Der schönste Dialekt in der Schweiz? Die Sprachwissenschaftler kennen die Antwort. Aber ich weiss sie nicht. Ich weiss bloss, dass mir die Milch dort besser schmeckt, wo sie eine «Mmööuuch» ist. Milch bekommt man im Laden. Die «Mmööuuch» bekommt man von der Kuh, und das hört man ihr auch deutlich an. Das kräftige U aus dem Muhen der Kuh hat das vornehme L in die Flucht geschlagen. l-Vokalisierung nennen das die Sprach­forscher, und sie wissen, dass sie ein Merkmal der westlichen schweizerdeutschen Dialekte ist, von Luzern bis nach Solothurn und Freiburg.

Also dort, wo die Leute «vöu Gäud» ­haben oder «véu» beziehungsweise «viu Gäud», nicht aber viel Geld.

Ich nähme, ehrlich gesagt, auch «vel» Geld, aber bei der Milch bin ich weniger grosszügig. Und das hat mit der Kindheit zu tun und den Kämpfen am Mittagstisch. Ich wuchs in Emmenbrücke auf, damals ein Industrievorort von Luzern mit viel ländlichem Volk, bei dem die Milch im Allgemeinen muhte. Aber mein Vater war aus einer Zürcher Seegemeinde eingewandert, und es war ihm ein Anliegen, seine eigene sprachliche Identität zu verteidigen und uns Kinder zu korrigieren: «Es heisst Milch.»

Aber er hatte es schwer gegen die mütterliche Überlieferung, bis er eines Tages triumphierend von einer Diskussion im Wirtshaus zurückkehrte. «Sogar die Luzerner», verkündete er, «können das Wort korrekt aussprechen, ohne es zu verhunzen.»

Als ich in Luzern zur Schule ging, kaum fünf Kilometer mit dem Velo, musste ich feststellen, dass der Vater recht hatte. Die Städter sagten Milch, und so erfuhr ich, dass der Dialekt und das eigene sprachliche Bewusstsein nicht nur mit Geografie zu tun haben, sondern auch mit der gesellschaftlichen Stellung. Um sich von der vulgären bäuerisch-ländlichen Gesellschaft zu unterscheiden, tranken die Luzerner Patrizier ihren Kuhsaft ohne jede lautmalerische Referenz an das Muhen der Spenderin, sondern mit einem L. Und natürlich sassen sie dabei auf ihren Stühlen und hockten nicht darauf.

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Auch die Berner kennen solch feine Unterschiede der Klasse und des Standes. Die Burger haben «e Hand», die Bauern «e Hang», die einen haben einen «Bundesrat», die anderen einen «Bungesrat», die ­einen haben seine Rede gut «gfunde», die andern «gfunge».

Die Sprachwissenschaftler bezeichnen diese Verdunkelung des Konsonanten, die ebenfalls als Unterschichtsmerkmal gilt, als nd-­Velarisierung.

Andere nennen es Chinesisch: «Ching wei Hung» – Kinder wollen Honig.

Doch die nd-Velarisierung ist im Schwinden begriffen. Die Berner wollen nicht mehr sprechen wie die Bauern. Sie passen sich ihrer besseren Gesellschaft an und haben jetzt einen Hund zu Hause und keinen «Hung» mehr. Das hat den Vorteil, dass sie sich sicher sein können, was sie morgens aufs Brot «schlirgge», also schmieren.

Im Gegensatz dazu breitet sich, der Sprachwissenschaft ein Rätsel, die l-Vokalisierung munter aus. Emmenbrücke ist auf dem Vormarsch.

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Den Nachbarkanton im Südosten haben wir bereits erobert. Die Leute dort wohnen nicht mehr, wie noch vor 50 Jahren, in «Nidwalde». Sondern in «Nidwaude». In Uri haben wir uns festgesetzt, auch in Schwyz, und die grosse Frage ist, ob ­unsere «Mmööuuch» sich in Zug etabliert und gar bis zum Zürichsee vordringt.

Zum Glück muss sich mein Vater das alles nicht mehr anhören.

Er ist jetzt im «Hemmu».

Pardon. Im Himmel.

