Obstalden im Kanton Glarus, oberhalb des Walensees, sieben Uhr morgens. Christian Gredig sitzt in der Küche des renovierten Bauernhauses, trinkt Kaffee und plaudert mit seiner Frau. Gegen acht Uhr macht er sich auf den Weg zur Arbeit. 75 Kilometer und eine Stunde Autofahrt hat er vor sich, bis er in Zürich-Altstetten auf seinem Bürostuhl sitzt. Für den 41-jährigen Informatiker eine alltägliche Situation, viermal die Woche.

Gredig verbringt seit sechs Jahren jeden Arbeitstag zwei Stunden in seinem Fahrzeug. «Im Auto gewinne ich Abstand von der Arbeit», sagt er. Die See- und die Bergsicht an seinem Wohnort seien es wert, den langen Weg auf sich zu nehmen. «Am Feierabend sage ich jeweils: Ich fahre in die Ferien.»

Stress und Ärger während der Autofahrt sind für Gredig Fremdwörter – auf der Strasse könne er sich sogar entspannen. Die Rushhour meidet er geschickt, indem er am Morgen nach dem Ansturm losfährt und am Abend erst, wenn die meisten Leute schon zu Hause sind.

Stress für Seele und KörperDoch eigentlich müsste Gredig unzufrieden sein. Denn ginge es nach der Studie der Ökonomen Alois Stutzer und Bruno S. Frey vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich, wäre Christian Gredig eine Ausnahme. Die beiden Wissenschaftler haben über 25'000 Leute in Deutschland zu den Bestimmungsgründen ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Das Ergebnis der Studie ist beunruhigend: Je länger Leute pendeln, desto unzufriedener sind sie mit ihrem Leben.

«Besonders gering ist die Lebenszufriedenheit derer, die weit pendeln», sagt Alois Stutzer. «Dieses Ergebnis überraschte uns.» Das Schlimme an der Situation: Die durch das Pendeln bedingte Unzufriedenheit lässt sich nicht so leicht mit höherem Einkommen kompensieren. Für eine Stunde Weg müsste man 40 Prozent mehr Lohn erhalten, errechneten die Wissenschaftler. Auch tiefere Mietzinsen würden nicht voll zur Kompensation beitragen. «An materielle Dinge gewöhnt man sich sehr schnell. Es ist der Stress und der Zeitverlust, der Pendlern zusetzt.» Vor allem die Beziehungen litten unter der Pendlerei.

Der ständige Stress, dem Pendler ausgesetzt sind, wirkt sich laut Alois Stutzer nicht nur psychisch, sondern auch physisch aus. Bei «Extrempendlern» habe man gesundheitliche Beschwerden festgestellt wie Kopfweh, Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Probleme oder Schlafstörungen.

Dies wiederum wirke sich negativ auf die Produktivität aus: «Wer lange Arbeitswege hat, wird häufiger krank und fehlt deshalb öfter», folgert der Wissenschaftler. Der wirtschaftliche Schaden sei allerdings nicht bezifferbar.

Obwohl diese Pendlerstudie in Deutschland durchgeführt wurde, könne vieles auf die Schweiz übertragen werden. Die beiden Ökonomen haben bei ihrer Studie allerdings nicht berücksichtigt, ob die Pendler ihren Weg mit dem Auto zurücklegen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. «Wahrscheinlich gäbe es da Unterschiede», vermutet Alois Stutzer.

«Pendeln wird vor allem dann anstrengend, wenn es unkontrollierbar ist», sagt der Zürcher Wissenschaftler: «Beispielsweise im Stau oder wenn der Zug Verspätung hat.» Das bedeutet Stress. Was das Pendeln laut Studie erträglicher macht, sind flexible Arbeitszeiten. Doch nicht jeder pendelnde Arbeitnehmer kann sich die Zeit selbst einteilen.

Überzeugter Zugpendler ist Clifford Padevit. Für ihn war aber nicht das Landleben ausschlaggebend fürs Pendeln, sondern die Stadt Zürich. Hier lebt er und fühlt sich wohl. «Weshalb sollte ich wegen einer Stunde Zugfahrt nach Bern umziehen?», fragte er sich und blieb deshalb in seiner Lieblingsstadt.

