Beobachter: Seit 1968 arbeiten Sie als Skilehrer in Arosa. Fahren Kinder heute anders Ski als vor 40 Jahren?
Heiri Stapfer: Die moderne Ausrüstung hat alles verändert. Nehmen wir als Beispiel den Carving-Ski: Seit es den gibt, können Kinder schlechter bremsen. Mit diesen taillierten Brettern ist es höllisch schwer, den Stemmbogen zu machen.

Beobachter: Das sagen Sie. Die Mehrheit schwärmt vom Carving-Ski. Er mache das Skifahren viel einfacher.
Stapfer: Wenn man es mal kann, ist es tatsächlich leichter. Aber für Anfänger gilt das nicht. Man muss mit der Ausrüstung umgehen können. Viele meinen, die Ausrüstung allein mache schon einen Top-Skifahrer aus ihnen. Die denken: Ich trage einen Helm, mir kann nichts passieren. Das führt dazu, dass sich alle überschätzen, sie über ihre Verhältnisse fahren. Nicht nur die Kinder. Früher war das nicht so.

Beobachter: Das klingt jetzt aber sehr nach «Früher war alles besser».
Stapfer: Es stimmt aber. Die Leute fahren heute rücksichtsloser als früher. Wer nicht rechtzeitig ausweicht, hat verloren. Es gibt keine Solidarität mehr auf der Piste. Niemanden kümmert es, wenn ein Pistenrowdy einen über den Haufen fährt. Dasselbe gilt übrigens auch für den Strassenverkehr.

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Beobachter: Haben Sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht, dass Sie ein derart bitteres Urteil über die Skifahrer von heute fällen?
Stapfer: Einmal fuhr mir ein Snowboarder in den Rücken. Obwohl es seine Schuld war, hat der mich zusammengeschissen und ist dann einfach weitergefahren. Ich hatte noch ein kleines Kind dabei. Im ersten Moment war ich nur froh, dass dem Buben nichts passiert ist. Wäre ich geistesgegenwärtiger gewesen, hätte ich von diesem Raser den Ausweis verlangt und ihn bei den Bergbahnen angezeigt.

Beobachter: Wenn sich einer Ihrer Schüler als Pistenrowdy entpuppt – was sagen Sie dem? Wie bringen Sie den Kindern mehr Vorsicht bei?
Stapfer: Ich schimpfe nicht. Ich rede ihnen nur freundlich ins Gewissen: Was du hier machst, ist sehr gefährlich. Wenn du in jemanden hineinfährst und der ist für den Rest seines Lebens schwer behindert, trägst du dein Leben lang daran.

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Beobachter: Sie weinen?
Stapfer: Mir kommen bei diesem Thema immer die Tränen. Dagegen bin ich wehrlos.

Beobachter: Meinen Sie wirklich, gutes Zureden hilft bei den Pistenrowdys?
Stapfer: Bei einigen ja, bei anderen ist Hopfen und Malz verloren.

Beobachter: Ist die Gefahr auf der Piste in den letzten Jahren gewachsen?
Stapfer: Ja. Wegen der Selbstüberschätzung. Und weil es immer mehr Skifahrer auf den Pisten gibt.

Beobachter: Bringen Sie lieber Erwachsenen oder Kindern das Skifahren bei?
Stapfer: Ich kenne beides – und muss ehrlich sagen: Mit Kindern habe ich mehr Spass. Die sind ehrlicher und zeigen ihre Freude ganz spontan. Und sie sind unkomplizierter. Erwachsene nehmen die Sache sehr ernst und denken zu viel nach. Skifahren ist für sie eine reine Kopfsache.

Beobachter: Viele Skilehrer haben lieber erwachsene Schüler.
Stapfer: Klar, Kinder haben Heimweh, sie wollen dauernd aufs WC, nörgeln wegen der Kälte rum. Das finden viele Skilehrer mühsam. Ich hingegen sehe Kinder als Herausforderung. Ich muss das Kind davon überzeugen, dass es lustiger ist, mit mir Ski zu fahren, als bei den Eltern zu hocken.

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Beobachter: Haben Sie Tricks? Wie lösen Sie zum Beispiel die WC-Frage?
Stapfer: Wenn ein Kind auf die Toilette muss, gehe ich mit. Jeder sollte sein Geschäft erledigen können. Die Kinder sagen rechtzeitig Bescheid, weil sie wissen, dass ich mich nicht aufrege. Es gibt Skilehrer, die mit allen vor dem Unterricht aufs WC gehen, um dann den Kleinen das Pinkeln für die nächsten zwei Stunden quasi zu verbieten. Ich verstehe das. Diese Lehrer unterrichten 15 Kinder auf einmal und können kaum auf jedes Bedürfnis eingehen. Ich habe als Privatlehrer maximal vier Kinder.

Beobachter: Was machen Sie mit Kindern, die ständig frieren?
Stapfer: Meine Hände sind immer warm. Ich fahre den ganzen Winter über ohne Handschuhe. Wenn ein Kind friert, nehme ich seine Hände und reibe sie, bis sie wieder warm sind.