Das alles, vom Rückzug des «Hungs» und davon, dass das epische Ringen zwischen L und U, das an unserem Mittagstisch seinen Anfang nahm, mittlerweile schon ganze Landstriche erfasst, erfahre ich von Iwar Werlen. Der Sprachwissenschaftler und emeritierte Professor, der an der Universität Bern dozierte, weiss auch, wo man den schönsten Dialekt spricht in der Schweiz. Das heisst, er hat erforscht, welche Dialekte die Mehrheit der Schweizer als schön empfindet.

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Iwar Werlen wuchs im Wallis auf, und zwar im Oberwallis, da, wo man das Kerngehäuse des Apfels, das, was übrig bleibt, wenn man den Apfel gegessen hat, mit dem schönen Wort «Murmutz» bezeichnet. 39 verschiedene regionale Bezeichnungen gibt es in der Schweiz für das, was wir in Emmenbrücke «Bitzgi» nannten und anderswo auch «Grübschi» oder «Üürbsi» genannt wird.

Aber seinen Walliser Dialekt spricht Werlen nur, wenn er im Wallis seine Mutter besucht.

«Ich gehöre zu denen», sagt Iwar Werlen in einer Mischung aus Luzerner Dialekt, Bern- und Walliserdeutsch, «die den Umgebungsdialekt annehmen.»

Fast jeder, sagt der Professor, verändere sich, wenn er seine angestammte Sprachheimat verlasse. Und auch wer zu Hause bleibe, sei in den allermeisten Fällen in der Lage, seine Sprache den Umständen an­zupassen. Wie diese Walliser, die nicht mehr von der «Port» sprechen, sobald sie einen Auswärtigen vor sich haben, sondern von der Tür. Weil sie wissen, dass es sonst Verständigungsprobleme gibt mit den «Grüetzene». Grüetzene, das sind die «Üsserschwiizer», die Berner eingeschlossen. ­Obwohl die gar nicht «Grüezi» sagen, sondern «Grüess ech».

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Und die Walliser sagen «Tag wohl».

Eine Studie hat das sprachliche Verhalten von Wallisern, die in Bern zu Hause sind, erfasst. «Vor 1985», erklärt Iwar Werlen, «passten sich die meisten der neuen Sprache an. Danach weigerten sich immer mehr Walliser, Berndeutsch zu sprechen. Das hatte damit zu tun, dass das Radio vermehrt Nachrichten in den Regionaldialek­ten sendete. Das stärkte auf der einen Seite das Selbstbewusstsein. Anderseits machten die Basler, Zürcher und Berner die Erfahrung, dass man diese Randdialekte durchaus verstehen kann.» →

Wie hat sich meine Sprache verändert, seit ich Emmenbrücke verlassen habe und jetzt mehrheitlich im Ausland lebe?

Was sich in erster Linie verändert hat, ist meine Wahrnehmung der anderen Dialekte. In der Fremde empfinde ich jedes östliche Gellen, jedes Knurren aus der Innerschweiz, jedes westliche Gesäusel als wärmenden Gruss aus der Heimat. In der Ferne habe ich aber auch entdeckt, dass das Bernische keineswegs so gemütlich ist, wie es tönt. Wer dem Berner frechkommt, der erhält die Antwort mit der Geschwindigkeit und der Präzision eines Faustschlags, eine Reaktion, wie sie nur ­eine mehrhundertjährige imperiale Tradition vermitteln kann.

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Dafür gibt es diese wunderbar warmen und mütterlichen Laute des Senslerdeutschen. Niemand spricht so schön falsch wie die Deutschfreiburger. «I kene dier.» Tut mir leid, ich kenne dir zwar nicht, ich höre aber gerne noch etwas zu. «Isch är ­vuruckts?»

Und obwohl die St. Galler ihre kurzen Vokale würgen und malträtieren, bis sie um Hilfe schreien, sind sie ganz freundliche und anständige Menschen.

Die meisten Basler, in jedem Land­theater meiner Kindheit ein Ausbund an Einbildung und Arroganz, sind – fern der Heimat und des Schwanks – leutselig und grosszügig.

