Frans Heusdens geht nach draussen vor die winzige Solvayhütte am Nordostgrat des Matterhorns, 4003 Meter über Meer, 475 Meter unterhalb des Gipfels, und schaut nach unten, dorthin, wo Zermatts Lichter leuchten sollten. Aber der junge Holländer sieht nichts. Es ist dunkel, und dicke Wolken stoppen seinen Blick ins Tal. Kein Laut ist zu hören, selbst der Wind ist endlich still. Plötzlich beginnen die Wolken zu ­glühen. Gelb. Rot. Blau. In allen möglichen Farben. «Halluziniere ich?» Dann fällt ihm ein, dass heute Silvester ist, der 31. Dezember 1979. Die Farben streut das Feuerwerk, dessen Schall die Wolken schlucken. Frans Heusdens ist allein. Vor drei Tagen und sieben Stunden ist sein Kamerad Jonathan Conville neben ihm ins Dunkel gestürzt, knapp 20 Meter von der Nothütte entfernt. Drinnen gibt es ein Funkgerät, aber es funktioniert nicht bei 25 Grad unter null. Das Wetter ist seit Tagen so schlecht, dass er niemanden alarmieren kann.

Treffen unter Extrembedingungen

Unten im Tal feiert der Bergretter Hermann Biner ins neue Jahr. Der 27-Jährige weiss noch nicht, dass er in ein paar Stunden aufgeboten wird, um auf dem Matterhorngletscher nach einem abgestürzten Bergsteiger zu suchen. Niemand in Zermatt hat bemerkt, was sich oben bei der Solvayhütte abgespielt hat. Bloss Paula Biner vom ­Hotel Bahnhof hat ein ungutes Gefühl. Der Holländer und der Engländer, die vor mehr als sechs Tagen zur Matterhorn-Nordwand aufgebrochen sind, sind noch immer nicht zurückgekehrt. Das «Bahnhof» ist wie ein Daheim für junge Bergsteiger. Wenn es die Sicht zulässt, begleitet Paula Biner ihren Aufstieg mit dem Feldstecher. Dieses Mal nicht. Das Wetter war zu schlecht.

Monatelang hatten der 18-jährige Frans und der 27-jährige John, wie Frans ihn nennt, die Tour zum Gipfel des Matterhorns geplant. Nicht auf derselben Route wie alle anderen wollten sie es bezwingen, sondern über die Nordwand. Im Winter. Nur wenige Bergsteiger haben das bisher geschafft. Überall blankes Eis und Schnee, die Tage sind kurz, die Lawinengefahr ist gross. Es gibt kaum Ankerpunkte in der fast senkrechten Wand. Aber Frans und John wollten beweisen, dass sie in derselben Liga klettern wie Alan Rouse, Alex MacIntyre und all die anderen Extrembergsteiger ­jener Zeit. Die beiden hatten sich in der Nordwand des Petit Dru bei Chamonix ­kennengelernt. Das Wetter war grauenhaft, sie mussten biwakieren. Ständig schlugen Blitze in den Fels ein, nur 50 Meter von Frans und John entfernt, und das Gestein wurde brütend heiss. Sie überlebten und beschlossen, fortan gemeinsam zu klettern. Je extremer, desto besser: die Westwand der Aiguille de Blaitière, den Bonatti-Pfeiler oder den Mont Blanc du Tacul – sie bezwangen fast alles, was man damals rund um Chamonix bezwungen haben musste.

Anzeige

Exponierter Unterschlupf: Vier Tage lang harrte Frans Heusdens in der Solvayhütte aus, bis er gerettet wurde. (Foto: Marco Milani)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Namensetiketten in der Unterwäsche

Am Weihnachtsmorgen 1979 verabschieden sich Frans und John von Paula Biner. Gegen elf Uhr fahren sie mit der Luft­seilbahn zum Schwarzsee, schnallen sich die Ski an, steigen bis zur Bergstation des Hörnlilifts auf, klettern von dort Richtung Hörnlihütte, immer dem Grat entlang. Sie übernachten oberhalb des Hirli und erreichen am nächsten Vormittag die Hörnlihütte auf 3260 Metern über Meer.

