Dass Daniel Affolter nicht in einer durchschnittlichen Juristenkarriere stecken blieb, verdankt er seinem Nachbarn in Jugendjahren: Alfred Kuoni, Sohn des Gründers des grössten Reisekonzerns der Schweiz. Der bescheidene Mann war beeindruckt vom cleveren Daniel. Er holte Affolter 1988 in die Kuoni-Hugentobler-Stiftung, die entscheidenden Einfluss auf den Konzern ausübt. In kurzer Zeit schwang sich Affolter zum Präsidenten des Stiftungsrats und zum Verwaltungsratspräsidenten des Konzerns auf.

Eine sehr geschätzte Mitarbeiterin

Der Aufstieg von Affolters Sekretärin Gabriela Babel (Bild) war bescheidener. Nach einer Lehre als Papeteristin absolvierte sie eine Handelsschule und brachte ihr Englisch auf Vordermann; später heiratete sie und wurde Mutter eines Sohnes. Nach ihrer Scheidung ging Gabriela Babels grosser Berufswunsch in Erfüllung: Sie fasste Fuss in der Reisebranche. Vor einem Jahr wechselte sie zu Kuoni als Sekretärin von Daniel Affolter. Er sei immer ein korrekter Chef gewesen, sie könne sich gar nicht beklagen, sagt Gabriela Babel.

Daniel Affolter verdiente 1,7 Millionen Franken pro Jahr, gemäss andern Quellen «nur» eine Million. Das war ihm zu wenig. Beinahe gelang es ihm, sich eine zusätzliche Zahlung von rund acht Millionen Franken zuzuschanzen – für zehn Jahre Tätigkeit in der Stiftung. Doch im Verwaltungsrat regte sich Widerstand. Affolter hatte den Bogen überspannt.

Anzeige

An solche Zahlen dachte Gabriela Babel nie. Ihr gefiel die Tätigkeit bei Kuoni – obwohl sie für ein mittleres Einkommen hart arbeitete. Um mit ihrem 14-jährigen Sohn einigermassen über die Runden zu kommen, musste sie den 80-Prozent-Lohn konsequent einteilen. «Ein Auto liegt für uns einfach nicht drin», sagt sie. Im Frühling fasste sie sich ein Herz und bat um mehr Lohn – mit Erfolg; sie leiste prima Arbeit, teilte ihr die Firma mit.

Doch dann kams zur Krise im Haus Kuoni. Gabriela Babel war hautnah dabei, als sich Affolter mit dem Vizepräsidenten des Verwaltungsrats zerstritt; sie sah das ominöse Protokoll, das die Millionenbezüge ihres Chefs enthielt; sie erlebte, wie sich Affolter mit zweifelhaften Argumenten an die Öffentlichkeit wandte.

Kein Platz mehr für die Sekretärin

Am 4. Mai dann die grossen Schlagzeilen in den Medien: «Affolter fristlos entlassen.» Ihr sei beinahe «das Zmorgemüesli im Hals stecken geblieben», sagt Gabriela Babel; sie bangte um ihren Job. Doch erst am 6. Juni kam die Nachricht, dass ihr Chef seine Niederlage akzeptieren und alle seine Ämter abgeben würde. Sein Fallschirm: zwei Millionen Franken als Salärzahlung, 1,5 Millionen für Pensionskassengelder und 270000 Franken für Verfahrenskosten. Eine weiche Landung.

Anzeige

Gabriela Babels Sturz war weniger sanft: Der Zutritt zum Büro wurde ihr verwehrt, das Schloss ausgewechselt, Telefon und Internetleitungen wurden gekappt: Die loyale Mitarbeiterin war über Nacht freigestellt. Den Lohn erhielt Gabriela Babel für die zweimonatige Kündigungsdauer. «Was habe ich denn nur verbrochen?», fragte sie sich. Eine neue Stelle hatte ihr die Firma nicht anzubieten.

Erst als sie sich zu wehren begann, lenkte der Konzern halbwegs ein und erklärte sich bereit, für zusätzliche zwei Monate den Lohn zu zahlen. Kuoni-Sprecherin Silvia Behofsits: «Wir stellten Frau Babel frei, um sie aus dieser Konfliktsituation zu nehmen. Leider haben wir zurzeit keinen passenden Job für sie, doch wir suchen weiter.»

Seltsam: Da lobt das Unternehmen die Arbeit von Gabriela Babel über den Klee und findet trotzdem keinen Job für sie. Immerhin beschäftigt Kuoni allein hierzulande nicht weniger als 1800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Anzeige