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TüftlerSo geht Erfinden

Was geschieht, wenn bei Daniel Düsentrieb das Lämpchen aufflackert? Vier Erfinder erzählen, wie sie auf ihre genialen Ideen kommen.

Die umwelt- und tierweltschonende Wasserturbine ist nur eine von mehreren Erfindungen, die Hasan Isik als Patent angemeldet hat.
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Am Anfang steht das Problem: Wieso macht man etwas so und nicht anders? Wie könnte man es besser machen? Wer sich ernsthaft um solche Fragen bemüht, läuft Gefahr, Erfinder zu werden.

Mit göttlichem Funken, kosmischer Eingebung oder Genie hat Erfinden herzlich wenig zu tun. «Es ist in erster Linie Fleissarbeit», sagt Karl Weber. Der 69-Jährige ist seit 40 Jahren als ­Industriedesigner und Erfinder tätig – und das mit Erfolg. Er hält zwölf Patente, etwa in Medizinaltechnik, für Transporthilfen, Verpackungen und eine Caravan-Antenne. Sein erfolgreichstes Produkt: der Veloständer Pedalparc, der an mittlerweile 150 SBB-Bahnhöfen steht.

«Der Erfinder ist ein Nonkonformist, ein Abweichler», sagt Werner Rammert, Professor für Techniksoziologie an der Technischen Universität Berlin. Er sei unangepasst, und zwar im besten Sinn: «Durch seine im Wortsinn ‹ver-rückte› Wahrnehmung erkennt er Probleme und Lösungen, die anderen verborgen bleiben.» Gedanklich neue Wege zu gehen ist also unabdingbar. «Der Erfinder ist bis zu einem gewissen Grad zudem durchaus besessen in dem, was er tut», sagt Werner Rammert. «Deshalb verfolgt er seine Idee unbeirrt auch gegen äussere und innere Widerstände.»

Scheitern ist kein Makel

Und er ist ein Stehaufmännchen: Jeder Misserfolg, jede Fehlkonstruktion treibt ihn an, auch dieses neue Pro­blem anzugehen und wenn irgend möglich zu lösen. Scheitern ist für ihn kein Makel, sondern die Basis für den nächsten Schritt in Richtung Ziel. Tatsächlich ist die Angst vor dem Scheitern der grösste Feind der Kreativität, da sind sich Hirnforscher und Psychologen einig. Dafür gibt es auch klare Indizien: In unzähligen Tests hat sich herausgestellt, dass Probanden, die kreativ sein mussten und wussten, dass ihr Ergebnis danach bewertet würde, viel schlechter abschnitten als solche, die nicht davon ausgingen, dass ihre Arbeit beurteilt würde. Derjenige, dem es egal ist, was andere von seiner Erfindung halten, hat also deutlich bessere Chancen, etwas Bahnbrechendes zu erfinden. Oder anders gesagt: Wir sind am kreativsten, wenn wir einfach vor uns hin spielen und nicht auf Lob aus sind.

«Erfinder brauchen nicht nur bei der Problemlösung, sondern auch im Zusammenspiel mit potenziellen Lizenznehmern oder Patentkäufern eine extrem hohe Frustrationstoleranz», sagt Karl Weber. Er hat in den siebziger Jahren eine Blindenuhr erfunden, die heute noch einzigartig ist. Es braucht nur eine Bewegung mit dem Arm, und der Benutzer weiss intuitiv, wie spät es ist: Die Uhr sendet Impulse ans Handgelenk, allerdings nach einem so raffinierten System, dass man nicht mitzählen muss.

Immer wieder war Weber mit seiner Erfindung bei Blindenverbänden und Uhrenherstellern vorstellig geworden. Alle staunten, waren beeindruckt. Doch niemand wollte sich der Sache annehmen – zu klein der Markt, zu teuer die Bauteile (heute kosten sie fast nichts mehr). Weber war schlicht zu früh dran mit seiner Idee. Jetzt, gut 40 Jahre später, weibelt er wieder in Sachen Blindenuhr und hofft, doch noch an den Richtigen zu gelangen.

Wer als Erfinder Erfolg haben will, muss sich bewusst sein, wie Unternehmen ticken: «Man kann nicht einfach mit seiner Erfindung in einer Firma einfahren und denken, es klappt», weiss Weber. «Es braucht auch eine grobe Aufstellung der Kosten, eine halbwegs fundierte Marktanalyse und wenn möglich einen Prototyp.»

Karl Weber, 69, Erfinder
Quelle: Regina Hügli

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Viele Ideen landen in der Schublade

Der Typ Einzelkämpfer hingegen ist oft ein Träumer und nimmt sich und seine Erfindung schlicht zu wichtig. Er ist der irrigen Meinung, die Welt habe auf ihn und seine Idee gewartet. Zudem scheitert die Umsetzung häufig am sogenannten «Not invented here»-Syndrom: Oft gibt es in Firmen Widerstände gegen Erfindungen von aussen, weil die eigenen Entwickler neidisch sind oder sich nicht vorstellen können, dass ein Fremder eine bessere Lösung hat als sie. Dann landet das Projekt in der Schublade, statt realisiert zu werden – egal, wie viel dafür bezahlt wurde.