Frans klettert seit dem zwölften Lebens­jahr, und auch John ist bereit für den Gipfel. Er ist anders als der Rest der Familie; nicht wie seine Eltern, nicht wie seine jüngeren Schwestern Katrina und Melissa. Er liebt das Bergsteigen und hasst die Schule. Eine Karriere in der Pharmaindustrie, wie sein Vater sie gemacht hat, interessiert ihn nicht. Lieber tritt er in die Armee ein, ins British Para­chute Regiment, eine Eliteeinheit, in der sich nur die Stärksten behaupten können. Später geht er nach Schottland und will sich zum Outdoor-Instruktor ausbilden lassen. Jonathans Humor ist tiefschwarz, er liebt Monty Python. Vor dem ersten Nachtsprung als Fallschirmsoldat packt er heimlich Hackfleisch mit Kartoffeln in eine Papiertüte. Alle im Flugzeug sind nervös. Gleich müssen sie in die dunk­le Leere springen. Jonathan tut so, als sei ihm speiübel, er beugt sich über die ­Tüte und würgt theatralisch. Später be­ginnt er seelenruhig, den Inhalt der Tüte zu essen. Den Kameraden wird schlecht, Jonathan bricht in Gelächter aus.

Anzeige

Das letzte Bild von Jonathan Conville

Quelle: Thinkstock Kollektion

Am Morgen des 27. Dezember 1979 sind sie bereit für den Aufstieg. Vor der Hörnlihütte schiesst Frans ein letztes Foto von John. Der dichte Bart und die buschi­gen Augenbrauen lassen den Engländer älter wirken, als er ist. Er trägt seine rote ­Jacke, blaue Überzugshosen, eine Wollmütze, einen Rucksack, ein Seil. Kurz vor seiner Abreise wollte seine Mutter ihm unbedingt noch Namensetiketten in die Socken und Unterhosen nähen. Nach sechs Stunden Aufstieg richten sie beim Beginn des Schrägcouloirs ihr Biwak ein und warten, bis die Nacht vorüber ist. Es ist bitterkalt. John trägt zwei Paar Handschuhe.

Fast den ganzen nächsten Tag benötigen sie, um zum oberen Ende des Couloirs zu gelangen. Noch fast 500 Meter bis zum Gipfel. Bald wird es dunkel sein. Sie beschliessen, ein Biwak einzurichten. Und dann stürzt der Sack mit dem Gaskocher und dem gesamten Proviant für die nächs­ten Tage den steilen Fels hinab. Ohne Gaskocher können sie keinen Schnee schmelzen, haben sie kein Wasser, nichts mehr zu trinken. Von einer Sekunde zur nächsten ist der Gipfel unerreichbar, ein Abstieg ist ausgeschlossen. Sie haben keine Wahl, sie müssen hinüber zur Solvayhütte, obwohl die Querung viel schwieriger ist, als der ­direkte Aufstieg es wäre. Sie versuchen es, aber der Gneis ist zu brüchig, und sie einigen sich darauf, sich zuerst abzuseilen und dann zur Nothütte hochzuklettern.

Anzeige

Der Felsblock scheint sicher, er ist fast so gross wie ein Zugwaggon. Frans befes­tigt ein Seil daran und seilt sich als Erster ab. Zwei Meter. Drei Meter. John steht über ihm. Es ist kurz nach 17 Uhr, die Nacht ist bereits angebrochen. Plötzlich gerät der Block ins Rutschen. Frans fällt, knallt seitlich gegen den Felsen, seine Steigeisen zerbrechen in mehrere Teile. Er kann sich festklammern, aber der Felsblock, auf dem John steht, löst sich vom Matterhorn und donnert 700 ­Meter in die Tiefe. Frans hört John nicht ­schreien. Er sieht ihn nicht fallen, weil es schon dunkel ist. Aber er ist sicher, dass John es nicht geschafft hat. Es ist unmöglich, dass er noch lebt. Er ruft seinen Namen: «John!» Und nochmals, aber der heulende Wind schluckt seine Stimme, und dichter Schnee stiebt durch die Luft.

