Marco Zahnd musste sein bislang ehrgeizigstes Projekt begraben: Seine Restaurantkette für Bio-Fast-Food ist pleite. Der Jungunternehmer aus Reussbühl LU sieht sich dennoch nicht als Gescheiterten oder gar als Versager. «Was ich geschafft habe, werte ich als Erfolg.» Hört sich an, als rede hier jemand eine Niederlage schön. Doch Zahnd meint es ernst: «Ich war Branchenneuling, konnte mir schnell einen Namen machen, und ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich mit meiner Idee richtiglag.» Das Start-up-Unternehmen hätte weiteres Geld gebraucht, doch in der aufziehenden Wirtschaftskrise mussten die Investoren passen. «Die notwendige Kapitalerhöhung kam zur Unzeit, viele Investoren müssen selber schauen, wo sie bleiben», sagt der 32-Jährige.

Konkurs anmelden – klar, das sei hart gewesen. «Zweieinhalb Jahre habe ich geschuftet für meine Idee, Tag für Tag, praktisch rund um die Uhr, und plötzlich stehen meine Mitarbeiter und ich vor dem Aus.» Es seien schlimme Momente gewesen, als er realisiert habe, dass nichts mehr zu retten war. Zahnd kann bis heute nicht abschätzen, welche Kosten der Konkurs mit sich bringt. Seit Ende letzten Jahres zahlt er sich keinen Lohn mehr aus. Zum Glück verfügt er über einen Notgroschen, aber bald muss er wieder Geld verdienen. Womit, ist offen: «Vielleicht suche ich eine Anstellung, vielleicht mache ich mich wieder selbständig.» Verschweigt er seinen Konkurs bei künftigen Arbeitgebern, Investoren oder Partnern? Zahnd antwortet entschieden: «Nein! Es gibt nichts, was ich kaschieren muss – zudem habe ich viel gelernt.» Ihn stört die Mentalität, alles Schiefgelaufene unter den Teppich zu kehren und mit der angeblich gradlinigen Musterkarriere zu prahlen. «Davon lassen wir uns blenden und haben vom Werdegang anderer ein völlig unrealistisches Bild.»

Selbst die Erfolgreichsten hätten selten einen ununterbrochenen Aufstieg hinter sich, bestätigt Beate Schulze, Soziologin an der Universität Zürich. Vielmehr hätten sie gelernt, Nutzen aus Kündigungen oder gescheiterten Projekten zu ziehen und gestärkt daraus hervorzugehen. Schulze warnt aber vor vermeintlich einfachen Lösungen. Zurzeit werde das Scheitern fast zur Lifestyle-Frage hochstilisiert, nach dem Motto: So schaffen Sie es mit Grösse! «Das ist zynisch. Vor allem wenn der Verlust von Job oder Erspartem existenzbedrohend ist.» Dennoch sollten sich Betroffene vor Augen halten, dass Misserfolge zum Leben gehören. «Man muss sie sich verzeihen und analysieren, was schiefgelaufen ist.»

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Dem Scheitern auf den Grund gehen

Wer seine Stelle verliert, sollte Ursachenforschung betreiben und dabei auch den Arbeitgeber um eine ehrliche Einschätzung bitten: Ist es wirklich die Rezession, die zur Kündigung geführt hat? Hat meine Leistung nicht gestimmt? Oder liegt es daran, dass es Reibereien gab im Team oder mit Chefs? Ob man dafür professionelle Hilfe braucht, hängt davon ab, wie stark einen die Kündigung trifft. «Manchmal ist sie ja auch die Erlösung aus einer Leidensgeschichte – wobei man dies oft erst im Nachhinein realisiert», hat Laufbahnberater Urs Kaufmann festgestellt (siehe Interview). Hilfe empfiehlt er, wenn jemand in der Vergangenheit verhaftet bleibt, wenn die Gedanken an die Zukunft von Ängsten geprägt sind oder wenn Sarkasmus und Zynismus ins Spiel kommen.

