Während ihr graziler Oberkörper bis in die Fingerspitzen vibriert, schnappt sie mit dem Mund wie ein Fisch nach Luft: «Jampadi – parabibabida – japapapapada – tilalalatila.» Gebannt hängen die jungen Musikerinnen und Musiker an den Lippen ihrer Dirigentin. «So will ich die Artikulation haben», betont Véronique Gyger-Pitteloud. Auf ihre Order hin schmettert das 31-köpfige Orchester in unterschiedlichen Formationen erneut Takt um Takt hin, bis es fetzt und fegt.

«Mir müsst ihr nichts beweisen, ich weiss, dass ihr spielen könnt», sagt die gebürtige Walliserin in dem ihr eigenen französischen Singsang mit Berner Unterton. Die Band habe vielmehr am nächsten Tag die internationale Jury von ihrer Virtuosität und Dynamik zu überzeugen.

Wie das Wettbewerbsstück «Journey into Freedom», eine anspruchsvolle Rhapsodie des berühmten englischen Komponisten Eric Ball, im erhabenen Auditorium Stravinski in Montreux zum Tragen kommen wird, lässt sich hier im engen Konferenzsaal des Eurotels Riviera bei den letzten Proben schwer abschätzen. Natürlich spiele auch Glück mit, gibt die zierliche Vollblutmusikerin zu bedenken. Zwölf Minuten vor Publikum im Rampenlicht zu stehen, einen kühlen Kopf zu bewahren und gemeinsam das Beste zu geben, bleibe aber für jeden und jede ein einmaliges Erlebnis, das ihnen niemand wegnehmen könne – auch die Jury nicht. «Geniesst diesen Moment», ermuntert sie die Runde. «Er kommt nie wieder.»

Véronique bläst das erste Kornett
Die 36-jährige Dozentin der Musikschule Saanenland-Obersimmental ist als national preisgekrönte Solobläserin und ehemaliges Mitglied in arrivierten englischen Brass Bands ein Musterbeispiel dafür, wie man Jugendlichen den Marsch blasen kann – und zwar mit Respekt, Humor und in Freundschaft. Als erste Dirigentin einer Schweizer Blechmusik hat sie den Junioren der Brass Band Berner Oberland (BBO) beim schweizerischen Wettkampf in Montreux schon zweimal zum Sieg in der zweiten Klasse verholfen. Letztes Jahr wagte das Orchester mit einem erstaunlich hohen Frauenanteil von einem Drittel den Sprung in die erste Kategorie und belegte den respektablen 16. Platz.

Ohne Nebentöne verlief die Karriere der schon als Kind von Marschmusik Besessenen nicht. Als erfolgreiche Dirigentin in einer traditionellen Männerbastion bekam sie oft die abschätzige Bezeichnung «General» zu hören mit dem Hinweis, sie führe wohl auch in der Familie mit Mann und zwei Kindern den Taktstock.

Am letzten Novemberwochenende ist es endlich so weit: Véronique Gyger-Pitteloud steigt mit ihrer bunt gemischten Jungschar aus exotisch klingenden Ortschaften wie Ammerzwil, Boltigen, Scharnachtal oder Reutigen erneut ins Rennen. Bei den Prognosen über ihre Chancen üben sich die Spielerinnen und Spieler in vornehmer Zurückhaltung und realistischer Skepsis: Bei insgesamt 19 Konkurrenten käme ein einstelliges Resultat bereits einem Spitzenergebnis gleich. Allein schon die Zulassung einer Nachwuchsband in der zweithöchsten Stärkeklasse, dicht auf den Fersen der Schweizer Elite, zeugt von Können und Konstanz.

Lauter begeisterte Ball-Spieler
Selten liegt so viel Blech auf einem Haufen. Der 29. Schweizerische Brass-Band-Wettbewerb hier in den «heiligen Hallen» von Montreux kann – wenn auch abseits einer breiten Öffentlichkeit – einen neuen Teilnehmerrekord vermelden: 58 Bands mit insgesamt rund 2000 Musikerinnen und Musikern marschieren hier auf und bringen mit ihren auf Hochglanz polierten Instrumenten ein Funkeln in die melancholischen Novembertage.