Erfinder sollten mindestens 20 Projekte gleichzeitig verfolgen, um auch nur eines ins Ziel zu bringen. Doch viele Einzelmasken – oft sind es Pen­sionierte, die sich nach dem Arbeits­leben endlich ihrer grossen Idee widmen können – haben bloss ein einziges «Baby». Und das wird mit aller Kraft vorangetrieben. So mancher verbrät dabei nicht nur sein eigenes, sondern auch geliehenes Geld, in der Meinung, dass sich der Aufwand irgendwann lohne, ja lohnen muss. Wenn dann niemand Interesse zeigt an ihrer «epochalen» Erfindung, folgt oft Bitterkeit – oder Schlimmeres.

Schlaue Köpfe tauschen sich aus

Erfinder, die allein im stillen Kämmerlein vor sich hin tüfteln, sind selten erfolgreich. «Die meisten berühmten Erfinder – sei es Alexander Graham Bell, Thomas Alva Edison oder Henry Ford – waren keineswegs allein unterwegs», sagt Werner Rammert, der sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen des Erfinders und seinem Platz in der Gesellschaft beschäftigt. «Wie schon in der Renaissance und im Barock, als Fürsten die schlausten Köpfe an ihre Höfe holten, tauschten auch sie sich untereinander aus.»

Später gründeten grosse Firmen wie IBM Labors, in denen Tüftlern grösstmöglicher Freiraum und oft fast unbeschränkte Mittel zur Verfügung standen. Dann gibt es noch das, was Rammert die Gemeinschaft der Praktiker nennt. Solche losen Klubs werden durch das Internet beflügelt – es müssen nicht alle Mitdenker gleichzeitig vor Ort sein. Gerade Entwickler von Computerprogrammen treffen sich gerne virtuell in offenen Foren.

Einzelkämpfer hingegen haben das Handicap, dass sie nicht vernetzt sind. Sie haben keinen Zugang zu Spezia­listen wie Verfahrenstechnikern, Materialkundlern, Programmierern, Vermarktern oder Vertriebsprofis. Und erst recht keinen Kundenstamm.

Der Jungunternehmer Michael Bühler will da mit seiner Firma Boooo Schützenhilfe leisten. Zunächst gehe es darum zu verstehen, was genau die Idee der Erfindung ist. Dann müsse eine Präsentation erarbeitet werden, die es auch Aussenstehenden in kürzester Zeit erlaubt zu begreifen, worum es geht. Bühler hilft auch bei Patentfragen. «Und schliesslich geht es darum, die beste Firma für das Produkt zu finden.» Denn egal, wie genial eine Idee ist: Sie ist wertlos, solange sie nicht umgesetzt und verkauft wird.

Auch die Epoche und damit die ­Gesellschaftsform, in der ein Erfinder lebt, sind wichtige Faktoren. Liberale Gesellschaften, die eine ethnische und soziale Durchmischung erlauben, begünstigen Innovationen. Starre, konservative Gemeinschaften verhindern sie. Im katholisch geprägten Mittelalter wurde Kreativität nicht honoriert, im Gegenteil: Sie konnte direkt auf den Scheiterhaufen führen. Ein Mann wie Leonardo da Vinci hätte damals höchst gefährlich gelebt; in der offeneren, bildungshungrigen Renaissance hingegen war er ein gesuchter Mann.

Alexis Wiasmitinow, 36, Erfinder
Quelle: Regina Hügli

Erfinden ist Verschmelzen

Kreativität ist ein Sammlungsprozess, der fast immer ein Verschmelzen, Anpassen und Verbessern von Bestehendem enthält. Grundsätzlich können wir uns nichts ausdenken, was nicht bereits in unseren Köpfen schlummert – wenn auch ungeordnet. Unser Bewusstsein ist ein Sammelsurium aus Gehörtem, Gelesenem, Gerochenem, Gesehenem, Ertastetem.

Etwas Neues entsteht dann, wenn aus diesem Fundus Elemente neu kombiniert werden. Umso wichtiger ist es, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die Umwelt genau zu beobachten. Auch der griechische Mathematiker und Ingenieur Archimedes von Syrakus, der nackt und laut «Heureka!» – «Ich habs!» – rufend auf die Strasse rannte, hatte keine wundersame Eingebung, als ihm die Erkenntnis des nach ihm benannten archimedischen Prinzips kam. Vielmehr hatte er schlicht in der Badewanne gelegen und beobachtet, dass sein Körper das Wasser verdrängte.

Keine Schule, dafür acht Patente

Auch Hasan Isik hat eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, aus dem Beobachteten Neues zu schaffen. Das Paradepferd des 48-jährigen Türken ist eine umwelt- und tierweltschonende Wasserturbine, die zudem einen viel höheren Wirkungsgrad aufweist als andere Systeme. Auf eine erste Spur brachte ihn die Wahrnehmung, dass Fische in Bodennähe ruhig an Ort und Stelle verweilen, während sie im oberen Teil des Gewässers von der Strömung weggetrieben werden.

