Astrid Schmid, 54, machte die Arbeit in der Sicherheitskontrolle am Flughafen Zürich auf einmal keinen Spass mehr. «Ich empfand meinen Beruf plötzlich als unglaublich hektisch und belastend», sagt sie. «Ich musste etwas ändern, ich war drauf und dran zu kündigen.» Zufällig entdeckte sie zu dieser Zeit ein unscheinbares Inserat in einer Regionalzeitung. «Freiwillige Pferdeführerin gesucht im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich in Affoltern am Albis», hiess es darin. Schmid bewarb sich, ohne lange zu zögern. Seither macht die Mutter zweier erwachsener Söhne zwei- bis dreimal im Monat die Therapiepferde des ­Rehazentrums bereit und führt die Tiere, während auf ihrem Rücken kleine Patienten sitzen und von einer Physiotherapeutin begleitet werden. «Ich ­liebe Pferde, ich ­liebe Kinder, ich liebe die Natur, es ist ­perfekt», freut sich die Helferin.

Was sie leisten, ist schlicht unbezahlbar

Wie Astrid Schmid engagiert sich in der Schweiz jede dritte Person im Durchschnitt einen Nachmittag pro Woche freiwillig. Das heisst: Sie unterstützt unentgeltlich eine Institution, eine Organisation, eine soziale Einrichtung oder einen Verein – oder sie hilft ausserhalb des eigenen Haushalts Nachbarn, Bekannten, Bedürftigen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik kommen auf diese Weise jedes Jahr etwa 640 Millionen Stunden zusammen, umgerechnet gut 19 Milliarden Franken oder 330'000 Vollzeitstellen. Freiwillige leisten zur Lebensqualität in unserer Gesellschaft einen Beitrag, der schlicht unbezahlbar ist.

So auch im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich, wo momentan rund 30 Freiwillige Begleit- und Betreuungsaufgaben übernehmen. Luk De Crom, Leiter des Pflegedienstes: «Ohne die Freiwilligen würde einiges an Menschlichkeit bei der Rehabilitation unserer jungen Patienten verlorengehen. Ihr Einsatz beginnt dort, wo der finanzierte Leistungsauftrag der Gesundheitsdirektion aufhört.»

So engagieren sich Freiwillige in allen Bereichen der Rehabilitation und damit der (Re-)Integration der Patienten des Kinderspitals: im sozialen Umfeld, in Freizeitaktivitäten und in der Schule. Sie begleiten die Kinder und Jugendlichen, sie statten ihnen Besuche ab, unterstützen die Therapeuten, Pfleger und Lehrer bei ihrer Arbeit. Genau wie Astrid Schmid, die Pferdeführerin in Affoltern am Albis: Die Hippotherapie, die sie begleitet und für die eigentlich nur je ein bezahlter Physiotherapeut vor­gesehen ist, könnte theoretisch zwar auch ohne sie stattfinden – allerdings mit Ein­bus­sen punkto Sicherheit und Qualität der Therapie.

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Fragen an sich selbst

  • Kann ich mir vorstellen, für eine bestimmte Zeit gratis zu arbeiten?
  • Habe ich genügend Zeit für einen freiwilligen Einsatz?
  • Bin ich zuverlässig? Begegne ich Menschen in schwierigen Situationen und Menschen aus anderen Kulturen mit Verständnis und Respekt?
  • Je nach Einsatzgebiet: Komme ich gegebenenfalls mit einer schwierigen Situation zurecht?
  • Woran habe ich Freude, womit würde ich gern noch mehr Zeit neben meiner beruflichen Tätigkeit verbringen?

Willkommener Ausgleich zur Lohnarbeit

Wie das Bundesamt für Statistik erhoben hat, überwiegt als Motiv für Freiwilligen­arbeit der Spass an einer neuen Tätigkeit. Freiwillige sammeln neue Erfahrungen, lernen Situationen und Menschen kennen, denen sie im Alltag unter Umständen nie begegnen würden. Anderen zu helfen oder etwas zu bewegen – das kann den eigenen Horizont erweitern, das Selbstwertgefühl steigern und helfen, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden, sich dazugehörig und nützlich zu fühlen.

Für Astrid Schmid sind die Einsätze für das Kinderspital ein Ausgleich zu ihrer Teilzeitstelle im Flughafen. Sie ist an einem Nachmittag im Rehazen­trum gut 14 Kilometer zu Fuss und an der frischen Luft ­unterwegs, die Kinder kommen meist ­freudestrahlend zur Therapie, sie lacht mit ihnen und den Therapeuten. «Anfangs ­hatte ich ein bisschen Angst davor, nicht richtig damit umgehen zu können, wenn ich Kinder sehe, die so behindert sind im Leben», sagt sie. Diese Sorge sei jedoch unbegründet gewesen: «Ich sehe an den Kindern nur das, was sie können, und nicht das, was sie nicht können.»

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Einen ihrer schönsten Momente bei der Hippotherapie erlebte Astrid Schmid mit ­einer 14-Jährigen, die nach ­einem Unfall langsam wieder laufen lernen musste. Zu Beginn konnte sie sich kaum auf dem Pferd halten, machte in den Therapiestunden aber schnell Fortschritte. «Nach ein paar Wochen sass sie locker auf dem Pferd und sagte: ‹Könnt ihr nicht ein bisschen schneller?›», sagt Schmid. «Das hat mir ­extrem viel bedeutet.»

