Obwohl er an jenem Samstag freihatte, fuhr Hans Schweizer (Name geändert) ins Briefzentrum Basel. Dorthin, wo er 40 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Das war nicht so ungewöhnlich. Er war ein Angestellter, der gern eine Stunde länger blieb, wenn es sein musste, oder seine Ferien kurz unterbrach, um noch etwas Dringendes zu erledigen. Für den 56-Jährigen war die Post wie eine Grossfamilie. Doch an diesem 1. September kam er nicht, um zu arbeiten: Er sprang vom Dach des mehrstöckigen Gebäudes in den Tod.

«Er war verzweifelt und verbittert und wollte ein Zeichen setzen für die zahlreichen tragischen Schicksale hinter der Fassade des Briefzentrums, die totgeschwiegen oder schöngeredet werden», sagt ein Nahestehender, der mit ihm immer wieder über die Jobsituation gesprochen hatte. Er war selbst bei der Post.

Dabei zählte Hans Schweizer eigentlich noch zu den Privilegierten. Als über 55-Jähriger hätte er gestützt auf den Sozialplan zum selben Lohn weiterbeschäftigt werden müssen. Doch für einen, der sich mit der Post identifizierte, war es schwer zu begreifen, dass er auch Jahre nach der Ankündigung des Restrukturierungsprogramms «Rema» immer noch nicht wusste, wo und in welcher Funktion er weiter beim gelben Riesen arbeiten konnte. «Die Post war für ihn mehr als nur eine Arbeitsstelle. Ihn zermürbte das Schicksal all jener, die trotz jahrzehntelangem Einsatz ihre Stelle verlieren werden», sagt der Ex-Pöstler.

Das Projekt «Rema» (Reengineering Mailprocessing) soll die Post für den Kampf gegen die private Konkurrenz fit trimmen. Denn das Monopol des ehemaligen Staatsbetriebs fällt Stück für Stück: Geht es nach dem Bundesrat, wird der Markt ab 2011 für Briefe ab 50 Gramm, später für alle geöffnet. Um sich dafür zu rüsten, streicht die Post in den Briefzentren rund 2'500 Stellen, das ist fast die Hälfte der dortigen Arbeitsplätze. Von den heute 18 Zentren bleiben noch deren sechs mit einem Bruchteil an Mitarbeitern bestehen.
Den Hauptharst erledigen die drei Neubauzentren im Mittelland: Zürich Mülligen, Härkingen SO und Eclépens VD. Die hochmodernen Zentren haben nicht mehr viel gemein mit den bisherigen: Roboter statt Arbeitskollegen, Fliessband- statt Handarbeit. «Die Arbeit wird durch die Automatisierung noch monotoner», sagt Daniel Münger, Basler Regionalsekretär der Gewerkschaft Kommunikation.

«Sie müssen auch flexibel sein»

Der ehemalige Staatsbetrieb lässt keine Gelegenheit aus, den Stellenabbau als sozialverträglich darzustellen. «Die Post nimmt ihre soziale Verantwortung mit einem der besten Sozialpläne wahr», betont Post-Sprecher Oliver Flüeler. Die Reorganisation solle möglichst ohne Entlassungen über die Bühne gehen. Mit jedem Mitarbeiter werden individuelle Gespräche über seine berufliche Entwicklung geführt.

Tatsächlich ist der Sozialplan, den die Gewerkschaften mit der Post ausgehandelt haben, gar nicht so schlecht. Wer die Post verlässt, hat die Wahl zwischen Abgangsentschädigung und Beschäftigungsprogramm. Die Post verspricht, jedem ein «zumutbares» Stellenangebot zu unterbreiten. Als «zumutbar» gelten der Abstieg um eine Funktionsstufe, ein Arbeitsweg von eineinhalb Stunden bei einem Tagespensum ab sechs Stunden und ein Beschäftigungsgrad, der bis zu 20 Prozent vom Status quo abweicht. «Natürlich ist eine gewisse Flexibilität des Personals unabdingbar», erklärt Flüeler.

Der Ruf als sozialer Arbeitgeber ist dahin

Doch so flexibel können viele gar nicht sein: Alleinerziehende etwa, die sich bisher dank angepassten Arbeitsmodellen über Wasser halten konnten. «Viele haben Angst um ihre Existenz», sagen mehrere langjährige Angestellte des Briefzentrums Basel. Aus Angst vor Repressalien möchten sie anonym bleiben. Wer ins über eine Stunde entfernte neue Zentrum in Härkingen will, muss Schicht arbeiten. «Die neuen Arbeitszeiten sind familienfeindlich», sagt eine Angestellte, die auf eine Stelle angewiesen ist, um ihre Familie durchzubringen.

Lange waren die Briefzentren auch ein Sammelbecken für Post-Angestellte mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen. Unter ihnen viele mit wenig Selbstwertgefühl, ohne Perspektive, auf dem Arbeitsmarkt chancenlos, erklärt ein ehemaliger Kadermitarbeiter. Inzwischen hat die Post bei den Gewerkschaften ihren Ruf als sozialer Arbeitgeber eingebüsst. «Heute schiebt auch die Post Angeschlagene oft ab - zur Invalidenversicherung oder aufs Sozialamt», sagt Gewerkschafter Münger.

Wer sich so flexibel zeigt, dass er eine neue Stelle bei der Post ergattern kann, wird auch nicht uneingeschränkt glücklich. «Das Klima unter den Angestellten ist vergiftet. Neid und Aggression gegenüber denjenigen, die bleiben können, sind massiv», sagt eine Betroffene. Der Suizid von Hans Schweizer hat die Angestellten jetzt dazu gebracht, wieder am selben Strick zu ziehen. 200 Personen unterschrieben einen offenen Brief an den Zentrumsleiter, in dem sie die Einsetzung eines Psychologen fordern. «Dass seit einigen Monaten bei vielen Kolleginnen und Kollegen Mutlosigkeit, Verunsicherung, aber auch Wut und Enttäuschung vorhanden sind, ist uns sehr wohl bewusst», gesteht der Leiter, Rolf Althaus, in seiner Antwort ein. Der Druck der Angestellten zeigt Wirkung: Die Post setzt in Basel eine externe Vertrauensperson ein, an die sich Mitarbeiter ab sofort wenden können.

Ende Oktober ist das Schicksal den Post-Angestellten zu Hilfe geeilt. Denn im bereits fertiggestellten Zentrum Mitte in Härkingen brach wegen eines technischen Defekts ein Brand aus. Dort, wo schon ab Mai nächsten Jahres gegen fünf Millionen Briefe pro Tag sortiert werden sollten, kann der Betrieb deshalb erst ein paar Monate später aufgenommen werden. Indirekt ist auch das Briefzentrum Basel betroffen: Es erhält wahrscheinlich eine Gnadenfrist und wird etwas später - geplant war Sommer 2008 - geschlossen. Für die Betroffenen ein schwacher Trost. Denn jetzt hat die strenge Vorweihnachtszeit begonnen. Viele, die bereits mit ihrem Arbeitgeber abgeschlossen haben, fallen aus oder lassen sich krankschreiben. Die Zurückgebliebenen müssen umso mehr schuften. «Am meisten fürchten wir uns davor, dass sich aus lauter Verzweiflung noch jemand umbringt», sagt eine der Angestellten.

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