«Es sei wegen der Asienkrise», sagt Magaziner Baldassare Imperia und zuckt die Achseln. Weniger Touristen, weniger Verkäufe, weniger Bestellungen - also werden in Schönenwerd wieder Arbeitsplätze abgebaut. Kann ich bleiben? Muss ich gehen? Schon wieder geht die Angst um in Schönenwerd.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Bally-Schuhfabriken haben in den letzten Jahren schon viele Erklärungen gehört: die günstigere Konkurrenz auf dem Weltmarkt, die hohen Preise, die Rezession und die sinkende Kauflust der Kunden. Nur die Botschaft blieb dieselbe: «Jetzt abbauen, umstrukturieren, und dann sind wir fit für die Zukunft.» Jedesmal wurde es noch schlimmer. Es kamen neue Manager mit neuen Ideen, nur die Folgen blieben gleich.

Uber 8000 Menschen beschäftigte die Bally-Gruppe weltweit Anfang der neunziger Jahre, etwas mehr als 3000 sind es heute noch. Am meisten schrumpften die Schweizer Produktionsstätten. 2000 arbeiteten noch vor einem Jahrzehnt für die Schuhfabriken, 600 werden es nächstes Jahr noch sein.

«E triste», sagt der 52jährige Imperia. «Es ist traurig, wenn einem die Arbeit aus den Fingern gleitet.» Er geht durch das Schuhsohlenlager. Hier hat der gebürtige Sizilianer vor 36 Jahren angefangen. Damals wurden die Sohlen noch in Schönenwerd gemacht. Imperia schnitt, klebte, bediente Maschinen.

Im Lauf der Zeit stieg er auf und hatte 20 Leute unter sich. «Tempi passati», sagt er. Nach und nach wurden die Sohlen zugekauft und nicht mehr selber produziert. Ubrig blieben in Schönenwerd nur das Lager und Imperia als einziger Lagerverwalter - ausser ihm arbeitet hier keiner mehr.

Das Lager ist immer noch mit Stanzerei angeschrieben. Es ist nicht das einzige umgenutzte Gebäude auf dem grossen Bally-Areal, das sich rund um den Bahnhof erstreckt.

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200 Arbeitsschritte nötig
Ausstellungslokale und Fabrikläden haben Produktionsräume ersetzt. Wo einst Arbeiterinnen Schulter an Schulter sassen, hat es nun Platz für überdimensionierte Lagerhallen. Ganze Trakte sind an Firmen vermietet worden. Aber immer noch steigt einem Ledergeruch in die Nase. Noch entstehen Schuhe in Schönenwerd, und zwar nicht viel anders als vor 30 Jahren.

«Das Schuhhandwerk bleibt überwiegend Handarbeit», sagt Fabrikleiter Hubert Achermann, seit 37 Jahren bei Bally. «Uns tut es weh, wenn diese Arbeit nicht mehr geschätzt wird.» Damals wie heute sind etwa 200 Arbeitsschritte nötig, bis der fertige Schuh das Haus verlässt: Das Leder wird zugeschnitten, der Schaft genäht. Der entstehende Schuh wird über den Leisten gespannt und an die Brandsohle gezwickt, die Sohle daruntergenäht oder -geklebt, der Absatz montiert und gestrichen: ein Handwerk, das in der Schweiz verschwindet.

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Im Tessin ist’s billiger
Heute organisiert der Fabrikleiter in Schönenwerd die Arbeit für 150 Personen; rund 80 davon werden Ende 1999 noch übrigbleiben, das sieht der neuste Massnahmenplan vor. Die Produktion in der Schweiz wird vor allem in Caslano TI konzentriert. Dort sind die Kosten günstiger. Die 270 Arbeiterinnen und Arbeiter im Tessin werden täglich etwa 2000 Paar Bally-Schuhe herstellen. Früher, so erinnern sich die Mitarbeiter, verliessen bis zu 16000 Schuhpaare jeden Tag die Bally-Werke.

«Die Grundsätze, die Bally gross gemacht haben, gingen vergessen», sagt der 81jährige Fred Klaus. Ihn überrascht darum diese Entwicklung nicht. 30 Jahre hat Klaus bei Bally verbracht. Er stieg zum Vizedirektor auf, bis er sich 1966 als Berater in der Schuhindustrie selbständig machte.

