War es Pfusch oder Besserwisserei? Klar ist: Ein Werkzeugmacher sollte nach Plänen eines Ingenieurs Geräte entwerfen. Doch er wich eigenmächtig von den 
Vorgaben ab. Die Folge: Kunden beschwerten sich, das Gerät sei unbrauchbar. Der Arbeitgeber berechnete einen Schaden von 27'522 Franken und forderte diese Summe beim Mitarbeiter ein.

Schäden am Arbeitsplatz können für Angestellte teuer werden. Denn nach Gesetz ist ein Arbeitnehmer «für den Schaden verantwortlich, den er absichtlich oder fahrlässig dem Arbeitgeber zufügt».

Unterschiede bei der Haftung

Ob man haftet, hängt von verschiedenen Kriterien ab:

  • Arbeitnehmende haften nur, wenn sie einen Schaden tatsächlich verursacht haben – indem sie ihre Pflichten verletzt haben (etwa Sorgfaltsregeln ignoriert).
  • Massgebend ist, wie schwer das Verschulden wiegt. Bei einem kleinen Versehen haften Angestellte in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt. Voll haften sie, wenn sie sich grob fahrlässig verhalten (siehe Definition von Fahrlässigkeit weiter unten) oder den Schaden absichtlich verursachen. «Mildernde Umstände» gibt es bei Tätigkeiten mit grossem Risiko, etwa bei Chauffeuren .
  • Eine Rolle spielen auch die «Fähigkeiten und Eigenschaften des Arbeitnehmers, die der Arbeitgeber gekannt hat oder hätte kennen sollen», so das Gesetz. Bei Frischlingen wird also eher ein Auge zugedrückt als bei alten Hasen. Wenn die Firma unerfahrene Kräfte für heikle Aufgaben einsetzt, ohne sie zu beaufsichtigen, muss sie Schäden mindestens teilweise selbst übernehmen.
  • Berücksichtigt wird auch der Lohn: Einfaches Personal muss bei einem Schaden weniger tief in die Tasche greifen als hochbezahltes Kader.
  • Jeder Fall muss einzeln beurteilt werden. Man kann zum Beispiel nicht von vornherein regeln, dass ein Fehlbetrag in der Kasse Zu wenig in der Kasse Darf der Chef den Lohn kürzen? dem Verkaufspersonal vom Lohn abgezogen wird. Solche Regeln sind nur erlaubt, wenn Angestellte dadurch nicht schlechter gestellt werden, als die gesetzliche Regelung vorsieht. Im Streitfall entscheidet ein Gericht.

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Welche Loyalität darf der Arbeitgeber einfordern? Welche Rechte hat man, wenn man sich im Mitarbeitergespräch oder bei der Leistungsbeurteilung ungerecht behandelt fühlt? Darf der Chef private Mails mitlesen? Mitglieder von Guider wissen, welche Rechte und Pflichten im Arbeitsverhältnis gelten und können sich wehren, wenn es die Situation erfordert.

Drei Gerichte vertreten drei Ansichten

Doch der juristische Weg wird schnell beschwerlich. Das zeigt sich auch am Beispiel des Werkzeugmachers. Drei Gerichtsinstanzen nahmen seinen Fall genauestens unter die Lupe. Warum war der Mann von den Berechnungen abgewichen? Wussten die Vorgesetzten davon? Hätten sie ihn besser kontrollieren müssen?

Auf diese Fragen gab es unterschiedliche Antworten. Das Bezirksgericht verneinte eine Haftung des Arbeitnehmers. Doch das Kantonsgericht kam zum Schluss, dass er für einen Drittel der Schadensumme aufkommen müsse. Er habe zwar in guter Absicht gehandelt, indem er Mängel bei den Ingenieurplänen verbessern wollte, aber letztlich doch Sorgfaltspflichten verletzt. Aber auch die Vorgesetzten hätten genauer hinsehen müssen. Ein Arbeitgeber könne sich nach Vergabe eines Auftrags nicht einfach «zurücklehnen oder gar völlig ausklinken […], um im Falle eines missglückten Ergebnisses vom Arbeitnehmer Schadenersatz zu fordern», heisst es im Urteil.

