Mitten in den Sommerferien vibrierte Rolf Siegenthalers Handy. Es hörte sich aufdringlicher an als sonst. Ein Notfall. Kollegen aus Deutschland fragten, ob der Schweizer und sein Team die Leitung der Rettungsaktion in der bayerischen Riesending-Schachthöhle übernehmen könnten.

Als Rolf Siegenthaler am 11. Juni, vier Tage nach dem Unfall des Höhlenforschers Johann Westhauser, in den Berchtesgadener Alpen eintraf, war die Stimmung dort auf dem Tiefpunkt. Zwei Betreuungstrupps der Bergwacht und eine Erste-Hilfe-Gruppe aus der Schweiz waren beim Verletzten an­gelangt, aber ihn aus einem Kilometer Tiefe ans Tageslicht zu befördern erschien den acht Rettern als schier unlösbare Aufgabe. Der Arzt hatte es nicht einmal geschafft, den Verletzten zu ­erreichen. Nicht wenige hatten bereits resigniert. Jetzt war Rolf Siegenthaler am Zug.

Sehnsucht nach der Dunkelheit

Rund neun Monate später knallt die Sonne auf die Terrasse des Hotels Re­gina in Beatenberg hoch über dem Thunersee. Rolf Siegenthaler kneift die ­Augen zusammen. Aus einem der Chalets weht die Stimme einer Radiomode­ratorin herüber. Verkehrsmeldungen. Ein Smartphone piepst. Das Postauto brummt ums Eck.

Während die übrigen Gäste sich in der Sonne aalen, wünscht sich Rolf Siegenthaler 500 Meter unter die Erde. In den Bärenschacht, ein Höhlensystem, dessen Gänge direkt unter der Hotelterrasse hindurchführen und das für Laien nicht zugänglich ist. Es ist Siegen­thalers aktuelles Forschungsgebiet.

Jeden Monat steigt er für ein verlängertes Wochenende in seine Lieblingshöhle hinab, einmal pro Jahr für sieben Tage. Die Höhlenforscher entdecken neue Gänge, vermessen und doku­mentieren die Stollen. Die darauf aufbauende wissenschaftliche Forschung ist Aufgabe von Geologen, Hydrologen und Biologen.

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Durch unsichtbare Ritzen fallen Lichtstreifen in den Eingangsbereich des Bärenschachts. Doch schon nach wenigen Metern lösen sie sich auf. Wenn Rolf Siegenthaler seine Stirn­lampe ausschaltet, kann er seine ­Hände vor dem Gesicht nicht mehr erkennen. Sein Untergrundtenü besteht aus Overall und Gummistiefeln – dem Höhlenschuhwerk schlechthin, weil oft Wasser hineinläuft und jeder andere Schuh bei der hohen Luftfeuchtigkeit nicht wieder trocknen würde. Dazu kommen Helm und Gummihandschuhe, die fast bis zu den Ellenbogen reichen, um die Unterarme vor den scharfen Kanten des Steins zu schützen.

Der Weg hinab in den Bärenschacht ist rutschig. Hält der Höhlenforscher ­einen Moment inne, hört er die Feuchtigkeit von den Wänden tropfen. Fels, Schotter und Staub wechseln sich ab. Er kommt nur langsam voran. Mal sind die Gänge so niedrig, dass er sich nur noch robbend weiterbewegen kann. Mal muss er im Tauchanzug durch einen Höhlensee schwimmen. Mal ist ein Abschnitt so steil, dass er sich abseilen muss. «Es ist eine ganz eigene Art der Fortbewegung», sagt Rolf Siegenthaler. Langsam. Konzentriert. Dann wieder flink und schnell.

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Quelle: Alessandro Della Bella

Sieben Stunden Marsch ins Biwak

Auf dem Weg ins Basislager hängen an seinem Rücken jeweils zwei Kilogramm Papier; Pläne und Dokumentations­unterlagen. Dazu Messinstrumente, ­Ersatzwäsche, Notlicht, Wärmebeutel, Klettermaterial, Tauchanzug. Schlaf­säcke und weiteres unentbehrliches Material liegen in den drei Biwaks für die Forscher bereit.

«In der Höhle fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Weit weg vom Alltag. Und ich schlafe sehr gut.»
Rolf Siegenthaler, Höhlenforscher

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Mancherorts fliesst Montmilch (Bergmilch) über die Höhlenwände; sie schimmert bläulich auf dem schwarzen Stein. An anderen Stellen bedecken «dents de cochon» den Boden ausgetrockneter Seelein. Einige dieser Kalzitkristalle wirken so filigran, als könnten sie bei der leisesten Berührung abbrechen. Weiter unten in der Höhle sind Wände und Böden mit Gipskristallen bedeckt. Sie funkeln im Schein der Stirnlampen, die Forscher umgehen sie vorsichtig, als hätten sie kein Recht, diesen prächtigen Teil des unterirdischen Palasts zu betreten.

