Routiniert schiebt Moana Holzklötzchen hin und her und notiert die verschiedenen Kombinationen in ihr Heft «Zahlen und Ziffern». Die zierliche Fünfjährige erledigt die Aufgabe bravourös, wie auch das ein Jahr ältere Mädchen, das ihr gegenüber am Tisch sitzt. «Das ist langweilig», sagt Moana, verzieht den Mund und blickt zu den beiden Computern, die in diesem Raum des Primarschulhauses im Zürcher Seefeld stehen. Lieber würde sie am Bildschirm Rechenaufgaben lösen. Sie weiss nicht, dass sie damit an einem Tabu des traditionellen Kindergartens rüttelt: dem Lernverbot.

«Kinder wollen lernen»

Moana besucht das erste Jahr der Grundstufe, wo Kindergärtler und Erstklässler zusammen im selben Raum spielen, singen und lernen. Obwohl sie zu den Jüngsten zählt, kann Moana bereits rechnen und schreiben. «Sie ist fordernd. Sie holt sich, was sie braucht», lautet das Urteil ihrer Grundstufenlehrerin Claudia Bösch, 28, die sich mit ihrer Teamkollegin um die 22 Kinder im Alter von vier bis acht Jahren kümmert.

In zehn Kantonen der Deutschschweiz laufen Schulversuche mit der Grundstufe und der Basisstufe. Die Grundstufe umfasst den Kindergarten und die erste Primarklasse, die Basisstufe zusätzlich die zweite Primarklasse. Beide Stufen sind also altersdurchmischt. Die Kleinsten nehmen allerdings nur am Morgenprogramm teil, am Nachmittag haben sie wie im herkömmlichen Kindergarten frei. Erst beim Eintritt in die zweite oder - bei der Basisstufe - in die dritte Primarschulklasse ist der stufenübergreifende Unterricht zu Ende.

Jeweils zwei Lehrpersonen sind verpflichtet, die Kinder unterschiedlichen Alters ihren Fähigkeiten entsprechend zu fördern. Kinder im Vorschulalter dürfen nun in den Versuchsklassen erstmals offiziell rechnen, lesen und schreiben. «Einige Eltern haben Angst, man nehme den Kindern die Kindheit weg, wenn sie zu früh lesen, schreiben und rechnen sollen. Aber Kinder wollen lernen», sagt Urs Moser, Privatdozent am Institut für Bildungsevaluation in Zürich.

Hat heute der traditionelle Kindergarten mit seiner Spielpädagogik ausgedient? Alarmiert durch die schlechten Ergebnisse der Pisa-Studien, kreieren Pädagogen neue Konzepte. In einigen ist Rechnen, Lesen, Schreiben erlaubt, in anderen verpönt; einige Erzieherinnen pflegen die hochdeutsche Sprache, andere nur Dialekt; einige trimmen die Kinder mit Forscherkisten fit für die Karriere, andere verbannen Spielsachen, damit die Kids lernen, der Langeweile zu trotzen.

Werden nun auch die Kleinsten dem Leistungsdruck der Erwachsenenwelt ausgesetzt? Oder kann man das anders sehen, wie Moana, die gar nicht unterscheidet zwischen Spiel und Leistung, sondern froh ist, wenn sie sich nicht langweilen muss? Wird hier leichtfertig einer der letzten Schutzräume unserer Gesellschaft aufgegeben? Oder ist das Schwarzmalerei?

Das Grund- und Basisstufenmodell ist nicht das einzige Konzept, das im Moment erprobt wird. Ein anderes ist der Einsatz der Schriftsprache im Kindergarten. In neun Deutschschweizer Kantonen sprechen Kindergärtnerinnen bereits mehrheitlich hochdeutsch, und im Kanton Zürich müssen die Kindergärtnerinnen mindestens zu einem Drittel in der deutschen Standardsprache lehren. Anders im Kanton Bern: Dort haben einzelne Schulleitungen das Hochdeutsche vorläufig nur empfohlen.

Geht die Mundart verloren?

