Die rund 140 Angestellten in der Apparate- und Maschinenbaufirma Tool-Temp in Sulgen TG arbeiten unter ständiger Kontrolle: Sechs Überwachungskameras filmen die Vorgänge im Produktionsraum, weitere sind in den WC-Vorräumen sowie in Raucher- und Nichtraucher-Cafeteria angebracht. Die Kameras sind unsichtbar in kleinen, Lautsprecherboxen ähnelnden Kästen versorgt. Offiziell wisse niemand von der permanenten Beobachtung, sagt der 34-jährige Claude Rosal (Name geändert), der von September 2006 bis Februar 2007 als Abteilungsleiter in der Firma angestellt war. «In den Arbeitsverträgen steht kein Wort davon, und die Geschäftsleitung hat auch mündlich nie darüber informiert.»
Trotzdem sind die Angestellten über die Überwachungskameras im Bild. Spätestens seit einem Mitarbeiter gekündigt wurde, angeblich weil er zu viel innerhalb des Betriebs unterwegs gewesen sei, und seit ein Kollege einen schriftlichen Verweis erhielt, weil er während der Arbeit zu viele Privatgespräche führte. «Die Vorgesetzten haben gegenüber den Betroffenen erwähnt, dass die Videoüberwachung das Fehlverhalten aufgezeigt habe», sagt Rosal.

Für mehr Sauberkeit auf dem WC

Laut Firmenchef Jürg Koller sind die Kameras seit fünf Jahren als Diebstahl- und Einbruchschutz installiert. Früher sei Material im Wert von Hunderttausenden von Franken gestohlen worden. «Dank der Videoüberwachung haben sich diese Verluste drastisch reduziert.» Dass auch in den Cafeterias gefilmt wird, erklärt Koller damit, dass er Missbräuche beim Pausemachen verhindern wolle. Die Kameras dienten zur Kontrolle, ob dafür wie vorgeschrieben ausgestempelt werde. In den WC-Vorräumen soll die Überwachung Sauberkeit garantieren. «Es gibt Leute, die alles verunreinigen», erklärt Koller. Und bei handgreiflichen Auseinandersetzungen während der Arbeit seien die Filmaufnahmen schon beigezogen worden, um den Hergang zu rekonstruieren.

Eliane Schmid, wissenschaftliche Mitarbeiterin des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, verweist darauf, dass eine elektronische Überwachung des Verhaltens von Angestellten gesetzlich verboten ist. Zudem führe es zu psychischen Problemen, wenn Personen permanent der Aufsicht durch Kameras ausgesetzt sind. «Videoüberwachung ist nur zulässig, wenn sie für die Sicherheit und Organisation von Betriebsabläufen zwingend ist.» Für Kameras in Pausen- und WC-Räumen gebe es kaum je eine Legitimation. In jedem Fall müsse ein Arbeitgeber aber die Beschäftigten informieren, wenn er Überwachungsgeräte einsetze.

Das macht Tool-Temp-Chef Koller nicht. «Ich gebe kein Merkblatt ab, die Angestellten erfahren von ihren Abteilungsleitern schon von den Kameras.» Grundsätzlich könnten sie davon ausgehen, dass in der Firma alles überwacht werde.

Die Verletzung der Intim- und Privatsphäre von Angestellten durch den Einsatz von Videokameras sei ein allgemein zunehmendes Problem, sagt Eliane Schmid. Obwohl sich der missbräuchliche Umgang mit Überwachungsgeräten häuft, sind die Möglichkeiten der Datenschützer begrenzt. Sie sind nicht befugt, Vergehen zu ahnden, sondern können lediglich mit Empfehlungen auf eine Korrektur illegaler Praktiken drängen. Erweist sich dies als erfolglos, bleibt die Option, ans Bundesverwaltungsgericht zu gelangen.

Einschüchterungen zeigen Wirkung

Ein Klima der Angst und Einschüchterung schaffen in der Tool-Temp AG neben der Überwachung auch andere raue Sitten: Es gilt ein striktes Handyverbot, in der Elektroabteilung sind Privatgespräche mit Arbeitskollegen untersagt, und am Anschlagbrett gibt Firmengründer und -inhaber Koller hie und da den Tarif bekannt. Ende Januar etwa denunzierte er Mitarbeiter öffentlich und bezichtigte sie, Geschäftsgeheimnisse der Firma verraten zu haben. Unter dem Titel «Info» verkündete Koller, er habe bewusst eine Falschmeldung in Umlauf gesetzt, um deren Verbreitung zu verfolgen. «Und man höre und staune: Es vergingen nur wenige Tage, bis sogar die Vertreter unserer Konkurrenz diese Falschmeldung verbreiteten.» Inzwischen seien die Namen der Informanten bekannt, teilte Koller der Belegschaft per Aushang mit.

Patron Koller gründete die Firma Tool-Temp vor 34 Jahren. Heute fabriziert und vertreibt der Betrieb zusammen mit seinen Filialen im Ausland jährlich rund 8000 Kühl- und Temperiergeräte für die Kunststoff-, Holz- und Papierindustrie. Viele der Beschäftigten in seiner ehemaligen Abteilung seien ohne abgeschlossene Berufslehre oder aus dem Ausland zur Firma gekommen, sagt Rosal. «Deshalb müssen sie sich mit Tieflöhnen begnügen und wagen es nicht, sich gegen die Big-Brother-Methoden aufzulehnen.»

Die Einschüchterungstaktik scheint zu wirken. Bei der Thurgauer Sektion der Gewerkschaft Unia jedenfalls ist nichts über Kollers Gebaren bekannt. «Bei uns hat sich niemand beklagt», so Sekretär Willi Schildknecht. Er rät den direkt Betroffenen, sich zu wehren. «Wenn ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden, können Angestellte den Arbeitgeber anzeigen.»

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