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KündigungJahrzehnte treu - dann abserviert

Ältere Arbeitnehmer trifft eine unerwartete Kündigung besonders hart. Arbeitgeber sollten daher bei langjährigen Mitarbeitern nach sozial verträglicheren Lösungen suchen – so das Bundesgericht. Tun sie dies nicht, ist die Entlassung unter Umständen missbräuchlich.

Langjährige Mitarbeiter erleben den Verlust der Arbeitsstelle häufig als Demütigung und totalen Absturz.
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aktualisiert am 27. März 2018

Arno Schmid (Name geändert) freute sich auf seinen Ruhestand. Der Heizungsmonteur arbeitete seit 1958 bei derselben Firma und hatte vor, nach 45 Dienstjahren in Pension zu gehen.

Es kam anders: Kurz vor Ende seines 44. Dienstjahrs erhielt er die Kündigung und wurde per sofort freigestellt Kündigung Was gilt bei Freistellung? . Als Begründung gab der Arbeitgeber hauptsächlich seine «ständige negative Einstellung neuen Projekten gegenüber» an.

Späteren Gerichtsakten ist zu entnehmen, dass Schmid in einem schlechten Verhältnis zu einem übergeordneten, aber ihm nicht direkt vorgesetzten Serviceleiter stand und sich - wie andere Kollegen auch - kritisch zu einem neuen Zeiterfassungssystem geäussert hatte.

Kein gesetzlicher Kündigungsschutz auch bei älteren Mitarbeitern

Dass einem langjährigen Mitarbeiter wenige Monate vor der ordentlichen Pensionierung gekündigt wird, mag brutal erscheinen. Ein Einzelfall ist es nicht. Nach den Erfahrungen des Beobachter-Beratungszentrums haben Firmen wenig Skrupel, treue Mitarbeiter loszuwerden, wenn deren Leistungsfähigkeit nachlässt oder sie aus sonstigen Gründen nicht mehr ins Konzept passen. 20, 30 oder gar 40 Dienstjahre beim selben Arbeitgeber schützen Angestellte nicht davor, ohne triftigen Grund auf die Strasse gestellt zu werden.

«Meine Vorgesetzten haben zum Kündigungsgespräch sogar eine Psychologin des betriebsinternen Sozialdienstes beigezogen. Sie hatten offenbar Angst, dass ich etwas Dummes anstelle», erzählt ein 54-jähriger Ingenieur, dem nach 27 Jahren gekündigt wurde, an der Beobachter-Hotline. Nach einer Umorganisation war er überzählig. «Meinem Arbeitgeber war also sehr wohl bewusst, was für eine Härte diese Kündigung für mich darstellte. Trotzdem kam er mir in keiner Weise entgegen.»

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In der Schweiz können Arbeitsverträge beiderseitig zu jeder Zeit aufgelöst werden. Einen Grund für die Kündigung braucht es nicht, doch es gibt Ausnahmen. Guider-Mitglieder erfahren, welche das sind, ob sie rechtlich gesehen unter Kündigungsschutz stehen und wie sie mittels einer Briefvorlage schriftlich gegen eine fristlose Entlassung protestieren können.

Und eine knapp 60-jährige Sekretärin meint bitter: «Ich wurde vom neuen Chef durch eine jüngere und billigere Frau ersetzt. Er hat mich gar nicht erst gefragt, ob ich eine Lohnreduktion akzeptieren würde oder allenfalls bereit wäre, Teilzeit zu arbeiten.»

Betroffene erleben den Verlust der Arbeitsstelle häufig als Demütigung und totalen Absturz. Sie verlieren nicht nur die Existenzgrundlage, sondern auch ihre Identität, die sie sich in jahrelanger Betriebszugehörigkeit aufgebaut haben. Die Suche nach einer neuen Stelle für die Generation der über 50-Jährigen Stellensuche Stärken haben kein Verfallsdatum ist im Normalfall schwierig.

Regelmässig stossen reifere Semester bei der Jobsuche auf Vorbehalte der Arbeitgeber Sie bleiben deutlich länger arbeitslos als jüngere Leute und werden auch häufiger ausgesteuert Ausgesteuert Wenn kein Arbeitslosengeld mehr kommt – wie weiter? .

Grundsätzlich ist gegen solche Kündigungen nichts zu machen. Das Obligationenrecht kennt keinen Kündigungsschutz für ältere oder langjährige Mitarbeiter. Für Entlassungen braucht es weder eine Vorankündigung noch einen begründeten Anlass. Auch Sozialpläne Entlassungen Haben wir Anspruch auf einen Sozialplan? oder die Abfederung von Härtefällen sind gesetzlich nur ausnahmsweise vorgeschrieben – z.B. dann, wenn Firmen mit mehr als 250 Angestellten eine Massenentlassung durchführen.

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Erhöhte Fürsorgepflicht gegenüber langjährigen Mitarbeitern

In besonders krassen Fällen kann es sich jedoch lohnen, die Rechtslage von einer Fachperson prüfen zu lassen. Denn das Bundesgericht hat in neueren Entscheiden wiederholt festgehalten, dass Arbeitgeber gegenüber ihren älteren, langjährigen Angestellten eine besondere Fürsorgepflicht haben.