Wie in Ostermundigen im Kindergarten an der Alpenstrasse. Die Kindergärtnerin Silvia Schweizer startet den Tag mit dem Satz: «Jetzt spreche ich wieder auf Hochdeutsch mit euch.» Sie deklariert immer, welche Sprache sie gerade spricht. Rund 80 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen in dieser Klasse haben ausländische Wurzeln. «Einigen von ihnen fällt es deutlich leichter, mich auf Hochdeutsch zu verstehen», sagt Schweizer. Sie ist seit 30 Jahren Kindergärtnerin und hat vor zwei Jahren begonnen, zwei Drittel der Zeit konsequent in der Standardsprache zu lehren. Sie wirkt dabei authentisch und gar nicht künstlich, wie Gegner der Standardsprache befürchten.

Und wie stehts mit den Kindern? Dem sechsjährigen Aurelio gefällt es. Bei ihm zu Hause wird schweizerdeutsch gesprochen. Er selber mag es aber sehr, wenn Frau Schweizer hochdeutsch spricht. «Ig finge es eifach schööner», sagt er. Aarabi aus Sri Lanka und Vanessa aus Portugal sprechen fliessend und fast akzentfrei Hochdeutsch - bei gewissen Ausdrücken ist ein leichter Fernseheinfluss spürbar. Beide scheinen sich beim Sprechen wohl und frei zu fühlen.


Angestossen hat die Sprachreform einerseits die Pisa-Studie aus dem Jahr 2000, bei der die Schweizer Schüler beim Leseverständnis schlechter abschnitten als der europäische Durchschnitt. Anderseits Forschungsergebnisse, die besagen, dass Kinder im Vorschulalter am besten Sprachen erwerben. Die Befürworter versprechen sich mehr Sprachkompetenz, die Gegner befürchten den Verlust der Mundart.

Wie eine Basler Studie aus den Jahren 2001 bis 2005 zum Thema Hochdeutsch im Kindergarten belegt, hängt ein guter Spracherwerb vor allem von der Sprachgewandtheit in der Muttersprache ab. «Je differenzierter sich ein Kind in der Erstsprache ausdrücken kann, desto leichter fällt voraussichtlich das Erlernen der Zweitsprache», sagt Mathilde Gyger, wissenschaftliche Leiterin dieser Studie.

Während die Sprachförderung im staatlichen Kindergarten noch in den Kinderschuhen steckt, weichen ehrgeizige Eltern auf private Kindergärten aus, wo die Kinder nicht nur Hochdeutsch, sondern auch Englisch und Chinesisch lernen. Oder sie schlüpfen selbst in die Rolle von Lehrern und bringen ihren Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Eine Lernstandserhebung fünf Wochen nach Schuleintritt bei 2000 Kindern zeigte, dass nur 40 Prozent der Kinder sich noch in der voralphabetischen Phase befanden, die restlichen kannten die wichtigsten Buchstaben oder konnten einen altersgerechten Text lesen und verstehen. Drei Viertel der Kinder zählte bis 20 und löste Additionen im Bereich 1 bis 10 richtig. Wer sagt, im Kindergarten der Zukunft dürfe das Kind nicht mehr Kind sein, sondern werde nur noch auf Leistung getrimmt, der übersieht etwas Wesentliches: Der eigentliche Druck auf die Kinder findet oft nicht im Kindergarten statt, wo sie dosiert und gezielt gefördert werden, sondern zu Hause. Initiiert von ehrgeizigen Eltern.

Zurück zur Grundstufe im Zürcher Seefeldquartier, zurück zu Moana und den Holzklötzchen. Ihr Übergang vom Kindergarten in die Schule wird fliessend sein, vielleicht wird sie ihn gar nicht so richtig wahrnehmen. Aber lernen die Kinder auch mehr als im herkömmlichen Kindergarten? Das Zürcher Institut für Bildungsevaluation begleitet zusammen mit der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen die Schulversuche mit der Grund- und Basisstufe. Während fünf Jahren werden 1000 Kinder aus Schulversuchs- und traditionellen Klassen sowie deren Eltern und Lehrer befragt. Im Juni dieses Jahres präsentierten die Forscher eine erste, ernüchternde Zwischenbilanz: Nur in Mathematik machten Grundstufenkinder grössere Lernfortschritte als Kinder, die den Kindergarten und die Primarschule besuchten. Die Schulversuche und die Evaluation laufen bis 2010. Danach werden die Kantone ihre Empfehlungen formulieren.

