Der Orden verlangt grosse Opfer von den Benediktinerinnen. Wer aufgenommen wird und das Gelübde ablegt, verpflichtet sich, bis zum Tod zu bleiben. «Die Ordensschwestern sind von der Aussenwelt abgeschirmt und verbringen mehrere Stunden am Tag mit Beten», sagt Petra Andri, die durch das Museum des Klosters St. Johann in Müstair führt.

In der Klosterkirche zeigt Andri auf die Fresken, die das Kloster weltberühmt gemacht haben. Sie stammen aus der Zeit der Gründung um das Jahr 800. «Dies sind weltweit die am besten erhaltenen karolingischen Wandmalereien», erläutert Andri. Ihnen und den monumentalen Gebäuden verdankt die Anlage die 1983 erfolgte Auszeichnung als Weltkulturerbe der Unesco.

Neue Chance für eine Randregion

Der Legende nach hat Karl der Grosse das Kloster aus Dankbarkeit gegründet, nachdem er mit seinen Truppen in einem Wintersturm heil über den Ofenpass gekommen war. Im 12. Jahrhundert wurde das Männerkloster St. Johann in ein Benedik­tinerinnenkloster umgewandelt. Seitdem widmen hier Frauen ihr Leben der Besinnung. Zwölf Schwestern, Durchschnitts­alter 66, leben zurzeit nach den Regeln des heiligen Be­nedikt im Kloster. Petra ­Andri führt die Besucher in eines der ­Prunk­stücke, eine kleine, geschichtsträchtige ­Kapelle zu Ehren des heiligen Ulrich aus dem 11. Jahrhundert. Gedämpftes ­Sonnenlicht erhellt den kargen Raum, der zu Rückzug und spiritueller Erfahrung ­animieren soll.

Nach der kühlen und weltfernen Stimmung im Kloster brauchen die Augen ein paar Sekunden, um sich an das helle Licht der Sonne zu gewöhnen. Golden leuchten die Lärchen vor schneebedeckten Bergen. Müstair liegt in der breiten Talebene unmittelbar vor der Grenze zum italienischen Vinschgau. Auf dem Platz vor dem Kloster wartet Gabriella Binkert, 50, eine der einflussreichsten Personen im Tal und Direktorin des Regionalen Naturparks Biosfera Val Müstair. Auf dem Weg ins «Chalavaina», ein ehrwürdiges Hotel und Restaurant mit schöner Bündner Fassade, grüsst sie links und rechts – kein Zweifel, Gabriella Binkert kennt hier jede und jeden. In der alten und authentischen Gaststube aus Arvenholz erläutert sie die Bedeutung des Labels Biosphärenreservat. Seit dem vergangenen Sommer besitzt das Val Müstair die von der Unesco verliehene Bezeichnung. Genau genommen ist das Tal eine Pflege- und Entwicklungszone des angrenzenden, seit 1914 bestehenden Na­tionalparks, der das Kerngebiet des Bio­sphärenreservats bildet. «Bisher war das Kloster die bekannteste Attraktion im Val Müstair. Die Aufwertung zum Biosphärenreservat gibt dem ganzen Tal Auftrieb», sagt Gabriella Binkert. Und das kommt gelegen. In den sechs Gemeinden leben 1640 Menschen, Tendenz abnehmend. Junge und Gutausgebildete finden hier kaum Arbeit.

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Die Bären gehören schon fast dazu

Die energische Unternehmerin Binkert hat sich zusammen mit weiteren Initianten während fast zehn Jahren für die Anerkennung der Gegend als Biosphärenregion eingesetzt. Sie erhofft sich eine neue Dy­namik, In­vestitionen und Arbeitsmöglichkeiten. Die Bezeichnung Biosphäre sei nicht nur ein wohlklingendes Label, sondern auch Basis für eine umweltgerechte Entwicklung, die der Natur und den Menschen, die hier wirtschaften, Rechnung ­trage, betont Binkert, die seit 25 Jahren im Tal lebt. «Es braucht einen Ausgleich zwischen Natur und Wirtschaft und muss für beide Seiten stimmen.»