Mitte der achtziger Jahre hat er im Buch «Das Bally-Lehrstück» den Niedergang des Unternehmens analysiert. «Vergessen ging, dass die Basis eines Unternehmens das Produkt selbst ist», sagt Klaus. Darum müsse die Firma darben. Schwiegersöhne der Ballys und Manager, die nichts von Schuhen verstanden, übernahmen Anfang der siebziger Jahre das Ruder. «Das war der Anfang vom Niedergang», sagt er. Die «Schuehnigen», wie Klaus die wahren Schuhfachleute nennt, hatten nichts mehr zu sagen. Der Anschluss an den neuen Zeitgeist wurde verpasst.

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Finanzjongleure statt Profis
Statt dessen wurde das Unternehmen 1976 an einen damals unbekannten Finanzjongleur verkauft: an Werner K. Rey. Die Unabhängigkeit war damit verloren. Die Schuehnigen wurden durch Finanzoptimierer verdrängt. Klaus lässt seinen Blick über das Dorf Schönenwerd schweifen. Hinter ihm das Denkmal von Carl Franz Bally, dem Gründer der Bally-Werke. Mit dem Finger weist er auf all die Häuser, die einst zum Bally-Besitz gehörten.

Die Herren Bally bauten Siedlungen für die Familien der Arbeiter und steckten über Jahrzehnte die Gewinne in Liegenschaften - gedacht als Reserven für schlechte Zeiten. Die schlechten Zeiten kamen, aber die Reserven schröpften andere: Rey und die jetzige Bally-Besitzerin, die Oerlikon-Bührle, verkauften die Liegenschaften.

Nur noch Prototypen
«Wir haben nicht nur abgebaut», wehrt sich Dieter Feller, Personalchef der Bally-Gruppe. Das Unternehmen habe sich in den letzten Jahren von einem nationalen Schuhhändler zur globalen Marke gewandelt. Dabei sei die Marke Bally auch wieder gestärkt worden, aber «die Struktur musste angepasst werden». Konzentration auf das Kerngeschäft, heisst die Devise. «Schönenwerd bleibt das Herz von Bally», sagt Feller.

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1994 zügelte das Management der ganzen Bally-Gruppe von Zürich zurück nach Schönenwerd. Hier sei das Zentrum für die Planung, für das Design und für die Sicherung der Qualität.

Produziert werden hingegen nur noch Prototypen der Schuhe und höherwertige Macharten - genug, um das Fachwissen nicht zu verlieren. Die neue Schauhalle beim Arealeingang ist Sinnbild dieser neuen Strategie. Auf einer Fläche so gross wie ein halbes Fussballfeld ist die ganze Bally-Kollektion ausgestellt. «Walking into Modernity», heisst eine Linie davon. Zu diesem Schritt in die Moderne gehört auch der Aufbau eines Designzentrums. 35 Arbeitsplätze sollen damit geschaffen werden.

Alle pendeln weg
Doch was ist das schon im Vergleich zu früher: 4000 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte Bally zu den besten Zeiten allein in Schönenwerd. Wenn am Abend in der Fabrik die Arbeit niedergelegt wurde, waren fast alle Strassen im Dorf verstopft. Aus der ganzen Region pendelten die Leute nach Schönenwerd. Aber auch das hat sich geändert: Zwar prangt die Gebäudeaufschrift Bally am Bahnhof immer noch auf Perronhöhe - so als wäre es die Stationsbezeichnung. Doch Schönenwerd ist nicht mehr identisch mit Bally, und Bally ist nicht mehr identisch mit Schönenwerd.

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«Wir sind eine normale Gemeinde», sagt Gemeindepräsidentin Esther Gassler. Aus dem ehemaligen Industriezentrum ist eine Pendlergemeinde geworden. Morgens sind die Züge voll - in Richtung Aarau und in Richtung Zürich. «Jede weitere Abbaumassnahme ist tragisch», sagt die Gemeindepräsidentin. Aber die ehemalige Grösse von Bally sei schon längst geschrumpft.

Am Ende nur die Hoffnung
Was bleibt Baldassare Imperia? Kann er bleiben? Muss er gehen? Soll auch er nach Zürich pendeln? Oder wird er gar zurück in die Heimat reisen müssen?