Quelle: Thinkstock Kollektion
Anzeige

Der Neuschnee verdeckt alle Spuren

John ist abgestürzt, aber er, Frans, lebt. «Shit, ich habe überlebt.» Er darf nicht in einen Schockzustand geraten, das wäre sein Tod. In zwei Stunden schafft es Frans zur Solvayhütte. Das Funkgerät funktioniert nicht. Er harrt eine Nacht aus. Übersteht noch eine. Und noch eine. In der Hütte gibt es nichts zu essen, nichts zu trinken. Er versucht sich warm zu halten, schläft die meiste Zeit unter Decken in seinem Schlafsack. Er träumt von Poulet und Cola. Erst am Silvesterabend beginnt sich das Wetter zu beruhigen. Er geht nach draussen und sieht die Wolken farbig glühen.

Neun Stunden später geht bei der Air Zermatt sein Notruf ein. Am Dienstag, 1. Januar 1980, um 10.30 Uhr wird der 18-jährige Holländer Frans Heusdens aus der Solvayhütte geflogen. Er hat fast zwölf Kilogramm Körpergewicht verloren, hat leichte Erfrierungen am Ohr, gebrochen ist nichts.

Drei Stunden später wird Hermann ­Biner mit einem Polizisten am Matterhorngletscher abgesetzt, 700 Meter unterhalb der Absturzstelle. Er weiss, der Engländer hat den Sturz nicht überlebt. Unmöglich. Mit Sondierstangen suchen sie Meter für Meter ab. Die Gletscherspalten sind von Neuschnee bedeckt. Hermann Biner hat schon einige Leichen geborgen. Es gab Jahre, in denen 20 oder mehr Bergsteiger am Matterhorn ums Leben kamen. Man gewöhnt sich daran. Und man gewöhnt sich nicht daran. Der Engländer könnte überall sein. 20, vielleicht 40 Meter tief in einer Spalte. Oder im Schrund zwischen Gletscher und Fels. Oder ganz woanders. Sie finden einen Handschuh und einen ­Biwaksack. Nach ein paar Stunden geben sie die Suche auf. Es ist zwecklos.

Anzeige

Zeugen der Vergangenheit

Mit dem Rückgang der Gletscher kommt die Vergangenheit zum Vorschein. Ausrüstungsgegenstände, Werkzeug oder Kleidungsstücke geben Aufschluss darüber, wie die Menschen einst gelebt haben. Hunderte, Tausende Jahre vermag das Eis Gegenstände und selbst menschliche Körper zu konservieren. Das Zeitfenster, in dem Gletscherarchäologen fündig werden können, ist auf wenige Wochen im Spätsommer beschränkt. Was heute noch sichtbar ist, kann morgen schon von Schnee oder Geröll bedeckt sein.

2013 hat das Institut für Kulturforschung Graubünden das Programm «kAltes Eis» lanciert, dessen Ziel es ist, Gletscherfunde zu bergen, bevor der Zersetzungsprozess einsetzt. Berggänger sind aufgerufen, Funde sofort zu melden. www.kalteseis.com

Das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zeigt in einer Sonderausstellung Gletscherfunde aus den Alpen – unter anderem den Schweizer «Theo» aus dem 16. Jahrhundert (siehe «Schweizer Gletscherfunde»). «Frozen Stories» ist bis zum 22. Februar 2015 zu sehen. www.iceman.it/de

