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ChancengleichheitVor der Gymiprüfung sind nicht alle gleich

Bereiten die öffentlichen Schulen Jugendliche genügend auf das Gymnasium vor? Eltern zweifeln – und schicken die Kinder zur Nachhilfe. Und die Lehrer sehen die Chancengleichheit in Gefahr.

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Der Sechstklässler Lukas hat in den letzten Monaten neben der Schule viel gebüffelt. Er will ans Gymnasium. Dazu muss er in seinem Wohnkanton Zürich eine Aufnahmeprüfung ablegen; nächste Woche ist es so weit. Lukas Grossvater Hermann Koller (Name geändert) hat ihm beim Lernen geholfen. Der pensionierte Mittelstufenlehrer ist überzeugt: «Ohne Nachhilfe geht es nicht.» Das habe nichts mit seinem Enkel zu tun, sondern mit der Schule. Heute hätten die Lehrer gar keine Zeit mehr, sich um jene speziell zu kümmern, die ans Gymnasium wollen, sagt Koller. Der vermittelte Schulstoff allein aber reiche nicht aus, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen. «Die Schüler haben Mankos; das Aufsatzschreiben wird vernachlässigt, im Rechnen fehlt vielen die Übung.» Die Belastung steige beim Lehrpersonal seit Jahren. Die vielen Sonderfälle in einer Klasse überforderten viele, berichtet der frühere Lehrer aus Gesprächen mit noch aktiven Berufskollegen.

Zunehmend hegen Eltern Zweifel, ob ihr Kind bei den Vorbereitungen zur Gymiprüfung vom Klassenlehrer genügend unterstützt wird – ob nach der sechsten Klasse oder bei einem späteren Übertritt. Sie stellen fest, dass ihr Nachwuchs wenige Monate vor der Prüfung noch Lücken im Lernstoff hat. Oder sie merken, dass die Lehrperson vom Langzeitgymnasium, wie es einige Kantone kennen (siehe Box unten), aus pädagogischen Gründen nichts hält – weil sich die Kinder sehr jung für den Weg in Richtung Matur und Hochschule entscheiden müssen.

Verunsichert wenden sich viele Eltern an private Anbieter, wie etwa das Nachhilfeinstitut Studienkreis, das an mehreren Standorten in der Schweiz auch Gymivorbereitungskurse anbietet. Geschäftsführer Stephan Nüesch kennt die Sorgen seiner Kunden: «In der Schule können die Kinder nicht den ganzen Stoff nochmals repetieren: Den Lehrern fehlt in den grossen Klassen mit teilweise grossem Gefälle häufig die Möglichkeit, sich der Prüfungsvorbereitung zu widmen.»

Das hört auch Edit Adrover oft. Sie leitet die Abteilung Lernförderung bei den landesweit tätigen Flying Teachers, wo man seit Jahren eine vermehrte Nachfrage nach zusätzlicher Vorbereitung auf die Gymiprüfung feststellt – allein in diesem Jahr betrug der Zuwachs rund 30 Prozent. Adrover hatte in den letzten Monaten täglich mehrere Anfragen von Eltern, «die der Schule nicht zutrauen, die Kinder richtig vorzubereiten». Kein Wunder, meint sie, wenn Stoff, der für die Prüfung relevant sei, manchmal erst in letzter Minute durchgenommen werde.

«Ohne Nachhilfe-Doping machbar»

Edit Adrover gehört selber zur Gruppe der misstrauischen Eltern: Ihr Sohn Maxi begann schon während der fünften Klasse, sich bei den Flying Teachers auf die Aufnahmeprüfung fürs Langzeitgymi vorzubereiten. Der 13-Jährige, der inzwischen an die Kantonsschule Rämibühl in Zürich geht, ist sich nicht sicher, ob er die Prüfung ohne den Zusatzunterricht geschafft hätte. Sein Klassenlehrer habe sich nicht speziell um ihn kümmern können, sagt er. «In den kleinen Klassen bei den Flying Teachers habe ich intensiver und viel über Organisation und Lerntechnik gelernt.» Seine Mutter ist denn auch der Überzeugung: «Prüfungsvorbereitung ist nicht Aufgabe der Volksschule.»

