Zeitungsinserate, in denen so genannte Aktienmäntel zum Kauf oder Verkauf angeboten werden, sind nicht gerade selten, aber normalerweise sehr unauffällig. Denn das Geschäft ist seit jeher leicht anrüchig und nur bedingt legal. Zudem geraten die Anbieter immer mehr ins Visier der Geldwäscherei-Bekämpfer. Der Grund: Inaktive oder liquidierte Aktiengesellschaften sind in einschlägigen Kreisen begehrte Vehikel für dubiose Finanztransaktionen (siehe hier).

Die Annoncen aber, die diesen Frühling wochenlang von immer demselben Auftraggeber im «Tages-Anzeiger» geschaltet werden, fallen auf: «Schweizer AG zu kaufen gesucht», «Inaktive AG sofort zu kaufen gesucht – seriöse Barabwicklung» und «AG in der Krise – Übernahme Ihrer AG mit allen Problemen, Verbindlichkeiten und Verpflichtungen», heisst es da in mehrfacher Ausführung und grossen Lettern. Wer steckt dahinter?

Die Spur führt in den Kanton Zug
Die in den Inseraten angegebenen, nirgends registrierten Natelnummern führen zu einem gewissen D. «Wenn Sie mir einen Handelsregisterauszug und die letzte Bilanz schicken, unterbreite ich Ihnen sofort eine Offerte – Aktien gegen Bargeld», erfährt der potenzielle Kunde am Telefon. Als Postadresse nennt D. eine Firma namens Sonst AG im zugerischen Baar, als Faxverbindung eine Nummer, die auf eine Sunstone AG an derselben Adresse in Baar eingetragen ist.

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D. sitzt seit wenigen Wochen im Verwaltungsrat der Sonst AG – als einziges Mitglied. Im letzten Januar wurde bei der 1979 gegründeten und mit einer Million Franken Aktienkapital ausgestatteten Firma ausser dem Namen praktisch alles ausgewechselt: Verwaltungsrat, Geschäftsleitung, Revisionsstelle, Domizil. Offenbar handelt es sich um eine einst stillgelegte, jetzt unter neuen Besitzern reaktivierte AG. Als Geschäftsführer amtet ein gewisser L. aus Deutschland.

D. und L. tauchen noch in einer ganzen Reihe weiterer solcher Firmen auf, zum Beispiel in der LTC Splendid Marketing AG in Kloten ZH. Diese Firma hiess bis Ende Februar Jürg Neukomm AG. Geändert wurde nicht nur der Name, die neuen Eigentümer wandelten auch die bisherigen Namenaktien in Inhaberaktien um. Das erleichtert den Weiterverkauf.

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Seit vergangenem Dezember haben D. und L. auch bei der Firma Texagent AG in Schwerzenbach ZH das Sagen: Hier wurden ebenfalls Verwaltungsrat, Revisionsstelle und Geschäftsführung in einem Aufwisch ausgewechselt. Knapp ein Dutzend Firmen umfasst das Portefeuille von D. und L. inzwischen.

Darunter finden sich allerdings auch Neugründungen, etwa die LTC Investa Management GmbH in Horgen ZH. Diese Firma, laut Firmenzweck hauptsächlich im Bereich «Import und Export von Lebensmitteln» tätig, legt Wert auf absolute Diskretion: Ein Telefonanschluss existiert nicht, und auch die im Handelsregister eingetragene Geschäftsführerin – angeblich wohnt sie in Horgen – ist in der ganzen Schweiz nirgends zu finden. Und Diskretion gilt auch bei Fragen von Journalisten: Die Verantwortlichen der Sonst AG wollten dem Beobachter weder Unterlagen über die Firma zur Verfügung stellen noch Fragen beantworten. Das stimmt misstrauisch.

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Ermittler sind beunruhigt
Inzwischen interessiert sich auch das kantonale Verhöramt Zug für das sonderbare Firmengebilde rund um die Sonst AG. Cyril Widmer, Leiter der auf Wirtschaftsdelikte spezialisierten Abteilung, bestätigt: «Das systematische Aufkaufen von ausrangierten Firmen ist äusserst seltsam. Wir haben diesbezüglich polizeiliche Abklärungen eingeleitet.» Offenbar laufen auch bei anderen Behörden, namentlich in Deutschland, bereits Ermittlungen in dieser Angelegenheit.

Böse Uberraschungen kann es auch für die Verkäufer geben. Oft wollen die dubiosen Firmenaufkäufer nämlich an diesen verdienen. Wer nicht aufpasst, dem präsentieren die angeblichen Sanierer der alten AG plötzlich die Rechnung für eine happige «Entsorgungsgebühr», nachdem sie in den Inseraten noch Bares versprochen haben. Das gilt besonders, wenn noch Schulden oder andere Verbindlichkeiten vorhanden sind.

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Was aber soll der Besitzer denn tun, wenn er von seiner maroden AG genug hat? Der Nidwaldner Verhörrichter Tobias Kauer, in drei Innerschweizer Kantonen Spezialist für Wirtschaftsdelikte, rät dringend ab, auf solche Kaufangebote einzutreten: «Eine nicht überlebensfähige Firma sollte schicklich bestattet, also sauber liquidiert und im Handelsregister gelöscht werden.» Auch wenn die Verlockung gross ist, durch einen Verkauf das Stigma eines Konkurses zu vermeiden.


«Eine Reale Bedrohung»

Früher wurden Aktienmäntel vor allem gehandelt, um Eigenkapital, Gründungskosten und Stempelsteuern zu sparen. Heute sehen Fachleute in diesem Geschäft «eine reale Bedrohung» durch mafiöse Kreise: Rund 300 serbelnde oder inaktive Schweizer Aktiengesellschaften, so schätzte 1999 die ehemalige Bundesanwältin Carla Del Ponte, seien durch Ubernahme oder Geldzuflüsse bereits in die Kontrolle der organisierten Kriminalität geraten (siehe Artikel in Beobachter 20/99).

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Begehrt sind vor allem Unternehmen, die noch über Restaktivitäten wie bestehende Bankverbindungen, Geschäftsbeziehungen und insbesondere auch über Guthaben bei Dritten verfügen.

Bei den kriminalpolizeilichen Zentralstellendiensten in Bern werden mittlerweile Handänderungen, die auf den Aufbau von Scheinorganisationen mit Scheinaktivitäten hinweisen, registriert: Sämtliche Wechsel werden systematisch im Datenbearbeitungssystem zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität erfasst.