Ende Jahr ist für Patrizia Gysi Schluss. Dann wird die 48-Jährige der Migros den Rücken kehren – kehren müssen, denn sie geht nicht freiwillig. Die Lastwagenfahre­rin hat die Kündigung bekommen, nach 32 Jahren Dienstzeit. Mehr als ihr halbes Leben war sie für den Grossverteiler unterwegs. 1996 musste sie sich am Rücken operieren lassen; ihr wurde ein Implantat eingesetzt. Ihr Rücken sei abgenützt von der harten Arbeit, habe ihr der Arzt damals erklärt.

Nach der Operation fuhr sie weiter. Erst vor drei Jahren wurde sie abrupt gebremst: Betriebsunfall. Beim Entladen des Lastwagens war sie von einer Hebebühne gestürzt. «Als ich am Boden aufprallte, hörte ich, wie es in meinem Rücken knackte. Da wusste ich, dass das Implantat gebrochen war», erinnert sie sich. Nach der Operation musste sie sich schonen. Ihr Arzt schrieb sie erst einmal zu 50 Prozent krank, schon bald arbeitete sie aber wieder mehr. Doch sie durfte keine schweren Lasten mehr heben. Gerne hätte sie im Betrieb eine körperlich weniger belastende Arbeit übernommen. Stattdessen habe ihr der Chef nur erklärt, sie sei ein «potentielles Risiko für die Firma».

Das gute Arbeitszeugnis nützt nichts

«Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen, nie gab es Reklamationen», sagt Gysi. «Sie ist gewissenhaft, zuverlässig und verantwortungsbewusst», steht auch in ihrem Arbeitszeugnis, datiert vom ­Januar 2009 – geholfen hat ihr das nichts. Bis Ende Jahr darf die 48-Jährige in der firmeneigenen Autowerkstatt noch die Zeit bis zur Entlassung absitzen, als «Gang go», wie sie sagt. «Dabei war ich immer stolz darauf, bei der Migros zu arbeiten», sagt Gysi. Auf ihre Bewerbungen für eine neue Stelle erhielt sie bis heute lauter Absagen.

Beim Beobachter meldeten sich mehrere gesundheitlich angeschlagene und ältere Migros-Angestellte, die nach demselben Muster wie Patrizia Gysi behandelt wurden. «Es ist beschämend, wie die Migros mit älteren Angestellten umspringt, die jahrelang für sie gekrampft haben», ärgert sich Robert Schwarzer, Branchenverantwortlicher für den Detailhandel der Gewerkschaft Unia. Bis vor kurzem habe der Grossverteiler noch davon profitiert, dass sich die Angestellten dermassen mit dem Betrieb identifizierten, dass sie sich selbst teilweise als «Migroianer» bezeichneten. Doch inzwischen müsse das Personal die Zeche für die Billigpreispolitik des orangen Riesen bezahlen. Diesbezüglich sei die Migros bald keinen Deut mehr besser als Konkurrent ­Aldi, kritisiert der Gewerkschafter. «Gesundheitlich angeschlagene und ältere Mitarbeiter werden systematisch ersetzt durch jüngere, die zum Mindestlohn arbeiten.»

«Absolute Einzelfälle»

Die Migros weist all diese Anschuldigungen als «völlig falsch und unhaltbar» zurück. Bei den vom Beobachter vorgelegten Fällen von entlassenen lang­jährigen Mitarbeitern handle es sich um «absolute Einzelfälle». Jede Auflösung eines Vertrags habe seine Geschichte. Aufgrund des Datenschutzes sei es der Migros aber nicht erlaubt, «die Gründe für die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses offenzulegen».

Die Migros betont, sie stehe als Arbeitgeber besser da als der Schweizer Durchschnitt. Tatsächlich werden bei der Migros weniger als ein Prozent der Arbeitsverhältnisse durch Entlassungen beendet, der Durchschnitt liegt bei 1,5 Prozent. Zudem betreibe die Migros ­eine «konsequente Alterspolitik», um den Anteil älterer Arbeitnehmer sogar zu er­höhen. Die Altersgruppe der 46- bis 60-Jährigen ist deshalb übervertreten. Auch bezüglich Firmentreue liege man über dem Schnitt.

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20 Jahre bei der Migros: Annemarie Loosli, 59, wurde von einer Filiale zur andern geschickt und schliesslich entlassen.

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Quelle: Nathalie Bissig

Annemarie Loosli war der Migros 20 Jahre lang treu. Die heute 59-Jährige arbeitete lange im Verteilzentrum Münchenstein BL, bevor man sie von einer Filiale zur nächsten versetzte: Birsfelden, Do-it-yourself Füllinsdorf, Sternenhof Reinach BL. Dort habe es dann vom ersten Tag an Probleme mit dem Chef gegeben, sagt sie. «Obwohl ich vorher stets gute Qualifikationen bekam, war ich angeblich plötzlich zu langsam und machte Fehler. Ich hatte das Gefühl, mein Chef sucht nach Gründen, um mich loszuwerden», so der Eindruck der ehemaligen Kassiererin. Tatsächlich rief der Vorgesetzte Annemarie Loosli schon bald zu sich: Wenn er aus den Ferien zurückkomme, wolle er sie nicht mehr sehen. Unter diesem Druck wurde Loosli schliesslich krank. «Mir wurde bei der Arbeit ständig vermittelt, ich sei zu alt, man wolle mich nicht mehr», sagt sie.