Sicher ist: Das Schuhsohlenlager wird nächstes Jahr geschlossen. Mit einem unsicheren Lächeln meint Imperia: «Ich habe mich ein Leben lang für Bally eingesetzt. Ich hoffe, Bally wird sich auch für mich einsetzen.»

Die Geschichte eines Niedergangs

1851: Carl Franz Bally gründet die Bally & Comp. und beginnt im solothurnischen Dorf Schönenwerd mit der Serienproduktion von Schuhen.
1916: Das Unternehmen zählt inzwischen 7200 Mitarbeiter und stellt 3,9 Millionen Paar Schuhe her. Uber zwei Drittel der Produktion gehen in den Export.
1977: Finanzjongleur Werner K. Rey übernimmt Bally. Das Unternehmen hat im Lauf der Jahrzehnte hohe stille Reserven angehäuft, die sich aber im Aktienkurs nicht niederschlagen. Rey hat nicht lange das Sagen; er verkauft Bally im gleichen Jahr an Oerlikon-Bührle und streicht einen Verkaufsgewinn von 30 Millionen Franken ein.
1986: Bally schliesst die Schuhfabrikation in Dottikon AG.
1991: Bally schliesst die Fabrik in Triengen LU und drosselt ihre Schuhproduktion in Schönenwerd. 310 Stellen gehen verloren. Weltweit beschäftigt das Unternehmen immer noch fast 8000 Personen.
1992: Bührle-Chef Hans Widmer übernimmt bei Bally die Führung. Er verkündet als Unternehmensziel eine Umsatzverdoppelung auf rund 2 Milliarden Franken und eine Gewinnsteigerung auf 100 Millionen für das Jahr 2000. Ende 1992 holt Widmer den Italiener Stefano Ferro als neuen Leiter zu Bally. Ferro krempelt das Traditionsunternehmen total um und modernisiert den Auftritt. In Zukunft soll Bally als globale Marke mit einem einheitlichen Profil auftreten. In der Marke Bally, sagt Ferro, stecke ungeheures Potential.
1993: Die in massiven finanziellen Schwierigkeiten steckende Oerlikon-Bührle greift auch in den Sparstrumpf von Bally.
1994: Das gesamte Management der Bally-Holding zügelt von Zürich nach Schönenwerd. Die Devise heisst: «Zurück zu den Wurzeln.» In Aarau wird die Produktion stillgelegt.
1995: In Schattdorf UR wird die Produktion eingestellt; 100 Arbeitsplätze gehen verloren. Auch in Schönenwerd werden 75 Stellen abgebaut. Ende 1995 feuert Widmer Ferro und holt den bereits bei Saurer als Sanierer angeheuerten Ernst Thomke. Bally veröffentlicht einen Betriebsverlust von 6,7 Millionen Franken.
1996: Thomke erklärt eine völlige Abkehr von Widmers Zielen. Bis ins Jahr 2000 soll die unter Ferro drastisch reduzierte Eigenproduktion bei Bally wieder auf 50 Prozent der total verkauften Schuhe erhöht werden. Thomke will nach Jahren des Abbaus plötzlich wieder die Produktion in der Schweiz verstärken.
1997: Die Ankündigungen erweisen sich als leere Versprechen: In Schönenwerd wird mit der Schliessung der ganzen Produktion gedroht, betriebswirtschaftlich sei der Standort nicht haltbar. Im August verlässt Thomke Bally im Streit. Im Oktober heisst es: Bis März 1999 sollen in den Kantonen Solothurn und Tessin 200 Stellen gestrichen werden. Die Kapazität werde von 1,2 Millionen Paar Schuhen auf 950'000 verkleinert. Hans Widmer, Chef der Bally-Mutter Oerlikon-Bührle, verkündet: «Die Strukturprobleme sind gelöst.»
1998: Bally gibt im September bekannt, weitere 140 Stellen abzubauen - je zur Hälfte im Tessin und in Schönenwerd. Das Werk Stabio wird geschlossen und in Caslano integriert. Die Jahresproduktion soll von 900'000 Paar Schuhen auf 450'000 Paare heruntergeschraubt werden. Bally beschäftigt noch 3200 Mitarbeiter.
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