In der Ferne habe ich die Manie ent­wickelt, die Herkunft meiner Begegnungen anhand des Dialekts zu erfassen. Meistens scheitere ich. Das hat auch damit zu tun, dass viele Besucher aus Zürich kommen, wo sie aber nicht aufgewachsen sind. Nur wohnen sie jetzt dort und sprechen etwas, was wie Zürcherisch tönt, aber allerlei sein könnte. «In Zürich», das hat Iwar Werlen durch Studien herausgefunden, «ist der Anpassungsdruck besonders gross.»

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Und dabei sagen die Zürcher doch immer, so dominant, wie alle anderen behaupteten, seien sie gar nicht.

In Zürich, an der Plattenstrasse im Universitätsviertel, haben die Sprachwissenschaftler Adrian Leemann und Marie-José Kolly eine nützliche «Dialäkt Äpp» entwickelt. Man lädt sie auf sein Mobilgerät und gibt anhand von 16 verschiedenen Wörtern an, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Und wenn man das Bett mit einem geschlossenen E ausspricht, fast schon wie eine fromme Bitte, dann wissen die Algorithmen der App sofort, dass der Sprecher aus dem Osten der Schweiz kommt und nicht aus dem Westen. Wenn eine ihr Wasser «treht» statt «tringgt», ist ihnen klar, dass die Sprecherin im Süden des Landes zu Hause sein muss. Und so rechnet das von den Linguisten mit viel Grundlagenmaterial gefütterte Programm schliesslich aus, wo man beheimatet ist. Mir hat es gesagt: Luzern und Hitzkirch. Und weil Emmenbrücke ungefähr in der Mitte liegt, zwischen Stadt und Land, bin ich zufrieden: Kein Zürcher hat mir meine Identität gestohlen.

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Die Sprache, sage ich zu Iwar Werlen, verändert sich ständig. Passen sich nicht auch die Dialekte ein­ander zunehmend an? «Die schweizerdeutschen Dialekte ­haben den Vorteil, dass sie jedes Wort ­phonetisch einbürgern können», sagt Werlen. «Ein Wort wie ‹Frustra­tionstoleranz› lässt sich von Schaffhausen bis ins Wallis problemlos aussprechen.»

Unsere Sprache ist fähig, aus anderen Sprachen neue Begriffe zu übernehmen und lautlich anzupassen: «compiüterle» etwa. Der Wortschatz verändert sich dauernd. Weil es den Leiterwagen nur noch auf dem Ballenberg gibt, geht das Wort verloren. Weil es kaum noch Maikäfer gibt, verwechseln ihn neue Genera­tionen mit dem Marienkäfer. «Was sich nie verändert», sagt Werlen, «ist das Lautsys­tem eines Dialekts, die Längenverteilung und Phrasierung. Wenn ich mich auf Hochdeutsch äussere, merkt der geübte Hörer sofort, dass ein Walliser spricht.»

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Aber welche Sprachmelodie vermag uns am schönsten zu betören? Welcher Dia­lekt spricht uns am meisten an?

Von Bäck bis Üürbsi: Des Apfels Kerngehäuse

Die Schweizer Dialekte kennen eine Vielzahl von Worten für das, was vom gegessenen Apfel übrig bleibt.

  • Bäck (SZ)
  • Bätschgi (UR)
  • Bätzgi (LU, AG, SZ, ZG)
  • Bätzi (UR, VS, BE, LU, OW, NW)
  • Bäxi (LU)
  • Bitschgi (SG, GR)
  • Bitzgi (TG, SG, AR, AI)
  • Bixi (SH, TG, ZH)
  • Bürzi (BE)
  • Butz (GR)
  • Butze (BL/BS)
  • Buschgi (GR)
  • Butschgi (GR)
  • Bütschgi (ZG, ZH, AG, GR, SZ, SG, VS)
  • Chääre (VS)
  • Gäggi (BE)
  • Giegi, Güegi (BL, SO)
  • Gigetschi (BE, SO)
  • Gribschi, Grübschi (BE, FR)
  • Gröötschi, Gröitschi (BE, FR)
  • Gräibschi, Gröibschi (BE, FR)
  • Grääni (UR)
  • Grüüzi (BE)
  • Güexi (AG)
  • Gütschi (GL, SG)
  • Güürbsi (AG)
  • Huusi (VS)
  • Inn(d)ri (VS)
  • Murmutz (VS)
  • Spuele (BE)
  • Urssi (VS)
  • Üürbsi (SO, AG, BL)


aus: «Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz»; Huber-Verlag, 2010