Zwischen Hoffnung und Trauer

Am selben Abend in einem Landhaus in der Nähe von London. Anne Conville hört in den 19-Uhr-Nachrichten, dass am Matterhorn zwei Bergsteiger verunfallt seien, und nur einer habe überlebt. Eine halbe Stunde später ruft sie bei der Zermatter ­Polizei an, will wissen, ob der Bergsteiger, der in der Nordwand in die Tiefe gestürzt ist, ihr Sohn sei. Der Polizist sagt Ja. Sie will Suchtrupps losschicken. Sie müssen ihren Sohn finden. Vielleicht lebt er noch. Vielleicht hat er sich in irgendeine Höhle retten können. Vielleicht ist er in einer Gletscherspalte gefangen und schafft es nicht mehr heraus. Vielleicht versucht er, den Berg hinabzuklettern, und braucht Hilfe.

Noch Wochen später schreibt sie Briefe an die Polizei in Zermatt und an den Bergretter Hermann Biner. Sie hofft, dass der Gletscher ihren Sohn im Sommer frei­geben wird. Wenn sie doch nur wüsste, wo Jonathan ist. Wenn sie ihn doch nur fänden, wenigstens seinen Leichnam. Vielleicht könnte sie dann begreifen, dass er nicht mehr lebt. Wirklich begreifen. Aber so? Irgendwann versiegen die Briefe aus London.

Anzeige

Jonathans Schwestern Katrina und ­Melissa trauen sich nicht, um ihren Bruder zu trauern. Erst Jahre später wird alles hochkommen, die Emotionen, der Schmerz. Sie wollen ihre Eltern nicht noch mehr belas­ten, versuchen die Lücke zu füllen, die Jonathan hinterlassen hat. Sie rufen eine Stiftung ins Leben, den Jonathan Conville Memorial Trust (siehe «Im Namen des Sohnes»). Anne Conville überwindet den Verlust ihres Sohnes bis zum Ende ihres Lebens nie.

Jonathan Conville vor dem Matterhorn

Quelle: Thinkstock Kollektion

Am Matterhorn werden viele vermisst

In Zermatt beginnt man die Geschichte des jungen Briten zu vergessen. Andere Söhne stürzen ab, andere Mütter schreiben. Am häufigsten die Mutter eines Tschechen, der seit den neunziger Jahren vermisst wird. Am 21. August 2013 ist sich der Air-Zermatt-Pilot Gerold Biner sicher, dass er den Bergsteiger zufällig entdeckt hat. Es ist 14 Uhr, Biner auf einem Transportflug zur Hörnlihütte. Er lässt seinen Blick über das Gelände wandern wie immer, wenn der Gletscher im Spätsommer schneefrei ist. 28 Bergsteiger werden seit 1951 am Matterhorn vermisst und noch etliche mehr aus den Jahren zuvor, in denen man noch keine Statistik führte. Gerold ­Biner hält aber nur nach einem Ausschau: dem Erstbesteiger Lord Douglas, der 148 Jahre zuvor an der Nordwand abgestürzt ist und als Einziger seiner Vierergruppe nicht gefunden wurde.

Anzeige

Gerold Biners Augen sind geschult, er sieht sofort, wenn etwas nicht in die Natur passt, selbst wenn es klein ist wie eine Socke oder unauffällig wie ein Eispickel. Zuerst entdeckt er etwas Rotes und dann eine Hand. Lord Douglas kann es nicht sein, im 19. Jahrhundert trugen Bergsteiger noch keine rote Kleidung. Gerold Biner alarmiert sofort die Polizei. Kurz darauf werden er und ein Polizist am Fuss des Matterhorngletschers abgesetzt, 1200 Meter ­unterhalb der Solvayhütte.