Auch Kinder mit Defiziten sind voll dabei

Im Zürcher Quartier Seefeld sind die Eltern, die Schulleiterin, die Lehrer und Lehrerinnen zufrieden mit dem Versuch. Die diplomierte Kindergärtnerin Claudia Bösch, die sich nach zwei Jahren Praxis in einem konventionellen Kindergarten zur Grundstufenlehrfrau weiterbildete, möchte nicht mehr zurück. «Das Lehren im Team ist eine Bereicherung», sagt Bösch. «Das System ist flexibler und bietet den Kindern viel Bewegungsfreiheit.»

Unterstützt wird das Team stundenweise durch Heilpädagoginnen, Logopädinnen und einen Musiklehrer, die jeweils ins Schulhaus kommen. Denn ein weiteres wichtiges Konzept der Grundstufe ist die Integration von Kindern, die Fachleute früher als «kindergartenuntauglich» einstuften. Nun dürfen auch Kinder mit Lernschwierigkeiten oder sogar schweren Entwicklungsstörungen des Gehirns wie etwa einem Wasserkopf in die Grundstufe.

Aber ist das nicht definitiv zu viel für die Kleinen? Sie sollen früh rechnen, schreiben und lesen lernen. Und das auch noch in einer Gruppe, die nicht heterogener sein könnte: von Begabten bis zu Kindern, die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Doch die wissenschaftliche Begleitstudie des Zürcher Instituts für Bildungsevaluation gibt Entwarnung: Die Integration von Kindern mit Lernschwierigkeiten gelinge den neuen Schulformen gut, so das Fazit.

Entwarnung gibt auch ein Blick auf den Schulalltag in der Grundstufe im Zürcher Seefeld. Heute ist die Heilpädagogin Monika Fitze anwesend. Das Lehrerteam unterteilt die Klasse in drei Gruppen. Neun Kinder bleiben im Hauptzimmer mit den beiden Lehrerinnen. Sechs Kinder ziehen ins Puppenzimmer, wo sie selbständig spielen. Drei fünfjährige Mädchen und drei gleichaltrige Buben wechseln mit der Heilpädagogin in den Theaterraum nebenan. Dort übt die Schauspieltruppe ein Stück ein: Die drei Waldburschen sollen nach ihrer Verwandlung in Schweinchen um die Hand der drei Prinzessinnen anhalten. Sie hüpfen, schreien und lachen, während sie die Anweisungen der Heilpädagogin frei interpretieren. Das kleine Theaterprojekt hat auch ein heilpädagogisches Ziel: Es soll eines der anwesenden Kinder darin unterstützen, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Spielende Integration - im wörtlichen Sinne.

Auf die Kantone warten noch etliche Reformen. In welche Richtung der neukonzipierte Kindergarten geht, wird der gemeinsame Lehrplan für die Deutschschweiz zeigen (siehe Box unten: «Die Zukunft des Kindergartens»). Dieser steckt bis Ende 2008 in der Konzeptphase. Im Sommer 2009 soll darüber abgestimmt werden.

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«Es gibt kein Zurück»

Christoph Mylaeus-Renggli, der Leiter der Geschäftsstelle der deutschsprachigen Regionen der Erziehungsdirektorenkonferenz, formuliert die zentralen Ziele des Kindergartens derweil so: Die Kinder sollen soziale Kompetenzen erlernen. Sie sollen zusammen spielen oder etwas gemeinsam planen können, Rücksicht nehmen und sich behaupten lernen. Der Kindergarten soll den Kindern Anregungen bieten, um die Welt kennenzulernen, und so bei denjenigen Defizite kompensieren, die zu Hause ein wenig förderndes Umfeld haben. Er soll die Wissbegierde und Lernfreude der Kinder aufgreifen und bewusst auch ohne Selektions- und Leistungsdruck an schulische Inhalte heranführen. «Ein wichtiger Schritt ist die Aufhebung des Lernverbots im traditionellen Kindergarten», sagt Mylaeus-Renggli.

