Ein «Riesenstress» seien die Aufgaben manchmal, sagt Rolf Wolfensberger, ein vierfacher Familienvater. «Zur dümmsten Zeit, etwa vor dem Znacht, heisst es: ‹Bitte hilf mir!›»

Aber wie viel Hilfe ist angemessen? Theoretisch müssen die Hausaufgaben ohne Hilfe der Eltern lösbar sein. Der Alltag sieht jedoch anders aus. Manche Mutter setzt sich entnervt vor den Computer, um längst vergessenen Schulstoff herunterzuladen. Architekt Rolf Wolfensberger ist überzeugt: «Wenn die Eltern zu Hilfslehrern werden, läuft etwas falsch.»

Das findet auch Martin Keller, Bereichsleiter an der Pädagogischen Hochschule Zürich: «Eltern sollten ihren Kindern nur helfen, wenn sie nicht allein weiterkommen.» Keinesfalls sollten die Eltern die Aufgaben selber machen. Allerdings sei es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse eines Kindes einzugehen, meint Nadja Badr, pädagogische Psychologin an der Uni Zürich. «Manche Kinder schätzen es, wenn die Eltern daneben sitzen. Andere machen die Aufgaben lieber allein.»

Nutzen von Hausaufgaben umstritten
Die Vertiefung des Stoffs sieht Sekundarlehrer Fritz Maag als wichtigsten Zweck der Hausaufgaben an. Maag glaubt auch, dass Hausaufgaben schwächeren Schülern ermöglichen, den Anschluss zu halten – sie müssen halt mehr büffeln.

Erziehungsfachleute sind sich nicht einig, ob Hausaufgaben überhaupt etwas nützen. Die englische Erziehungswissenschaftlerin Susan Hallam stellte fest, dass Hausaufgaben in manchen Familien zu massiven Spannungen führen. Die dabei entstehenden Beziehungsprobleme untergraben den Nutzen der Aufgaben. In ihrer kürzlich erschienenen Studie betont Hallam auch, kein zusätzlicher Lerngewinn resultiere, wenn der Zeitaufwand ein gewisses Mass übersteige. Im Gegenteil: Zu viele Hausaufgaben seien kontraproduktiv.

Mitte der neunziger Jahre wurden die Hausaufgaben im Kanton Schwyz versuchsweise abgeschafft. Ein paar Jahre lang erledigten die Schwyzer Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben in der Schule statt zu Hause. Tests zeigten, dass ihre Schulleistungen deshalb kein bisschen schlechter wurden. Daheim gab es weniger Stress und Streit. Dennoch wurde der Versuch nach massiven Elternprotesten abgeblasen. Manchen Müttern und Vätern erschien die Idee einfach zu revolutionär.

Für Lehrkräfte ist es schwierig abzuschätzen, wie viel Zeit die Schüler für die Aufgaben brauchen. Eines Tages merkte Gabriela Möbus, dass ihr zehnjähriger Sohn Daniel bis zu zwei Stunden pro Tag hinter den Aufgaben sass. Möbus erfuhr, dass auch andere Kinder aus Daniels Klasse überlastet waren. Ein Gespräch mit der jungen Lehrerin brachte Abhilfe.

Den idealen Zeitaufwand errechnen Erziehungsfachleute mit einer einfachen Faustregel: zehn Minuten pro Schuljahr. Das bedeutet, dass ein Viertklässler maximal 40 Minuten Aufgaben pro Tag erledigen sollte. Für die Oberstufe gilt laut Lehrer Maag: «Die Schülerinnen und Schüler sollten nicht mehr arbeiten als ihre Eltern.» Zu 34 Lektionen pro Woche kommen also rund acht Stunden Hausaufgaben. «Es gibt aber Kinder, die zwei Stunden lang am Pult sitzen und nur träumen», sagt Maags Kollege Bernhard Bregy. «Die Eltern müssen kontrollieren, ob ihre Kinder die Aufgaben wirklich machen.»

«Nicht nur eine Polizeifunktion»
Auch wenn Kinder die Hausaufgaben selber machen sollen, ist es wichtig, dass die Eltern ihnen zeigen, wie sie die Aufgaben am besten erledigen. «Die Eltern sollten mit den Kindern einen angenehmen, ruhigen Arbeitsort einrichten und ihnen helfen, den günstigsten Arbeitszeitpunkt zu finden», sagt Pädagoge Keller. «Es tut den Kindern gut, wenn sie allfälligen Ärger loslassen können und zuerst erzählen, was in der Schule gelaufen ist, bevor sie die Aufgaben machen», ergänzt Psychologin Badr.

Besonders in der Oberstufe ist die richtige Lerntechnik entscheidend für den Schulerfolg. Manche Schüler wissen nicht, wie sie sich am besten auf Prüfungen vorbereiten können. Andere haben Mühe mit der zunehmenden Anzahl der Schulfächer. Viele Eltern wünschen sich, dass die Lehrkräfte mehr Lerntechniktipps vermitteln.

Wie sollen sich Mütter und Väter verhalten, wenn es zu Hause Streit gibt wegen der Aufgaben? «Dann ist es am besten, eine ruhige Minute abzuwarten, um eine Lösung zu finden», rät Nadja Badr. Und Martin Keller findet es wichtig, dass Eltern die Erledigung der Aufgaben mit Lob würdigen. «Sie sollten nicht immer nur eine Polizeifunktion übernehmen.»

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Das müssen Eltern wissen

Wie Sie Ihr Kind bei den Hausaufgaben richtig unterstützen:

  • Sie sollten erst dann bei den Aufgaben eingreifen, wenn Ihr Kind Sie darum bittet. Tipps zur Selbsthilfe sind die beste Unterstützung.

  • Kinder haben es nicht gern, wenn ihre Eltern sie ständig zu Höchstleistungen antreiben. Wenn Ihr Kind Mühe hat in der Schule, ist es sinnvoll, Fachleute beizuziehen.

  • Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind sei überlastet, sollten Sie das Gespräch mit dem Lehrer oder der Lehrerin suchen.

  • Eltern müssen nicht alles wissen. Wenn Ihrem Kind etwas unklar ist und Sie nicht helfen können, soll Ihr Kind den Lehrer oder Schulkameraden fragen.

  • Viele Lehrkräfte bieten betreute Aufgabenstunden an. Das ist eine gute Lösung für Kinder, die zu Hause keine idealen Lernverhältnisse haben.

  • Manche Kinder brauchen zuerst eine Pause vor den Aufgaben. Dagegen ist nichts einzuwenden, sofern die Pause nicht stundenlang dauert.

  • Das Kind soll lernen, die Zeit selber einzuteilen. Umfangreiche Arbeiten lassen sich leichter erledigen, wenn man sie auf mehrere Tage verteilt.