Nach über 100 Bewerbungen gab ­Lisa Röthlisberger die Hoffnung auf. Die damals 57-Jährige hatte in den Pflegeberuf wechseln wollen. Die Aussichten in ihrem bisherigen Beruf – Illus­tratorin und Grafikerin – waren schlecht, die Berichte über den Pflegenotstand in der Schweiz ermunterten sie, den Schritt zu wagen. Beim Roten Kreuz liess sie sich vor zwei Jahren zur Pflegehelferin ausbilden. Doch einen Job hat sie bis heute nicht gefunden. Auf ihre Bewerbungen in Heimen und Spitex-Organisationen erhielt sie meist nur unpersönliche Standardabsagen.

«Das hat mich enttäuscht und verun­sichert», sagt Röthlisberger. Sie war überzeugt, dass sie mit der Ausbildung gefragt sein würde. Als Alleinstehende ist sie da­rauf auch angewiesen.

Das Rote Kreuz bewirbt den Lehrgang für Personen, «die den beruflichen Einstieg in den Pflegebereich planen». 2000 bis 3000 Franken – je nach Kanton – kostet die 120 Stunden dauernde Ausbildung, der ein mehrwöchiges unbezahltes Praktikum folgt. Trotz gutem Abschluss gab es für Lisa Röthlisberger ein böses Erwachen. «Nach ersten Absagen fragte ich mich natürlich, ob ich etwas falsch machte. Ich holte mir Hilfe bei einem Bewerbungscoach.» Doch es lag nicht an ihren Bewerbungen.

«Pflegehelferinnen mit dieser sehr einfachen Ausbildung brauchen wir kaum», sagt die Leiterin einer privaten Spitex-Firma im Kanton St. Gallen, bei der sich auch Lisa Röthlisberger beworben hatte. Gesucht seien besser ausgebildete Fachkräfte wie Fachangestellte Gesundheit oder di­plo­mierte Pflegefachleute. Die Ausbildung von jährlich fast 5000 Pflegehelferinnen erachtet sie als höchst fragwürdig, sie sollte gebremst werden. «Bei vielen Frauen wird die Illusion aufgebaut, sie würden danach eine Stelle im Pflegebereich finden. Das ist gegenüber den Betroffenen unfair und gesundheitspolitisch ein falscher Weg.»

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«Es ist kein anerkannter Pflegeberuf»

Auch die staatliche Spitex dämpft die Erwartungen. «Die Einsatzmöglichkeiten im Spitex-Bereich sind für Pflegehelferinnen eher beschränkt, weil es sich nicht um einen anerkannten Pflegeberuf handelt», sagt Ursula Ledermann, Leiterin Bildung beim Spitex-Verband Schweiz. Mit ihrer Grundausbildung dürften Pflegehelferinnen keine medizinischen Betreuungsleistungen erbringen, wie etwa Verbände wechseln. Gerade im Spitex-Einsatz seien Pflegende aber täglich mit komplexen He­raus­forderungen konfrontiert, die sie mit dieser Ausbildung nicht meistern könnten.

Eher finden die Pflegehelferinnen einen Job in einem Heim, weil dort besser qualifiziertes Personal immer in der Nähe ist. Lisa Röthlisberger versuchte es auch dort. Die Vorstellungsgespräche kann sie an einer Hand abzählen. In einem Fall sei der Heimleiter immerhin ehrlich gewesen. «Wenn das Heim eine Jüngere fände, würde er diese vorziehen, sagte er», erinnert sich Röthlisberger.

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Andere Pflegehelferinnen berichten von ähnlichen Erfahrungen. «Es wird bereits ab 40 sehr schwierig, eine Stelle zu finden», sagt Marlis Döbeli, die neben der Pflegehelferinnenausbildung auch ein Diplom als Gesundheitsmasseurin hat. Erst nach über einem halben Jahr Suche fand sie einen Job als Hilfskraft in einem Heim für Demente. «Und das nur, weil ich bereit war, 60 Kilometer Arbeitsweg auf mich zu nehmen.» Jetzt besucht sie eine zweijährige Weiterbildung zur Fachangestellten Gesundheit. Nur mit einer besseren Ausbildung könne sie im Pflegeberuf längerfristig Fuss fassen. Ein Grund für die Probleme, in einer Institution unterzukommen, ist die schon heute sehr hohe Quote des Hilfspersonals in Deutschschweizer Heimen. Mit 32 Prozent ist sie fast doppelt so hoch wie in der West- oder Südschweiz.