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Der Chef war nicht schuld

Das Bundesgericht widersprach. Der Arbeitgeber habe null Mitverschulden. Der Angestellte hätte nichts anderes tun müssen, als aufgrund von Plänen Zeichnungen anzufertigen. Dazu war er aufgrund seiner Qualifikation in der Lage. «Insoweit bestand für die Arbeitgeberin kein Anlass zur Kontrolle des Arbeitsergebnisses.» Da der Angestellte aber versucht habe, «für seine Arbeitgeberin ein besseres Resultat zu erreichen», hafte er nicht voll, sondern nur zu zwei Dritteln. Der Werkzeugmacher musste 18'348 Franken und Zinsen zahlen.

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Wann haften Angestellte für Fehler? So urteilen die Gerichte

Subventionsgesuch verschlampt

Der Betriebsleiter einer sozialen Institution versäumte es, rechtzeitig ein Gesuch um Subventionen einzureichen. Er liess das Couvert mit den Formularen ungeöffnet bei sich liegen. Die Institution erlitt einen Schaden von 90'000 Franken; davon musste der Angestellte schliesslich 14'000 Franken übernehmen – zwei Monatslöhne. Gemäss Bundesgericht lag es nicht in seiner Verantwortung, Subventionen zu beantragen. Er habe lediglich versäumt, die Post ordnungsgemäss weiterzuleiten, das entspreche einer mittleren Fahrlässigkeit.

 

Unfall mit dem Geschäftsauto

Ein Arbeitnehmer verunfallte mit dem Geschäftswagen bei Eis und schlechtem Wetter. Der Schaden betrug 4654 Franken. Die Firma hatte keine Vollkaskoversicherung. Das Arbeitsgericht hielt fest, der Angestellte habe «die in der speziellen Situation erhöhte Vorsicht» vermissen lassen. Elementarste Vorsichtsmassnahmen habe er aber nicht unterlassen. Ausserdem sei Autofahren eine risikoreiche Tätigkeit. Der Mann musste schliesslich 500 Franken zahlen – die Hälfte des hypothetischen Selbstbehalts.

 

Gestohlene Maschinen

Ein Monteur liess vor den Ferien seine Arbeitsgeräte auf der Baustelle zurück – in einem Raum, der sich ohne weiteres mit einem Schraubenzieher öffnen liess. Maschinen im Wert von 1700 Franken wurden gestohlen. Das Gericht erachtete das Verhalten des Mannes als grob fahrlässig. Daher musste er voll zahlen.

 

Schliessanlage auswechseln

Eine Angestellte hatte den Geschäftsschlüssel verloren. Der Arbeitgeber verlangte, dass sie das neue Schliesssystem für 6000 Franken finanziere. Das Gericht winkte ab. Schlüssel könnten nun mal verlorengehen. Ein Arbeitgeber müsse daher vorausschauend dafür sorgen, dass ein Verlust der Schlüssel nicht zu derart hohen Kosten führe. Die Angestellte musste nur 500 Franken zahlen.

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«Grob fahrlässig»: Wie kann man nur!

Grobe Fahrlässigkeit bedeutet, dass jemand gegen die Gebote elementarster Vorsicht verstösst – also Sorgfaltspflichten missachtet, die jede vernünftige Person unter den gleichen Umständen beachten würde. Darunter fällt etwa, wenn jemand angetrunken Auto fährt oder den Geschäftslaptop auf dem Beifahrersitz liegen lässt Laptop gestohlen Wo der Dieb steckt , ohne den Wagen abzuschliessen.

Bei leichter Fahrlässigkeit gilt: «Kann passieren, man sollte halt besser aufpassen.» Bei grober Fahrlässigkeit dagegen: «Wie kann man nur!»

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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