1. Home
  2. Augenzeuge Ajrim Wüst: «Manche schreiben Tagebuch, ich packe alles in meine Raps»

Augenzeuge Ajrim Wüst«Manche schreiben Tagebuch, ich packe alles in meine Raps»

Rapper aus dem Justizheim in Oberuzwil SG haben einen Jugendwettbewerb gewonnen. Ajrim Wüst, 18, erzählt, wie die Einweisung sein Leben verändert hat.

«Wer glaubt, er könne ­hier den Krassen markieren, hat schon verloren.» Ajrim Wüst, 18, Kochlehrling und Rapper

Von

Früher war mir alles egal. Ich wollte anders sein. Es allen beweisen. Also kiffte ich, besprayte Wände, klaute Autos. Ich war demotiviert und wütend. Es wäre falsch, zu sagen, dass ich jung und dumm war, denn ich hatte meinen Weg bewusst gewählt. Heute sehe ich die Realität anders und habe begriffen, dass ich mich der Gesellschaft anpassen muss. Denn mein Lebensstil brachte mir nicht die erhoffte Freiheit, sondern Strafen, Bussen und eineinhalb Jahre im offenen Vollzug. Am Anders-sein-Wollen hat sich nichts geändert. Aber am Wie. Seit zwei Jahren rappe ich und verschaffe mir so Anerkennung.

Zu Beginn des vergangenen Jahres, als ich wieder einmal auf dem Weg zur Jugend­anwaltschaft war, da wurde mir klar: So kann mein Leben nicht weitergehen. Damals war ich ganz unten. Ich war ­arbeitslos, hatte die Schule und eine Lehre als Detailhandelsfachmann abgebrochen und geriet immer mehr auf die schiefe Bahn. Damals erhielt ich eine Vorladung wegen acht verschiedener Delikte, die ich innert kürzester Zeit begangen hatte. Die Leute von der ­Jugendanwaltschaft warnten mich und machten mir klar, dass ich bald in den Knast wandern würde, falls ich so weitermachte. Das war heavy. Dennoch konnte ich mich noch nicht damit abfinden, mich anzupassen, Regeln zu befolgen und auf Heimleiter zu hören. Ich rebellierte gegen alles und jeden, wollte nicht ins Heim, glaubte, ich hätte es nicht nötig. Ein Irrtum, wie ich heute weiss.

Wir wollen zeigen, wer wir sind

Zu dieser Zeit begann ich damit, eigene Texte zu schreiben, mein Leben in Reime zu fassen und so alles zu verarbeiten. ­Manche schreiben ein Tagebuch, andere gehen zum Psychiater. Ich packe alles in die Raps und versuche so zu begreifen, was geschehen ist, was ich erlebt und getan ­habe. Das ist meine Art der Therapie.

Da kam die Projektwoche im vergangenen Herbst genau richtig. Wir Jungs aus der Wohngruppe Ikarus entschieden uns, eine CD aufzunehmen. Sie heisst «Platanenflow» und handelt von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Uns war es wichtig, all unsere Geschichten, Erfahrungen und Träume reinzubringen, um den Menschen zu zeigen, wer wir sind. Dabei wurden wir von dem St. Galler Poetry-Slammer Etrit Hasler und den Rappern ­E.S.I.K. und one8seven unterstützt. In nur fünf Tagen nahmen wir 13 Songs auf. In dieser Woche waren wir nicht nur eine Gruppe, sondern vielmehr eine kleine Familie. Wir waren total motiviert und haben alles gegeben – bis zur völligen Erschöpfung.

Einer der beiden Songs auf der CD, die von mir stammen, handelt von meinem besten Freund hier im Platanenhof. In «HomiezZ 4 Life» (Kumpels fürs Leben) beschreibe ich, dass ich alles für ihn tun, ihn bei allem unterstützen würde. Es ist nicht selbstverständlich, hier drin Kollegen zu finden. Die Jungs empfangen dich nicht mit offenen Armen. Im Gegenteil: Es wird ganz genau beobachtet, was du sagst und tust. Wer glaubt, er könne hierherkommen und einen auf grossen Macker machen oder den Krassen markieren, hat schon verloren.

Zufällig habe ich vor einem Jahr einen Flyer für einen Jugendprojektwettbewerb in die Finger bekommen. Die Anmeldefrist war schon abgelaufen, doch vergessen ­habe ich das Ganze nie. Dieses Jahr haben wir uns für den kantonalen Wettbewerb in St. Gallen angemeldet und prompt gewonnen. Die besten vier durften zur interregionalen Ausscheidung, wo auch Jugendliche aus Österreich und Liechtenstein mit dabei waren. Den Sieg haben wir uns zwar nicht mehr geholt, trotzdem bin ich wahnsinnig stolz auf den Auftritt, den wir an diesem Abend hingelegt haben.

Das Projekt war ein Erfolg, den uns ­niemand mehr nehmen kann. Ich konnte beweisen, dass ich mich engagieren kann, wenn ich will. Das mit dem Wollen ist allerdings so eine Sache. Ich bin im zweiten Lehrjahr als Koch hier im Platanenhof. Der Job ist in Ordnung, dennoch könnte ich mich nie so reinhängen wie in dieses CD-Projekt. Inzwischen habe ich aber begriffen, dass gewisse Dinge einfach sein müssen. Und so habe ich mich dazu entschieden, noch bis im Sommer hier im Heim zu bleiben, obwohl ich an meinem 18. Geburtstag – im September – eigentlich hätte gehen können. Doch meine Lehre wollte ich nicht aufgeben, und so suche ich nun fürs dritte und vierte Lehrjahr eine Anschlusslösung ausserhalb des Heims.

Das Leben hier drin hat mich verändert. Ich kam als Rebell, der eine Maske aufsetzte und den Leuten etwas vorspielte. Heute bin ich ruhiger, rede nicht mehr so viel, beobachte lieber. Meine Umwelt, mein Verhalten. In meinem Kopf sind Tausende von Wörtern.

Für jeden gibt es einen Plan

Wenn ich meine Lehre beendet habe, hoffe ich, mir ein Ticket nach Los Angeles leisten zu können. Von dort stammt auch mein Rappername LAB. Er steht für Los Angeles Bloods – eine der zwei grössten Jugendgangs der USA. Früher träumte ich davon, zu dieser Gang zu gehören, im Ghetto zu leben und um mein Überleben zu kämpfen. Hier in der Schweiz musste ich nie für etwas kämpfen, benahm mich daneben und bekam doch immer, was ich wollte. Bis ich alles zerstört habe.

Niemand ist zum Spass auf dieser Welt. Für jeden gibt es einen Plan. Jeder muss sich sein Leben verdienen. Früher waren mir ausser meinem kleinen Bruder und meiner Mutter alle Menschen egal. Doch ich habe es geschafft umzudenken. Ich muss keine Maske mehr aufsetzen. Es hat klick gemacht. Ich habs gepackt.

Veröffentlicht am 17. Dezember 2010

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.