Sie hat es einfach nicht geschafft, den Mund zu öffnen. Immer wieder hat Marie Therese Ruckstuhl im entscheidenden Moment gehadert - und im Nachhinein an diesem Hätt-ich-doch-nur-Gefühl gelitten. Die 43-Jährige aus Zuzwil SG leitet ein Unternehmen. Dass sie an Redeängsten leidet, merkt man ihr im Zwiegespräch nicht an, ihre kommunikative Art täuscht darüber hinweg. Aber schon beim Gedanken, von mehreren Augenpaaren fixiert zu werden, drücke es ihr die Kehle zu, sagt sie. «Ich habe mir immer gewünscht, hinstehen und erzählen zu können. Besonders vor männlichem Publikum kann ich mich aber kaum überwinden.»

Anfragen für Fachvorträge lehnt die Geschäftsfrau ab, obwohl ihr solche Auftritte nützliche Kontakte bringen könnten. «Mit jedem Mal, mit dem man sich wieder darum herumgeschummelt hat, wird das unangenehme Gefühl stärker - es ist das Gefühl, nicht zu können, was andere scheinbar locker schaffen», erzählt sie. Es hat lange gedauert, bis sich Ruckstuhl überwinden konnte, etwas dagegen zu unternehmen, das Ganze war ihr peinlich. Schliesslich meldete sie sich zu einem Rhetorikkurs für Frauen an.

Thomas Herter, Baumschulist aus Nussbaumen TG, fiel dieser Schritt leichter. Er wollte der Nervosität rechtzeitig ein Schnippchen schlagen, denn ab diesem Herbst drückt der 31-Jährige in Deutschland die Schulbank für die Meisterprüfung. «Die Angst, bei Referaten den Faden zu verlieren, kenne ich noch aus der Schule», sagt der Thurgauer. Er wollte mit dem Kurs vermeiden, dass ihm das - auch wegen des Drucks, Schriftdeutsch sprechen zu müssen - wieder passiert.

Die Angst kann in den verschiedensten Situationen plötzlich da sein. Zum Beispiel an der Gemeindeversammlung: Man will kritisch nachhaken - getraut sich aber nicht. Oder im Büro des Chefs: Man will ihm ein kreatives Konzept verkaufen - und getraut sich nicht. Oder sogar im Kollegenkreis, wenn alle am Reden sind: Man will von seinen eigenen Erfahrungen erzählen - aber man kriegt den Mund nicht auf. Stattdessen zittern die Hände und pocht das Herz wild, man kann sich nicht mehr konzentrieren - und flüchtet sich in die Stille. Bei manchen läuft im Kopf auch ein Probereden ab - bis die Gelegenheit, etwas zu sagen, definitiv passé ist. Falls Sie solche Situationen kennen, befinden Sie sich in grosser Gesellschaft.

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Nicht nur eine Frage der Routine

Unter Redeängsten - egal, ob im grossen oder kleinen Kreis - leiden viel mehr Menschen, als allgemein angenommen wird. Denn das Kloss-im-Hals-Phänomen hemmt nicht nur Introvertierte. Oft lastet der Erwartungsdruck auf ansonsten kommunikativen Menschen besonders stark, denn wer glaubt ihnen schon, dass auch sie weiche Knie bekommen? In den USA fürchten sich laut Umfragen über 40 Prozent der Befragten vor dem Reden in der Öffentlichkeit, nur 19 Prozent hingegen vor Krankheit oder Tod. «Nur die wenigsten haben das rhetorische Naturtalent eines Christoph Blocher», bestätigt Alice Gehrig, Kursleiterin für Redetraining an der Klubschule Migros Ostschweiz. Sich dem Problem zu stellen sei schwer: «Sprechblockaden haben selten allein mit fehlender Routine zu tun. Mangelndes Selbstvertrauen gestehen sich aber vor allem Männer ungern ein.»

Keine Frage: Im Beisein anderer zu reden ist Kommunikation unter erschwerten Bedingungen. Die Angst, steckenzubleiben, sich zu versprechen, inkompetent zu wirken, sich lächerlich zu machen - all dies treibt den Adrenalinspiegel in die Höhe und löst ein Fluchtverhalten aus. Auch die Angst davor, jemand könnte kritisch nachfragen. «Solche Ängste können im Alltag zu einer grossen Belastung werden», so Gehrig. Oft verunmögliche allein die Vorstellung, vor anderen reden zu müssen, die Freude an einer neuen Aufgabe; die Angst könne sogar so ausgeprägt sein, dass Betroffene deshalb auf eine interessante Stelle verzichten.