Gabrielle von Büren-von Moos, Präsidentin der Konferenz Schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren, ist da anderer Ansicht: «Die Primarschule soll dazu befähigen, dass Schülerinnen und Schüler das Übertrittsverfahren nach ihren schulischen Möglichkeiten erfolgreich absolvieren können», sagt sie. Das oft gehörte Argument, wonach die Prüfung ohne zusätzliche Vorbereitung kaum zu schaffen sei, zweifelt auch Beat W. Zemp an: «Das ist ohne Nachhilfe-Doping machbar», so der Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Nur in manchen Fällen, wo es um partielle Schwächen der Kinder oder um verpassten Unterricht gehe, könne eine kurzzeitige Nachhilfe sinnvoll sein. Der entscheidenden Rolle der Aufnahmeprüfungen für den Übertritt ans Gymnasium steht Zemp allerdings kritisch gegenüber: Es zeige «die Grenzen des Systems» auf, wenn der Prüfungserfolg davon abhänge, ob man die Art und Weise der Aufgaben einverleibt habe oder nicht.

Sozialer Druck in Richtung Nachhilfe

Das Erlernen der speziellen Art der Prüfungsfragen scheint aber nötig: Immer mehr öffentliche Schulen bieten zusätzliche Lektionen an, in denen sie mit den Schülern Aufgabenstellungen durchnehmen. Diese Vorbereitung geschieht vielerorts ausserhalb des regulären Unterrichts. Sie falle nicht in die Zuständigkeit des Klassenlehrers, sagt etwa Hanspeter Kündig, Schulpräsident der Zürcher Gemeinde Wallisellen. Dort erhalten Gymikandidatinnen und -kandidaten für 50 Franken über mehrere Wochen hinweg von Lehrkräften zusätzliche Lektionen zur Prüfungsvorbereitung.

Ähnlich in Wädenswil ZH. Hier initiierte die Lehrerschaft letztes Jahr spezielle Vorbereitungskurse. Erstmals drückten zwischen den Weihnachts- und Frühlingsferien 61 von 211 Sechstklässlern ausserhalb der Schulzeit die Schulbank und wurden kostenlos auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Für die Kurse, die auch viele Schulen in anderen Gemeinden kennen, gibt es zwei Gründe, wie Maja Streuli, Leiterin des Wädenswiler Schulsekretariats, sagt: Erstens haben nicht alle Lehrpersonen gleich viel Zeit, sich um die Prüfungskandidaten zu kümmern, und zweitens steigt die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zur Nachhilfe in Privatschulen schicken. Doch nicht alle Eltern können sich solch eine Unterstützung leisten. «Diese Chancenungleichheit möchten wir beheben», so Streuli.

Die Angebote der öffentlichen Schulen nutzen aber bei weitem nicht alle. Die Anfragen bei den privaten Anbietern nehmen weiterhin zu. Für Eltern wird es immer schwieriger, sich dem sozialen Druck zu entziehen, wie das Beispiel eines Vaters aus dem Glarnerland zeigt: Er wollte seiner Tochter verbieten, an ein Nachhilfeinstitut zu gehen, weil er dies für unnötig hielt. Das Mädchen wollte aber unbedingt hin – denn alle ihre Freunde bereiteten sich dort auf die Gymiprüfung vor.

Kantönligeist: Viele Wege führen ins Gymnasium

Die Maturitätslehrgänge sehen bezüglich Zulassung von Kanton zu Kanton verschieden aus. Bezüglich Dauer gibt der Bund nur vor, dass die Ausbildung mindestens vier Jahre dauern muss. In praktisch allen Kantonen können Schülerinnen und Schüler nach dem achten und nach dem neunten Schuljahr ins Gymnasium eintreten. Vielerorts müssen sie dazu eine Prüfung ablegen. In manchen Kantonen zählen für den Übertritt aber auch allein der Durchschnitt der Erfahrungsnoten und die Empfehlung der Lehrpersonen. Erfüllt ein Schüler die Bedingungen nicht, kann auf Wunsch der Eltern eine Aufnahmeprüfung stattfinden.

In elf Kantonen haben die Schüler zudem die Möglichkeit, bereits nach der Primarschule an ein Langzeitgymnasium zu wechseln. In gut der Hälfte dieser Kantone ist dazu eine Prüfung nötig, so etwa in Zürich, Glarus, Graubünden oder St. Gallen. Die Langzeitgymnasien umfassen in der Regel ein zweijähriges Unter- oder Progymnasium, das dem vierjährigen Maturitätslehrgang vorausgeht.

Veröffentlicht am 28. April 2009