Als Pietro Ballinari nach dem Balken greift, den ihm eine Kollegin überreichen will, rutscht ihm das schwere Holzstück aus den Händen und fällt polternd zu Boden. Gelächter geht durch die Runde, dann bückt sich der 55-Jährige und stemmt den Balken aufs Lattengerüst. Es ist ein trüber Montag in einem verlassenen Industriebau am Rand von Biel. Eine Gruppe von dreissig Leuten steht in der zugigen Halle und bietet im fahlen Neonlicht ein merkwürdiges Spektakel: Unablässig baut sie Gerüste auf, schiebt Balken hoch und stellt Treppen hinzu, um das Ganze gleich wieder auseinander zu nehmen und von vorn zu beginnen.

Was hier vor sich geht, lässt ein Zettel erahnen, der an der Eingangstür klebt: «Expo.02». Die Gruppe gehört zu den vierhundert Mitwirkenden, die zum Auftakt der Landesausstellung den Eröffnungs- Event auf der Arteplage in Biel bestreiten werden. An diesem Montag findet die fünfte Probe statt; bis zum Startschuss am 14. Mai bleibt also noch etwas Zeit.

Denn Ballinari und seine Kolleginnen und Kollegen sind Laien, was man der Vorführung noch deutlich anmerkt: Einmal wird das falsche Element gereicht, dann passt ein Gerüst nicht, und selbst Fusstritte und Flüche helfen nicht weiter. «Stopp, mit Gewalt gehts nicht», sagt Regieassistent Patrick Martignoni, der die Probe leitet. Die Übung wird abgebrochen. Bis zur Aufführung werde die Vorführung dann schon «locker und schön synchron aussehen», hofft Martignoni.

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Pietro Ballinari hat trotzdem Spass an den Proben. Von Bern, wo er an der Universität als Statistiker arbeitet, reist er zweimal wöchentlich nach Biel und engagiert sich ehrenamtlich für die Expo. Er sei «film- und theaterinteressiert», zudem fasziniere ihn der Blick hinter die Kulissen: «Ich will sehen, wie eine Produktion entsteht.» Zusammen mit seiner Frau hat er sich auf ein Inserat gemeldet, als die Expo Statisten für den Eröffnungs-Event suchte. Nun wirkt das Ehepaar Ballinari gemeinsam beim Expo-Start mit; sie als Seejungfrau im Wasserballett, er als Handwerker im «Turmbau zu Babel».

Dieser Turmbau ist Teil des ersten Akts und soll die Chancen der viersprachigen Schweiz symbolisieren. Die Turmbauer sprechen zunächst ein Sprachengewirr (ab Band eingespielt) und verstehen sich nicht, das Vorhaben scheitert. Dann treten Dolmetscher auf und beweisen, dass Mehrsprachigkeit auch eine Bereicherung darstellt – nach gutschweizerischem Vorbild. «So entsteht ein positiver Zusammenhalt in der Vielfalt», kommentiert die Projektleiterin Isabelle Collet. Anschliessend wird der Turm in Harmonie wieder demontiert.

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Bereits dieses Eröffnungsspektakel lässt erahnen, was für ein gigantischer Event die gesamte Expo darstellen wird. Auf einem Schiff am Ufer der Arteplage werden Ballinari und seine Helfer den sieben Meter hohen «Turm zu Babel» aufstellen – innert vier Minuten, so schreibt es die Choreografie vor. Doch das ist nur der erste Akt. Im zweiten Teil bieten über fünfzig Seejungfrauen ein Wasserballett, untermalt durch Musik und Licht. Im dritten Akt kommen weitere Musiker, Tänzer, Schauspieler zum Einsatz.

Der Eröffnungs-Event geht aber nicht nur in Biel über die Bühne, sondern gleichzeitig auch auf den drei weiteren Arteplages von Neuenburg, Murten und Yverdon. Insgesamt wirken über 1500 Personen mit, die Musik stammt von Stars wie Sina oder Youssou N’Dour. Das zweistündige Spektakel wird am 14. Mai von den vier Schweizer Fernsehsenderketten übertragen, so dass die TV-Zuschauer mitverfolgen können, wie an den vier Orten die vier Türme in den Himmel wachsen.

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Ein solcher Grossanlass kostet Geld: 15 Millionen Franken beträgt allein das Budget der Eröffnungsfeiern. 35'000 Zuschauer können die Darbietungen live von den Arteplages aus geniessen, die Sitze kosten 60 bis 190 Franken. «Die Hälfte der Plätze ist bereits verkauft», informiert Patrizia Schwärzler vom Expo-Mediendienst. Wer noch dabei sein wolle, sollte bald den Vorverkauf nutzen.