Die rote Jacke ist fast unversehrt, bloss von milchigem Gletschersand bedeckt. An der mumifizierten Hand sind noch alle Fingernägel dran. Sie finden blaue Überzugshosen, Steigeisen, einen zerbroche­nen Pickel, Baumwollunterhosen, eine grüne Trinkflasche, ein zerfleddertes gel­bes Zelt, Trockennahrung mit chinesischer Aufschrift. Ein paar Meter daneben liegt ein Plastikschuh mitsamt Fuss und Socke. ­Einen Schädel finden sie nicht. Sie packen alles in einen Sack und

Das Steigeisen von Jonathan Conville

Quelle: Thinkstock Kollektion
Anzeige

bringen ihn zur Rechtsmedizin in Sitten. Gerold Biner ist sich sicher, den verschollenen Tschechen gefunden zu haben. Wäre er nur ein paar Tage später über den Gletscher geflogen, wäre die rote Jacke vielleicht schon wieder verborgen gewesen unter Gletschersand, Geröll oder Schnee.

Ende August 2013 findet Katrina eine Mail in ihrem Posteingang. «Mein Name ist Bettina Schrag. Ich bin Rechtsmedizinerin in Sitten und verantwortlich für die Matterhornregion», steht da. Und: «Würden Sie mich bitte kontaktieren?» Katrinas Magen zieht sich zusammen, das Herz pocht bis zum Hals. Sofort ruft sie Melissa an.

Melissa Conville (links) und Katrina Taee erhielten Ende August 2013 die Nachricht, dass ihr verstorbener Bruder gefunden wurde. (Foto: Privat)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Nach 34 Jahren halten sie seine Hand

Und auf einen Schlag ist alles wieder da, was während 34 Jahren langsam aus ihrem Bewusstsein verschwunden ist: Sie sind schockiert, durcheinander. Alle werden sagen: «Ein Wunder!» Aber da ist keine Freude, im ersten Moment nur Wut: «Anders als unsere Mutter wollte ich nicht, dass sie ihn finden», sagt Katrina. «Für Jonathan war das Matterhorn das perfekte Grab.» Am 30. August reisen die Schwestern nach Sitten. Sie geben eine DNA-Probe ab, ein Wangenabstrich genügt. Heute tun dies Angehörige, sobald ein Bergsteiger als verschollen gilt. Als Jonathan Conville abstürzte, war das noch Science-Fiction. In Sitten lagern Dutzende von Boxen mit Knochen, deren Zugehörigkeit vielleicht für immer im Dunkeln bleibt.

Anzeige

Gleich dürfen sie ihren Bruder sehen, nach 34 Jahren. Sie sind nervös. Melissa ist 53, Katrina 56 und Jonathan noch immer 27 Jahre alt. Dann dürfen sie in den Raum, ein schlichtes Büro. Er liegt auf einem Tisch, hinter dem grossen Fenster ragen Berge in die Höhe. Jonathan war in den Schrund zwischen Gletscher und Fels gestürzt, wurde unter Tonnen von Eis hindurchgeschoben, über Steine, Felsen, fast 1000 Meter weit. Es ist kein kompletter Körper mehr, nur ein paar Knochen sind übrig und eine beinahe unversehrte Hand.

Katrina und Melissa halten die Hand ihres Bruders, der vor 34 Jahren gestorben ist. Es ist ergreifend – unglaublich traurig, aber auch unglaublich schön. Sie sitzen ­eine Stunde lang da. Auf einem anderen Tisch liegen ordentlich Jonathans Sachen, so, als hätte er sie für die nächste Bergtour bereitgelegt. In die Unterhose und in die Socke sind Etiketten eingenäht, «Conville», steht darauf. Die Rechtsmedizinerin hatte den Namen gegoogelt, stiess auf die Website des Jonathan Conville Memorial Trust und entdeckte das Foto eines Mannes mit dichtem Bart. Die rote Jacke, die blauen Überzugshosen, das Seil, alles stimmte überein. Erst wenige Wochen zuvor hatte Melissa das letzte Foto ihres Bruders auf die Website geladen.