Im Oberwallis zum Beispiel verwendet man offenbar auch die Begriffe «Muzz» und «Muzzji». Wie sagen Sie? Schreiben Sie uns! E-Mail: redaktion@beobachternatur.ch oder per Post:

Redaktion BeobachterNatur, Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8021 Zürich

Runde und tiefe Vokale wie im Berndeutschen werden als freundlich empfunden, spitz ausgesprochene als unangenehm», sagt Werlen. Der «Hund» der Ostschweizer wirkt schärfer als der «Hond», ihre «Brille» schneidender als die «Bröue» der Luzerner. «Alle Untersuchungen, die wir gemacht haben, weisen in die gleiche Richtung: St. Galler Dialekt und ­Züridütsch bewertet man eher negativ, ebenso die Mundart der Schaffhauser.»

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Auch das Schwarzbubenland kommt nicht gut weg. Dafür wird das Appenzellische aus ­Innerrhoden als farbig und po­sitiv empfunden. Aber in der Rangliste der beliebtesten Dialekte liegen immer die gleichen vorne: Berndeutsch, dann das Bündnerische der Churer und das Walliser­deutsch.

Was sagen St. Galler und Zürcher dazu?

«Erstaunlicherweise empfinden sie mehrheitlich ähnlich. Aber sie grämen sich deswegen nicht, sie sagen: ‹Diese Aussprache gehört halt zu uns›.»

Ginge es nach mir, so gehörte in die ­Lis­te der schönsten Dialekte auch das Deutsch der Guriner, karg und rau, der Einsamkeit abgelauscht und ihren uralten Märchen, trotzig wie ein Fels, zärtlich wie eine Bergblume.

«Das ist das Deutsch der vor vielen Jahrhunderten ins Tessin eingewanderten Walser», sagt Iwar Werlen. «Es wird verschwinden wie andere Sprachinseln auch, bei denen der Zusammenhang mit dem Ursprungsgebiet verloren geht.»

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Bosco-Gurin liegt auf 1507 Metern Höhe in einem Seitental des Maggiatals; im Jahr 1244 wurde der Ort erstmals erwähnt. Im Walserhaus, das 1386 erbaut wurde, ­befindet sich das Dorfmuseum, Cristina Lessmann-Della Pietra ist die Kuratorin.

«Ech cha s fascht nid säge», sagt sie. Und dann sagt sie doch, dass ihre Sprache, realistisch gesehen, in ein paar Genera­tionen aussterben werde.

40 Leute wohnen noch ganzjährig im Dorf, davon sprechen 25 Gurinerdeutsch.

«Dry Wiybar» im Dorf, erzählt Cristina Lessmann, hätten «chlinschti Chindu», ­eine Familie habe «grosse Goofä», und damit seien es nur noch wenige, die «dütsch zellen». Die deutsch sprechen.

Der «Poldärnu» fliegt nicht mehr lange, und vor dem «Bunintsch» braucht bald niemand mehr Angst zu haben.

Poldärnu ist der Schmetterling der Guriner, und der Bunintsch ist ihr böser Kinderfresser. →

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Aber mich zieht es zu den eigenen Gespenstern.

Das Luzerner Hinterland.

Die ländliche Seite meiner Herkunft. Die mich gelehrt hat, auf viele Arten zu schweigen.

Und dabei kennt diese Landschaft so viele schöne Worte. Wolhusen. Willisau. Ettiswil. Der Napf. Die Wigger.

«Das Land der Graben und Eggen», so sagte Josef Zihlmann, der Erzähler und ­Erforscher des Luzerner Hinterlandes. «De Seppi a de Wiggere», so kannten ihn die Leute, und dieser Mann wusste auch, dass das Schweigen die Menschen oft enger verbindet als das Reden.