Die Besucher erwartet eine wahre Flut an Konzerten, Theateraufführungen, Filmabenden sowie Sport- und Spassanlässen. An den insgesamt 159 Expo-Tagen zwischen dem 14. Mai und der Schlussfeier am 20. Oktober sind über 10'000 Events programmiert. Neben den vier fixen Arteplages zirkuliert zwischen den drei Seen eine fünfte, jene des Kantons Jura, so dass es tagtäglich auf über zwanzig Bühnen gut sechzig Events zu sehen geben wird.

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Anders als an früheren Landesausstellungen werden bei der Expo.02 kulturelle Darbietungen zentrale Anziehungspunkte sein, wie Expo-Direktorin Nelly Wenger sagt: «Events wecken Emotionen; sie werden den festlichen und geselligen Charakter der Landesausstellung entscheidend prägen.» Besonders freut sich Wenger auf die Teilnahme von vielen Künstlern aus dem Ausland, die die Expo zum «grössten multikulturellen Fest der Schweiz» machen würden.

Gemäss Werbeschrift wurde das Programm bewusst so breit gestaltet, dass «Veranstaltungen für jeden Geschmack und jede Stimmung» im Angebot sind. Tatsächlich ist für Kulturbegeisterte jeder Couleur etwas vorhanden – wenn auch, so eine Kritik aus Kreisen eher unkonventioneller Kunstschaffender, der Mainstream klar Vorrang hat.

Die Event-Leitung der Expo unter Daniel Rossellat macht dafür finanzielle Gründe verantwortlich: «Viele Projekte waren schlicht zu teuer. Wir können uns keine Auftragswerke leisten», sagte Rossellat kürzlich gegenüber der «Sonntags-Zeitung». Dem Event-Chef der Expo stand nach diversen Kürzungen immerhin noch ein Budget von 106 Millionen Franken zur Verfügung.

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Damit stellte Rossellat ein buntes Potpourri zusammen. Auftreten werden zum Beispiel die Thurgauer Band «Die Regierung», die mit dem Genfer Sänger Polar eine Spezialproduktion eingespielt hat, oder das Streichorchester «I Salonisti» – bekannt geworden als Bordorchester im Film «Titanic» –, das an der Expo Stummfilme vertonen wird. Ob «Swiss Army Big Band», Open Air für Kinder oder Festival christlicher Musik; ob Familienmusical, Clowns und Komiker, Sportwettkämpfe oder Volksmusiktreffen – an der Expo werden praktisch alle Sparten vertreten sein.

Auch Berühmtheiten fehlen nicht, etwa «Mummenschanz», der Gitarrist Compay Segundo aus Kuba oder der Sänger Khaled aus Algerien. Hinzu kommen die Spezialtage der Kantone.

Spektakel bieten an der Expo aber nicht nur die Events, sondern auch die Ausstellungen selber. Jede der fünf Arteplages hat als roten Faden einen thematischen Schwerpunkt. In Neuenburg zum Beispiel lautet das Motto «Natur und Künstlichkeit», dazu werden acht Ausstellungen eingerichtet. Das wohl spektakulärste Projekt: «Manna», ein 15 Meter hoher, begehbarer künstlicher Pudding, der nach Vanille riecht. In seinem Bauch versteckt er das «Erdbeerparadies», wo eine riesige Hors-sol-Beere entsteht. Daneben wird ein Funpark erstellt, wo das «grösste transportable Riesenrad der Welt» bestaunt werden kann.

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Spektakulär wird sich auch die Arteplage von Yverdon zum Thema «Ich und das Universum» präsentieren. Neun Ausstellungen gibt es hier zu entdecken, zudem eine hundert Meter lange künstliche Wolke. Über 30'000 Düsen sprühen nonstop Seewasser in die Luft. Im Innern der Wolke gibt es eine Bar, wo man Schweizer Mineralwasser degustieren kann.

Spass ist bei der Arteplage in Biel angesagt: Neben den zehn Ausstellungen zum Thema «Macht und Freiheit» gibt es einen Vergnügungspark, wo die Besucher laut Werbetext «Monster mit der Laserwaffe jagen oder sich mit Booten in Wildwasserfluten stürzen» können.

Total buhlen rund vierzig Ausstellungen um die Gunst der Gäste. Zusammen mit den Events kostet die Landesausstellung nach neusten Berechnungen 1,53 Milliarden Franken – 129 Millionen mehr als ursprünglich vorgesehen. In die Lücke springt voraussichtlich der Bund: Im März sollte das Parlament einen weiteren Kredit von 120 Millionen bewilligen. Damit bezahlt der Bund total 850 Millionen Franken für die Expo – pro Kopf der Bevölkerung also rund 120 Franken.