Seit Anfang 2004 lässt sich Clifford Padevit bei der Schweizerischen Depeschenagentur zum Journalisten ausbilden. «Diesem Job zuliebe fahre ich gern nach Bern», sagt der 31-Jährige. «Mein soziales Umfeld ist in Zürich. Der Wohnort ist mir sehr viel wert.» Von Tür zu Tür braucht er 80 Minuten. Und da der Dienstplan oft ändert, ist Padevit zu ganz unterschiedlichen Zeiten unterwegs. Am Morgen liest er im Zug Zeitung, am Abend Bücher oder Zeitschriften.

Auch Clifford Padevit empfindet das Pendeln als entspannend. Nur selten nervt ihn etwas, doch auch für diese Fälle hat er ein Rezept: «Wenn der Zug etwa voller Wandervögel ist, höre ich Musik.» Pendler auf Dauer möchte er trotzdem nicht sein. Für seine neue Stelle, die er im nächsten Jahr antritt, benötigt er nur noch Tram oder Velo – das Büro befindet sich in Zürich.

«Für viele Pendler wird das Provisorium zum Dauerzustand», sagt Alois Stutzer. «Sie schaffen es meistens nicht, etwas an ihrer Situation zu ändern.» Gesellschaftlich sei es deshalb fraglich, ob man das Pendeln weiterhin mit Steuerabzügen subventionieren soll, wenn es denn so schädlich ist.

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Zürich ist der grösste Pendlermagnet
Christoph Merk pendelt nach Zürich. Manchmal mit dem Zug, oft mit dem Auto. Er wohnt mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in Rheinau, einem Dorf ganz im Norden des Kantons Zürich. Seine Arbeitszeiten sind unregelmässig: Merk arbeitet als Sozialpädagoge in einem Kinder- und Jugendheim. Oft hat er Pikett- oder Wochenenddienst und übernachtet im Heim. Einen Weg legt er mit dem Auto in 45 Minuten zurück, mit dem Zug sind es 85 Minuten.

Das häufigste Pendlerziel in der Schweiz ist die Stadt Zürich: Täglich fahren laut der städtischen Statistik rund 180'000 Auswärtige in die Wirtschaftsmetropole – im Schnitt benötigen sie für den Hin- und Rückweg 45 Minuten. Nach der Gesetzgebung über die Arbeitslosenversicherung ist dies durchaus im Rahmen: Erst ein Arbeitsweg von mehr als je zwei Stunden für den Hin- und Rückweg gilt als unzumutbar.

Das Landleben haben Merk, der selber in Rheinau aufgewachsen ist, und seine Frau als Experiment betrachtet. Bald möchten sie wieder in die Stadt ziehen – nach Schaffhausen. «Zürich war kein Thema», so der 33-jährige Vater, «wir haben emotional entschieden.» Das Paar hat vor der Geburt seiner Kinder in Schaffhausen gelebt und dort ein soziales Netz aufgebaut. Ausserdem ist Wohnen dort günstig: Für eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Altstadt bezahlt die junge Familie 1380 Franken monatlich.

Der Job allein wäre für Merk kein Grund, den Wohnort zu wechseln, lieber nimmt er das Pendeln in Kauf. Meistens geniesst er dies sogar: Im Zug könne er abschalten, ein Buch lesen, habe endlich Zeit für sich. «Zu Hause mit den kleinen Kindern komme ich selten dazu.» Im Auto sei es stressiger. Auch er versucht wenn immer möglich, die Rushhour zu meiden. Gereizt fühle er sich zwar manchmal schon, doch führt Merk dies nicht aufs Pendeln zurück: «Meine Arbeit nimmt mich gefühlsmässig sehr in Anspruch. Doch ich versuche, die Zeit zu Hause mit der Familie zu geniessen.» Ob der Aufwand finanziell aufgeht, hat Merk nie ausgerechnet. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) meint nein. In einer Studie über den Immobilienmarkt im Kanton Zürich («Preise, Mieten und Renditen») kommt sie zum Schluss, dass sich eine lange Fahrzeit für nach Zürich orientierte Pendler in der Regel nicht lohnt.

