Dominique Roth fühlt sich veräppelt. Im letzten Zwischenzeugnis wurde sie als «ungewöhnlich kreative und fleissige Mitarbeiterin» gelobt – und im letzten Juni plötzlich entlassen. Grund: ein angeblicher «Machtkampf» mit ihrer Vorgesetzten Manuela Aegerter*.

Roth arbeitete fünf Jahre als Betreuerin in einer Behindertenwohngruppe der Interessengemeinschaft Sozialpsychiatrie (IGS) Bern. Als sie im April des vergangenen Jahres die Wohngruppenleiterin ­Aegerter benachrichtigte, dass sie aufgrund eines Bandscheibenvorfalls eine Weile ausfallen werde, machte diese auf einmal diffuse Andeutungen bezüglich Roths Gesundheitszustand: «Aegerter sagte, sie habe den Eindruck, dass es nicht nur mein Rücken sei, dass ich auf sie verletzt wirke und man nun genau hinsehen müsse», so Roth. Durch weitere Äusserungen verunsichert, bat Roth um ein Gespräch zusammen mit der Leiterin des Wohngruppenverbunds, Erika Schori*, einem neutralen Geschäftsleitungsmitglied. Aegerter lehnte dies ab: Sie wolle nicht, dass Roth «das Gesicht verliert». Am Gespräch nahmen dann nur Roth, Aegerter und die Supervisorin Andrea Baumann* teil.

Da Roth bei dieser Aussprache nicht klarwurde, was ihr genau vorgeworfen wird, wandte sie sich schriftlich an die Verbundsleiterin Erika Schori – die Antwort erhielt sie jedoch nicht von dieser, sondern wiederum von Aegerter, die nun eine Aussprache mit Roth, dem Betreuerteam und der Supervisorin anberaumte – Aegerter selbst blieb dem Gespräch fern.

So wusste Roth auch danach nicht, wo das Problem lag, und bat ihre Vorgesetzte Aegerter in einem Brief erneut um konkrete Beispiele für ihr Fehlverhalten. Dazu kam es nicht mehr: Als sie endlich zu einem Gespräch mit der Verbundsleiterin Schori und der Gruppenleiterin Aegerter eingeladen wurde, dauerte dieses nur fünf Minuten: «Schori teilte mir mit, dass ich aufgrund des Zerwürfnisses mit Aegerter entlassen werde», sagt Roth. Nach ihrer Kündigung fand Roth heraus, dass schon früher Wohngruppenmitarbeiter mit Aegerter in Konflikt geraten waren und anschliessend kündigten oder entlassen wurden.

Die Vorgesetzte kommt mit zum Arzt

Zum Beispiel Kathrin Meier*, die Ende 2004 ihre Stelle verlor. Auch bei ihr fing es damit an, dass Aegerter ihre seelische Gesundheit in Zweifel zog – am Schluss musste sie ein Arzt tatsächlich krankschreiben, um sie aus der Schusslinie zu nehmen: «Aegerter sagte, sie glaube, ich sei psychisch krank und bräuchte einen geschützten Rahmen», sagt Meier. Die Wohngruppenleiterin warf ihr vor, mit Bewohnern in einer «symbiotischen Beziehung» zu stehen, ausserdem leide sie unter einer «falschen Wahrnehmung». Es sei Teil der Krankheit, nicht zu merken, dass man krank ist.

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Schliesslich arrangierte Aegerter sogar eine Arztkonsultation für Meier und begleitete sie zu dem Termin. Dort wies sie den Arzt darauf hin, dass Meier fachliche Hilfe benötige. Dem Arzt schien die Situation selt­sam. Weil Meier sichtlich unter Druck stand, schrieb er sie krank, «unter anderem, um die Situation für Meier vorerst zu entschärfen», wie er gegenüber dem Beobachter bestätigt. Aegerters Druckversuche setz­ten Meier zu: «Ich fing beinahe an zu glauben, ich sei wirklich psychisch krank, sonst würde man ja nicht so mit mir sprechen.»

Als Meier wieder arbeiten wollte, legte ihr Aegerter nahe zu kündigen. Einen Monat später wurde sie von Verbundsleiterin Schori «aufgrund der aktuellen Situation» entlassen – obwohl sie Meier damals seit Monaten weder gesehen noch gesprochen hatte. Meier wehrte sich mit einem Anwalt gegen die Kündigung, zumal der Arzt, zu dem sie ihre Vorgesetzte zuvor geschleppt hatte, ihr wieder 100-prozentige Arbeits­fähigkeit bescheinigte. Trotzdem verlangte Schori eine weitere ärztli­che Untersuchung Meiers «zur Klärung ihres Geistes­zustands». Bis dahin behielt die IGS Bern zudem widerrechtlich Meiers Lohn zurück, wodurch die alleinerziehende Mutter in einen finanziellen Engpass geriet. Obwohl auch der zweite Arzt Meiers Arbeitsfähigkeit bestätigte, hielt Schori an der Kündigung fest.

*Name geändert

Supervisionen ohne Protokolle

Dem Beobachter sind sechs weitere Fälle von Angestellten bekannt, die sich von ­Aegerter drangsaliert fühlten. Die Geschichten folgen einem ähnlichen Muster: Fast alle Betroffenen haben das Gefühl, aus irgend­einem Grund bei Aegerter in Un­gnade gefallen zu sein. Darauf wurden sie durch diffuse Anspielungen verunsichert oder krank­geredet: Wie Meier beklagt etwa auch Barbara Spoehel, die von 2004 bis 2007 für die IGS gearbeitet hatte, dass ihr Aegerter plötzlich eine «symbiotische Beziehung» zu einer Bewohnerin und «eine fal­sche Wahrnehmung» vorgeworfen habe. Gegenüber Lukas von Gunten, der zwei Jahre als Betreuer angestellt war, bemerkte Aegerter damals mehrmals, das Team würde nicht gern mit ihm zusammenarbeiten.

