Er meint es anders, als es klingt: «Das ist ein schönes Objekt.» Was Markus Amrein eigentlich sagen will: In diesem Haus steht vieles zum Schlechten – also ist es für ihn ein lohnendes Betätigungsfeld. Amrein ist Architekt und Energieberater beim Verein Energie Zukunft Schweiz und steht gerade vor dem Haus des Lehrerehepaars Reinhardt im Zürcher Oberland. Die beiden haben das 56 Jahre alte Haus kürzlich gekauft und wollen es nun erst einmal ­renovieren. Deshalb möchten Reinhardts wissen, welche energetischen Schwachstellen das Gebäude hat. «Meist genügt es, ein Haus von aussen zu sehen, und ich kann bereits voraussagen, zu welcher ­Klasse des Gebäudeenergieausweises es gehört», sagt Amrein. Hier sieht er definitiv rot – «die schlechteste Kategorie».

Der Energieausweis für Gebäude, vergleichbar mit der Energieetikette für Autos, wurde vor einem Jahr eingeführt. Seither können Besitzer den energetischen Standard ihres Hauses bestimmen – entweder selber via Internet oder mit Hilfe eines Ener­gieberaters. Während neue Gebäude in der Regel gut abschneiden, weist ein Grossteil der Altbauten erhebliche Defizite auf. Vor allem Häuser, die vor 1980 erstellt wurden, verfügen in der Regel über keine oder nur eine unzureichende Isola­tion.

Erhebungen zeigen, dass rund die Hälfte der Altbauten in den letzten 30 Jahren nie saniert wurde. Entsprechend hoch ist ihr Energieverbrauch: Bei einem Haus aus den siebziger Jahren etwa rechnet man mit einem Verbrauch von rund 22 Litern Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr. Nach einer umfassenden Sanierung sind es höchstens noch sieben Liter.

«Das ist ein schönes Objekt»: Markus Amrein hat viele energetische Schwachstellen gefunden.

Quelle: Gerry Nitsch

Fachmann Markus Amrein erklärt Hausbesitzerin Karin Reinhardt die Massnahmen.

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Bei den Fenstern weitsichtig planen

Gross dürfte deshalb auch das Energiesparpotential des Wohnhauses von Reinhardts sein. Amrein setzt sich mit Hausbesitzerin Karin Reinhardt auf die Terrasse mit Blick auf die Innerschweizer Alpen und füllt ­einen Fragebogen zur Liegenschaft aus. Dann folgt das wichtigste Element der Beratung, der Rundgang durchs Haus. In der künftigen Stube im Erdgeschoss wird der Berater bereits fündig: Die Heizungsradiatoren könn­ten mit Thermostatventilen nachgerüstet werden – eine sehr effektive und doch günstige Sparmassnahme.

Ein weiterer Schwachpunkt sind die 30-jährigen Fenster, mit klassischer Doppelverglasung und ohne Dichtung. «Damit es nicht zieht, hatte die Vorbesitzerin hier immer selbstgestrickte Kissenschläuche auf dem Fenstersims liegen», weiss Karin Reinhardt. «Kein Wunder», sagt Amrein und erklärt, dass der U-Wert dieser Fenster bei 3,0 liegen würde – gut dreimal mehr als bei einem modernen Fenster. Der U-Wert ist die wichtigste Kennzahl, wenn es um den Energieverlust von Gebäuden geht. Er gibt an, wie viel Wärme durch ein Bauteil verlorengeht. Je kleiner der U-Wert, desto besser die Isolation. Gute Fenster erreichen heute Werte von rund 0,7. Trotzdem dämmen sie immer noch schlechter als eine gut iso­lierte Wand. Eine Backsteinwand mit 20 Zentimeter dicker Isolation bringt es auf einen U-Wert von unter 0,2.

Markus Amrein rät den Eigentümern, die Fenster aber nicht einfach eins zu eins auszutauschen, sondern vorausschauend zu planen – beispielsweise indem die Rahmenbreiten der neuen Fenster so dimen­sioniert werden, dass sie auch zu einer späteren Isolation der Fassade passen. Und dieser Schritt wird früher oder später kommen, denn für Amrein ist klar, dass die Aussenwand unbedingt besser gedämmt werden sollte. Eine Arbeit, die sich im Rahmen der sowieso anstehenden Sanierung des Haus­es relativ einfach und erst noch ren­tabel durchführen lassen würde.

