ArbeitMobbing macht kaputt

Mobbing leitet sich vom englischen «to mob» ab und bedeutet, jemanden anzupöbeln, über jemanden herzufallen. Bild: Thinkstock Kollektion

Rund zehn Prozent der Angestellten leiden unter Schikanen am Arbeitsplatz - und büssen dafür mit ihrer Gesundheit. Wer sich früh genug wehrt, kann Schlimmes verhindern.

von Irmtraud Bräunlichaktualisiert am 2015 M09 23

Der Chef macht schon beim Vorstellungsgespräch eine Andeutung: Die Kollegin, mit der sie zusammenarbeiten müsse, sei etwas schwierig und aufbrausend - man dürfe das einfach nicht zu ernst nehmen. Doris Meier (Name geändert) lässt sich davon nicht beeindrucken. Die junge Frau ist gerade von einem Auslandsaufenthalt zurückgekommen und glücklich, so rasch eine passende Stelle gefunden zu haben.

Die ersten Wochen in der neuen Firma verlaufen problemlos. «Auch mit der Kollegin kam ich gut zurecht», erinnert sich die kaufmännische Angestellte. Doch nach einem Monat kommen die ersten spitzen Bemerkungen: «Deine Referenzen sind ja nicht gerade optimal gewesen», bekommt Doris Meier von der Kollegin zu hören. Sie spricht bei ihrem Chef vor und will Klarheit. Er sagte, dass alles bestens gewesen sei, zudem könne die Kollegin über die Referenzen gar nichts wissen. Nachdem er sie zur Rede gestellt hatte, kam sie zu mir und meinte: «Du warst also beim Chef. Ich wusste doch, dass du eine falsche Schlange bist.»

Was Doris Meier zu diesem Zeitpunkt nur erahnen konnte: Sie war auf dem Weg, das Opfer eines geradezu klassischen Falls von Mobbing am Arbeitsplatz zu werden. Damit ist sie in guter Gesellschaft: Von 5000 Ratsuchenden klagten mehr als 500 in irgendeiner Form über Mobbing. Und eine repräsentative Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) kam vor ein paar Jahren zum Schluss, dass in der Schweiz etwa jede 13. Person unter Mobbing am Arbeitsplatz leidet. Betroffen sind fast gleich viele Männer wie Frauen in allen Altersgruppen und Branchen. Zudem kommt Mobbing in den verschiedensten Konstellationen zwischen Einzelpersonen oder Gruppen vor.

Sticheleien ohne Ende

Bei Doris Meier werden die Attacken der mobbenden Kollegin zusehends perfider. «Wie du mit deiner Arbeitsweise zu solch guten Zeugnissen gekommen bist, ist mir schleierhaft», stichelt sie etwa. Meier merkt, dass die andere sie ständig kontrolliert, um sie dann wegen jeder Kleinigkeit hart anzugreifen. «Wenn sie am Morgen vor mir im Geschäft war, nahm sie meine Arbeit vom Vortag unter die Lupe. Wenn sie nur das Geringste fand, gabs ein Theater», erinnert sich die Geplagte. Aussprachen mit der Kollegin fruchten wenig. Ein paar Tage geht es besser, dann fangen die Schikanen aufs Neue an.

Die 28-Jährige leidet immer mehr unter der Situation. Hilfe will sie vorerst nicht holen - auch nicht bei den Vorgesetzten: Doris Meier ist gewohnt, ihre Probleme allein zu bewältigen. «Ich versuchte, morgens vor ihr da zu sein, damit sie nicht in meinen Sachen wühlen konnte. Abends blieb ich länger, um nochmals zu kontrollieren, dass ich ja keine Fehler gemacht hatte», schildert sie ihre Leidenszeit.

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Weinen und Erbrechen

Doris Meier gelingt es nicht mehr, abends abzuschalten. Die Probleme drehen sich in ihrem Kopf, ihre Konzentrationsfähigkeit lässt nach - sie kann kaum mehr schlafen. Sie habe in dieser Zeit viel geweint und häufig erbrochen, sagt Meier. Nach einer Aussprache mit den Vorgesetzten wird sie in einen anderen Stock versetzt. Kommentar der Kollegin: «Die Chefs machen es sich ja leicht - jetzt haben einfach andere das Problem mit dir.»

Obwohl Doris Meier von ihren Vorgesetzten Unterstützung bekommt und ermuntert wird, durchzuhalten, gehen die Schikanen weiter - nun halt per Mail. «Mir war klar, dass ich gegen die Kollegin keine Chance hatte», erklärt Doris Meier. «Sie war erfahren, von Anfang an in der Firma dabei und kannte alle Vorgänge perfekt. Als Arbeitskraft war sie wirklich gut. Man sagte mir immer, längerfristig sei sie nicht tragbar, aber vorläufig könne man nicht auf sie verzichten. Bis zu einem gewissen Grad konnte ich das sogar verstehen.»