Was das bedeutet, zeigt sich beispielhaft am Lauf des Rombachs, der weiter oben im Tal aus einer Karstquelle entspringt. Heute fliesst er frei und unbehindert, seine Ufer sind renaturiert und revi­talisiert. Zwischen Tschierv und Fuldera haben Fachleute und Bevölkerung das Flussbett verbreitert und vertieft. So konnte die wiederkehrende Überflutung der Ebene verhindert werden.

Am Rombach treffen wir den Bauern und Schafhirten Jachen Andri Planta. Der urchige Mann mit Bart und wettergegerbter Haut ist ein Pionier für Herdenschutzhunde. 2004 hat er sich die beiden Maremmen-Abruzzen-Hunde Samba und Balou zugelegt, die seither seine Schafherde vor Raubtieren schützen. Zunächst hätten viele den Kopf geschüttelt, sagt Planta, aber als ein Jahr später der erste Bär auftauchte und Richtung Nationalpark zog, war er der einzige Tierhalter, der ruhig schlafen konnte. Mittlerweile schützen mehrere Schafzüchter ihre Herden mit den speziell ausgebildeten Hunden.

«Die Bewohner im Tal haben heute kein Problem mehr mit Raubtieren, sie sind sensibilisiert», sagt Gabriella Binkert. Der Bär, der im Frühling 2010 auftauchte, konnte unbehelligt durchs Tal ziehen; es gab keine Aufregung, keine Hatz. Die Herdenschutzhunde sind darauf abgerichtet, Alarm zu geben, wenn sich unbekannte Tiere oder Menschen einer Herde nähern. Tatsächlich schlagen Samba und Balou ­sofort an, als wir in die Nähe von Plantas Herde kommen. «In dieser Situation muss man einfach stehenbleiben», schärft uns der Hirt ein. Wir folgen dem Rat, und die Hunde kehren zu den Schafen zurück.

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Wilde Tiere gibt es viele im Val Müstair. Davon zeugt der Name Tschierv, Romanisch für Hirsch, den das Dorf ganz oben im Tal trägt. Nahe Tschierv steht auf einer Lichtung im Lärchenwald das Bienenhaus von Renata Bott. Sie züchtet Dunkle Honig­bienen, deren Name von der Färbung des Hinterteils herrührt. Apis mellifera mellifera besiedelte einst den ganzen Alpenraum, wurde aber von neu eingesetzten Arten verdrängt. Bott zieht nun artenreine Königinnen heran und führt sie nach der Geschlechtsreife in neue Völker ein. So will sie die Zahl der Dunklen Bienen vermehren, die sich im Lauf ihrer langen Geschichte an die harte Witterung der Bergtäler angepasst haben.

Die Sonne verschwindet hinter den schneebedeckten Bergspitzen. Das Licht ist bläulich kalt, und es wird kühl auf dem Weg nach Lü, dem höchstgelegenen Ort in der Schweiz. Auf 1920 Metern über Meer liegt einem das Val Müstair zu Füssen. Es ist aber nicht die Aussicht aufs Tal, die Václav und Jitka Ourednik hierhergebracht hat, sondern der Himmel oder genauer gesagt, die guten Verhältnisse zur Beobachtung des Nachthimmels. Ouredniks sind begeisterte Astronomen, deren Leidenschaft für das Weltall an diesem ab­gelegenen Ort einzigartige Früchte trägt. Auf einer hölzernen Bühne am Dorfrand stehen die vier weissen, mannshohen Kuppeln des Alpine Astrovillage, darin die neuste Generation von Teleskopen.

Gute Sicht in die Unendlichkeit

Langsam dunkelt es ein, und ein atemberaubender Himmel wird sichtbar. Im Südosten leuchtet hell der Jupiter, im Zentrum zieht sich die Milchstrasse als weisses Band über den Himmel, und am nordöstlichen Horizont funkeln die Plejaden. Es leuchtet und glitzert, als würde man den Himmel weitab von der Zivilisation beobachten.

