Kilian Wenger, Nachwuchsschwinger

Kilian Wenger, 18, ist Metzgerlehrling aus Horboden BE. Er gilt als grösstes Nachwuchstalent im Schwingsport und errang 2008 nicht weniger als sechs Kränze.

Quelle: Desirée Good

«Das ‹Küken›: So nannten sie mich am letztjährigen Kilchberger Schwinget. Nicht wegen meiner Postur, sondern weil ich mit 17 der Jüngste war. Nur die 60 besten Schwinger dürfen dort in die Hosen steigen. Ich wurde Dreizehnter. Ein tolles Resultat. Meine Lieblingsschwünge sind ‹Kurz› und ‹Gammen›.

Eine Auszeichnung am Eidgenössischen in Frauenfeld 2010, das wärs. Um dies zu erreichen, trainiere ich acht bis zehn Stunden pro Woche, auch im Fitnessraum. Gegen extrem gute Kurzzüger verliere ich noch zu oft. Das will ich im Wintertraining korrigieren. Unser Sport ist professioneller geworden, athletischer. Ohne gezieltes Training ist kein Kranz mehr zu gewinnen. Reich wird man aber auch in Zukunft nicht damit. Doch wichtiger als das Geld ist die Tradition: Alphornbläser, Jodler, Fahnenschwinger, der Festakt – das gehört zum Schwingen wie der Gabentempel. Ich habe schon zwei Kälber gewonnen. Ich glaube, die leben sogar noch. Letztes Jahr habe ich allerdings meist auf die Bilderrahmen mit den ‹Nöötli› drin gesetzt statt auf die Treichlen, Glocken und so – ich brauchte das Geld für die Autoprüfung.

Bei uns im Simmental ist der Schwingsport tief verwurzelt – auch bei der Jugend. 16-Jährige kommen im Ausgang auf mich zu, gratulieren, klopfen mir auf die Schultern. Die Welt da draussen ist doch so verrückt kompliziert, so oberflächlich, ‹glänzig›. Da besinnen sich die jungen Menschen eben wieder auf die alten Werte, auf das, was man hat und kennt. Das heisst aber nicht, dass man wie ein Ewiggestriger leben muss. Ich fahre ein neues Auto, kleide mich modern – aber ich bin kein Ausgeflippter, höchstens im Sägemehl. Mein sportliches Vorbild ist Bode Miller. Seine draufgängerische, wilde Art gefällt mir. Alles oder nichts: Das ist es. Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Was ich mir von einer Fee wünschen würde? Hm, schwierig. Vielleicht: Gesundheit; am Boden bleiben; das Leben geniessen. Nichts Spektakuläres.»

Heidi Happy, Musikerin

Heidi Happy, 27, heisst eigentlich Priska Zemp. Die Singer/Songwriterin aus Luzern gilt als eine der ausdrucksstärksten neuen Stimmen in der Schweizer Musikszene.

Quelle: Desirée Good
Anzeige

«Kürzlich habe ich eine Anfrage für ein Konzert in einem Jahr erhalten. Mir fällt schwer, in solchen Fällen zuzusagen. Zu wissen, dass ich in einem Jahr zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein muss, stresst mich. Kommt hinzu, dass erwartet wird, dass ich dann eine bestimmte Art von Musik machen werde, in einer festgelegten Formation. Ich würde mir lieber überhaupt keine Gedanken über die Zukunft machen und alles so nehmen, wie es kommt.

Allerdings bekomme ich die Folgen davon gerade jetzt deutlich zu spüren. Das Leben droht mir ein wenig über den Kopf zu wachsen. Ich schaffe es nie, einen vernünftigen Ausgleich zu finden, lebe ständig in Extremen: Entweder alles läuft schnell, ist intensiv und entsprechend ungesund, oder das Leben schläft ein, ist beschaulich, dafür langweilig – ein Dazwischen gibts nicht. Befinde ich mich im einen Extrem, sehne ich mich nach dem anderen.

Anzeige

Aktuell bereite ich wieder ein paar Schritte ins Ausland vor, verhandle mit Labels in Kanada und Holland. Was dabei erfolgsmässig herauskommt, ist nicht so wichtig. Wichtig sind die Erlebnisse. Und – ich muss mal wieder raus aus der Schweiz. Bin ich zu lange hier, werde ich zappelig. Man muss sein Land ab und zu verlassen, um es wieder schätzen zu lernen.

