Mit beiden Händen umklammert Marina Rohner die Forelle. Die 12-Jährige greift nach dem Holzknüppel da schlüpft ihr das glitschige Tier aus der Hand und landet auf dem Boden. Das Mädchen stösst einen Schrei aus und weicht zurück. «Damit geht es besser», meint Instruktor Werner Bleiker und reicht ihr ein Handtuch. Marina packt den Fisch noch einmal und schlägt schnell zu: einmal, zweimal, dreimal zaghaft zuerst, dann immer mutiger. Der Fisch zuckt, sperrt sein Maul auf und erlahmt.

Ausweiden ist Nervensache

«Ist sie tot?», fragt Marina unsicher. Bleiker nickt und gibt ihr ein Messer. Die Schülerin schlitzt den Fischbauch auf, atmet tief auf und greift mit den Daumen in die Bauchhöhle. Die Eingeweide müssen raus. Doch die Forelle bewegt sich, und Marina zuckt zurück. Zum zweiten Mal landet der Fisch auf dem Boden. «Das sind nur die Nerven», beruhigt sie Bleiker. Er hebt den Fisch auf und beendet die Arbeit. Marina Rohner atmet auf. Sie hat die Prüfung bestanden und darf künftig offiziell als Jungfischerin in der Thur angeln.

Die Thur entspringt im oberen Toggenburg und fliesst via Wattwil und Wil ins Zürcher Weinland. Dort mündet sie in den Rhein. Die ersten 24 Flusskilometer hat der Fischereiverein Obertoggenburg für 74910 Franken pro Jahr gepachtet. Damit sichert er sich die ausschliessliche Fischereiberechtigung.

13 Personen haben sich im Saal des Hotels Sternen in Nesslau versammelt. Auf dem Programm steht die Einführung für Neumitglieder und Jugendliche. Vereinspräsident Sepp Stäheli kennt kein Pardon: «Jeder muss einmal einen Fisch getötet und ausgenommen haben.» Nebst dem blutigen Teil auf der Sommerterrasse gibt es viel Theorie mit anschliessender Prüfung.

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Stäheli erklärt die Regeln. Die Zeiten, als ein Fischer in einsamen Stunden noch kiloweise Fisch aus dem Bach holen konnte, sind vorbei. Die heutige Fischerei ist reglementiert. Gefischt wird nur von Mitte März bis Ende September, nie nachts und nur an der jeweils zugeteilten Flussstrecke. Der Einsatz von Widerhaken oder lebenden Ködern ist verboten. Und am wichtigsten: Die Fische müssen über 25 Zentimeter lang sein. Kleinere Fische gehören zurück in den Fluss.

Fischen ist Männersache

Die neuen Vereinsmitglieder hören aufmerksam zu. Viele von ihnen standen schon als Buben an den Seeufern. Fischen ist Männersache, Frauen sind rar. Die vier anwesenden Mädchen werden von ihren Vätern begleitet. Diese wollen ihre Begeisterung fürs Fischen an ihre Kinder weitergeben. Doch Vater Rohner freut sich mehr auf den nächsten Angelausflug als seine Tochter. «Wenn es regnet, bleibe ich daheim», sagt sie dezidiert.

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Viel wird Marina nicht verpassen, denn die Chance, dass man eine Forelle aus dem Bach zieht, ist klein. In den letzten 15 Jahren sind die Fangerträge im Kanton St. Gallen um 80 Prozent zurückgegangen. Nur gerade 3828 Bachforellen gingen den 230 Mitgliedern des Vereins Obertoggenburg im Jahr 2002 an den Haken. Hobbyangler Matthias Raschle hat im letzten Jahr zwei Forellen gefangen. «Das waren meine teuersten Fische», meint der Garagist lachend der jährliche Vereinsbeitrag kostet 400 Franken. Trotzdem schwärmt er vom Angeln: «Das Fischen beruhigt ungemein.»

Junge Forellen ausgesetzt

Rund 150000 Hobbyfischer gibt es in der Schweiz. Die meisten angeln in den grösseren Seen. Dort gilt das Freiangelrecht, jeder darf mit Rute und Wurm sein Glück versuchen. Wem das Stehen am Seeufer zu langweilig ist, der angelt im Fluss.

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Die Thur ist bei den Fischern besonders beliebt. Der Verein Obertoggenburg führt eine lange Warteliste. Um überhaupt noch Aussicht auf einen Fang zu haben, müssen die Petrijünger selbst für den Fischnachwuchs sorgen: Jahr für Jahr setzen sie in stundenlanger Fronarbeit Tausende von jungen Bachforellen aus. Nur ein Bruchteil davon überlebt.

Wie viele andere Schweizer Flüsse wurde die Thur kanalisiert und begradigt. Das Wasser fliesst zu schnell, die Fische finden kaum Ruhe- und Laichplätze. Einige Bachläufe sind derart zerstört, dass die Bachforelle nicht darin leben kann. Dort würden die Fischer gern die widerstandsfähigere Regenbogenforelle ansiedeln. Doch das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft hat das verboten. Seit zehn Jahren streiten sich die Fischer deswegen mit den Beamten. «Da hegt und pflegt man den Bach und fängt fast nichts, das ist frustrierend», sagt Roland Weber, Verbandsvorstand des Kantons St. Gallen.