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Beim Roten Kreuz zeigt man sich erstaunt über die Schwierigkeiten bei der Stellensuche. «Wir haben keine Kenntnis, dass viele unserer Pflegehelferinnen über längere Zeit keinen Job finden würden. Die kantonalen Verbände würden uns dies sicher melden», sagt Sprecher Urs Frieden. Im Bereich Spitex seien die Berufschancen aber tatsächlich geringer als in Heimen.

Zehn Millionen Franken fürs Rote Kreuz

Frieden glaubt gleich aus mehreren Gründen, dass die Berufsaussichten für Pflegehelferinnen dennoch rosig seien: Weil die Kantone ihre Budgets für Gesundheit kürzten, werde die Nachfrage nach einfacher ausgebildeten und günstigeren Angestellten steigen. Die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative könnte den Zuzug ausländischer Pflegekräfte erschweren. Und zuletzt: Viele Angestellte aus der Generation der Babyboomer stünden vor der Pensionierung. Frieden sieht darum keinen Grund, weniger Pflegerinnen auszubilden.

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Wie viele unmittelbar nach den Kurs eine bezahlte Arbeit finden, hat das Berner Rote Kreuz für das vergangene Jahr erhoben: Von 710 Kursabsolventen hatten 46 Prozent eine Anstellung im Gesundheitsbereich in Aussicht. Drei Viertel davon in einem Pflege- oder Altersheim, 13 Prozent in der Spitex, 5 Prozent in einer Behinderteninstitution, 4 Prozent in einem Spital und 3 Prozent in der privaten Pflege.

Solche Lehrgänge anzubieten ist ein gutes Geschäft. Bei Kurskosten von 2000 bis 3000 Franken und gegen 5000 Absolventen fliessen jährlich über 10 Millionen Franken in die Kasse des Roten Kreuzes. Ein beträchtlicher Teil der Kursbesucher bezahlt die Ausbildung allerdings nicht selber – Sozialämter und Arbeitslosenvermittlungszentren schicken Klienten in diese Ausbildung, um deren Chancen auf eine neue Stelle zu verbessern. Eine Win-win-Situation: Die staatlichen Stellen haben ein Angebot für ihre Klienten, das Rote Kreuz erhält neue Kunden.

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Wie viele von ihnen tatsächlich eine Stelle finden, ist nur sehr schwer zu eruieren. Zahlen für die gesamte Schweiz sind keine vorhanden. Und weil es nicht um eine anerkannte Berufsausbildung geht, sondern um eine berufliche Integrationsmassnahme, wird der Lehrgang etwa in Zürich gar nicht separat erfasst. Einen Hinweis liefert die erwähnte Berner Erhebung: Bei 150 von 710 Absolventen – also in rund 20 Prozent der Fälle – übernahm das Sozialamt oder das RAV die Kosten.

Rund zwei Drittel aller Kursbesucher in der Schweiz sind laut Rotem Kreuz Migrantinnen. Sie sollen niederschwellig auf einen Berufseinstieg vorbereitet werden. Ob das gelingt, weiss niemand. Auch dafür fehlen bisher Erfolgszahlen.

Viele Migrantinnen wären besser gebildet

Peter Marbet, Direktor des Berner Bildungszentrums Pflege, kritisiert denn auch, dass zu viele Migrantinnen in einer Schnellbleiche zu Hilfspflegerinnen ausgebildet werden. «Viele haben einen Schulrucksack, der eine höhere Ausbildung erlauben würde, wenn die sprachlichen Probleme nicht wären. Genau hier sollte man darum zuerst investieren.»

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Heute könnten Interessierte in zwei bis drei Jahren einen anerkannten Gesundheitsberuf erlernen, wie Assistentin Gesundheit und Soziales oder Fachfrau/Fachmann Gesundheit. Das könne für Umsteigerinnen interessant sein. «Diese Leute werden auf dem Markt auch in Zukunft gesucht sein. Die Nachfrage nach Pflegehelferinnen nimmt dagegen ab», so Marbet.

Grafikerin Lisa Röthlisberger konnte sich kürzlich in einem Heim vorstellen. Um überhaupt zu erfahren, was sie bei einer Anstellung verdienen würde, hätte sie zuerst einen Tag gratis arbeiten müssen. Jetzt versucht sie es weiter im bisherigen Job. «Das ist unsicher, aber ich weiss wenigstens, was meine Arbeit wert ist.»