Heimat.

Lisbeth und Franz Bättig wohnen auf dem Bodenberg in der Gemeinde Gettnau, ihr Hof heisst Galliloch, wohl weil er unterhalb der Krete liegt und nur über eine steile Landstrasse zu erreichen ist. Aber von hier aus hat man ­einen weiten Blick, sieht bis nach Wauwil, Egolzwil, man sieht den Tann­berg.

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«Tambärg», sagt Franz, «abnormal schön.»

«Es Kafi?», fragt Lisbeth vom Herd her.

Ein Leben lang haben sie hier gearbeitet. Der Hof gehört jetzt dem Sohn. Der ­arbeitet in einer Schreinerei, Franz schaut zu den wenigen Kühen.

Lisbeth machte 16 Jahre lang die Nachtwache im Altersheim.

Aber damit hat sie jetzt aufgehört.

Was war mit Ferien?

«Öppe», sagt Franz, «ein Tagesuusflog.»

Italien?

«Bruuch ech ned.»

Schweigen.

Einmal, unterbricht Lisbeth Bättig, seien sie mit dem Zug in Marseille gewesen. Dort arbeitete ihr Ältester auf der Botschaft.

«Z gross», stöhnt Franz.

«Uf Hottu», sagt er, nach Huttwil, Kleider kaufen, das sei schon recht.

«Die hei Grenge», sagt er, «kei Grende.» Und statt trinken sagten sie «treiche».

Die älteste Tochter wohnt seit 15 Jahren in Graubünden, und jetzt sagt sie «flott». «Das isch aber flott.» Das hat sie vorher nie gesagt.

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Sie ist mit einem Bündner verheiratet, ihre Kinder sprechen Deutsch und Romanisch, und jetzt schauen Lisbeth und Franz im Fernsehen manchmal die Nachrichten auf Romanisch. «S eint oder s ander», sagt Franz, könne man schon entziffern.

«Deiss oder desses», fügt er hinzu, sei schon anders geworden.

Zum Beispiel seien die Leute anständiger geworden: «D Lüüt händ gaständiget.»

Es werde weniger «gcheibet und gsirachet».

Weil es keine Rossknechte mehr gebe. «Die hei no gsakramäntet.»

Aber was solls.

«Die cheibe Zyt lauft. Ond emmer schneller.»

«Aber wen t zfrede bisch!»

No n es Kafi?

«Vielen Dank, ich muss weiter.»

Heimat.

Aber reden gelernt habe ich erst, als ich in einer anderen Sprache auszusprechen lernte, was in der eigenen schönen Sprache verschwiegen blieb.

Das Schweigen der Bergler

Warum «singen» unsere Bergdialekte? Wann trennt ein Gewässer zwei Sprachregionen? Ein Gespräch mit dem Sprachwissenschaftler Iwar Werlen über das Verhältnis von Dialekt und Topografie.

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BeobachterNatur: Iwar Werlen, kennen Bergbewohner so viele ­verschiedene Ausdrücke für «Berg» wie die Inuit für «Schnee»?
Iwar Werlen: Sogar mehr. Denn die Sache mit den Inuit und dem Schnee ist zwar eine schöne ­Geschichte, aber leider nicht wahr. Genau ­genommen haben die Inuit zwei oder höchstens drei Grundwörter für Schnee. In unseren Bergregionen hingegen kennt man als Worte für Berg: Büel, Hubel, Schratt, ­Chrache, Grat und Grund, um nur einige zu nennen.

BeobachterNatur: Widerspiegelt sich das Monumentale und ­Existenzielle der Bergwelt in der ­Sprache ihrer Bewohner?
Werlen: Einem Bergbewohner käme es niemals ­in den Sinn, die Bergwelt zu verklären, denn er kennt die Bedrohung, die von ­­ihr ausgeht, nur zu gut. Zahlreiche Flur­bezeichnungen weisen auf Gefahren hin, zum ­Beispiel auf ­Lawinen. Stellen, an ­denen das Vieh den Fels ­hinunterstürzen kann, nennt man Stelli, weil man dort ­­die Tiere zum Stehen bringen, also einen ­Zaun ­ziehen muss.