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Auf solche Andeutungen und Beschuldigungen hin folgte in mehreren Fällen ein Gespräch mit der immer gleichen Super­visorin Baumann: «Bei dem Gespräch mit Baumann hatte ich den Eindruck, dass es in der Supervision lediglich darum ging, die Meinung von Aegerter zu bestätigen», sagt von Gunten. Von diesen Supervisionen wurden nie Protokolle erstellt.

Der aufgebaute Druck verfehlte seine Wirkung nicht: Spoehel kündigte von sich aus, genauso wie von Gunten, der die IGS 2006 verliess. Eine weitere ehemalige An­gestellte, Catherine Bee, die in einer Supervision Unregelmässigkeiten im Budget thematisiert hatte, wurde entlassen.

Überdies berichten fast alle Betroffenen, dass Aegerter im Team Unwahrheiten verbreitete: Zwei Mitarbeitern habe sie zum Beispiel eine Beziehung angedichtet, anderen einen religiösen Wahn oder gar eine psychische Störung.

Und schliesslich beklagten alle Betroffenen die Haltung von Verbundsleiterin Schori, die sich offensichtlich jeweils nur einseitig durch Aegerter informieren liess.
Die Konsequenz: Seit 2002 hat die IGS durch Aegerters Führungsstil, eine nicht funktionierende Supervision und die unkritische Haltung von Verbundsleiterin Schori mindestens acht Mitarbeiter verloren – jährlich rund zehn Prozent der Wohngruppenbelegschaft.

Anhörungen blieben ohne Folgen

Als Dominique Roth feststellte, dass sie kein Einzelfall ist, reichte sie beim IGS-Vorstand Beschwerde ein. Der kam aber nach einem Anhörungsverfahren zum Schluss, dass es «nicht die geringsten Anzeichen» gebe, die ihre Vorwürfe bestätigen würden. Das lag nicht zuletzt daran, dass sich der Vorstand «dezidiert und explizit» weigerte, bei den Anhörungen frühere Fälle zu berücksichtigen. Begründung: Die ehemali­gen Mitarbeiter hätten damals die Möglichkeit gehabt, Beschwerde einzureichen, und darauf verzichtet. Stattdessen wurden ak­tuelle Mitarbeiterinnen befragt, von de­nen die meisten nach wie vor in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Aegerter stehen.

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Trotzdem hätten sich selbst in diesen Aus­sagen Hinweise gefunden. Doch der Fest­­stellung einer langjährigen Mitarbeiterin, dass es «in den letzten Jahren verschiedentlich Mobbingvorwürfe» gegeben habe, schenkte der Vorstand ebenso wenig Beachtung wie der Anmerkung einer An­gestellten, Aegerters «direkte Art» könne «manch­­mal verletzend oder brüskierend» sein. Diese Aussagen stünden «in keinem Ver­hältnis zu den insgesamt positiven Äusserungen», begründet IGS-Präsident Luca Lo Faso die Abwägungen beim Beschwerde­entscheid. Auf diesen Entscheid verweist auch Erika Schori: Die von Roth beklagten Punkte stimmten nicht mit den Erkenntnissen aus dem Anhörungsverfahren überein.

Supervisorin Baumann sagt, sie lege für die IGS «beide Hände ins Feuer»: Die Institution gehe äusserst sorgfältig mit Angestellten um. Dass sich die acht Betroffenen gemobbt fühlten, liege vermutlich vor allem «an deren mangelnder Fähigkeit, sich selbst im Kontext dieser Institution zu reflektieren».

Wohngruppenleiterin Aegerter verzichtete auf eine Stellungnahme gegenüber dem Beobachter. In ihrer Aussage im Beschwerdeverfahren schrieb sie, dass bereits verschiedentlich Mitarbeiterinnen überzeugt gewesen seien, «Opfer von Mobbing geworden zu sein durch mich». Und es klingt beinahe zynisch, wenn sie anfügt: Obwohl man dies «nun doch schon einige Male erlebt» habe, sei man «ob der Heftigkeit und zerstörerischen Energie erschüttert und hilflos». Fürwahr.

Mobbing in sozialen Berufen

Eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) von 2002 wies für die Gesundheitsbranche einen leicht erhöhten Mobbinganteil aus. Noch stärker betroffen waren Gast­gewerbe und Tourismus. Hier sind viele An­gestellte ausländischer Herkunft tätig – sie sind gemäss der Seco-Studie einem erhöhten Mobbingrisiko ausgesetzt. Aufgrund kleiner Stichproben seien die Vergleiche zwischen den Branchen jedoch vorsichtig zu interpretieren.

Zu deutlicheren Ergebnissen kommt ­eine deutsche Studie von 2002: Obwohl in Deutschland nur 5,6 Prozent aller Beschäftigten im Sozial- oder im Gesundheitsbereich tätig sind, stellen sie 13,4 Prozent aller Mobbingopfer. Verglichen mit dem Gesamtdurchschnitt, wird in diesen Branchen also doppelt so häufig gemobbt. Gründe
dafür könnten laut Fachleuten sein, dass in vielen dieser Berufe Leistungen schlecht messbar sind und der menschliche Faktor eine grosse Rolle spielt.

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