Isik, der vor neun Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz kam, hat mittlerweile ein europaweites Patent für seine Wasserturbine laufen. Und sieben schweizweite – etwa für einen Rollstuhl, den man durch leichte Schaukelbewegungen vorwärts bewegt, ohne die Hände benutzen zu müssen. Für eine Toilettensitzlüftung. Oder eine beleuchtete Zahnbürste.

Isik hat nie eine berufliche Ausbildung genossen oder ein Studium absolviert. Das macht es nicht gerade einfach, für seine Erfindungen Käufer zu finden. «Die denken oft, der kann ja gar nichts», sagt er. Allerdings geniesst er mittlerweile in Fachkreisen einen guten Ruf, seine Turbine ist weltweit einzigartig.

15 Jahre hat er auf «sein Kind» – die Turbine – verwendet. «Ich denke eigentlich Tag und Nacht an meinen Erfindungen herum», sagt Isik. Er habe als Folge der Folterungen in jahre­langen Gefängnisaufenthalten einen schlimmen Tinnitus und schlafe ohnehin schlecht. «Die Beschäftigung mit meinen Erfindungen hilft mir, nicht an die Erlebnisse im Gefängnis zu denken. Es ist quasi Therapie.»

Doch wieso hält sich die Idee so hartnäckig, dass Erfinder aus dem Nichts geniale Geistesblitze haben? «Die Lösung für ein Problem kommt einem immer dann, wenn man mit einem ganz anderen Problem beschäftigt ist», sagt der 36-jährige Maschi­neningenieur Alexis Wiasmitinow. Der Schweizer mit russischen Wurzeln tüftelt seit rund fünf Jahren an einem per App oder Computer gesteuerten Kochautomaten herum – und kennt das Phänomen zur Genüge.

Hasan Isik, 48, Erfinder
Quelle: Regina Hügli

Gute Ideen kommen nicht am Pult

Die guten Ideen, die Lösungen kommen oft nicht am Pult beim konzen­trierten Nachdenken, sondern beim Joggen, in der Badewanne oder in der Beiz. Das hat damit zu tun, dass das Hirn in Zeiten der Entspannung im Unterbewussten locker weiterdenken kann – so erklären es Hirnforscher. Wer kurzzeitig «aufgibt» und sich etwas anderem widmet, kann der Lösung näher kommen. Dadurch, dass diese vermeintlich unvermittelt auftaucht, entsteht der Eindruck vom spontanen, ja genialischen Gedanken.

Oft hilft auch der Zufall. «Mir war beim Christbaumschmücken die gläserne Spitze runtergefallen und zerbrochen», sagt Gerda Schandl. «Weil es mich reute, das hübsche Ding wegzuwerfen, habe ich es kurzerhand mit der Spitze nach unten in einen Blumentopf gesteckt.» Und da war sie, die Idee für eine Giesshilfe für Topfpflanzen. Schandl, Wiener Krankenschwester im Ruhestand und, wie sie selber sagt, schon immer mit einem erfinderischen Geist gesegnet, begann zu experimentieren. Mit Champagnergläsern, die einen bis zum Fuss offenen Stiel hatten. «Ich habe den Fuss abgetrennt und in den Stiel Löcher gebohrt, damit das Wasser gleichmässig in die Erde dringen kann.» Mittlerweile hat die 61-Jährige die Giesshilfe, die sie über ihren Mini-Webshop vertreibt, als Gebrauchsmuster beim Patentamt angemeldet.

Ein volles Patent hält sie auf ihrer zweiten Erfindung: einer Aufhängevorrichtung für Christbäume. «Ich ­habe auf dem Land ein kleines Häuschen. Damit der Christbaum in der Stube nicht so viel Platz braucht, dachte ich mir, man könnte ihn ja von der Decke hängen.» Weil der Baumarkt nichts Gescheites hergab, liess sich Schandl von einem Kunstschlosser ­einen Prototyp fertigen. Schliesslich gab sie 100 Stück in Auftrag, in Ungarn, wo es billiger ist. Die Aufhängevorrichtung vertreibt sie wie die Giesshilfe im Internet. Leben muss sie von den Verkäufen nicht.

Gerda Schandl, 61, Erfinderin
Quelle: Regina Hügli

Frauen sind so rar wie weisse Raben

Gerda Schandl ist in Erfinderkreisen eine Ausnahme: Frauen sind so selten wie weisse Raben. Sie machen bloss fünf Prozent aus. Es könne gut sein, meint Erfinder Karl Weber, dass man Frauen selbst heute noch kaum Technikverstand zutraue und sie es daher schwerer hätten, sich in diesem Bereich durchzusetzen. Auch Technik­soziologe Werner Rammert findet keine schlüssige Begründung: «Eigentlich gibt es ja keinen Unterschied», sagt er. «Und tatsächlich findet man dort, wo Frauen Zugang zu kreativen Gemeinschaften hatten, durchaus Ausnahmen, etwa Lady Lovelace, eine Pionierin der Programmierung.»

Veröffentlicht am 03. Februar 2015