Quelle: Gerry Nitsch

Weg vom Öl? Nichts überstürzen!

Wie die Fassade ist auch der Ölbrenner der Heizung nicht mehr auf dem neuesten Stand; er hat 25 Jahre auf dem Buckel. «Der muss definitiv raus, wir wollen weg vom Öl», sagt Karin Reinhardt. Überraschenderweise wird ihr Enthusiasmus durch Berater Amrein gebremst: «Bevor an der Hei­zung etwas gemacht wird, empfehlen wir, zuerst Massnahmen an der Gebäudehülle durchzuführen.» Ein sinnvolles Vorgehen. Wird nämlich die Heizung ausgetauscht, bevor das Haus gedämmt ist, muss ein grösser dimensioniertes Heizgerät installiert werden – und dieses arbeitet dann später, wenn das Haus dicht ist, ineffizient.

Um solche Fehlentscheide zu vermeiden, lohnt es sich, die energetische Erneue­rung gut zu planen und die einzelnen Etappen aufeinander abzustimmen. So stellt man sicher, dass am Ende alles zusam­men­passt – und man spart Geld, weil ohnehin anstehende Erneuerungsarbeiten mit der energetischen Sanierung gekoppelt werden können. Um im konkreten Fall diese Zusam­menhänge zu erkennen, lohnt es sich, das Fachwissen eines Energieberaters anzu­zap­fen (siehe «Weitere Infos»). Das kostet je nach Projektumfang 500 bis 1200 Franken, wobei die Beratung je nach Kanton unterschiedlich hoch subventioniert wird.

Dieses Geld ist gut angelegt, denn Markus Amrein wird auf seinem Rundgang in fast jeder Ecke des Hauses fündig – sei es die nicht abgedichtete Eingangstür, das schlecht gedämmte Dachgeschoss oder die unisolierte Kellerdecke. Bei einzelnen Sanierungen wird es nicht ohne Profis ­gehen, während Reinhardts für andere ­fällige Verbesserungen selber Hand anlegen können (siehe «Isolieren»). Amreins Hilfe reicht aber übers Aufspüren der Schwachstellen hinaus: Er zeigt etwa auch auf, für welche Arbeiten Reinhardts Fördergelder beantragen könnten (siehe «Finanzielles»). Ein wichtiger Aspekt, decken diese Beiträge doch bis zu 30 Prozent der Kosten.

Quelle: Gerry Nitsch

Die Berater werden meist erhört

Nach der gut einstündigen Begehung sitzen Markus Amrein und Karin Reinhardt wieder auf der Terrasse. Wie um die Hausbesitzerin vor dem Kommenden etwas zu beschwichtigen, macht Amrein erst einmal Komplimente: «Sie haben ein herziges Häuschen, mit viel Garten und einer herrlichen Aussicht.» Dann zählt er aber nochmals auf, was es aus seiner Sicht Dringen­des zu tun gibt – und das ist nicht wenig. All das wird er den Hausbesitzern in einem Protokoll mit Massnahmenkatalog auch noch schriftlich zukommen lassen.

Karin Reinhardt ist vom harten Befund nicht wirklich überrascht. Sie ist vielmehr froh, die Beratung in Anspruch genommen zu haben: «Gerade die Tipps für die Sofortmassnahmen, wie etwa die Thermostatventile, finde ich sehr hilfreich.» Dass meist zuerst nur die einfachsten und günstigeren Massnahmen umgesetzt werden, kann Energieberater Markus Amrein bestätigen. «Durch Umfragen haben wir aber herausgefunden, dass die meisten unserer Kunden, wenn auch etappenweise, schliesslich doch gut 50 Prozent unserer Empfehlungen umsetzen.»

Finanzielles: Wer klug kalkuliert, profitiert

«Das rechnet sich doch nie!» Dies bekommt man oft zu hören, wenn es um Kosten und Nutzen der nachträglichen Isolation eines Gebäudes geht. Doch die Aussage ist falsch. Das zeigen aktuelle Untersuchungen von TEP Energy, einem Spin-off-Unternehmen der ETH, und des Zürcher Architekturbüros Meier + Steinauer Partner AG: Sofern die Isolation im Rahmen von ohnehin anstehenden Erneuerungsarbeiten angebracht wird, amortisieren sich die Kosten durch die ­Einsparungen beim Energieverbrauch.