Dass Musik einst mein einziges Standbein sein würde, wagte ich früher nicht zu träumen. Und nun hat es sich so ergeben. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass so viel Organisatorisches dazu gehört. Ich hätte gern mehr Zeit zum Komponieren – irgendwo auf einem Landsitz in Südfrankreich, das wäre schön! Aber stattdessen teile ich täglich allen möglichen Leuten meine leeren Seiten in der Agenda mit, damit auch diese aufgefüllt werden.

Die Welt will planen; es nützt mir nichts, dass ich gewollt kinderlos und unabhängig bin. Auch Eltern sind potentielle Zuhörer. Und die müssen rechtzeitig einen Babysitter organisieren. Das Programmheft muss also ein halbes Jahr im Voraus gedruckt werden. Ein gutes Foto muss her und ein fesselnder Kurzbeschrieb – die Leute wollen sich ein halbes Jahr vorfreuen können. Von mir wird dasselbe erwartet.

Anzeige

Meine Mutter ist Sopranistin. An ihr habe ich gesehen, dass es möglich ist, von der Musik zu leben, und dass man auch als Frau seine Träume verwirklichen kann. Das Glück, seinen Traum zu leben, verdrängt den Stress. Ich geniesse jedes Konzert, und ich brauche die Musik, damit es mir gut geht. Ich freue mich über jede CD, die ich für einen Babysitter unterschreiben darf, und über jede Nase im Publikum, die sich ein halbes Jahr vorgefreut hat.»

Louisa Lamour, Pornodarstellerin

Louisa Lamour, 22, ist die erfolgreichste und bekannteste Pornodarstellerin der Schweiz.

Quelle: Desirée Good
Anzeige

«Mit 15 Jahren Nutte, mit 18 Pornodarstellerin; macht sich jemand wie ich überhaupt Gedanken über die Zukunft? Sie werden staunen: ja. Deshalb habe ich entschieden, ab jetzt nur noch mit meinem Freund zu schlafen. Ich steige aus dem Hardcoregeschäft aus. Definitiv. Nicht, dass ich mich schäme für das, was ich bisher gemacht habe. Im Gegenteil: Ich bin stolz darauf. Andere Frauen haben mit 40 noch keinerlei Lebenserfahrung gesammelt. Ich bin 22 und habe schon viel erlebt.

Aber Pornodarstellerin, das ist nichts für die Zukunft. Man kann ja später einmal nicht sein Kind am Morgen in die Schule fahren, dann bei einem Casting vor der Kamera die Hosen runterlassen und anschliessend dem Kind das Essen kochen, als wäre nichts passiert. Nein, mein Kind soll einmal unbelastet aufwachsen. Dass die Mutter in Pornofilmen mitspielt, so was spricht sich an einer Schule ja schnell rum. Meine Eltern jedoch hatten keine Mühe mit dem, was ich machte. Sie sagten: ‹Tu, was dir gefällt, aber pass auf, dass du nicht verarscht wirst.› Mit meinen Eltern habe ich echt Glück gehabt.

Anzeige

Ein weiterer Grund für den Gang in die Pornorente: Die Arbeit lohnt sich schlicht nicht mehr. Früher konnte ich von meinen Gagen sehr gut leben. Inzwischen ist das Geschäft völlig zusammengebrochen. Die Honorare für Darstellerinnen sind im Keller. Wer will schon für eine DVD bezahlen, wenn er den Film im Internet gratis zu sehen bekommt. Nein, ich will mich nicht für ein Butterbrot ausnutzen lassen. Dem horizontalen Gewerbe werde ich allerdings treu bleiben. Ist ja grundsätzlich eine Branche mit Zukunft; geliebt wird immer und dabei zugeschaut auch.

Momentan tanze ich in verschiedenen Sexklubs, stöhne für Geld beim Telefonsex und führe Hausfrauen ein in die Welt der Liebesspielzeuge. Sie kennen vielleicht Tupperware-Partys – ich mache das Gleiche, nur eben mit Dildos. Aber vorgeführt werden die Dinger da nicht, zum Ausprobieren haben die Kundinnen später ja noch genügend Zeit.

