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Nachtarbeit«Eine Art dauernder Jetlag»

Anna Wirz-Justice ist Chronobiologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel und erforscht den Schlaf-wach-Rhythmus. Selber ist sie Langschläferin.

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Beobachter: Wie tickt unsere innere Uhr? Können wir auch nachtaktiv sein?
Anna Wirz-Justice:
Der Mensch ist programmiert, am Tag aktiv zu sein. Unsere innere Uhr hat sich im Lauf der Zeit in unseren Genen verankert. Etwa um elf Uhr morgens haben wir ein Leistungshoch, am frühen Nachmittag erleben wir ein erstes kleines Tief, um 17 Uhr sind wir wieder fit für körperliche Arbeit. Wenn es dunkelt, schüttet das Hirn das Hormon Melatonin aus und sendet das Signal: schlafen!

Beobachter: Nachtarbeit durchbricht diesen Rhythmus. Was sind die Folgen?
Wirz-Justice:
Dafür müsste man die Frage beantworten, warum wir schlafen. Aber das können wir nicht. Wir wissen nur: Wer nicht schläft, wird müde. Es ist vermutlich nicht nur der Körper, der sich erholen muss, sondern das Gehirn. Wir vermuten unter anderem, dass im Schlaf das tagsüber Gelernte sortiert und abgelegt wird. Wer den Schlafrhythmus stört, muss Veränderungen beim Stoffwechsel, bei der Hormonproduktion, der Körpertemperatur, der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit in Kauf nehmen.

Beobachter: Man kann sich also nicht an den Rhythmus gewöhnen?
Wirz-Justice:
Nur bedingt. Wer teilweise Nachtschicht schiebt, ist hin- und hergerissen zwischen innerer Uhr und Schichtarbeit. Er erlebt eine Art dauernden Jetlag. Er ist ständig am Fliegen und erreicht sozusagen nie den Zielort. Wer dauerhaft nachts arbeitet, kommt mit dem umgekehrten Rhythmus eher zurecht.

Beobachter: Die meisten Nachtarbeiter wechseln immer zum Tagesrhythmus. Braucht es diese Umstellung wirklich für den Körper?
Wirz-Justice:
Nein, chronobiologisch wäre es eigentlich besser, wenn sich jemand vollständig auf die Nacht umstellen würde. Das Hin und Her ist das Problem. Man ist ständig durcheinander. Der Schlaf ist dort, der Hunger da, die Stimmung hier – nichts passt mehr zusammen. Und man leidet oft unter Magen-Darm- und Schlaf-Problemen sowie Stimmungsschwankungen.

Beobachter: Die neuen Nachtarbeiter sind meist jünger und empfinden die Nachtarbeit nicht als Problem.
Wirz-Justice:
Für die Jungen ist das lustig – eine gewisse Zeit lang. Und diese Nachtarbeiter haben einen wichtigen Vorteil: Die Arbeit eines DJs zum Beispiel ist nicht so monoton wie die eines Fabrikarbeiters. Das hält wach. Es spielt sicher auch eine Rolle, dass diese Jungen oft Teilzeit arbeiten.

Beobachter: Spielt die Motivation für das Wachbleiben eine Rolle?
Wirz-Justice:
Natürlich kann man die Müdigkeit für eine gewisse Zeit verdrängen – aber lange geht das nicht. Wach sein ist keine Frage des Willens.

Beobachter: Wieso verschiebt sich unsere Aktivphase immer mehr in die Nacht hinein?
Wirz-Justice:
Diese Tendenz kommt von Amerika und raubt uns mehr und mehr den Schlaf. Wir leben in einer 24-Stunden-Gesellschaft, jede Minute Wachsein zählt. Wir arbeiten viel und sind daneben noch sehr aktiv. Da versuchen viele, beim Schlaf Zeit einzusparen. Wer viel schläft, entspricht nicht der Vorstellung eines leistungsfähigen Menschen.

Beobachter: Aber einige Menschen haben mehr Schlaf nötig als andere.
Wirz-Justice:
Das stimmt. Der Spruch «Morgenstund hat Gold im Mund» trifft nicht auf alle zu. Napoleons und Churchills kommen mit vier Stunden Schlaf aus. Es gibt aber auch Leute wie mich, die zehn Stunden Schlaf brauchen; und sie sollten nicht gegen den Körper ankämpfen. Schlafen ist nicht passives Daliegen. Im Gegenteil: Es ist für den Menschen enorm wichtig. Während dieser Phase ist das Hirn sehr aktiv. Schlafen muss vermehrt zur Kultur werden.

Veröffentlicht am 05. Februar 2002