Wenn ich ein Computerproblem lösen muss, geht es etwa viermal so schnell, wie wenn das meine Kollegen machen», sagt der Informatiker Leo von Wyss ohne Überheblichkeit. Er hat die Konsequenzen gezogen: «Ich mache nicht mehr die gleiche Arbeit wie meine Kollegen, weil das zu Stress im Team führte.» Nicht immer können Hochbegabte auf diese kluge Art verhindern, dass sie anecken, denn das tun sie oft – sei es am Arbeitsplatz oder in der Beziehung.

Meist fangen die Probleme aber schon in der Schule an, und das kann zu Ausgrenzung und Mobbing führen. «Es steht und fällt mit der Lehrkraft», sagt Ursula Hoyningen-Süess vom Institut für Sonderpädagogik an der Universität Zürich, wo sie eine Nationalfondsstudie zur Bildung und Erziehung von Hochbegabten leitete. «Schwierig wird es etwa, wenn die Schülerin plötzlich mehr von Mathematik versteht als der Primarlehrer.» Das sei eine Herausforderung für beide Seiten.

Laut der Expertin reagieren hochbegabte Kinder oft mit Aggression oder stören den Unterricht: Sie seien zwar intellektuell unterfordert, von der Situation aber emotional und sozial total überfordert. «Wenn die Lehrer dann nicht bereit sind, die Probleme ernst zu nehmen und zusammen mit den Eltern eine individuelle Lösung zu suchen, beginnt ein Teufelskreis, der das Kind ins Abseits befördert.»

Für viele hochbegabte Jugendliche ist die Schulzeit deshalb eine traumatische Erfahrung. So auch für Andrea Zimmermann und Mike Pfaff (siehe Nebenartikel «Andrea Zimmermann: Die gemiedene Hochbegabte» und «Mike Pfaff: Der unschlüssige Hochbegabte»). Nachdem bei ihnen eine Hochbegabung festgestellt worden war, mussten die beiden gegen Ausgrenzung und zu hohe Erwartungen ankämpfen.

Nur knapp die Matura geschafft

Für die Betroffenen bedeutet das vielfach Klassen- und Schulwechsel – oft schaffen sie trotz überdurchschnittlicher Intelligenz einen Schulabschluss wie die Matura nur knapp. Denn eine Hochbegabung führt nicht zwingend zu Hochleistungen, weil sie sich oft auf bestimmte Gebiete beschränkt. Bei den Geschwistern Wollenmann etwa war Beatrice das Mathematikgenie und Peter der geniale Kreative (siehe Nebenartikel «Beatrice und Peter Wollenmann: Die doppelt Hochbegabten»).

Fachleute gehen heute davon aus, dass eine Hochbegabung etwa hälftig genetisch bedingt und zur andern Hälfte milieuabhängig ist. Etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung gelten als hochbegabt. Viele bleiben aber unentdeckt, weil sie sich problemlos in die Gesellschaft integrieren. Zu ihnen gehört Roger Hausmann, der seine Hochbegabung erst im späten Alter von 40 Jahren entdeckte (siehe Nebenartikel «Roger Hausmann: Der unerkannte Hochbegabte»).

Im deutschsprachigen Raum wurde Hochbegabung erst Mitte der achtziger Jahre zum Thema. Vorher galten hochbegabte Kinder entweder als Genies oder als Schwererziehbare. Lange Zeit liess man sie einfach eine Klasse überspringen, was unter anderem soziale Ausgrenzung, Unverständnis und Neid zur Folge hatte.

Heute werden Hochbegabte nach Möglichkeit in der Stammklasse belassen und integrativ gefördert: Die Kinder besuchen einen halben Tag pro Woche Extraunterricht, wo sie etwa physikalische Probleme lösen oder Schach spielen. Manchmal lernen die Kinder zusätzliche Sprachen, besuchen Computerkurse oder spielen mehrere Musikinstrumente. Darüber hinaus empfiehlt Franziska Mäder, Präsidentin des Elternvereins für hochbegabte Kinder (EHK), die Kinderuni: «Diese Veranstaltungen sind wie Oasen, die den Kindern den Weg durch die Wüste der Schule erleichtern.»

«Eine Herausforderung für Eltern»

Für hochbegabte Kinder, die nicht in der Normalschule bleiben wollen oder können, gibt es spezialisierte Schulen wie Talenta oder Challenge. Ursula Hoyningen-Süess rät Eltern von Hochbegabten in jedem Fall, möglichst früh mit den Lehrkräften und Beratungsstellen Kontakt aufzunehmen, «bevor sich die Fronten verhärten». Denn: «Ein hochbegabtes Kind ist eine sonderpädagogische Herausforderung für Eltern und Lehrer.»

Quelle: Dan Cermak
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