Absolut unsensibel in Sachen Hochbegabung! So lautete das Urteil von Fachleuten gegenüber Schulen noch in den neunziger Jahren. Inzwischen ist viel passiert: Alle deutschsprachigen Kantone haben heute Konzepte zur Begabungs- und Begabtenförderung. Was noch gleich ist: Es sind meist die Eltern, denen die Begabung ihres Kindes zuerst auffällt. «Das liegt in der Natur der Sache», sagt Silvia Grossenbacher vom Deutschschweizer Netzwerk Begabungsförderung. «Die Eltern haben das eigene Kind im Fokus, die Lehrkraft die ganze Klasse.»

Zudem sei es schwierig, unterforderte Kinder als solche zu erkennen – vor allem, weil lange nicht alle von ihnen konstant gute Schulleistungen zeigen. Die Chance, dass ungeschulte Lehrkräfte hochbegabte Schüler erkennen, ist relativ klein – das bestätigen auch verschiedene Studien. Insbesondere dann, wenn die Kinder zu jenen rund 15 bis 20 Prozent der sogenannten «Minderleister» gehören. Sie fallen trotz hohem Potential durch Schul- und Entwicklungsprobleme auf.

Eltern unter Ehrgeiz-Verdacht

Väter oder Mütter werden meist dann hellhörig, wenn sich der Nachwuchs in der Schule offensichtlich langweilt, die Leistungen nachlassen oder sich psychosomatische Beschwerden entwickeln. Joëlle Husers Tochter etwa litt bereits im Kindergarten unter Bauchweh und Schlafstörungen. Sie beklagte sich über Langeweile, wollte unbedingt in die Schule. Huser, damals Sekundarlehrerin, heute Fachfrau für Begabungsförderung, traute sich lange nicht, die Kindergärtnerin auf den Unmut ihrer Tochter anzusprechen. «Ich scheute den Stempel ‹überehrgeizige Mutter›.» Als sie es dann doch tat, bekam sie ihn prompt. «Lassen Sie Ihr Kind doch einfach Kind sein», sagte die Kindergärtnerin. Huser schwieg. So lange, bis ihre Tochter mit acht Jahren an einer Depression erkrankte. Erst jetzt wehrte sie sich, liess nicht locker, bis ihre Tochter eine Klasse überspringen durfte. Später eine zweite. Sie blühte auf. Mit 16 machte sie die Matura. Mit einem Notendurchschnitt von 5,5.

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Milan Scheidegger ist ein Multi­talent. Er arbeitet derzeit an seinen Doktorarbeiten in Medizin und Neuro­wissenschaften und macht parallel dazu den Master in Philosophie. Nebenbei ist er als Jazzmusiker und Fotograf aktiv.

Quelle: Lea Meienberg

«Ich wünschte mir, dass Kinder ernst genommen werden, wenn sie besondere Interessen zeigen. Man ist jung und unerfahren und auf Rückmeldungen von Eltern und Lehrkräften ­angewiesen. Wenn die eigene Begeisterung gespiegelt wird, entsteht eine eigenschöpfe­rische Dynamik. Kommt nie ­etwas zurück, stirbt sie.

Viele meiner Interessen wurden von der Schule nicht ab­gedeckt. Ich verbrachte daher viel Zeit mit Tagträumen. Einen eigentlichen Leidensdruck verspürte ich erst im Gymnasium. Der festgefahrene Lehrplan plagte mich je länger, je mehr. Um meine eigentlichen Interessen verfolgen zu können, hätte ich sehr gern schon früher an die Uni gewechselt.

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Wenn ich jetzt höre, dass es heute schon in der Primarstufe Förderprogramme gibt, finde ich das phantastisch. Bei mir war es der Klavierlehrer, der meine Eltern auf meine besondere Begabung aufmerksam gemacht hat. Damals war ich in der fünften Klasse. Förderprogramme wie die Schweize­rische Studienstiftung habe ich erst jetzt an der Uni entdeckt. Eine bereichernde Erfahrung.»

Abklärungen sind nicht einfach

Herauszufinden, ob es tatsächlich die Unterforderung ist, die dem Kind die Freude am Lernen nimmt, ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Die Lehrperson ist die erste Ansprechperson. Gelingt es nicht, gemeinsam eine Verbesserung zu erreichen, werden meist der schulpsychologische Dienst oder in gewissen Schulgemeinden auch externe Fachleute beigezogen.

Bei weiteren Abklärungen werden vielerorts noch klassische Intelligenztests eingesetzt. Die magische Grenze von IQ 130 gilt aber inzwischen als überholt. Modernere Psychologie geht davon aus, dass ein IQ um 120 für spätere Hochleistung ausschlaggebend ist, gekoppelt mit Faktoren wie Kreativität und emotionale Intelligenz.