Wie man Angebote findet

  • Benevol-jobs.ch ist die wichtigste Plattform für Freiwilligenarbeit.
  • Regionale Fachstellen der Kantone bieten Beratungen an und schreiben Freiwilligeneinsätze aus (Links auf ­www.benevol.ch).
  • Non-Profit-Organisationen wie das Rote Kreuz, die Caritas oder der WWF suchen Freiwillige.
  • In regionalen Zeitungen finden sich oft Inserate für Freiwilligenarbeit.
  • Sich direkt an die Institution wenden und nachfragen, ob man helfen kann.
  • In Schulen, Heimen, Kindergärten fragen, ob Familien Hilfe bei der Kinder­betreuung, Nachhilfe oder ­Ähnliches benötigen.
  • Blick über die Grenze: bei Organisa­tionen im Ausland nachfragen.

Freiwillige Arbeit eröffnet neue Horizonte

Auswirkungen hat Schmids freiwilliges Engagement auch auf ihren eigentlichen Job als Sicherheitskontrolleurin: Seit sie in ihrer Freizeit als Pferdeführerin tätig ist, geht sie ihrem regulären Beruf wieder lieber nach. «Wenn ich sehe, wie die Kinder hier Tag für Tag kämpfen, damit sie überhaupt einen Schritt machen können, ­denke ich: Ich habe vielleicht ein paar ­Unannehmlichkeiten auf der Arbeit, aber keine wirklichen Probleme», sagt sie. Sie sei dankbar, dass es ihrer Familie gutgehe, gesundheitlich und finanziell, und möchte mit ihrer freiwilligen Arbeit der Gesellschaft ein klein wenig zurückgeben.

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Für die allgemeine Anerkennung von Freiwilligenarbeit und für gute Rahmen­bedingungen setzt sich insbesondere Benevol Schweiz ein, die Dachorganisation der Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit in der Deutschschweiz. Sie er­arbeitet Standards und Merkblätter und kümmert sich um Weiterbildung. «Freiwilligenarbeit ist ein wichtiger Teil unseres ­gesellschaftspolitischen Zusammenhalts, ein Füreinander-Einstehen in ganz verschiedenen Bereichen», sagt Geschäftsführerin Elsbeth Fischer-Roth. Deshalb habe Freiwilligenarbeit einen hohen Integra­tionscharakter: Sie könne Menschen verschiedener Generationen, sozialer Schichten und Kulturen verbinden.

Ob unentgeltliches Engagement nun in einem Verein stattfindet, wo sich Menschen mit gleichen Interessen treffen, oder in der Arbeit mit Behinderten, die einen neuen Horizont eröffnet: Freiwilligenarbeit kann schon mit kleinen Hilfestellungen im eigenen Umfeld beginnen, indem man ­etwa die Einkäufe der gebrechlichen Nachbarin erledigt.

Der Franzose Philippe Pozzo Di Borgo, der seit einem Gleitschirmunfall 1993 querschnittgelähmt ist und dessen Biographie Grundlage für den letztjährigen Kino­erfolg «Intouchables» war, schreibt dazu in seinem neuen Buch: «Unsere Gesellschaft kann tatsächlich gerechter und menschlicher werden, wenn wir wieder an den tieferen Sinn der Solidarität anknüpfen. Denn nur sie bietet eine Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Sinn des Lebens.»

Das mag etwas pathetisch klingen, hat aber sicher etwas Wahres.

Die Rechte und Pflichten Freiwilliger

Wer sich freiwillig nützlich machen will, sollte sich vorab informieren, was gilt. Benevol empfiehlt folgende Richtwerte:

  • Freiwilligenarbeit unterstützt und ergänzt die bezahlte Arbeit, tritt aber nicht zu ihr in Konkurrenz. Aufgabe und Verantwortungsbereich sind klar definiert.
  • Anrecht auf Anerkennung: Zugang zur Infrastruktur der Organisation, Mitsprache bei Entscheidungsfindungen, Teilnahme an bestimmten Sitzungen, Schulungen.
  • Freiwillige Einsätze sollten pro Person auf sechs Stunden pro Woche im Jahresdurchschnitt begrenzt sein.
  • Eine Ansprechperson führt Freiwillige in ihre Arbeit ein, begleitet sie, unterstützt und vertritt sie; es gibt einen Erfahrungsaustausch und regelmässige Auswertungen der Arbeit.
  • Die während der Arbeit anfallenden Kosten für Transport und Kost oder nötige Weiterbildungen werden entschädigt.
  • Die Freiwilligen werden für die Dauer ihres Einsatzes von der Organisation haftpflicht- und allenfalls unfallversichert.
  • Freiwillige erhalten einen Nachweis über Art und Dauer ihrer Tätigkeit sowie ihrer dabei erworbenen Fähigkeiten.


Bei einem privat organisierten freiwilligen Engagement empfiehlt es sich, noch vor Beginn in einem Gespräch Wünsche und Bedürfnisse offen zu besprechen und zu klären. Zum Beispiel:

  • Welchen Umfang soll die Freiwilligenarbeit haben?
  • Werden Spesen gezahlt?
  • Möchte man die Dauer der Arbeit zeitlich begrenzen?


Eventuell kann es beiden Seiten helfen, die Vereinbarungen schriftlich festzuhalten.

Regionale Fachstellen bieten Kurse zur Weiterbildung an.

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