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«Es gibt in der Schweiz und in Mittel­europa kaum bessere Verhältnisse. Hier hat es kein Streulicht von Städten, und atmosphärische Turbulenzen sind auf dieser Höhe minimal», sagt Václav Ourednik. Rund 130 Beobachtungsnächte hat er seit dem Start des Projekts im Dezember 2009 gezählt. Er richtet das voll computerisierte Teleskop auf den Nachthimmel und nimmt weit entfernte Galaxien in den Fokus. Hier sind Langzeitbeobachtungen möglich, die Zehntausende von Lichtjahren entfernte Objekte abbilden können.

«Diese Teleskope sind für Semiprofis und Amateure gedacht, die aufwendige Beobachtungen durchführen wollen», sagt Ourednik. Für weniger versierte Astronomen gibt er mit seiner Frau Ein­führungs- und Beobachtungskurse. Später am Abend zieht etwas Nebel auf, doch durch das ­Teleskop erkennt man deutlich die Monde, die den Planeten Jupiter umkreisen. Kurz darauf gleitet eine Sternschnuppe über das Val Müstair.

Ein spezieller Ort, ein magisches Tal: Oben in Lü blicken Jitka und Václav ­Ourednik und ihre Gäste in die Unendlichkeit des Alls und versuchen, dessen Geheimnisse zu knacken; unten in Müstair versenken sich die Benediktinerinnen in die inneren und spirituellen Welten.


Kloster St. Johann, Müstair
Das Kloster wurde 1983 ins Weltkultur­erbe-Inventar der Unesco aufgenommen. Es führt ein Museum und ein Gästehaus.
Öffnungszeiten: November bis April, 10 bis 12 und 13.30 bis 16.30 Uhr, Sonn- und Feiertage: vormittags geschlossen, Eintritt: zwölf Franken
www.muestair.ch
Alpine Astrovillage, Lü
Das Astrovillage bietet einwöchige Kurse für Anfänger und Hobbyastronomen und auch Übernachtungs­möglichkeiten an.
www.alpineastrovillage.com

Wintersport
Das Val Müstair ist ideal für Skitouren, Schneeschuh- und Winterwanderungen, Infos: Tourismus Val Müstair, Telefon 081 858 58 58
www.val-muestair.ch

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In Minschuns gibt es ein kleines, familienfreundliches Skigebiet, Telefon 081 858 51 09
www.minschuns.ch

Von Lü (1920 m ü. M.) führt ein Schlittelweg nach Tschierv (1660 m ü. M.).

Von Tschierv nach Fuldera und zurück führt eine 17 Kilometer lange Lang­laufloipe.

Kürzere Loipen gibt es im Skigebiet Minschuns und in Lü.

Loipenbericht: Telefon 081 858 51 27

Übernachten
Im Val Müstair gibt es zahlreiche Hotels und Übernachtungsmöglichkeiten, die meisten in Müstair und Sta. Maria – zum Beispiel die Casa Chalavaina in Müstair www.chalavaina.ch

Oder das Hotel Crusch Alba in Sta. Maria
www.hotel-cruschalba.ch

Biosphärenreservat Val Müstair

Die Website des Biosphärenreservats bietet ausführliche Infos zum Tal, zu den eingebundenen Projekten und touris­tischen Aktivitäten
www.biosfera.ch

Wer ins Münstertal will, ohne eine Grenze zu überqueren, muss durch den Nationalpark fahren.

Quelle: Tanja Demarmels
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  • Müstair: Im Grenzort steht das berühmte Kloster St. Johann.
  • Sta. Maria: Das Dorf ist für sein geschütz­tes Ortsbild bekannt.
  • Tschierv: Das Dorf am Ofenpass heisst auf Deutsch Hirsch.
  • : Die höchst­gelegene Gemeinde in der Schweiz.