Das wäre nicht nötig. Lampenfieber lässt sich beherrschen, Redeangst zumindest auf ein ertragbares Mass reduzieren. Erste Hilfe vor konkreten Redesituationen bieten Rhetorikbücher. Sie stellen den Aufbau von Reden und die persönliche Präsentation in den Vordergrund, geben Tipps zur Beruhigung und Hinweise darauf, was man besser vermeidet. «Nie über etwas reden, was man nicht weiss», zitiert Redetrainerin Alice Gehrig aus dem Nähkästchen der Redekunst. Weitere Grundsätze seien: «Die Zuhörer nicht als Feinde wahrnehmen, sich selber bleiben, Augenkontakt mit einer sympathischen Person im Publikum halten, eigene Erfahrungen einbauen, Pausen einlegen.»

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Kleine Schritte zum Erfolg

Solche «Krücken» erhöhen die Sicherheit, doch die Redeangst ist damit noch nicht aus der Welt geschafft. «Voraussetzungen, sich zu behaupten und sicher zu fühlen, sind Selbstvertrauen und innere Gelassenheit», sagt Jörg-Ulrich Wille, Luzerner Psychologe und Supervisor in Selbstbehauptung und Redetraining. Von auswendig gelernten Sätzen und eingepauktem Standardverhalten, das der Schlagfertigkeit auf die Sprünge helfen soll, hält er wenig. Das Gegenteil von Angst sei Zuversicht, sagt er. Und die lasse sich trainieren (siehe unten: «Vier Schritte zu mehr Selbstsicherheit»). «Um das Angstniveau zu verringern, muss man an die Stelle der Versagensängste Erfolgserlebnisse setzen, die sich abrufen lassen», erklärt der Psychologe. Wer sich also im entscheidenden Moment daran erinnern kann, was er im Leben hinbekommen hat, schöpft Kraft.

Auch die Erkenntnis, dass selbst peinliche Situationen letzten Endes Erfahrungen sind, hilft. Das alles wirkt der Risikobereitschaft entgegen und stärkt das Durchsetzungsvermögen. «Leicht ist das nicht», gibt der Experte zu. Wer die Redeangst überwinden will, sollte Zeit investieren und kleine Schritte gehen, um sich nicht zu überfordern. «Die Kontinuität des Übens schafft den Lerneffekt.»

Wichtig ist der Wille zur Selbstüberwindung. Den Schritt in ein Seminar oder einen Kurs muss jeder selber tun. Dabei sollte man sich vorab informieren, welcher Kurs passt; es gibt Redekurse, bei denen die Technik im Mittelpunkt steht, bei andern wird auf die Selbstreflexion fokussiert. «Meine grösste Angst war, vor die Videokamera stehen zu müssen», erinnert sich Marie Therese Ruckstuhl. Im geschützten Rahmen des Kurses konnte sich die Unternehmerin aber überwinden - und das Herzklopfen aushalten. «Zumal die anderen gar nicht so stark wahrgenommen haben, was ich als derart mangelhaft empfand.» Das habe sie gestärkt und motiviert, weiterzuarbeiten. Auch Thomas Herter resümiert: «Mir hat das Üben ohne Druck viel Sicherheit gegeben.» Die Feuerprobe steht beiden noch bevor. «Aber ich weiss jetzt, dass ich handeln kann», sagt Marie Therese Ruckstuhl.

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Vier Schritte zu mehr Selbstsicherheit

Treibt Ihnen das Reden vor Leuten Schweiss auf die Stirn? Psychologe Jörg-Ulrich Wille gibt alltagstaugliche Tipps für mehr Selbstvertrauen.

  • Ängste aussprechen: Jeder Mensch kennt Angst. Wer sich zu ihr bekennt, kann pragmatisch damit umgehen - wer sie verdrängt, verstärkt den inneren Druck. Wer mit dem Partner oder Freunden darüber spricht, reagiert sich ab und macht sich bewusst, welche «Killerphantasien» von früher allenfalls auf die Gegenwart projiziert werden.
  • Positive Erfahrungen aufbauen: «Potztausend, was hab ich schon geschafft!» Unter diesem Motto mobilisiert man Kräfte und überwindet Ängste. In Rollenspielen lässt sich ohne Gefahr ausprobieren, was passiert, wenn man geradeheraus sagt, was man denkt. Die Risikobereitschaft wächst mit jeder Übung.
  • Frieden mit sich schliessen: Zur Selbstakzeptanz gehört es, anzuerkennen, dass man Grenzen hat und vor manchen Menschen reden kann, vor anderen nicht. Dazu gehört auch, sich einzugestehen, dass man nicht jede unangenehme Situation meistern muss. Man darf ausweichen und ist dennoch okay.
  • Mutig sein: Im Alltag kann man üben, Redeängste im Kleinen zu überwinden. Zum Beispiel im Lift eine fremde Person nach der richtigen Etage fragen, im Freundeskreis die Initiative für die Abendgestaltung übernehmen, im Restaurant höflich die leere Brotschale reklamieren - auch wenn es Überwindung kostet.