Warum tun wir uns so schwer mit Niederlagen? Sabina Wolf (Name geändert) meint: «Wer will schon wahrhaben, dass er Schiffbruch erleidet und selbst seinen Teil dazu beigesteuert hat?» Die 43-jährige Betriebswirtschaftlerin bekam die Kündigung auf den Tisch. «Es war absehbar», sagt sie nüchtern. Sie kam nicht klar mit der strengen Hierarchie in der Schweizer Niederlassung einer amerikanischen Firma. Man habe ihr immer mehr Aufgaben zugeschoben und versprochene Mitarbeiter nicht eingestellt. Es folgten zähe Diskussionen, die Fronten verhärteten sich. Schliesslich trennte man sich von ihr. Das war – obwohl nicht unerwartet – ein Schock. «Ich schreckte nachts auf und grübelte, wie es weitergehen soll.» Schlaue Tipps, man solle ein Time-out nehmen und Abstand gewinnen, hält sie für realitätsfremd. «Ein dickes Finanzpolster habe ich nicht, ich könnte mir das gar nicht leisten.» Sabina Wolf meldete sich beim RAV, sie ist zuversichtlich, einen neuen Job zu finden. Aus der Kündigung habe sie ihre Lehren gezogen: «Ich werde künftig genauer hinschauen, welche Firma zu mir passt.»

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Kündigung: «Niemand ist nur Täter oder nur Opfer»

Eine ­ehrliche Analyse des Geschehenen ist das Wichtigste nach ­Kündigungen, sagt Laufbahnberater Urs Kaufmann. Denn nur so könne man vermeiden, begangene Fehler zu wiederholen.

Beobachter: Weshalb soll man nach den Gründen für ein ­berufliches Scheitern suchen?
Urs Kaufmann: Wenn man sich die Arbeits­zeugnisse von Entlassenen anschaut, ist häufig von «Umstrukturierungen» die Rede, obwohl persönliche Gründe dazu geführt haben, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Niemand ist in solchen Fällen nur Täter oder nur Opfer. Deshalb sollte man sich fragen, wie gross der eigene Anteil am Scheitern ist und was man daraus lernen kann. Sonst ist die Gefahr gross, dass sich Fehler wiederholen.

Beobachter: Wie schafft man eine saubere Analyse? Eine Kündigung ist ja meist ein harter Schlag.
Kaufmann: Stimmt. Selbst Kündigungen, die sich angebahnt haben, können mit starken Emo­tionen verbunden sein: Schock, Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Handlungsunfähigkeit. Da ist es schwierig, Sachliches von Emotionalem zu trennen. Eine Vertrauensperson, die ein ehrliches Feedback gibt, kann helfen. Oder eine Fachperson.

Beobachter: Nicht jeder kann sich einen Laufbahnberater leisten.
Kaufmann: Immer häufiger finanzieren Arbeitgeber sogenannte Outplacements. Mitarbeiter, die von Kündigungen betroffen sind, können mit einem Coach aufarbeiten, was passiert ist, den beruflichen Wiedereinstieg planen und umsetzen.

Beobachter: Gehört beruflicher Misserfolg ins ­Arbeits­zeugnis?
Kaufmann: Das ist nicht nur für die betroffene Person problematisch, sondern auch für den Arbeitgeber, weil das Arbeitsgesetz eine wohlwollende Beurteilung verlangt. Besonders wichtig ist, dass Aussagen im Zeugnis und Referenzauskünfte übereinstimmen. Es darf nicht sein, dass ein Vorgesetzter alles ausplaudert, was er nicht ins Zeugnis schreiben konnte. Deshalb ist es empfehlenswert, sich mit dem Vorgesetzten über die Sprachregelung zu ­einigen.

Beobachter: Was sage ich, wenn ich in einem Vorstellungsgespräch nach dem Grund für die Kündigung gefragt werde?
Kaufmann: Ehrlich sein, aber die Dinge so benennen, dass sie nicht zum Nachteil werden. Dies ist selbst dann möglich, wenn Konflikte mit dem Chef zur Kündigung geführt haben. Eine mögliche Antwort wäre: «Mein Vorgesetzter und ich haben nicht zusammengepasst. Deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, das Arbeitsverhältnis zu beenden.» 

Urs Kaufmann, 47, ist Berufs- und Laufbahnberater beim Beratungsunternehmen Consilias in Luzern.

Quelle: Fabian Biasio