Ein Beispiel: Plant ein Hausbesitzer den Neuanstrich der Fassade, fallen die Kosten für Maler, Gerüst und Farbe sowieso an. In die Berechnungen für die Amortisation müssen also nur noch die Mehrkosten für die Isola­tion eingerechnet werden. Diese betragen gemäss der Studie bei einer Aussenisolation mit 20 Zentimetern Dicke rund 150 Franken pro Quadratmeter Fassade. Werden diese Kosten über 30 Jahre abgeschrieben und das Kapital zu 3,5 Prozent verzinst, kostet die Isolation Fr. 6.70 pro Quad­ratmeter Fassade und Jahr. Ziemlich genau gleich hoch fallen bei den aktuellen Energiepreisen die eingesparten Kosten für Heizöl oder Gas aus. Werden zusätzlich Fördergelder für die Dämmung beantragt, resultiert gar ein Plus von rund fünf Franken pro Quadratmeter und Jahr. Über 30 Jahre gerechnet, entspricht dies bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus 30'000 Franken.

Fördergelder gibt es derzeit genug, in erster Linie durch das Gebäudeprogramm des Bundes (www.dasgebaeudeprogramm.ch). Zusätzlich kann man oft auf weitere Fördergelder von Kantonen, Gemeinden und Institutionen zurückgreifen. Was wo gefördert wird, lässt sich am einfachsten über die vom Beobachter mitkonzipierte Internetseite www.energiefranken.ch herausfinden.

Isolieren: Tipps für Heimwerker

Das Angebot an Isolationsmaterial in Heimwerkermärkten ist riesig. Trotz­dem sollte man als Laie bei Isolationsarbei­ten auf eigene Faust vorsichtig sein. Denn durch das Isolieren von Bauteilen verändern sich deren bauphysikalische Eigenschaften. Wird etwas falsch montiert, kann es zu Feuchtig­keitsschäden kommen. Deshalb sollte man die Dämmung von Fassade und Dach Fachleuten überlassen. Einige andere Arbeiten kann man aber gut selber ausführen:

Kellerdecke: Spareffekt rund neun Prozent

In älteren Häusern sind Keller­geschosse in der Regel nicht isoliert und beheizt. Isoliert man die Decke, lassen sich rund neun Prozent Heizenergie sparen. Im Fachhandel sind fixfertige Systeme erhältlich. ­Diese bestehen aus speziel­len Isolations­platten, die mit Dübeln oder mit Spezial­kleber befestigt werden.

Estrichboden: Spareffekt etwa 17 Prozent

Ist der Estrich weder beheizt noch isoliert, gehen etwa 17 Prozent Heizenergie verloren. Abhilfe schafft eine Isolationsschicht auf dem Estrichboden. Darüber wird ein neuer Boden aus Holzwerkstoff­platten verlegt. Wichtig: Unter der Isola­tion muss in der Regel eine sogenannte Dampf­bremsfolie verlegt werden. Des­halb sollte ein Fachmann beigezogen werden, der den Bodenaufbau plant und bei der Verlegung der Dampfbremse hilft. Den Rest kann man selber machen. 

Türen und Fenster: Spareffekt rund 13 Prozent

Rund 13 Prozent der Heizenergie gehen durch alte Fenster und Türen ohne Gummidichtung verloren. Mit selbstklebenden Dichtungen aus dem Baumarkt lässt sich die Situation ohne viel Aufwand oder Kosten erheblich verbessern.

Rohrleitungen: Amortisiert nach zwei Jahren

Ohne Isolation der Warmwasser- und Heizungsleitungen im Keller geht un­nötig Energie verloren. In Heimwerkermärkten sind Schalen erhältlich, die auch Laien montieren können. Die ­Materialkosten amortisieren sich durch die Einsparungen innert zweier Jahre.

Weitere Infos

Energieberater: www.energiezukunftschweiz.ch

Gebäudeenergieausweis der Kantone: www.geak.ch 

Tipps rund um die energetische Verbesserung des eigenen Hauses: www.bauschlau.ch