit anderen Worten: alle.

Wer hat hier das Sagen?

Viertklässler sind manipulierbar. Aber deren Eltern? «Wir haben das Gefühl, dass unser Kind einen ausgezeichneten Schulunterricht geniesst», schreiben die Eltern von Ronja an die Schulkommission. «Wir haben die Lehrerin als eine erstklassige Lehrkraft kennengelernt, die ihren Schülern ein sehr gutes und fundiertes Wissen übermittelt», so die Eltern von Elena. «Eine wunderbare Lehrerin», «erfahren», «eine kooperative, ehrliche und zuverlässige Persönlichkeit»: Diese Wendungen finden sich in Briefen, in denen sich empörte Eltern gegen die Kündigung aussprechen.
Geht es um einen Machtkampf? Soll der Lehrerschaft demonstriert werden, wer im Schulhaus das Sagen hat? Schulpräsident Konradin Fischer, ein alter Schulfreund von Hinderling, verweist auf das laufende Verfahren und will sich nicht äussern. Auch der für den Rausschmiss verantwortliche Schulleiter Peter Hinderling schweigt sowohl zu den Anfragen des Beobachters wie auch gegenüber Müllers Anwalt. Alle Schreiben mit dem Ziel, den Konflikt zwischen Hinderling und Müller gütlich zu lösen, blieben unbeantwortet.

Die Kollegen im Primarschulhaus Bergli rätseln: «Die Kündigung von Trix Müller hat uns sehr betroffen und traurig gemacht. Wir können diesen Entscheid nicht verstehen», schreiben sie an Fischer. Unterzeichnet haben den Brief sämtliche Lehrpersonen des Schulhauses Bergli.

Kriegt Hinderling seinen Willen, muss Müller gehen und sich die Gründe für die Kündigung selber zusammenreimen. Mitte Februar war sie von Hinderling zu einem Gespräch zitiert worden. «Er legte mir ein Papier mit Vorwürfen vor und sagte, er toleriere in keiner Art und Weise eine Diskussion dazu. Ich hätte auch meine Meinung nicht zu äussern, sondern nur zu unterschreiben», so Müller.

Moniert wird im Papier, Müller habe an einem Elternabend den Wissensstand ihrer neu übernommenen Klasse kritisiert und damit ihre Lehrerkolleginnen der Unterstufe in ein schlechtes Licht gestellt. Müller: «Es handelte sich um ein Missverständnis. Der Konflikt mit der Kollegin war längst ausgeräumt.» Diese Darstellung wird von der betreffenden Kollegin vollumfänglich bestätigt. Weitere Vorwürfe: Müller solle es an «Sozialkompetenz und Empathie» mangeln, an Teamfähigkeit. «Respektlos» soll sie sein und den «Anforderungen zum Führen einer Klasse nicht gewachsen».

Bei der Kündigung verhindert

Für diese Fehler und Schwächen scheint Schulleiter Peter Hinderling einen ganz besonders scharfen Blick zu haben. Seine Beobachtungen stehen nämlich in totalem Gegensatz zu den Aussagen von Müllers Schülerinnen und Schülern, aller Eltern dieser Schüler sowie sämtlicher Lehrerkolleginnen und kollegen.

Als Beatrix Müller die Kündigung eröffnet wurde, war Hinderling verhindert. Grund: Er besuchte ausgerechnet an diesem Tag eine Weiterbildung. Denn Peter Hinderling amtet zwar als Schulleiter die entsprechende Ausbildung muss er aber erst noch nachholen.

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