Jetzt bin ich mir sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin», sagt Piratip Manickham. Er hat an diesem Tag das Praktikum am Kinderspital Basel beendet. Seit anderthalb Jahren besucht der 18-Jährige die Fachmaturitätsschule (FMS) an der Engelgasse in Basel. Eigentlich wollte der Schweizer tamilischer Herkunft eine Lehre in einem technischen Beruf machen, doch er fand keine Stelle. Im zehnten Schuljahr entschied er sich für die FMS und wählte die Richtung Gesundheit und Naturwissenschaften. Nach je einer Woche Arbeit in zwei Spitälern weiss er nun: «Mein Berufsziel ist Physiotherapeut.»

Schräg gegenüber der FMS schliesst Cindy Pugin im Juni die Handelsmittelschule (HMS) ab. In Freiburg hatte sie ein Jahr das Gymnasium mit Schwerpunkt Bildnerisches Gestalten besucht, bevor sie in die Deutschschweiz zog. «Hier in Basel wählte ich die HMS, weil sie mehr berufliche Möglichkeiten bietet.» Im zweiten Jahr machte Pugin ein dreiwöchiges Praktikum bei der Basler Kantonalbank. Für die 21-Jährige war das wegweisend: «Ich will in Richtung Bankwesen weitermachen.»

«Mädchenschule»? Das war einmal

Von den beiden berufsorientierten Mittelschultypen ist die Fachmaturitäts- beziehungsweise Fachmittelschule als Nachfolgerin der Diplommittelschule noch wenig bekannt. Das liegt zum Teil am Image: Sie gilt noch immer als «Mädchenschule». Tatsächlich ist die FMS aber längst nicht mehr nur Vorbereitung für Gesundheitsberufe, sondern auch für Pädagogik, Soziale Arbeit, Gestaltung/Kunst, Kommunikation/Medien, Musik/Theater/Tanz und Angewandte Psychologie. Für einige der schweizweit rund 13000 Schüler ist die FMS eine Alternative zur Lehre, für andere der Weg an eine Höhere Fachschule oder Fachhochschule (siehe «Weitere Infos» am Ende des Artikels).

Alle FMS-Absolventen erhalten viel Allgemeinbildung. Erst im zweiten Jahr wählen sie eine Berufsrichtung und besuchen drei berufsspezifische Fächer. «Nach dem Abschluss machen fast alle eine höhere Schule», sagt Karl Obrist, Präsident der Fachmittelschulkonferenz. Die Freude am Lernen sei eine wichtige Voraussetzung. Wer nach drei Jahren mit dem Fachmittelschulausweis abschliesst, kann sich an einer Höheren Fachschule zur Berufsfachfrau oder zum Berufsfachmann ausbilden.

Beliebter ist heute aber die Fachmatura, für die zusätzlich ein Praktikum und eine Maturitätsprüfung verlangt wird. Die Ausbildungszeit verlängert sich so um etwa ein Jahr. Mit der Fachmatura stehen über 30 Studiengänge an Fachhochschulen offen. Noch sind die Zulassungen je nach Berufsrichtung unterschiedlich: An manchen Fachhochschulen gibt es trotz Matura eine Aufnahme- oder Eignungsprüfung.

Ähnlich wie die FMS sind auch die Handelsmittelschulen konzipiert - doch sie sind im Ausbildungsmarkt bereits stärker etabliert. «Ein Grund dafür ist sicher der Mangel an kaufmännischen Lehrstellen», sagt Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend beim Kaufmännischen Verband Schweiz. Zurzeit besuchen rund 10’000 Schüler eine HMS. Mit dem Handelsdiplom haben sie nach drei Jahren eine abgeschlossene Berufsbildung - doch direkt nach dem Abschluss schmälert die fehlende Erfahrung ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die Praxis wird immer wichtiger

Noch, denn das neue Berufsbildungsgesetz verlangt einen stärkeren Praxisbezug. «Im letzten Jahr liefen Schulversuche mit einem halben Tag Arbeit in Übungsfirmen an», sagt Philippe Gnägi, Präsident der Konferenz Schweizer Handelsschulrektoren. Etwa ab 2009 sollen alle Lehrpläne mehr Praxis enthalten. «Damit soll auch der Übergang in den Arbeitsmarkt erleichtert werden», so Gnägi. Mit dem 18-monatigen Programm «Bank- und Finanzausbildung für Mittelschulabsolventen» bieten Banken eine solche Einstiegshilfe bereits an.

Heute steht die HMS vor allem bei Schülern hoch im Kurs, die eine Berufsmatura erlangen wollen: Rund drei Viertel wählen diesen Weg. Nach dem Diplom absolvieren sie ein zusätzliches Schuljahr, das hauptsächlich aus einem Praktikumsteil besteht. Mit der Berufsmatura können sie an den Fachhochschulen studieren.

FMS und HMS sind öffentliche Schulen und eigentlich kostenlos. Doch weil etwa die Basler FMS mehr Berufsrichtungen anbietet als andere, kommen auch Schüler aus Nachbarkantonen; ist ihre Wohngemeinde nicht im regionalen Schulabkommen integriert, müssen sie rund 18’000 Franken Schulgeld pro Jahr bezahlen. Das entspricht etwa dem, was private Anbieter verlangen. Weil beim Ausbau öffentlicher Schulen gespart wird, werden in den nächsten Jahren wohl mehr Privatschulen neue Ausbildungsplätze anbieten.

Piratip Manickham könnte sich eine Privatschule gar nicht leisten. «Ich wollte ursprünglich auch deshalb eine Lehre machen, um zu Hause mitzuverdienen», sagt er. Deshalb sei er froh um das Stipendium, das seine Kosten deckt. Cindy Pugin verdient sich am Wochenende mit Merchandising-Einsätzen an Konzerten eigenes Geld. Obwohl ihre Altersgenossen in der Lehre oder im ersten Job mehr Lohn zur Verfügung haben, ist für die beiden klar, dass sie später die Fachhochschule besuchen möchten. Das Physiotherapie-Studium, das Piratip anstrebt, dauert vier Jahre. «Vielleicht gehe ich danach nach Sri Lanka zurück, wo diese Ausbildung einen hohen Wert hat», sagt er. Cindy zieht im Sommer nach Zürich. Derzeit sucht sie einen Praktikumsplatz in einer Bank: «Denn nach der Berufsmatura möchte ich Betriebsökonomie studieren.»

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