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Pendeln kommt teuer zu stehen
Von Rheinau nach Zürich rechnet die ZKB mit 48 Minuten pro Weg. Und Zeit ist schliesslich Geld. Nimmt man einen Stundenlohn von 42 Franken an und bezahlt die ganze zu erwartende Fahrzeit im Voraus, ergäbe dies bei einem Pendler aus Rheinau im Lauf eines durchschnittlichen Berufslebens 300'000 Franken. Dies ist der Preis für die Zeitkosten aller künftigen Pendlerfahrten nach Zürich; die monetären Fahrkosten sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Konkret heisst das: «Das Durchschnittshaus in Rheinau müsste um mehr als 300'000 Franken günstiger sein als in Zürich», sagt Adrian Lüscher, Finanzspezialist Immobilien bei der ZKB. «Dies ist allerdings eine rein finanzielle Betrachtungsweise», räumt er ein.

Müssten denn nun alle Pendler des Kantons nach Zürich ziehen? «Nein», sagt Lüscher, «aber für Leute mit knapper Zeit – und entsprechend hohen Zeitkosten – lohnt es sich weniger, weit weg vom Arbeitsort zu wohnen. Die jüngste Marktentwicklung zeigt denn auch, dass die Preisunterschiede zwischen Stadt und Land zugenommen haben.»

Trotz körperlichen, psychischen und finanziellen Nachteilen – Pendeln scheint viele nicht zu stören, wie die Beobachter-Stichprobe zeigt. Auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel: Christina Tsouras ist eine unglückliche Pendlerin.

Seit einem halben Jahr fährt die PR-Fachfrau täglich von Luzern nach Schaffhausen und zurück – mit dem Auto. Das junge Unternehmen, bei dem sie arbeitet, kann Tsouras mitprägen. Deshalb ist es für die 36-Jährige klar, dass sie die lange Autofahrt auf sich nimmt. Aber gelassen sieht sie die Situation nicht: «An Entspannung ist überhaupt nicht zu denken. Ich sitze für einen Weg etwa zwei Stunden im Auto und bin jedes Mal total genervt.» Besonders regt sie sich über aggressive Automobilisten auf oder über solche, die «nicht weitsichtig» fahren.

«Ich muss mich mit Radiohören ablenken, dann bin ich lockerer», sagt Tsouras. Auch gesundheitlich hat sie Probleme. «Ich schlafe schlechter und leide unter Rückenschmerzen.» Ihre Beziehungen seien seit ihrem Stellenantritt in Schaffhausen belastet. «Es gibt Freunde, die mir bereits Briefe schreiben mit dem Inhalt: ‹Ich ersuche dich um einen Termin.› Das schmerzt.» Früher ist sie mit dem Zug von Luzern nach Zürich gependelt, hat dabei Zeitung gelesen oder gearbeitet. «Das würde ich jederzeit wieder tun. Aber Auto fahren schwächt mich.»

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Zwei grundverschiedene Konzepte
Die Zugverbindung Luzern–Schaffhausen ist so ungünstig, dass Christina Tsouras das Auto den öffentlichen Verkehrsmitteln vorzieht. Für sie ist der Fall klar – sie sucht sich eine neue Wohnung in Schaffhausen oder in Zürich, was bei ihren Arbeits- und Pendelzeiten nicht ganz einfach ist und viel Geduld braucht.

Ganz anders Christian Gredig, dem Pendler zwischen Obstalden GL und Zürich: Er wohnte früher in Zürich-Wollishofen. Ins Geschäft brauchte er mit dem Tram eine halbe Stunde. Und am Abend dauerte es eine Weile, bis er daheim vom Arbeitsstress «heruntergekommen» war. Den Umzug aufs Land hat er noch nie bereut: Er geniesst am Morgen die Zeit mit seiner Frau, und am Abend ist er «von der ersten Minute an zu Hause».