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BeobachterNatur: Spricht man in den Bergen eine härtere, gröbere Sprache?
Werlen: Nein. Wenn ein Walliser «saufen» statt trinken sagt, hat das keine negative Bedeutung. Das sind kulturelle Unterschiede, die zu Missverständnissen führen können.

Iwar Werlen, 67, ist einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Dialektologie. Der emeritierte Professor für Allgemeine Linguistik war Direktor des Instituts für Sprachwissenschaften an der Uni Bern. Werlen, der in Brig geboren wurde, präsidiert seit 1991 das Kuratorium für das Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch.

Quelle: Simon Oberli/naturpanorama.ch

BeobachterNatur: Aber die Bauern fluchen doch mehr als die Städter?
Werlen: Nicht unbedingt. Die sogenannte Höschsprache war eine sehr grobe Sprache und wurde von der städtischen Unterschicht in Basel gesprochen. Auch die Rapperszene drückt sich nicht gerade gewählt aus.

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BeobachterNatur: Wird in verschiedenen Dialekten ­unterschiedlich geschwiegen?
Werlen: Die Bergler gelten als schweigsam, sie ­äussern sich kurz und direkt, oft auch ­treffend. Eine Antwort muss nicht lang sein, sie muss passen. Und wenn man nichts zu sagen hat, dann sagt man nichts. Im Unterland muss man hingegen reden, ­damit gesprochen wird. Ich habe meinen Studierenden immer den Tipp gegeben: Wenn ihr an der mündlichen Prüfung eine Antwort nicht wisst, dann formuliert das wenigstens schön.

BeobachterNatur: Hat dieser Unterschied etwas mit den Bergen zu tun?
Werlen: Das glaube ich nicht. Ein Vielschwätzer gilt in der bäuerlichen Kultur einfach ­wenig. Arbeiten ist wichtiger als reden.

BeobachterNatur: Warum haben die Schweizer Berg­dialekte wie das Bündner- und Walliserdeutsch eine singende Intonation?
Werlen: Manche sehen darin den Einfluss der ­romanischen Sprachen aufs Deutsche. Das ist allerdings schwer zu beweisen.

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BeobachterNatur: Ist die singende Intonation im ­hintersten «Chrachen» ausgeprägter als weiter unten im Tal?
Werlen: Nein, wenn ich vom hintersten «Chrachen» ins Flachland ziehe, bleibt die ­Intonation bestehen, auch wenn ich schon längst ­den Dialekt der Flachländer angenommen habe. Die Intonation kann ich nur schwer steuern. Das hat damit zu tun, dass für ­die Sprachmelodie unsere rechte Hirnhälfte zuständig ist, während die Sprachinfor­mation auf der linken Seite des Gehirns verarbeitet wird.

BeobachterNatur: Werden Mundartgrenzen durch die Landschaft bestimmt?
Werlen: Manchmal, ja. In abgeschotteten Gebieten wie dem Glarnerland konnten sich eigenständige Dialekte entwickeln. Aber Landschaften trennen Sprachregionen nicht nur, sie bringen sie auch miteinander in Kontakt. So beeinflussen sich zwei Sprachregionen, wenn ein Pass sie verbindet. Grössere Gewässer wie der Bodensee ­haben eine trennende Wirkung. Kleinere Gewässer, die man einfacher überqueren kann, eher eine verbindende.

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BeobachterNatur: Was hat es mit der sogenannten Brünig-Napf-Reuss-Linie auf sich, die in der Deutschschweiz die östlichen von den westlichen Dialekten trennt?
Werlen: Diese Sprachgrenze verläuft im offenen Gelände, es handelt sich einfach um die Grenze zwischen dem Zürcher und dem Berner Einflussgebiet. Ein ähnliches ­Phänomen gibt es im Wallis: Die Sprachgrenze zwischen dem deutsch- und ­französischsprachigen Wallis wird seit Jahrtausenden vom kleinen Bach Raspille definiert, den man ganz leicht überqueren kann. ­Niemand weiss, warum die Sprachgrenze diesen Bach entlang verläuft.