«Zu verschenken: Beobachter-Titelbilder mit Beschrieb. 1934–1970 mit Lücken»: Verfasserin dieser Gratis-Annonce im Berner «Bund» ist Susanna Lutz. «Ich wollte die Bilder nicht einfach ins Altpapier werfen», sagt die 83-Jährige. Sie legt eine Schachtel und ein säuberlich geschnürtes Papierbündel auf den Tisch. Zuoberst liegt ein Alpenpanorama von ­Ferdinand Hodler, darunter sind Hunderte von Beobachter-Titelseiten, die Lutz in fünf Jahrzehnten gesammelt hat, zusammen mit den jeweiligen redaktionellen Über­legungen «zu unserem Titelbild».

Bis 1931 zierten meist Stadt- und Landschaftsbilder die Titelseite – Auftragsarbeiten, «die von Künstlern besonders für die Erfordernisse der Druckmaschine des Beobachters gemalt waren». In der letzten Nummer jenes Jahres wagte der Beobachter erstmals, «ein klassisches Gemälde als Titelbild abzudrucken. Wenn es gelingt und Anklang findet, wird er das noch weiterprobieren», schrieb der Chefredaktor.

«Erster Kontakt mit der Malerei»: ­Susanna Lutz mit ihrem Lieblingsbild

Quelle: Tomas Wüthrich
Anzeige

Schon ihre Mutter sammelte Titelbilder

Correggios Darstellung der Geburt Jesu stand am Anfang einer Reihe, die sich bis in die achtziger Jahre ziehen sollte. In einer Zeit, als Kunst nicht einfach zwei Mausklicks entfernt war, sties­sen die Reproduktionen bei den Lesern auf grosses Interesse.

«Wie viel Genugtuung dürfen wir da­rüber empfinden, dass wir der Jugend eine Welt erschlossen haben, die ihr früher verschlossen war und deren erzieherischer Wert sich erst im Lauf der Zeit auswirken wird!», schwärmte Kunsthistoriker Albert Baur, der ab 1934 mit Beobachter-Verleger Max Ras die Bilder auswählte und die Beschreibungen verfasste.

Im Fall von Susanna Lutz war Baurs ­Euphorie berechtigt. «Die Titelblätter waren mein erster Kontakt mit der Malerei. Anfangs muss aber meine Mutter die Blätter gesammelt haben – 1934 war ich erst fünf Jahre alt.» Ihre Mutter wäre gern Malerin geworden, so Lutz, doch der strenge ­Vater bestand auf einer Postlehre. Also nahm sie Malstunden, und der Beobachter stillte ihren Wissensdurst.

Anzeige

Auch Susanna Lutz liess die Welt der Bilder nicht mehr los. «Im Gegensatz zu meiner Mutter bin ich malerisch nicht sehr begabt. Aber ich habe bei der Lektüre der Bildbesprechungen viel gelernt – die Auswahl war ja sehr breit, sehr vielseitig.»

Von Michelangelo bis Franz Gertsch

Baur hievte Werke alter Meister wie Michel­angelo und Rembrandt ebenso aufs Cover wie die von Zeitgenossen wie Picasso, Paul Klee, Franz Gertsch. Und besonders häufig Arbeiten von Albert Anker.

Ab Mai 1944 verschwand der kleine «Beobachter»-Aufdruck vollständig vom Titelbild. So konnten die Leser die Bilder in Wechselrahmen fassen.

Die Bilder, die Susanna Lutz gesammelt hat, blieben über lange Jahre im Einsatz. «Ich erteilte als Sprachlehrerin Kurse für ­Erwachsene und habe die Bilder oft im ­Unterricht verwendet.» Auf dem Nachdruck von Albert Ankers «Kinderkrippe» klebt noch immer ein Etikett mit der englischen Übersetzung: «day nursery».

Anzeige

Susanna Lutz’ Sammlung ist nicht mehr vollständig. «Einige Bilder überliess ich bei der Scheidung meinem Mann.» Ihr Lieblingsbild war nicht dabei: Es zeigt den Ausschnitt einer Wandmalerei aus Pompeji – eine junge Frau, die im Vorbeigehen eine Blume pflückt. «Die Anmut dieser Geste hat mich immer fasziniert.»

1980 wurden die Reproduktionen ins Heftinnere verlegt und 1993 schliesslich aufgegeben. In Susanna Lutz’ Sammlung finden sich auch aus dieser letzten Phase einige Titelblätter. «Ich habe sehr bedauert, dass der Beobachter die Bilder eingestellt hat», sagt Lutz. Sie sei halt eine Sammlerin.

Ihre Liebe zur Malerei ist lebendig geblieben. Die Bernerin besucht regelmässig Kunstauktionen. Hin und wieder ersteht sie eine Farblithographie. «Für Originale ist mein Budget leider zu klein.» So blieb ­Susanna Lutz den Nachdrucken treu.

Anzeige