Anzeige

Als Kind wollte ich unbedingt Model werden. Ich versuchte es auch als Coiffeuse, doch in der Lehre kam ich mir vor wie eine Sklavin, die allen hinterherputzen muss. Ich hielt es nur drei Monate aus. Tja. Und dann sprach mich eben dieser Pornodarsteller an. Er wollte einen Film drehen und suchte dafür willige Darstellerinnen. Ich stach ihm offensichtlich ins Auge, nachts, allein in sexy Kleidern auf den Strassen Basels. Was tat ich da wohl? Ich sagte zu – aus Spass an der Sache. Wirklich. Ich liebe Sex. Schon nach dem ersten Mal mit 13 wusste ich: Ich will mehr davon. Mein Motto lautet: ‹Ficke nicht dein Leben, lebe deinen Fick.› Der Spruch kommt gut an, wurde schon oft geklaut. Ich hätte ihn schützen lassen sollen.»

Sarah Bühlmann, Schauspielerin

Sarah Bühlmann, 28, spielt in der Ärzteserie «Tag und Nacht» des Schweizer Fernsehens eine junge Psychologiestudentin. Sie lebt in Basel.

Quelle: Desirée Good
Anzeige

«Jeden Monat stehe ich einmal am Punkt, wo ich mich frage: Wohin? Wie geht es weiter? Ich lasse mich gern auf Neues ein. Was ich nicht mag, sind Warteschlaufen. Deshalb war die Zeit nach den Dreharbeiten für die Ärzteserie ‹Tag und Nacht› so unangenehm. Sieben Monate hatten wir für die erste Staffel gedreht. Eine intensive, nicht nur lustige Zeit. Eine TV-Serie steckt Schauspieler in ein Korsett. Für Kreativität und Spontaneität ist kaum Platz. Und dann stand plötzlich alles still. Niemand wusste, wie und ob es überhaupt weitergehen würde. Jetzt ist wenigstens das klar. ‹Tag und Nacht› ist Geschichte.

Und jetzt? Keine Ahnung. Ich habe mir die Zukunft nie konkret ausgemalt. Es ist immer alles passiert in meinem Leben, und damit bin ich bisher gut gefahren. Vielleicht mag ich deshalb keine Keller: Ich möchte meine Siebensachen packen können, wenn sich etwas ergibt. Oder zumindest so frei sein, um schnuppern zu können an dem, was mir im Leben gerade vor die Nase läuft. Dabei stelle ich weniger Ansprüche an die Zukunft generell als an die jeweiligen Momente. Ich möchte zufriedene, glückliche Tage erleben. Das ist nicht viel und irgendwie eben doch alles.

Anzeige

Allerdings habe ich als Teenager geglaubt, mein Leben würde gradliniger verlaufen: mit 25 ein fester Job, ein Haus, eine Familie. Jetzt bin ich 28, und so vieles ist offen. Doch das ist immer noch besser, als sein Leben in Etappen zu planen. Dann wartest du ständig darauf, bis was passiert, bis es endlich losgeht – und merkst gar nicht, dass das Leben längst begonnen hat.

Und sowieso: Wer hätte schon gedacht, dass ich mal Schauspielerin werde? Ursprünglich habe ich Kulturwissenschaften studiert und arbeitete nebenbei als Pizzakurierin. Aus einer Laune heraus meldete ich mich für einen Laien-Theaterkurs an. Nach der Abschlussvorstellung bekam ich ein Angebot des Jungen Theaters Basel. Dem einen folgte das andere.

‹Wow, spannend›: Wenn ich erzähle, dass ich Schauspielerin und gerade im Schweizer Fernsehen zu sehen bin, finden die Leute das unglaublich toll. Doch was ist so besonders daran? Ist es so viel aussergewöhnlicher, als wenn jemand ein eigenes Bett geschreinert hat? Nein. Für die Zukunft der Schweiz wünsche ich mir, dass die Menschen zufriedener durchs Leben gehen. Wir neigen dazu, nicht zu sehen, was wir eigentlich haben. Wenn man uns fragt, wies geht, sagen wir: Es muss. Nein, das muss eben nicht.»

Anzeige

Marco Siegrist, Jungunternehmer

Marco Siegrist, 31, ist Chef der Advanced Metal Technology AG, einer Spin-off-Firma von ETH und Awtec. Er lebt in Berikon AG.

Quelle: Desirée Good

«Wer über Metallisches Glas spricht, bemüht schon mal den Vergleich mit der Quadratur des Kreises. Nicht ohne Grund: Der Werkstoff ist fester als Stahl, fast so elastisch wie Gummi und zu verarbeiten wie Kunststoff. Damit eröffnet er ganz neue Perspektiven etwa in der Medizinaltechnik, der Sensortechnik oder in der Mikromechanik. Mit unserem Start-up-Unternehmen soll das metallische Glas nun den Weg aus dem Labor in die Industrie, zum Anwender finden. Die Chancen, dass sich dieser neue Werkstoff etablieren wird, stehen gut. Das sahen auch die Jurys der De-Vigier-Stiftung und von Heuberger Winterthur so, die uns mit den wohl bedeutendsten Jungunternehmerpreisen des Landes ausgezeichnet haben.