Der Grossanlass steht ganz im Zeichen des 100. Geburtstags von Eric Ball, dem genialen Schöpfer unzähliger Brass-Band-Werke. Ball träumte als geschulter Organist zwar von einer Karriere in einer grossen englischen Kathedrale. Weil er aber wie seine Familie im Dienst der Heilsarmee stand, war es nahe liegend, dass er sich der Blechmusik im Namen Gottes verpflichtet fühlte. Doch schon bald stiessen Balls imposante und ergreifende Stücke in der Brass-Band-Szene auf offene Ohren, weil sie Technik und Lyrik verschmolzen. Vier seiner Meisterwerke kommen jetzt am Genfersee zur Aufführung.

Zwölf Minuten Bühnenpräsenz erscheinen den Beteiligten vor dem Wettbewerb als eine Ewigkeit, wenn man in Betracht zieht, was während dieser Zeit alles schief laufen könnte. Im Nachhinein wird ein Augenblick in Ewigkeit übergehen als ein Gefühl ohne Zeitgrenzen. Ewigkeit hin, Augenblick her: Es darf gefiebert werden – bis zur Rangverkündigung.

Während die Jugendlichen noch am Abend zuvor im individuellen Outfit mit Jeans und Pullover erschienen sind und sich zwischen den Proben genüsslich in einer Pizzeria verköstigt haben, sind sie am Wettbewerbstag beim Frühstück morgens um sieben kaum wiederzuerkennen. Selbst der Jüngste der Band, der 14-jährige Schlagzeuger, trägt souverän die gediegene Banduniform zur Schau: schwarze Hose, schwarzes Hemd, violette Fliege, violettes, übergrosses Jackett. Auch die Damenwelt hat sich von Kopf bis Fuss herausgeputzt: Kleider machen Leute.

Ein ideales Los für die Oberländer
Appetit und Kaffeegelüste halten sich trotz dem einladenden Buffet in Grenzen. Ein voller Magen ist der Konzentration bekanntlich nicht eben förderlich. Mit Spannung warten die Bandmitglieder auf die Bekanntgabe der Verlosung für die Startreihenfolge. Klar ist: Wer um neun Uhr als Erste der 19 Bands sein Bestes geben muss, kann ganz schön ausser Atem geraten. Und diejenigen, die das Los als Letzte trifft, müssen den ganzen Vormittag hinter sich bringen, ohne sich dabei von den Auftritten anderer Bands irritieren zu lassen und die Ruhe zu verlieren.

So oder so: Für den Ernstfall müssen alle gerüstet sein – innerlich wie äusserlich. Dem Vizepräsidenten der BBO-Junioren, Hanspeter Janzi, sei Dank: Als Glücksbote zieht er die Startnummer zehn, die Band kann sich also im Proberaum des Hotels noch ausreichend einspielen. Der Zwölf-Minuten-Auftritt im Auditorium Stravinski geht um 11.45 Uhr über die Bühne. Die Stunde der Wahrheit, die Preisverleihung, steht um 15.30 Uhr auf dem Programm.

Auf zum Endspurt. Glückskäferchen aus Schokolade liegen auf den Notenständern und stimmen die Bläserinnen und Bläser auf den Ernstfall ein. Véronique Gyger-Pitteloud strahlt in ihrer langen schwarzen Jacke und der weissen Bluse mit ausladenden Kragenspitzen Grazie und Grandezza aus. Kaum tritt sie in Aktion, sprüht sie vor Energie und Temperament und bringt die Bläser auf Touren. «Véronique ist unser grosses Glück», schwärmt Vizepräsident und Posaunist Janzi. Der gelernte Schreiner aus Boltigen ist ein überzeugter Bläser und spielt auch in der Militärmusik: «In einem herkömmlichen Orchester muss man 40 Minuten auf einen Einsatz warten; in der Brass Band kommt man laufend zum Zug.»

Die Brass Band versteht sich im Gegensatz zur herkömmlichen Big Band als symphonisches Kammerorchester in ausschliesslicher Blechbläserbesetzung. Sie umfasst nach einer vorgeschriebenen Norm alle Register vom Bass bis zum Sopran. Neben der Blas- und Ansatztechnik sowie einem geschulten Gehör gehört die differenzierte Artikulation, der so genannte variierte Zungenstoss, zum guten Ton.

Ihre Wurzeln hat die Orchesterform in England. Im Zug der Industrialisierung entstanden um die Mitte des vorletzten Jahrhunderts in den Fabriken und Kohleminen Werkbands mit Blechbläsern. Sie hielten die Arbeiter in der Freizeit bei Laune und markierten gleichzeitig die Firmenzugehörigkeit. In der Schweiz begann diese Musikbewegung erst mit der Gründung des Schweizerischen Brass-Band-Verbands 1977 Fuss zu fassen.