So war auch Arno Schmid nicht bereit, die Faust im Sack zu machen. Er klagte wegen missbräuchlicher Kündigung - und hatte schliesslich Erfolg: Das Bundesgericht hielt fest, dass gegenüber einem Angestellten, «der sein gesamtes Arbeitsleben im Wesentlichen klaglos für ein einziges Unternehmen tätig war, eine erhöhte Fürsorgepflicht gilt».

Der Arbeitgeber habe sich nicht auch nur ansatzweise darum bemüht, das Verhältnis des Monteurs mit dem Serviceleiter zu entspannen. Die Firma habe überdies das Gebot schonender Rechtsausübung krass verletzt, indem sie den Monteur ohne jegliches Vorgespräch entliess und ohne nach einer sozial verträglicheren Lösung zu suchen. Schmid wurde eine Abgangsentschädigung von sechs Monatslöhnen zugesprochen.

Missbräuchlich war auch die Kündigung eines 64-Jährigen Angestellten nach über 12 Dienstjahren. Der Angestellte war zwar nicht mehr so motiviert wie jüngere Kollegen, erbrachte aber immer noch eine befriedigende Leistung. Die Kündigung so kurz vor der Pensionierung war daher nicht akzeptabel, so das Bundesgericht.

Und im Fall eines 59-jährigen Angestellten, der mit Unterbrüchen insgesamt 35 Jahre in einem Unternehmen tätig war, hielt das Bundesgericht fest, dass beim älteren Arbeitnehmer der Art und Weise der Kündigung besondere Beachtung zu schenken sei: «Er hat namentlich Anspruch darauf, rechtzeitig über die beabsichtigte Kündigung informiert und angehört zu werden, und der Arbeitgeber ist verpflichtet, nach Lösungen zu suchen, welche eine Aufrechterhaltung des Arbeitsverhältnisses ermöglichen». Obwohl die Leistungen des betreffenden Angestellten nicht mehr in allen Punkten genügten, war auch diese Kündigung missbräuchlich. Denn laut Bundesgericht hätte der Arbeitgeber bevor er diesem treuen Angestellten kündigte, ein Gespräch mit ihm führen und ihn «nachdrücklich auf die Folgen seiner Unterlassungen hinweisen und ihm mit Fristansetzung und Zielvereinbarung eine letzte Chance geben» müssen.

Diese Urteile enthalten einige Überlegungen, die allzu entlassungsfreudige Arbeitgeber zur Vorsicht mahnen. Einen absoluten Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer bedeuten sie jedoch nicht.

Gegenüber Arbeitnehmenden, die sich ein krasses Fehlverhalten vorwerfen lassen müssen, gebe es selbst bei einem langjährigen Arbeitsverhältnis keine erhöhte Fürsorgepflicht, betonte das Bundesgericht.

Tipps für ältere Arbeitnehmer

 

  • Bilden Sie sich regelmässig weiter. Bleiben Sie offen für Neues, sehen Sie Veränderungen als Chance.
  • Verlangen Sie bei Chefwechsel, Versetzung oder Beförderung ein Zwischenzeugnis - vor allem, wenn Sie eine Stelle schon länger innehaben.
  • Lassen Sie sich rechtlich beraten, wenn Sie kurz vor der Pensionierung ohne Grund und ohne soziale Abfederung die Kündigung erhalten.
  • Das Gesetz sieht zwar eine Abgangsentschädigung für über 50-Jährige vor, die nach mehr als 20 Dienstjahren eine Stelle verlassen. Die meisten gehen jedoch leer aus. Denn Arbeitgeber können die Beiträge, die sie für den Arbeitnehmer in die Pensionskasse eingezahlt haben, mit der Abgangsentschädigung verrechnen. Prüfen Sie, ob in Ihrer Branche ein Gesamtarbeitsvertrag eine Abgangsentschädigung vorsieht, und verhandeln Sie mit dem Arbeitgeber über ein freiwilliges Entgegenkommen.
  • Falls Sie 48 Monate oder weniger vor Erreichen des AHV-Alters arbeitslos werden, können Sie grundsätzlich bis zur Ausrichtung der AHV-Rente stempeln gehen. Ihr Maximalanspruch beträgt dann 640 Taggelder.
  • Anspruch auf Arbeitslosentaggelder Pensumsreduktion Kann ich stempeln gehen? besteht auch nach einer unfreiwilligen vorzeitigen Pensionierung.
  • Ein halbes Jahr vor dem AHV-Alter ist man von der Stellensuche befreit.

Wann eine Kündigung missbräuchlich ist

Eine Kündigung ist missbräuchlich, wenn sie aus verwerflichem Grund ausgesprochen wird, etwa wegen einer persönlichen Eigenschaft oder weil man sich für seine Rechte gewehrt hat (Rachekündigung).

Sie kann auch missbräuchlich sein, wenn sie auf besonders verletzende Art ausgesprochen wird.

Gegen missbräuchliche Kündigungen müssen Betroffene während der Kündigungsfrist schriftlich protestieren. Innert 180 Tagen nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses können sie eine Entschädigung von bis zu sechs Monatslöhnen einklagen.

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Musterbrief «Protest gegen missbräuchliche Kündigung» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Halten Sie die Kündigung Ihres Arbeitsvertrags für missbräuchlich, sollten Sie unbedingt während der Kündigungsfrist schriftlich dagegen protestieren. Mitglieder von Guider erhalten mit dem Musterbrief «Protest gegen missbräuchliche Kündigung» eine hilfreiche Vorlage, wie dieses Schreiben verfasst sein könnte.

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