Anzeige

Doch so zauberhaft die Materialeigenschaften und die Bezeichnung ‹metallisches Glas› auch klingen mögen: Ganz alle Wünsche kann der Werkstoff nicht erfüllen. So hat uns mal ein begeisterter Schiffsbauer angerufen, der von Schiffsrümpfen träumte, durch die hindurch man den Fischen beim Schwimmen zusehen kann. Metallisches Glas ist zwar vieles, aber durchsichtig nicht. Es gleicht einem einfachen, normalen Stück Metall. Es ist sozusagen das Aschenbrödel der Werkstoffe: auf den ersten Blick völlig unspektakulär.

Im Lauf des Jahres wollen wir eine Produktion für erste einfache Serienteile aufbauen. Dafür suchen wir Investoren. Um das erste Produkt auf dem Markt etablieren zu können, benötigen wir zirka zwei Millionen Franken. Trotz Jungunternehmerpreisen ist die Kapitalsuche kein Spaziergang. Der Markt für Venture-Capital ist in der Schweiz völlig ausgetrocknet, der Zeitpunkt für die Kapitalsuche angesichts der Krise denkbar schlecht. Für die Zukunft der industriellen Schweiz ist es aber zentral, dass in technisch hochstehende Nischenmärkte investiert wird. Alles andere kann der Osten ebenso gut und vor allem kostengünstiger. Der Fokus muss in der Schweiz bei der Förderung dessen liegen, was die Grundlagenforschung an vielversprechenden Technologien entwickelt.

Anzeige

Trotz Finanzkrise bin ich optimistisch. Wenn die Schweiz ihre Trümpfe wie Qualität und neue Technologien ausspielt, wird die Industrie weiter aufblühen. Ich will meinen Teil dazu beitragen und investiere dafür meinen ganzen Elan. Ich freue mich darauf, selber ein Team aufzubauen. Der gemeinsame Erfolg, die Realisierung eines gemeinsamen Traums bedeuten für mich die Welt – und die Zukunft.»

Bastien Girod, Nationalrat, Grüne

Bastien Girod, 28, sitzt seit 2007 für die Grünen im Nationalrat. Er ist Umweltnaturwissenschaftler und schreibt an der ETH seine Doktorarbeit. Er wohnt in Zürich.

Quelle: Desirée Good
Anzeige

«Ich gehörte als Kind stets zu den Kleinsten und Jüngsten der Klasse; Vielleicht habe ich deswegen eine etwas grosse Klappe. Die Triebfeder meines politischen Engagements ist jedoch eine andere – vor allem das Wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Und die Erkenntnis, dass es Lösungen gibt, dass eine nachhaltige Entwicklung möglich wäre und dass auch ich etwas verändern kann für eine bessere Zukunft. Im Szenario ‹Weiter wie bisher› bin ich ziemlich pessimistisch: Das Vernichten und Zubetonieren von fruchtbaren Böden und im Gegenzug die Zunahme der Erdbevölkerung sowie die ungebremste Klimaerwärmung bergen enormen sozialen und wirtschaftlichen Sprengstoff. Die Schweiz ist zwar noch relativ gut aufgestellt und könnte vielleicht mit einem blauen Auge davonkommen. Aber global betrachtet, ist die momentane Entwicklung verheerend.

Anzeige

Just die Finanzkrise hat uns gelehrt, dass eine gewisse Regulierung auch der Wirtschaft im Interesse der Allgemeinheit ist. Deshalb ist die Politik gefragt, in Zukunft noch stärker als heute. Entweder sie übernimmt mehr Verantwortung – oder sie versagt. Die Wahl von Barack Obama war ein gutes Zeichen. Sie markiert das Ende der Laisser-faire-Politik, und sie ist ein Votum für eine Politik, die sich einmischt und sich um das soziale, wirtschaftliche und ökologische Gleichgewicht kümmert.