Die Szene sei immer noch «eine Welt für sich», bemerkt Véronique Gyger-Pitteloud, und habe einen weit geringeren Stellenwert als beispielsweise der Sport. Dabei sind das Pensum und die Intensität der Proben und der Übungen zu Hause mit dem Einsatz eines Spitzensportlers zu vergleichen, wie der Bläser Thomas Messerli aus Bern weiss: «Die Brass Band ist weit mehr als ein Hobby.» Allerdings mache die Freundschaft untereinander das aufwändige Engagement und den Verzicht auf mehr Freizeit wett.

Ein einiges Team von hoch bis tief
«Jampadi – parabibabida.» Ein letztes Mal schnappt die Dirigentin wie ein Fisch nach Luft. Und ein letztes Mal verkündet sie ihre Botschaft von Respekt, Kollegialität und Solidarität: «Der Name der Band zählt, nicht derjenige eines Einzelnen.» Sie appelliert an alle, «intelligent und nicht einfach laut» zu spielen und Freude und Gefühl zu zeigen. Die Musikerinnen und Musiker geben sich nachdenklich.

Franziska Schletti aus Hondrich fühlt sich als einzige Flügelhornistin der Band besonders gefordert. Die 27-jährige Coiffeuse freut sich aufs «wunderschöne Stück» von Eric Ball und will dem klangvollen Instrument eine Seele geben. Als Kontrastprogramm spielt sie in der Freizeit mit einem Kollegen im Duett Alphorn. Für Véronique empfindet sie Bewunderung: «Sie ist genial.» Zudem verstehe sie es, den Inhalt der Musik in einer überzeugenden Bildsprache verständlich zu machen.

Lukas Buri, 19, aus Hettiswil ist überzeugt, dass beim Wettbewerb alle ihr Bestes geben und man deshalb auch niemandem böse sein könne – passiere, was wolle. Er schätzt sein Hobby mit dem zehn Kilo schweren Es-Bass, «weil ich mich weiterentwickeln kann».

Stefanie Blaser, 17, aus Hettiswil ist «nervös wie vor jedem Konzert». Weil ihre Lippen für das Kornett nicht geeignet sind, spielt sie Es-Horn. Auch ihre beiden Brüder nehmen – in anderen Bands – am Wettbewerb teil: «Wir konkurrenzieren uns in der eigenen Familie.»

Tobias de Stoutz, 23, Musikstudent aus Thun, gibt mit der imposanten B-Tuba den tiefen Ton an und ist für das klangliche Fundament verantwortlich. Das grosse Mundstück schrecke Frauen ab. Deshalb habe die Tuba den Ruf eines «Männerinstruments». Er nimmt sich vor, mit einem «leeren Kopf» anzutreten und es dann geschehen zu lassen. Diese Grundeinstellung habe sich bisher bewährt.

Um elf Uhr wird im Hotel zum gemeinsamen Abmarsch aufgerufen. Mittlerweile hat die dreiköpfige Jury im stillen Kämmerlein und ohne Sichtkontakt zu den Bands neun Formationen der ersten Klasse qualifiziert. Jetzt stellen sich die Junioren der BBO der versteckten Kritik. Applaus für Véronique und ihre Eleven: Dann fetzt und fegt es wie am Schnürchen.

Das Glücksgefühl nach einem langen Augenblick von zwölf Minuten lässt die Bläserinnen und Bläser verstummen. Zurück im Hotel, zieht Véronique kurz und persönlich Bilanz. «Wir sind zu einer Familie geworden», sagt sie und spricht die offene und ehrliche Atmosphäre an: «Feinde können nicht gemeinsam auf ein Ziel hin musizieren.» Deshalb sei Freundschaft mehr wert als Geld und Perfektion. Die Punktebewertung sei relativ.

Bei der Preisverleihung in der Miles-Davis-Halle scheint das Publikum die Musiker zu verschlucken. Mit der Verlesung der ersten sechs Ränge kommt für die Nachwuchsband die erste Ernüchterung: Ihr Name fehlt. Ob sie wenigstens unter den ersten zehn figuriert, bleibt offen. Die Liste mit den restlichen Resultaten liege im Foyer auf, heisst es. Ende der offiziellen Durchsage und Aufbruchstimmung.

In der Eingangshalle suchen die Musiker aber vergeblich nach besagter Liste und bleiben im Ungewissen, bis BBO-Präsident Hans-Rudolf Kernen im Vorbeigehen ruft: «Platz 13! Weitersagen!» In aller Freundschaft, versteht sich.

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