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Wird ein Kind als besonders begabt erkannt, geht es in erster Linie darum, ihm den Weg durch die Schulzeit zu erleichtern: mit dem Überspringen einer Klasse, zusätzlichem Schulmaterial oder sogenannten Pullout-Programmen, in denen es an einzelnen Tagen oder Nachmittagen zusammen mit anderen Kindern eigene Projekte erarbeiten darf.

Die individuelle Förderung der Interessen des Kindes bleibt meist Sache der Eltern. Eine spezifische Förderung intellek­tuell Hochbegabter gibt es in der Schweiz kaum. Eine Haltungsfrage, finden Fachleute wie Grossenbacher und Huser. «Anders als in anderen Ländern geht man in der Schweiz davon aus, dass intellektuelle Hochbegabungen nur dann speziell gefördert werden sollen, wenn ein Kind darunter leidet, dass dies nicht geschieht», sagt Grossenbacher. Solange ein Kind in der Klasse integriert sei und klaglos zur Schule gehe, bestehe kein Handlungsbedarf.

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Tatsächlich durchlaufen laut Silvia Grossenbacher die meisten intellektuell Hochbegabten die Schule problemlos und unentdeckt. Im besten Fall sind die Begabungen eines Kindes so breit, dass ihm der Weg über das Gymnasium an die Univer­sität oder zur Berufsmatura gelingt. Sind die Talente und Interessen einseitiger, wird es aber schnell schwierig. Einem Mathe-Genie, das in sprachlichen Fächern Mühe hat, bleibt in der Schweiz eine höhere Schulbildung verwehrt. Mit ausgeprägter sprachlicher Begabung und grosser Mühe oder gar Desinteresse gegenüber der Mathematik ebenso.

Deborah Pastow, hochbegabt und hochsensibel, sucht einen Ort, wo sie ihr Potential entfalten kann.

Quelle: Lea Meienberg
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«Ich bin als Schweizerin in Deutschland aufgewachsen und lebe seit drei Jahren wieder in der Schweiz. In der dritten Klasse riet die Lehrerin meinen Eltern, mich auf Hochbegabung abklären zu lassen. Ich war eine Aus­senseiterin in der Schule, klagte oft bei der Mutter, mir fehle irgendetwas. Meine Eltern waren trotzdem überrascht. Ich konnte eine Klasse überspringen und fühlte mich schnell besser, fand Anschluss, meine Leistungen stabilisierten sich. Dann wurden auch meine drei Geschwister abgeklärt – sie sind ebenfalls hochbegabt. Für meine Mutter war diese Erkenntnis eine Erleichterung. Auch, weil sie sich selber ein Stück weit wiedererkannte.

Nach der fünften Klasse wechselte ich aufs Gymnasium. Dort ging es mir relativ gut. Als wir in die Schweiz umzogen, wurde ich in die dritte Sek eingeschult – eine schlimme Zeit. Das Niveau der Klasse war tief, die Arbeitshaltung schlecht. Ich habe den Eindruck, die Schweizer Jugendlichen sind irgendwie satt, ihnen fehlt der Ansporn. Aber ich fand in der Klasse auch eine Freundin, die zu mir passte.

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Nach Abschluss der Sek schaffte ich die Aufnahmeprüfung für ein deutsches Internat, das sich der Begabtenförderung verschrieben hat, bekam aber durch den Leistungsdruck nach zwei Jahren ein Burn-out. Ich durchlief in der Schweiz nochmals eine Abklärung. Das Resultat lautete: hochbegabt, hochkreativ und hochsensibel. Ich merke selbst, dass ich viel mehr als andere auf eine wohlwollende Atmosphäre angewiesen bin. Das Zwischenmenschliche ist mir wichtig. Ich weiss noch nicht, was ich weiter machen werde. Mich interessiert vieles, philosophische Fragen, künstlerisches Schaffen, Sprachen. Wie ich meine Talente ausleben kann, steht im Moment noch in den Sternen.»

In Sport und Musik sucht man die Talente

Dribbelt jedoch der Fussballjunior alle aus, schaltet sich schnell einmal der Klub ein. Vier- bis fünfmal die Woche wird die Nachwuchshoffnung trainiert. Eliteklassen sind im Sport genauso normal wie persönliche Mentoren und in gewissen Städten spezielle Schulen oder Klassen für Sportasse.