19 Jahre bei der Migros: Ursula Sutter, 56, wurde durch eine 20-Jährige ersetzt.

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Quelle: Nathalie Bissig

Plötzlich war der Chef unzufrieden

Dieses Gefühl hatte auch die 56-jährige Ostschweizerin Ursula Sutter – erst recht, als sie hinterher erfuhr, dass man sie durch eine 20-Jährige ersetzte. Sutter war beinahe 20 Jahre beim Migros-Betrieb Bischofszell Nahrungsmittel AG angestellt. Und auch sie gibt an, der Chef sei plötzlich nicht mehr zufrieden mit ihr gewesen, nachdem er vorher während ihrer ganzen Anstellungszeit nie einen Grund zur Beanstandung gehabt habe.

Über zwei Jahrzehnte arbeitete auch Rita Gräulich (Name geändert) in stets derselben Filiale. Sie brachte es bis zur «Teamleiterin Non-Food». Im Verlauf der Jahre hatten ihr verschiedene Vorgesetzte immer eine gute Leistung attestiert. Doch im Sommer 2008 kam eine neue Chefin, die ihr aufs Mal mangelnde Motivation vorwarf. Sie sei verwarnt worden, weil sie während der Arbeitszeit geraucht hatte, so Gräulich. Und als die 59-Jährige, ohne auszustempeln, in ihrer Filiale Zahnpasta und Zahnbürste kaufte, um sich am Arbeitsplatz die Zähne putzen zu können, sei die ­Kündigung gekommen. «Das war sicher ungeschickt von mir, aber doch kein Kündigungsgrund nach 22 Jahren ohne Klagen», sagt sie.

René Single war jahrzehntelang interner Ansprechpartner für Migros-Leute. Bis zu seiner Pensionierung war er 37 Jahre lang begeisterter Migros-Mitarbeiter, zuletzt Abteilungsleiter. Auch nach seinem Abschied aus der Firma kommen noch immer An­gestellte mit ihren Sorgen zu ihm. Er kennt die Akten des Falls Gräulich, erkennt aber seinen Arbeitgeber nicht wieder. «Um älte­re Angestellte zu entsorgen, suchen Vor­gesetzte heute nach irgendeiner Lappalie. Daraus konstruieren sie dann einen Kün­digungsgrund. Oder sie schicken Ältere von einer Filiale zur nächsten. Dort werden sie häufig gemobbt, bis sie dermassen zermürbt sind, dass sie von sich aus gehen.»

Dabei ist die Migros zwar Grossbetrieb, gilt aber dem sozialen Erbe von Gründervater Gottlieb Duttweiler verpflichtet. So schreibt der Arbeitgeber von insgesamt mehr als 80'000 Angestellten in einem Grundsatzpapier: «Unser soziales Engagement und unser Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft verpflichtet uns, ein vorbildlicher Arbeitgeber zu sein.»

26 Jahre bei der Migros: Ursula Boxler, 60. «Mein Chef sagte mir: ‹Wir können Sie nicht mehr brauchen.›»

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Quelle: Nathalie Bissig

Das Image ist angeknackst

Im freien Wettbewerb steht dieser Leitgedanke allerdings auf dem Prüfstand. Dies zeigt auch der Fall von Ursula Boxler, 60: Sie war 26 Jahre bei der Migros, ehe die gesundheitlich angeschlagene Mitarbeiterin im Sommer 2007 einen schweren Betriebsunfall hatte. Als sie ihren Arbeitgeber informiert habe, dass sie sich jetzt doch noch einer Operation unterziehen müsse, habe sie im Juni 2008 die Kündigung erhalten. «Mein Chef sagte mir: ‹Wir können Sie nicht mehr brauchen›», erinnert sich Boxler. Ähn­lich erging es Peter Walser aus St. Gallen, dessen Fall kürzlich die TV-Sendung «Kassensturz» publik machte. Rückenprobleme zwangen den 54-Jährigen, kürzerzutreten. Doch obwohl er 31 Jahre für die Migros gearbeitet hatte, fand der Grossbetrieb keinen neuen Arbeitsplatz mehr für ihn.

Demgegenüber schreibt die ­Pressestelle: «Migros unterstützt verunfallte oder erkrankte Mitarbeitende aktiv bei der Rückkehr an einen Arbeitsplatz.» Und man nehme eine Vorreiterrolle ein in Bezug auf das betriebliche Gesundheitssystem. Dies würdigte die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, indem sie Migros-Unternehmen als besonders arbeitnehmerfreundlich auszeichnete. Für die «Einzelfälle» Patrizia Gysi, Annemarie Loosli, Ursula Sutter, Rita Gräulich, Ursula Boxler und Peter Walser ist das nicht nachvollziehbar.

31 Jahre bei der Migros: Peter Walser, 54, hat Rückenprobleme, musste  kürzertreten und erhielt darauf die Kündigung.

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Quelle: Nathalie Bissig