Noch sind die Würfel für den «Chindsgi» der Zukunft nicht gefallen, aber die Weichen gestellt. Das Grundkonzept: sanfter Einstieg ins Schulsystem, individuelle Förderung, Sonderklassen vermeiden. «Es gibt kein Zurück», so Urs Moser vom Zürcher Institut für Bildungsevaluation. «Nur die Form ist noch unklar.»

Mittag im Primarschulhaus Seefeld. Die Kleinen stürmen aus dem Zimmer. Selbstbewusst zieht Moana den gelben Leuchtstreifen über den Hals. Eigentlich müsste sie die roten tragen, wie in konventionellen Kindergärten üblich. Aber die Grundstufe beschert ihr das Privileg der Primarschüler. Moana ist stolz darauf.

Was Kindergärtler können müssen

Das sollten Kinder beherrschen, wenn sie in den Kindergarten kommen:

  1. Schuhe anziehen
  2. Fudi putzen
  3. Hose heraufziehen
  4. in eine Jacke schlüpfen
  5. Hände waschen
  6. Schuhe binden
  7. Kindergartenweg alleine gehen (sollte nach zwei bis drei Wochen möglich sein)

«Die Eltern sollten den Kindern mehr Gelegenheit und Zeit geben, diese Fertigkeiten zu Hause zu lernen», sagt Marie-Hélène Stäger, Vizepräsidentin des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Einige Eltern vernachlässigen heute diese grundlegenden Elternpflichten und fokussieren auf die Wissensvermittlung. Das führt dazu, dass Kinder, die in den Kindergarten kommen, zwar gekonnt einen Computer bedienen, aber weder Schuhe schnüren noch sicher die Strasse überqueren können.

Frühförderungskurse für die Zwei- bis Vierjährigen boomen, wie etwa Babyenglisch-, Lese- oder Musikunterricht. Das ist zwar gut gemeint, aber nicht nötig. «Kinder lernen in diesem Alter nicht durch Lektionen, sondern durch Erfahrungen mit sich und ihrer Umwelt», sagt Heidi Simoni, Entwicklungspsychologin und Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind in Zürich. Wissen eintrichtern funktioniere in diesem Alter nicht.

Ein Trost für alle Eltern, die bei der sogenannten Treibhausförderung nicht mitmachen: Studien zeigen, dass Kinder, die im Vorschulalter gefördert wurden, ihren Vorsprung schnell einbüssen und später in der Schule kaum erfolgreicher abschneiden als andere.

Der Kantönligeist regiert: In Bezug auf Form, Inhalt und Ziele des Kindergartens herrscht im föderalistisch geprägten Bildungssystem der Schweiz derzeit noch ein heilloses Durcheinander. Immerhin auf drei Gemeinsamkeiten einigte sich die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) mit dem Harmos-Konkordat, das die obligatorische Schule landesweit harmonisieren soll.

  • Der Kindergarten wird Teil der Volksschule und damit obligatorisch.
  • Das Alter der Kinder beim Eintritt in den Kindergarten sinkt auf vier Jahre (Stichtag: der 31. Juli des jeweiligen Kalenderjahres).
  • Jede Sprachregion soll einen gemeinsamen Lehrplan erhalten.

Das Harmos-Konkordat tritt in Kraft, wenn zehn Kantone beigetreten sind. Diese haben danach sechs Jahre Zeit, ihre Strukturen anzupassen. Harmos geht auf den vom Schweizer Volk im Mai 2006 angenommenen Bildungs­artikel zurück. Es wird vor allem von rechtsbürgerlichen Kreisen bekämpft. Die Gegner befürchten die Entmündigung der Eltern, hohe Kosten und mehr neue Schulexperimente.