Rund sieben Stunden dauert der Marsch bis zum ersten Biwak, wo Steinbrocken als Hocker und Tische für die Forscher herhalten. Es gibt eine Biwak-Karbidlampe, eine Apotheke, ein Funksystem für Notfälle, ­einen Benzinkocher. In wasserdichten Transportfässern stapeln sich Nahrungsmittel wie Pilzsauce, Pasta und Trockensuppe.

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In den Höhlen herrscht eine ganz andere Art der Fortbewegung. Mal sind die Gänge enorm niedrig, mal extrem eng.

Quelle: Alessandro Della Bella

Zwölf-Stunden-Schicht im Untergrund

Von nun an gleichen sich die Tage. Um acht Uhr früh scheppert der Wecker. Die Forscher schlüpfen aus ihren warmen Schlafsäcken, steigen aus den Hängematten und in die kalten Stiefel. Zum Frühstück gibt es Teigwaren mit Tomatensauce, damit sie tagsüber bei Kräften bleiben. In Zweier- oder Dreier­teams begeben sie sich auf den Weg zu ihrem jeweiligen Forschungsort.

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Mit elektronischen Geräten messen sie Polygonzüge: Ein Polygonzug führt von einem Messpunkt zum nächsten und gibt Auskunft über Richtung, Neigung und Distanz der Gänge. Sie notieren Wasserstände und beobachten, mit welchen Bewohnern sie die Höhle teilen. Da sind Fledermäuse, Regenwürmer, Käfer und Springschwänze.

Zwölf Stunden dauert ein Höhlen­arbeitstag. Wieder im Biwak, kochen die Forscher und spachteln den Hauptgang direkt aus der Pfanne. Schreiben Tourentagebuch. Bringen das Material für den nächsten Tag in Ordnung. Und fachsimpeln beim Dessert noch lange über Gott und die Höhlenwelt. Bis Schlafenszeit ist. Den Lebensrhythmus im Untergrund bestimmt allein die Uhr. Nur so lässt sich dem Jetlag vorbeugen.

«Die grösstmögliche Freiheit»

Rolf Siegenthaler spiesst Pommes frites und ein Stück Schnitzel auf seine ­Gabel. Der 41-Jährige ist ein zäher Typ, schlank, sehnig, etwas bleich. Es würde ihm nicht schaden, öfter auf einer Terrasse in der Sonne zu sitzen. Er spricht in einem Tonfall, der nicht viel über seine Empfindungen verrät. Nur manchmal lässt die Wortwahl etwas durchschimmern von seiner grossen Liebe, der Liebe zum Untergrund: «In der Höhle fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Weit weg vom Alltag, vom Stress, von allen Verpflichtungen. Und ich schlafe sehr gut.»

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Enge und Feuchtigkeit stören ihn nicht. Dass er aufs Duschen verzichten und sein Geschäft auf dem blossen Boden verrichten muss, macht ihm nichts aus. Dass der Kontakt zur Aussenwelt unterbrochen ist, geniesst er sogar. Nicht mal das Tageslicht fehlt ihm. «Für mich ist das Leben in der Höhle die grösstmögliche Freiheit.» Hätte er keine Familie, zöge es ihn weit häufiger ins Dunkel hinab.

Tödliche Falle: Die Knochen stammen von einem verunglückten Steinbock.

Quelle: Alessandro Della Bella

Seine Frau und seine Kinder können diese Leidenschaft nachempfinden: Wann immer es der Alltag und die geplante Höhlentour erlauben, begleiten sie ihn. Noch vor einem Jahr war ­eine Höhle für den siebenjährigen Sohn ein endloser Sandkasten, eine Spielfläche. Beim letzten Besuch aber sah er sich um, stellte Fragen, zeigte ­Interesse. Den Vater würde es freuen, wenn die vierjährige Tochter dereinst die gleiche Neugier entwickelte.

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Mit 17 Jahren stieg Rolf Siegenthaler als Gymnasiast zum ersten Mal in eine Höhle. Ein paar Monate später band er den Schlafsack am Rucksack fest und kletterte mit drei Freunden ins Nidlenloch hinab. Die Seiltechnik hatte er sich mit Hilfe des Petzl-Katalogs für technisches Klettergerät angeeignet. An diese erste Nacht unter der Erde kann er sich nicht mehr erinnern: «Aber sie muss gut gewesen sein, sonst wäre ich wohl nicht Höhlenforscher geworden.»

Wieder an der frischen Luft: Reporterin Muriel Gnehm mit den Höhlenforschern Rolf Siegenthaler (rechts) und Christian Reiner

Quelle: Alessandro Della Bella
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Weisse Flecke auf der Karte

Gänzlich um ihn geschehen war es nach einem Schulausflug ins Institut für Geologie in Bern. Dort lernte er ­einen Höhlenforscher kennen, der ihn später auf eine Vermessungstour in die Beatushöhlen mitnahm. Wann immer es die Zeit in den folgenden Jahren ­erlaubte, begab er sich in den Untergrund. Und doch studierte er Betriebswissenschaft, nicht Geologie. «Eine gute Mischung war mir wichtig. Das Hobby sollte nicht auch noch Beruf sein», sagt er. Doch so richtig wollte dies dann doch nicht klappen: Heute versorgt der Unternehmer Rolf Siegenthaler die Höhlenforscher auf der ganzen Welt mit Licht; gemeinsam mit einem Ingenieur hat er die Scurion-Lampe entwickelt, die länger und heller leuchtet als herkömmliche Stirnlampen.