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Die 16 Männer, die sich am Sonntagmorgen bei Oberbüren bereitmachen, haben es geschafft: Die Neumitglieder des Fischereivereins Thur sind zum Instruktionsanlass angetreten. Der Verein ist für den zweiten Thur-Abschnitt zuständig: Die Pachtnummer 1840 gilt für die rund 40 Kilometer Fluss von Wattwil bis an die St. Galler Kantonsgrenze. Hier fliesst die Thur breit und ruhig. Das Ufer ist kahl, auf der Betonbrücke fahren Autos nicht viel Natur auf den ersten Blick. Zudem ist es bitterkalt, es bläst eine scharfe Bise: definitiv kein Fischwetter.

Die Fischer präsentieren sich in voller Montur. Die einen tragen beinlange Stiefel, die anderen bis zur Brust reichende wasserdichte Wathosen, darüber ein Gilet mit diversen Taschen voller Anglerutensilien. Alles in Grün, Braun oder Grau gehalten Tarnfarben eben. Farbig sind einzig die Dächlikappen.

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Künstliche Maden gebastelt

Die Männer stehen in Gruppen auf der Kiesbank und begutachten das Material. Das Interesse gilt vor allem den Ködern aus Federn, Tierhaaren, Perlen und künstlichen Fasern. Jeder Fischer trägt in einer Schachtel diverse Modelle bei sich. Diese werden herumgereicht und kommentiert.

Instruktor Claudio Locher, Briefträger von Beruf, bindet seine Köder selber. Dazu entnimmt er dem Fluss regelmässig Insektenlarven und züchtet sie im heimischen Aquarium. Die verschiedenen Entwicklungsstadien der Insekten bastelt er dann jeweils nach. So kann er den Fischen die richtigen Köder zur richtigen Zeit präsentieren. Das sei wichtig, denn die Forellen oder Äschen seien wählerisch.

Hobbyangler Thomas Diener besitzt Material im Wert von 15000 Franken. Begeistert tauscht er sich mit seinen Kollegen aus. Die besten Fänge liegen bei allen ein paar Jahre zurück. Die Fischer wissen auch wieso: Nicht die Raubvögel seien das Problem, sondern die Bauern, die zu nahe am Wasser düngen.

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Die Folgen der Gewässerverschmutzung bekamen sie im letzten Jahr zu spüren: Nach einem Zwischenfall in der Kläranlage Bazenheid gelangte Klärwasser in die Thur. Auf einer Strecke von zehn Kilometern erstickten die Fische. Der Schaden für den Verein betrug 200000 Franken.

«Uns wird immer mehr vorgeschrieben, und andere dürfen weiterhin ihren Dreck ins Wasser lassen», macht einer der Fischer seinem Ärger Luft. Im Kanton St. Gallen wurden im Jahr 2002 mehr Fische vergiftet als gefangen. Die Gesetze seien zu lasch. Niemand versteht, wieso nicht mehr für die Gewässer getan wird. Immerhin sei 2003 das «Uno-Jahr des Wassers». «Sie bauen Fischtreppen und renaturieren das Ufer, aber nur dort, wo es der Wirtschaft nicht weh tut.»

«Natur im Vordergrund»

Während die anderen Hobbyfischer am Ufer fachsimpeln, steigt Norbert Wagner in die Thur. Immer wieder schwingt der Coiffeur aus Kirchberg die Rute und watet dabei durch das knietiefe Wasser. Fliegenfischen ist die Edeldisziplin der Fischerei.

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Instruktor Locher erklärt am Ufer im Fischerjargon: «Hakt der Fisch, müsst ihr ihn drillen, bis er müde wird. Erst dann dürft ihr ihn landen und töten.» Und er warnt vor Schwarzfischern: «Vor allem in Gruppen sind sie gefährlich. Stellt sie nicht selber, sondern ruft die Polizei.»

Ernsthaft ans Fischen denkt keiner an diesem Morgen. Das Wasser ist viel zu kalt. Nur Andreas Keller steht am Ufer und knüpft mit klammen Fingern den Silkfaden. Der Schellenbauer aus Winden ist ein grosser Fischereifan. Daheim hält er Piranhas. Zweimal wöchentlich steht er im Fluss. Er geniesst es, mit der Rute kilometerweit im Bachbett zu wandern. Dabei hält er auch Ausschau nach Bärlauch oder Pilzen. «Natürlich freue ich mich über einen Fang, aber das Naturerlebnis steht im Vordergrund», sagt er und klemmt mit den Zähnen ein Bleikügelchen am Faden fest.

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Dann wirft er den Haken mit der angesteckten Made in die Thur und wartet. Plötzlich biegt sich die Rute. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Vorsichtig zieht Keller die Angel ein und bringt etwas Braungrünes an die Oberfläche ein Stückchen Moos.

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