Zwei Todesdaten

Für Melissa und Katrina gibt es keinen Zweifel mehr. Das ist Jonathan. Aber es dauert noch zwei Monate, bis die Forensikerin offiziell bestätigen kann, dass die DNA-Profile der drei Geschwister übereinstimmen. Jonathan Conville ist zweimal gestorben: Auf seinem Sarg stand als Todesdatum der 21. August 2013; auf dem Zermatter Bergsteigerfriedhof, wo seine Asche liegt, steht der 29. Dezember 1979 in Stein graviert.

Anzeige

Am 5. September 2013 machen Melissa und Katrina Frans Heusdens ausfindig. Nach dem Unfall bezwang er Routen, so schwierig, dass es ihm heute kalt den ­Rücken hinunterläuft, wenn er daran denkt. «Wieso auch nicht? Ich kannte das Risiko zu sterben, genau wie John es kannte.» Er weiss, das klingt hart. Aber so sei es. Vor ein paar Tagen wurde Frans 53 Jahre alt. Manchmal träumt er vom Unfall. Es sind keine Alpträume, es sind Details. Dann sieht er sich, wie er allein am Seil hängt, nachdem John neben ihm ins ­Dunkel gestürzt ist. Er kann sogar den Fels riechen.

Schweizer Gletscherfunde

Flugzeug: Gauligletscher, 2012
Am 19. November 1946 stürzt eine amerikanische ­Dakota C-53 auf den Gauligletscher. Sechs Tage später können alle zwölf Insassen in einer spektakulären Aktion gerettet werden, die weltweit mit Spannung verfolgt wird und als Geburtsstunde der alpinen ­Luftrettung gilt. Danach verschwindet die ­Dakota im Eis – bis 66 Jahre später ein paar Jugendliche einen Propeller entdecken.

Skelette: Aletschgletscher, 2012
Seit März 1926 werden vier Bergsteiger aus dem Lötschental im Aletschgebiet vermisst. Im Juni 2012 entdeckt ein Touristenpaar die Überreste von drei Menschen – die seit 86 Jahren verschollenen drei Brüder. Von ihrem Kollegen fehlt bis heute jede Spur.

Pfeile und Köcher: Schnidejoch, 2003
Ein Ehepaar aus Thun entdeckt ein Stück Birkenrinde, das sich als Deckel eines Köchers herausstellt, in dem vor mehr als 4500 Jahren Pfeile und Bogen verstaut waren. Ein Jahr später werden auf dem Schnidejoch ein Stück einer Hose, Pfeile und eine Tasse gefunden. Bloss der Besitzer ist bis heute verschollen. Er wäre mindestens 1000 Jahre älter als die Gletschermumie Ötzi aus Südtirol.

Skelett: Theodulgletscher, 1985
Ein Degen, ein Dolch, eine Steinschloss­pistole, zahlreiche Messer, Reste von Kleidern und Schuhen sowie Teile des Skeletts eines etwa 45-jährigen Mannes kommen zwischen 1985 und 1990 am östlichen Rand des Theodulgletschers südlich von Zermatt zum Vorschein. Theo, wie der Mann genannt wird, trug mehrere Münzen auf sich, die zwischen 1575 und 1588 geprägt worden sind.

Im Namen des Sohnes

Jonathan Conville Memorial Trust

Kurz nach Jonathan Convilles Tod rief seine Familie eine wohltätige Stiftung ins Leben, die Männern und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren Alpinkurse ermöglicht. Bereits konnten Tausende unter professioneller Anleitung die Grundlagen des Bergsteigens erlernen. Ziel ist es, junge Abenteurer gut auszubilden, damit sie in den Bergen möglichst von Unfällen verschont bleiben. Die Conville-Kurse werden vom British Mountaineering Council und von privaten Spenden unterstützt. www.jcmt.org.uk

Anzeige