Fast 80 Kilometer Gänge des Bärenschachts sind erforscht; jeder noch so schmale Durchgang ist auf den Plänen vermerkt. Doch es sind die weissen ­Flecke auf der Karte, die Rolf Siegen­thaler ins Höhlensystem locken. Fragezeichen tauchen dort auf, wo unklar ist, wie es weitergeht. Ob ein Weg als Sackgasse endet, weiterführt oder sich sogar noch verzweigt? «Manchmal finden wir jahrelang nichts, bis wir auf eine neue Passage stossen», sagt Siegenthaler. Vor drei Jahren war es das letzte Mal so weit: Eines Abends kamen seine Kollegen mit leuchtenden Augen zurück ins Biwak – sie hatten einen völlig neuen Höhlenteil entdeckt.

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Nun blitzt auch in Rolf Siegenthalers Gesicht Freude auf. Er, der an der ­Sonne ähnlich diszipliniert wirkt, wie es der Alltag unter der Erde verlangt, kommt ins Schwärmen: «Der neue Gang führte Hunderte von Metern weiter. Und dieses Hineinlaufen in etwas, wo noch nie jemand war, das ist wie Goldfieber.» Fast selig sieht er aus, während er den Zucker in den Kaffee rührt.

In der Schweiz gibt es rund 1000 Höhlenforscher. Sie alle haben sich zur Aufgabe gesetzt, in ihrer Freizeit unseren Untergrund zu vermessen. Hauptberufliche Höhlenforscher gibt es keine. Derzeit ist das Hölloch mit über 200 Kilometern Länge das grösste ­Höhlensystem der Schweiz. Doch Rolf Siegenthaler und seiner Crew fehlt nur eine Verbindung von 1,2 Kilometern zwischen dem Bärenschacht und dem Faustloch, einem weiteren Höhlensystem – dann hätten sie die grösste Höhle unter sich.

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Er ist zuversichtlich, dass sie das fehlende Teilstück finden werden. Irgendwann. Erst kürzlich hätten sie einen neuen Gang entdeckt, der in einem 45-Grad-Winkel nach oben führe. Wo er enden wird, wissen sie noch nicht.

Happy End im Riesending-Höhle

Vor neun Monaten in der Riesending-Schachthöhle konnte Rolf Siegenthaler nicht voraussagen, wie die Geschichte ausgehen würde. Aber er wusste, dass eine Rettung in einer Höhle gegenüber einer in den Alpen einen entscheidenden Vorteil hat: Verletzte kühlen weniger schnell aus als in den Bergen; in den hiesigen Höhlen herrschen konstante Temperaturen um die acht Grad. Den Rettern blieb noch etwas Zeit.

Siegenthalers Aufgabe war es, nachts die 202 Retter in der Höhle zu koordinieren. Er kommunizierte mit den Einsatzleitern im Untergrund, versorgte die Retter mit Nahrungsmitteln, hielt sie auf dem Laufenden. Tagsüber schlief er. Je näher die Bahre mit dem Verletzten dem Ausgang kam, desto besser wurde die Stimmung.

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Nur einmal noch mussten die Retter einen Rückschlag hinnehmen: Viele ­litten an infizierten Schürfwunden. Untersuchungen ergaben, dass der Bach in der Höhle mit Fäkalkeimen kontaminiert war – er war den Ausscheidungen dieses Massenauflaufs nicht gewachsen. «Um Schlimmeres zu vermeiden, gaben wir die Weisung durch, dass das Wasser abgekocht werden muss.» Insgesamt 700 Personen waren an der ­Rettung beteiligt. Zwölf Tage nach dem Unfall war sie geglückt.

Bildergalerie: Exklusive Führung in den Beatushöhlen

BeobachterNatur lud Leserinnen und Leser ein, mit Christoph Seiler die Beatushöhlen am Thunersee zu besuchen. Als Präsident der Sektion Interlaken der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung kennt Seiler die Beatushöhlen wie seine Westentasche. Auch über die Bergung eines Forschers in der bayerischen Riesending-Höhle kann Seiler aus erster Hand berichten: Er war bei der spektakulären Rettungsaktion mit dabei.

Der erforschte Teil der Beatushöhlen erstreckt sich über 14 Kilometer. Ein Kilometer ­davon ist beleuchtet und – mit guten Schuhen – bequem ­begehbar. Die kostenlose, exklusive Führung fand am Samstag, 25. April 2015, von 15 bis 16.30 Uhr statt.

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Blick auf den Thunersee (Bild: Carmen Demund)

Quelle: Alessandro Della Bella

Zwei Teilnehmerinnen schickten uns Fotos der Führung

Klicken Sie auf die Lupe rechts unten im Bild, um die Galerie zu öffnen (Bild: Carmen Demund)