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Dennoch gibt sich die Expo-Leitung optimistisch: Kürzlich konnte sie bekannt geben, dass im Vorverkauf bereits eine Million Eintritte abgesetzt wurden. Um die Kosten zu decken, wären 10,5 Millionen Besucherinnen und Besucher nötig. Das heisst, dass auch ausländische Gäste die Expo besuchen und dass viele Schweizerinnen und Schweizer die Ausstellung mehr als einmal ansehen – ein Ziel, das die Veranstalter als «realistisch» einschätzen. Auftrieb gibt ihnen auch das positive Echo, das die Sonderaktion für Schulen auslöste: Dank einem Spezialangebot der SBB können Schulklassen zum Preis von 48 Franken je Kind einen Expo-Tag erleben. Allein mit dieser Aktion werden rund 250'000 Schülerinnen und Schüler an die Landesausstellung pilgern.

10,5 Millionen Besucher an 159 Tagen, das bedeutet 66'000 pro Tag und tönt nach reichlich Gedränge, nach Warteschlangen vor Kassahäusern und Staus auf Strassen und Fusswegen. Wer also den Expo-Besuch mit ein paar erholsamen Ferientagen verbinden möchte, sollte sich rechtzeitig um Unterkunft und Ausflugsziele in der Region kümmern.

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Attraktive Pauschalarrangements offerieren unter anderem die SBB und die Expo. Sehr empfehlenswert ist der Prospekt «Expo.02 Plus» der SBB-Tochter RailAway, der an allen Bahnhöfen gratis aufliegt. Darin finden sich preiswerte Vorschläge für Einzel-, Familien- oder Gruppenausflüge und Kurzferien. Einige Highlights: In Neuenburg und Ins werden zwei Tipi-Dörfer erstellt mit je rund fünfzig Gruppen- und Familienzelten im klassischen Indianerstil. Die Tipis haben fünf bis zwölf einfache Schlafstellen mit Matratzen, Decken und Kissen, dazu gibt es sanitäre Anlagen und Feuerstellen. Ein Frühstück wird serviert, auf Wunsch sogar auch ein Abendessen.

Ausgefallen ist auch das neu errichtete Modul-Hotel in Yverdon: Hier wurden gut einhundert geräumige, röhrenförmige Container aufgestellt, die direkt am See liegen und erholsames Übernachten ermöglichen. Eine weitere Besonderheit von RailAway ist die Vermietung von Fahrrädern und Rollschuhen: An allen Arteplages und bei wichtigen Wegkreuzungen stehen insgesamt 800 Velos und 250 Inlineskates zur Verfügung. So können die Besucher das Gebiet der Expo über abgesperrte Routen auch von der sportlichen Seite her entdecken.

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Wer es lieber ruhiger und romantischer wünscht, findet in speziellen Hotelführern am ehesten etwas Passendes. Empfehlenswert ist zum Beispiel das Buch «Der andere Hotelführer». In diesem Führer werden 37 Schweizer Hotels vorgestellt, die besonders auf Umweltschutz und ein freundliches, ruhiges Ambiente achten. Im Bernbiet, im Seeland und im Jura befinden sich mehrere solche Häuser; in Biel etwa die «Villa Lindenegg», ein kleines Hotel am Rand der Altstadt mit stilvollem Bistro und grossem Garten. Noch familiärer sind die Unterkünfte, die der Führer «Bed and Breakfast» auflistet. Allein im Dreieck Yverdon/Murten/Biel bieten über zwanzig private Gastgeber Kost und Logis an.

Das Gebiet der drei Seen bietet sowohl landschaftlich als auch touristisch und kulturell ein vielfältiges Urlaubserlebnis. Informationen erteilen die regionalen Tourismusverbände, die vor Ort ihre Büros betreiben und Feriengäste mit Tipps, Wandervorschlägen und Hoteladressen versorgen. Insbesondere propagieren die Expo-Kantone Bern, Freiburg, Jura, Neuenburg und Waadt Wander- und Sportferien sowie Tagesprogramme für naturnahe Erholung.

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Einen Einblick in die reichhaltige Palette an Sport- und Abenteuerausflügen vor allem für Gruppen gewährt die Broschüre «Erlebnis Schweiz» von Schweiz Tourismus. Kutschenfahrten, Schiffsreisen, Gourmet- und Weinausflüge gehören ebenso dazu wie Besichtigungen von Höhlen und Grotten, Flüssen und Seen, Museen und Tierparks. Daneben gibt es Rundreisen im Zigeunerwagen, Eseltrekking in den Bergen, Rundfahrten mit Nostalgiezügen, Wettkämpfe mit Hundeschlitten, Bogenschiesskurse, Kanuausflüge, Velotouren, Mehrtageswanderungen und so fort. Wer neben der Expo also noch über Energie für weitere Events verfügt, wird im Gebiet der drei Seen sicher fündig.

Solls lieber etwas Ruhiges sein, richtet man sich in einer Auberge oder Ferienwohnung, auf einem Bauernhof oder Campingplatz gemütlich ein. Und wie steht es mit der Expo selber? Vielleicht hält man sich am besten ans Wort des Statisten Pietro Ballinari vom Turmbau zu Biel: «Ständig ist an der Expo herumkritisiert worden – also muss wohl etwas Interessantes an der Sache dran sein.»

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