Der Zufall will es, dass Doris Meier von einem Bekannten ein Stellenangebot erhält. Sie überlegt nicht lange und greift zu. Kurz nachdem sie den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, muss sie sich krankschreiben lassen: «Ich konnte das Mobbing durch meine Kollegin einfach keinen Tag länger ertragen, ich war völlig am Boden.»

Depressionen durch Mobbing

So wie Doris Meier geht es vielen Angestellten, die unter Schikanen und Ausgrenzungen zu leiden haben. Der dauernde Stress zerstört bei den Mobbingopfern das Selbstbewusstsein und führt zu gesundheitlichen Problemen. Die Seco-Studie hat gezeigt: Schon bei Personen mit schwacher Mobbingbelastung nehmen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme oder Depressionen markant zu. Und stark gemobbte Personen sind häufig von mehreren Leiden gleichzeitig betroffen.

Doris Meier geht es heute wieder gut. Vor zwei Monaten hat sie die neue Stelle angetreten und ist zufrieden. «Ich habe einen Schlussstrich gezogen und will nach vorne schauen.» Allerdings hätte sie gern etwas mehr Zeit gehabt, um das Erlebte zu verarbeiten. «In den ersten Tagen am neuen Ort war ich völlig unsicher. Ich hatte Panik davor, etwas falsch zu machen, und wusste nicht, wie ich die Blicke der Leute einordnen sollte. Mobbingerlebnisse lassen sich nicht so einfach wegstecken.»

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Definition: Wann liegt Mobbing vor?

Mobbing leitet sich vom englischen «to mob» ab und bedeutet, jemanden anzupöbeln, über jemanden herzufallen. Der Begriff wurde in den siebziger Jahren vom österreichischen Verhaltensforscher Konrad Lorenz verwendet. Er meinte damit den Angriff einer Gruppe von Tieren auf ein einzelnes Tier, um dieses zu verscheuchen.

Später griff der deutsch-schwedische Arbeitspsychologe Heinz Leymann das Wort auf: Er untersuchte als Erster das systematische Schikanieren von Angestellten mit dem Ziel, diese fertig zu machen und aus dem Job zu drängen. Förderlich für Mobbingsituationen sind etwa übertriebener Leistungsdruck, Konkurrenzdenken, schwache Führungskräfte, die sich von fähigen Untergebenen bedroht fühlen, eine schlechte Gesprächskultur sowie unklare Aufgaben- und Kompetenzbereiche. Fälle von Mobbing treten zudem häufig auf im Zusammenhang mit Chefwechseln, Umstrukturierungen oder Personalabbau.

Um Mobbing handelt es sich bei destruktiven, unfairen Verhaltensweisen von Personen oder Gruppen, die

  • gegen eine bestimmte Person oder Gruppe gerichtet sind;
  • immer wieder über einen längeren Zeitraum vorkommen;
  • von der betroffenen Person als feindselig, demütigend oder verletzend erlebt werden.


Nicht um Mobbing handelt es sich bei

  • einmaligen Auseinandersetzungen;
  • Konflikten zwischen gleich starken Parteien;
  • berechtigter, sachlich formulierter Kritik eines Vorgesetzten an der Arbeitsleistung oder dem Verhalten eines Mitarbeiters;
  • einem allgemein angespannten Klima wegen zu hoher Arbeitsbelastung; dieses kann allerdings Mobbinghandlungen begünstigen.

Konflikte: So wehren Sie sich

  • Sprechen Sie Konflikte frühzeitig an. Geben Sie Mobbern ruhig und sachlich zu verstehen, dass Sie ihr Verhalten nicht tolerieren. Wenn das nichts nützt: Schreiben Sie einen Brief mit Kopie an den Vorgesetzten.
     
  • Sammeln Sie Beweise: Gesprächsnotizen, Mails, untergejubelte Fehler. Führen Sie Tagebuch über die Vorfälle. Achten Sie darauf, dass Beschlüsse schriftlich festgehalten und Gespräche protokolliert werden.
     
  • Suchen Sie Unterstützung beim Vorgesetzten, beim betrieblichen Sozialdienst oder beim Personalchef. Arbeitgeber sind von Gesetzes wegen verpflichtet, die Persönlichkeit und die Gesundheit der Angestellten zu schützen - dazu gehört auch der Schutz vor Mobbing. Erinnern Sie den Arbeitgeber notfalls schriftlich an seine gesetzliche Fürsorgepflicht.
     
  • Unternimmt der Arbeitgeber nichts, haben Sie grundsätzlich folgende Möglichkeiten: Verweigerung der Arbeit, bis der Arbeitgeber Abhilfe geschaffen hat; Schadenersatz- oder Genugtuungsforderungen; fristlose Kündigung, wenn die Weiterarbeit unzumutbar geworden ist. Wichtig: Lassen Sie sich vor derartigen Schritten unbedingt rechtlich beraten.
     
  • Wenn Sie gesundheitliche Probleme haben, reden Sie mit dem Hausarzt offen über die Ursachen.
     
  • Holen Sie umgehend professionellen Rat, wenn Sie merken, dass Sie allein nicht weiterkommen.

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