Beobachter: Und mit Kindern, die losweinen, sobald die Eltern weg sind?
Stapfer: Dass die Eltern weggehen, ist gut. Wenn die am Rand stehen und zuschauen, kann man mit dem Kind in der Regel nichts anfangen. Das Heimweh habe ich innert kürzester Zeit im Griff. Ich nehme das Kind zwischen die Beine, und wir fahren Schuss. Das wirkt immer.

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Beobachter: Schuss?
Stapfer: Mit Tempo. Da haben die Kleinen riesig den Plausch. Und wenn ich dann noch hüpfe, ein Bein hebe oder andere Faxen mache, wollen die meisten gar nicht mehr aufhören. Ich mache den Löli, den Clown – so habe ich bis jetzt alle überzeugt.

Beobachter: Wirklich alle?
Stapfer: Wenn ein Kind nicht will, will es nicht. Damit habe ich kein Problem. Dann breche ich ab und sage: Jetzt gehen wir eine heisse Ovomaltine mit Schümli trinken. Im Warmen erzähle ich ein paar Witze, bis es lacht und wieder Lust aufs Skifahren hat. Wollen Sie meinen besten Witz hören?

Beobachter: Gerne.
Stapfer: Eine lange Reihe Pinguine in der Antarktis. Am äussersten Rand steht ein Pinguin-Junges und weint traurig und wie verrückt. Ein erwachsener Pinguin geht zu ihm und fragt, was los ist. Es finde seine Mama nicht, sagt das Junge. Woraufhin der alte Pinguin fragt: Wie sieht sie denn aus?

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Beobachter: War das der Schluss?
Stapfer: (lacht) Sie habens nicht begriffen? Na, egal, jedenfalls lieben meine Schüler den Witz.

Beobachter: Ihr Unterricht funktioniert also nach dem Spass- und Lustprinzip. Wie halten Sie es mit Eltern, die in ihrem Kind schon den zukünftigen Abfahrtsweltmeister sehen? Deren Ehrgeiz jeglichen Spass zunichtemacht?
Stapfer: Solche Eltern sind selten. Sie haben dem Kind die Freude am Skifahren bereits so verdorben, dass es überhaupt nicht mehr auf die Piste will. Ich muss dann die Eltern dazu überreden, dem Kind eine Pause zu gönnen. Wenn sie partout nicht von ihrem Wunsch ablassen wollen, komme ich mit meinen unangenehmen Fragen: Wenn etwas passiert? Wenn sich Ihr Kind etwas bricht? Was machen Sie dann? Spätestens hier begreifen die meisten Eltern, dass sie nichts erzwingen können.

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Beobachter: Worauf sind Sie als Skilehrer stolz?
Stapfer: (lacht) Auf das viele Geld, das ich verdient habe. Ich habe gut und viel gearbeitet. Inzwischen habe ich ziemlich reduziert. Ich gebe Einzelunterricht oder habe Gruppen von maximal vier Kindern. Mehr wäre mir zu viel. Ich bin ja schon bald 70, mir tun die Knochen langsam weh.

Beobachter: Was machen Sie eigentlich im Sommer?
Stapfer: Im Sommer habe ich früher auf dem Bau gearbeitet. Als Dachdecker, Zimmermann. Ich bin gelernter Elektriker. Für mich gab es auf dem Bau immer Arbeit.

Beobachter: Stimmt es, dass Sie Familien bereits in der dritten Generation das Skifahren beibringen?
Stapfer: Richtig. Die ersten sind inzwischen Grosseltern. Sie hatten Spass mit mir, konnten viel lernen. Also schickten sie auch ihre Kinder zu mir. Und so weiter. Alle sagen: Es gibt keinen besseren Lehrer als den Heiri.

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Beobachter: Ein guter Skilehrer muss den Kindern vor allem die Angst nehmen können.
Stapfer: Ich fahre mit dem Kind immer auf derselben Piste, mache auf dem Hügelchen immer denselben Bogen, immer dieselbe Spur. Tagein, tagaus. Hoch und runter. Ewigkeiten lang. Die stete Wiederholung verscheucht die Angst. Und irgendwann traut es sich auch ohne Stemmbogen.

Beobachter: Gibt es unter den Kindern unterschiedliche Skifahrertypen?
Stapfer: Nein. Ich kann höchstens sagen: Das verwöhnte Kind – mit dem ist es am mühsamsten.

Beobachter: Warum?
Stapfer: Meine Kinder – ich habe drei, inzwischen erwachsen – mussten, wenn sie etwas haben wollten, immer selber einen Batzen dranzahlen. So trugen sie Sorge zu den Sachen. Kinder, die alles geschenkt bekommen, lassen ihre Skier einfach irgendwo liegen. Auch sonst haben sie Mühe mit Regeln. Weil sie wissen, dass sie alles haben können. Am Anfang können sie meine klare Linie gar nicht akzeptieren. Bei reichen Kindern muss ich sehr oft sagen: So nicht! Bei mir nicht!

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Beobachter: Was ist schwieriger: fremden oder den eigenen Kindern das Skifahren beibringen?
Stapfer: Mit den eigenen ist es hundertmal schwieriger. Beim Vater ist man nie so brav wie einer wildfremden Person gegenüber. Meinen Kindern habe ich gesagt: Wenn ihr nicht so wollt wie ich, stecke ich euch in die Skischule. Was ich auch tat. Dort mussten sie parieren. Kurze Zeit später kamen sie zu mir zurück. Ganz brav waren sie.