Und doch: Umweltschutz wird nie verzichtbar. Es wird immer ein Monitoring brauchen, das die wirtschaftliche Entwicklung auf ihre Nachhaltigkeit prüft und korrigierend einwirkt. Natürlich lässt sich im Umweltschutz leichter konsequent reden als konsequent handeln. Aber ich versuche privat das zu leben, was ich politisch einfordere. Aber ich bin kein Lustfeind, kein Körnlipicker: Ich mag zum Beispiel gute Actionfilme. Und ich bin fasziniert von meinem iPhone; so viel Spass für so wenig Energie, was will man mehr?
Wenn ich nicht Umweltnaturwissenschaftler geworden wäre, dann wohl Maschineningenieur. Ich würde gern einmal eine Maschine erfinden, die einem den Alltag leichter macht. Wie bei Wallace & Gromit: dieses Ding, das einem am Morgen die Kleider anzieht, die Zähne putzt und gleich noch das Brötchen streicht. Eigentlich bin ich ein fauler Kerl mit einem Faible für technische Geräte.

Anzeige

Wo ich mich in zehn Jahren sehe? Meine politische Karriere kann ich genauso wenig allein beeinflussen wie meine familiäre Zukunft. Deshalb beschränke ich mich bei diesem Ausblick auf meine berufliche Laufbahn: In zehn Jahren bin ich ein anerkannter Experte in Sachen Zukunftsforschung. Passt doch zum Thema.»

Emilie Meldem, Modedesignerin

Emilie Meldem, 25, absolvierte nach der Matur eine vierjährige Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Sie lebt und arbeitet in Basel.

Quelle: Desirée Good

«Als Teenager wollte ich das Leben überspringen und direkt 60 Jahre alt sein – gesetzt, erfahren, in den Erinnerungen lebend. Ich war wie die meisten kein besonders glücklicher Teenager. Heute bin ich optimistischer, auch wenn der Weg, den ich eingeschlagen habe, kein einfacher ist.

Anzeige

Als junge Schweizer Designerin in der Modebranche Fuss zu fassen ist schwierig. In der Schweiz geniesst man erst Anerkennung, wenn man sich im Ausland einen Namen gemacht hat. Aber was soll ich dort, in Basel habe ich Freunde, kenne Grafiker, Fotografen und andere Kreative, die sich gegenseitig unterstützen. Im April habe ich hier an der Hochschule für Gestaltung und Kunst mein Diplom gemacht. Für die Abschlusskollektion bekam ich einen Förderpreis vom Bundesamt für Kultur: 20'000 Franken. Die habe ich sofort in eine Industrienähmaschine gesteckt.

In meiner momentanen Situation möchte ich bei den Entwürfen so wenig Konzessionen machen wie möglich. Ich muss meinen Stil vorantreiben, zeichnen, entwerfen, mein Portfolio ausbauen und an Wettbewerben teilnehmen – und hoffen, so irgendwann einen Job zu finden oder zumindest ein halbwegs passabel bezahltes Praktikum. Mit der Zukunftsangst ist das bei mir so eine Sache. Solange ich weiss, was ich will, gehts. Doch sobald ich ins Grübeln gerate, kriege ich Panik.

Anzeige

Die Preise der vergangenen Monate haben mir gutgetan, sind eine Wertschätzung und eine Ermutigung, weiterzumachen. Nur: Bisher konnte ich bei meiner kreativen Arbeit vom Netzwerk, vom Know-how und von der Infrastruktur meiner Schule profitieren. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Die einfachste Lösung wäre wohl, einen reichen Typen zu heiraten, aber… na ja, Sie wissen schon. Zum Glück gewöhnt man sich an vieles – sogar an eine Wohnung mit Holzheizung und Dusche im Keller, wie ich erfahren durfte. Nur: Kein Geld zu haben ist das eine. Damit allein könnte man noch leben. Doch als Designerin wird man ständig konfrontiert mit den schönen und teuren Dingen des Lebens. Kein einfacher Spagat.

Als Jugendliche fand ich Mode noch peinlich und oberflächlich. Heute sehe ich das anders und gehe gern shoppen. Angetan haben es mir vor allem schöne Kleidchen. Auf Kleidchen stehe ich wirklich, kann nicht genug von ihnen kriegen. Tja, und so bin ich im Sommer eben immer gut angezogen. Im Winter… ja, im Winter trag ich meist Fummel aus dem Brockenhaus und alte Kleider meiner Mutter. Das wird vorerst wohl noch eine Weile so bleiben...»

Anzeige

Die Fotografin

Die Porträts stammen von der Nachwuchsfotografin Désirée Good. Die 26-Jährige hat im Jahr 2008 die renommierte School of Visual Arts in New York abgeschlossen. Sie lebt in Zürich.