Andere haben ein Ferienhaus im Bünd­nerland. Ich investiere meine Freizeit lieber in «meine» Kids und deren Bands. Ich tue das eigentlich nur für einen einzigen Moment. Jenen nämlich, in dem die Kleinen nach Wochen und Monaten endlich raus aus dem Probekeller und rauf auf die Bühne gehen und ich in ihren Gesichtern sehe, wie stolz und glücklich sie sind. Das ist mein Lohn. Das ist der Augenblick, in dem ich zu mir sage: Der Aufwand hat sich gelohnt.

Eigentlich bin ich ein ganz gewöhnli­cher Gitarrenlehrer. Klassische spanische Gitarre. Als ich vor Jahren einmal meine E-Gitarre mit in den Unterricht an der Musikschule im Zürcher Seefeld nahm, wurden die Schüler neugierig. Sie wollten wissen, wie man darauf spielt, wie sie klingt. Es ging nicht lange, und ich unterrichtete mehrere der Jungs in elektrischer Gitarre.

Drei Akkorde, und es kann losgehn

Wenn die schon so tüchtig proben, dann machen wir doch eine Band, dachte ich mir damals. Drei Akkorde, eine Melodie, ein Songtext, dazu ein Bassist, der seine Griffe einigermassen beherrscht, und ein Schlagzeuger, der den Takt halten kann – mehr braucht es dazu anfangs nicht. So entstand vor rund fünf Jahren die Gruppe Summit, in der auch mein heute 17-jähriger Sohn Julian spielt.

Am Anfang herrschte das reine Chaos. Doch ich wollte trotz dem Durcheinander nicht zu früh eingreifen. Die Jugendlichen sollten die Möglichkeit haben, ihren eigenen Weg zu finden. Das taten sie überraschend schnell, und so blieb es nicht lange bei den drei Akkorden. Die Jungs legten sich ins Zeug, probten pausenlos und gewannen 2007 prompt den «Band it»-Wettbewerb des Kantons Zürich. Sie nehmen jetzt ihre erste Platte auf und können bereits auf mehrere Konzerte in der Schweiz und in Deutschland zurückblicken.

Genau diese magischen Momente und Ereignisse sind es, zu denen ich den Jugendlichen verhelfen möchte. Sie prägen einen fürs Leben. Ich weiss, wovon ich ­rede. Mit meiner Band Frostschutz stand ich in den achtziger Jahren immer wieder auf grossen Bühnen. Der Höhepunkt war der Gig als Vorband von Nena. Es war im Juni 1983, im Basler Joggeli. Da stand ich also, ein 25-jähriger Jüngling, der wie 18 aussah. 15'000 Zuschauer riefen mir entgegen. Es war überwältigend. Ich kann mich noch heute – 30 Jahre danach – an jedes Detail erinnern. Wie ich in die ersten zehn Reihen schaute und die Leute musterte, wie die Scheinwerfer auf meine Stirn strahlten und Schweissperle für Schweissperle über mein Gesicht lief. Ich erinnere mich sogar noch an den Geruch: Es roch nach Mensch und Rauch, nach Holz und Metall. Ich war mir damals sicher: Das ist der Duft der grossen, weiten Welt.

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Diesen kleinen Eindruck der grossen Welt sollen auch meine Kids erhalten. Obwohl ich mich als ihr Trainer sehe und sie unterstütze, wo ich nur kann, ist es mir den­noch wichtig, dass sie begreifen, wie wichtig harte Arbeit ist, um seine Ziele zu erreichen. Nur darüber reden, das reicht nicht. Und Starallüren sind absolut fehl am Platz. Da bin ich streng und verlange auch schon meinen Jüngsten einiges ab. Diese sind momentan in der vierten Klasse und bilden die Formation Die Optimisten. Daneben coache ich auch noch Shambolic, The Bullet und drei weitere neue Bands.

All diese jungen Gruppen sind nach dem ersten Erfolg von Summit entstanden. Plötzlich wollten unzählige Kids im Quartier ihre eigene Band gründen und baten mich um Hilfe. Mädchen sind praktisch keine dabei. Die wollen am liebsten singen, und dafür muss erst einmal eine rechte Band bereitstehen. Ich wurde in kür­zester Zeit Betreuer von sechs Nachwuchsbands. Die ersten Jahre machte ich das komplett unentgeltlich. Seit zwei Jahren aber entlöhnt mich nun die Jugendmusikschule Zürich für meine Arbeit als Band-Supporter, die ich neben den offiziellen Musikstunden leiste.

Rocken bis ins Altersheim

Mit dem «Lauter»-Festival konnte ich nun gemeinsam mit den Jugendlichen und der Musikschule eine Plattform für all diese Bands schaffen. Mitte April fand die zweite Ausgabe des Jugendmusikfestes statt. Die Jungen haben alles gegeben und eine überzeugende Show geliefert. Die Leute waren begeistert – und ich unglaublich stolz. Auch bei diesem Anlass habe ich ihnen klar­gemacht, dass es nur mit Teamwork funk­tioniert. Das haben sie sich zu Herzen ­genommen und ganze Arbeit geleistet. ­Jeder hat mit angepackt. Die Grossen schleppten die Anlagen, die Kleinen halfen beim Dekorieren.

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Langsam werden die Jungen älter. Die Interessen verschieben sich, doch die ­Liebe zur Musik bleibt. Es gibt Schüler, die täglich zur Bandprobe gehen und das Gymnasium dennoch mit Bravour bewältigen. In meinen Augen hat das vor allem damit zu tun, dass sie dank der Musik gelernt haben, richtig zu arbeiten und ihre Ziele hart­näckig zu verfolgen. Nicht zuletzt ent­stehen innerhalb der Bands auch enge Freundschaften, die ihnen hoffentlich bis ins hohe Alter erhalten bleiben.

Mir ging es mit Frostschutz jedenfalls so. Wir treffen uns auch heute noch wöchentlich zur Bandprobe. Diese Freundschaften haben Ehen und Jobs überdauert und dabei an Stärke nie verloren. Wahrscheinlich werden wir uns auch in 30 Jahren noch zu unseren Bandproben treffen – dann wohl einfach im Gemeinschaftsraum eines Altersheims. Und genau das ist es, was ich meinen Jungen wünsche: dass sie die Freude an der Musik ihr ganzes Leben lang begleiten wird.