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«In Sport und Musik spricht man gern von Talent und Freude an der Sache», sagt Huser. «Schickt aber eine Mutter ihr mathebegeistertes Kind vier Stunden pro Woche in eine Spezialförderung, landen die Eltern schnell in der Schublade ‹ehrgeizige Eltern›.» Dabei zeigen aktuelle Forschungen, dass es durchaus Menschen gibt, die darunter leiden, dass ihre Hochbegabung nicht erkannt und sie nicht gefördert wurden. «Ich berate heute in meiner Praxis ­genauso viele Erwachsene wie Kinder, die wegen ihres schnellen Denkens und der häufig damit verbundenen hohen Sensibilität Schwierigkeiten haben», sagt Huser.

Eva Koch, Regionalgruppenleiterin des Elternvereins für hochbegabte Kinder, hat oft Kontakt mit Eltern von Hochbegabten. «Die Haltung und das Know-how der Lehrkraft entscheiden, wie es einem Kind geht», sagt auch sie. «Leider geistern immer noch viele falsche Vorstellungen herum, auch an den Schulen.» Etwa jene, dass hochbegabte Kinder nicht zu lernen bräuchten und dass ihnen alles leichtfalle. «Das stimmt nicht.» Sie seien genauso darauf angewiesen, auf ihrem Niveau gefördert und unterstützt zu werden, wie auffallend schwache Schüler. «Und sie brauchen ein Umfeld, das ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten unterstützt.» Dort ortet Koch das grösste Problem. «Im Arbeitsleben kann einer nicht innovativ und leistungsbereit genug sein», sagt sie. «In der Schule stossen Kinder mit diesen Fähigkeiten immer noch viel zu oft an schmerzhafte Grenzen.»

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Gian-Andrea D’Addetta besucht die Talentklasse der Stadt Winterthur und ist Stürmer bei den Kloten Flyers.

Quelle: Lea Meienberg

«Ich bin ein Spätzünder. Mit acht habe ich zum ersten Mal einen Hockeykurs besucht. Dort hat man mein Potential zwar schnell ­erkannt, aber wir wohnten ausserhalb der Stadt, und darum kam ein Klubbeitritt nicht in Frage. Erst mit zehn Jahren bin ich dem Eishockeyklub Winterthur beigetreten.

Dann ging alles sehr schnell. Ich spielte in der obersten Juniorenliga und qualifizierte mich für die Regionalauswahl Zürich. Viermal pro Woche trainierte ich nach der ­Schule. Die Hausaufgaben organisierte ich um die Trainings herum.

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Vor dem Übertritt in die Oberstufe schlug mich der Klub für die Talentklasse für sportlich und musisch Talentierte in Winterthur vor. Die Talentklasse ermöglicht mir, dreimal pro Woche vor Unterrichtsbeginn zusammen mit anderen aus dem Kanton zu trainieren. Daneben trainiere ich fünfmal pro Woche nach der Schule mit den Kloten Flyers.

Müsste ich eine normale Sekundarschule ­besuchen, wäre das gar nicht möglich.
Acht Trainingseinheiten sind zwingend, um an der Spitze mithalten zu können.

Einen Lehrvertrag habe ich bereits im Sack. Ich werde eine kaufmännische Ausbildung absolvieren, die speziell auf Sportler zu­geschnitten ist. Sie dauert vier Jahre. Zwei Jahre werde ich ausschliesslich zur Schule gehen, danach zwei Jahre in einer aus­gewählten Firma arbeiten. Das Ganze ist so aufgebaut, dass mir neben Schule und Arbeit genügend Zeit bleibt, meine Trainings und Turniere zu absolvieren.»

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Woran erkennt man besondere Begabung?

  • Herausragendes kreatives, intellek­tuelles, soziales oder sportliches Talent und vielleicht trotzdem schlechte Schulnoten

  • Unterforderung in der Schule und gleichzeitig intensive Beschäftigung mit anspruchsvollen Themen

  • Oft Aussenseiter bei Gleichaltrigen, aber gute Kontakte zu älteren Kindern

  • Unbändiger Wissensdrang und völliges Desinteresse bei nicht fesselnden Themen

  • Extrem früh und selber erworbene Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen, Malen, in Musik, Sprachen et cetera

  • Kann sich auch verstecken hinter psychosomatischen Beschwerden wie Bauchweh oder Kopfweh, Aggressivität und Verhaltensschwierigkeiten

Weitere Informationen

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Buchtipps

  • James Webb und andere: «Hochbegabte Kinder, ihre Eltern, ihre Lehrer. Ein Ratgeber»; Verlag Huber, 2007, 260 Seiten, Fr. 39.90

  • Joëlle Huser: «Lichtblick für helle Köpfe. Ein Wegweiser zur Erkennung und Förderung von hohen Fähigkeiten»; Lehrmittelverlag Zürich, 36 Seiten, 59 Franken