Das Schild an der Tür von Familie Kuhn verheisst nichts Gutes: «Die Welt ist ein Irrenhaus, und hier ist die Zentrale.» Was aber im Innern der Wohnung gesprochen wird, klingt gut: «Ich habe immer an mein Kind geglaubt», sagt Eleonora Kuhn überzeugt. Und Swen, der elfjährige Sohn und Viertklässler, von dem die Mutter spricht, erzählt: «Mir gefällts in der Schule. Im Rechnen bin ich gut. Jetzt gerade lernen wir viel über Schwamendingen, das macht Spass.»


Zürich-Schwamendingen, Quartier Auzelg. Dort leben Eleonora und Georg Kuhn mit Swen und seinen beiden jüngeren Schwestern Ramona und Sabrina. Das Auzelg ist in vieler Hinsicht besonders. Eine Mischung aus städtischem Randquartier und dörflicher Idylle. Viele kinderreiche Familien leben hier. Der Ausländeranteil ist hoch. Von Aussenstehenden wird das vom übrigen Stadtgebiet völlig isolierte Auzelg oft abschätzig «Negerdörfli» oder «Getto» genannt.


Temporär ausquartiert

Kuhns gefällt es im Quartier. Und das hat auch mit der Schule zu tun. Hier wird in spezieller Weise Gewicht gelegt auf den Umgang mit Kindern, die es mit sich und der Schule nicht so einfach haben.


Swen und seine Eltern wissen, was das heisst. Weil sich bereits im Kindergarten zeigte, dass Swen logopädische Schwierigkeiten hatte, also Probleme mit der Sprachentwicklung, konnte er nicht in die reguläre erste Klasse eintreten. Die ersten drei Schuljahre verbrachte er deshalb in einer Kleinklasse im Schulhaus eines anderen Quartiers. Das hat ihm zwar bei seinen Sprachproblemen viel geholfen, brachte aber Nachteile. Vor allem gehörte Swen nirgends so recht dazu, fühlte sich ausgesondert, abgeschoben.

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Nun aber ist er wieder dabei, ist Schüler der 4. Klasse im eigenen Quartier. Spielt in der schulfreien Zeit auf dem Pausenplatz mit den Freunden aus der Nachbarschaft. Wie wurde aus dem Sonderschüler Swen einer, der wieder dazugehört?


Seit acht Jahren ist die Schule Auzelg ein so genannter «Schülerklub». Alle an der Schule tätigen Erwachsenen bilden ein Team und teilen sich in enger Zusammenarbeit verschiedene Aufgaben – auch erzieherische. Von der Handarbeitslehrerin, die als Schulleiterin amtet, über das Hauswartsehepaar bis zu den Lehrkräften, die nebst ihrem Unterrichtspensum auch Betreuungsaufgaben im Hort übernehmen.


Die Schule wurde zum Ort, der mehr bietet als traditionellen Unterricht. Ein Klub eben, wo alle zusammengehören, vieles gemeinsam getan und erlebt wird – bei der Arbeit und in der Freizeit. Niemand muss sich ausgeschlossen fühlen.


Jetzt hat die Schule Auzelg ihr Angebot erweitert. Schulische Heilpädagogen, eine Frau und ein Mann mit je einem 60-Prozent-Pensum, helfen mit, das zu realisieren, was Fachleute integrative Schulungsform (ISF) nennen. Sie unterstützen und begleiten Kinder, die beim Lernen und Arbeiten, manchmal auch mit ihrem Verhalten in der Schule Probleme haben. Damit soll ermöglicht werden, dass einstige Sonderschüler wie Swen wieder in die Regelklasse zurückkehren können – oder gar nicht erst extern platziert werden müssen.


Ihre Tätigkeit integrieren die beiden in den normalen Unterricht der regulären Klasse – im «team-teaching» mit der Klassenlehrerin. Manchmal teilen sie die Klasse oder arbeiten besonders intensiv mit kleinen Gruppen. Dazu nehmen sie auch teil an Exkursionen oder Klassenlagern.


Und plötzlich hat man Zeit

Szene aus dem Alltag: Die dritte Klasse von Marie-Theres Schuler hat Sprachunterricht. Die Kinder arbeiten konzentriert für sich allein. Marie-Theres Schuler und der schulische Heilpädagoge Claudio Tamò gehen umher und wenden sich einzelnen Knaben und Mädchen zu, die nicht weiterkommen.


Am Schluss der Stunde sitzen die Kinder im Kreis und teilen Erfahrungen mit. Sie haben es gern, wenn Claudio Tamò da ist. «Dann ist es ruhiger, die Lehrerin und der Lehrer haben mehr Zeit für uns», sagen Deborah und Mustafa übereinstimmend. Ruaida und Vincenzo ergänzen: «Es gibt auch mehr Abwechslung, und wir können ganz viel lernen.»


Was nicht sichtbar wird, erklärt Marie-Theres Schuler später: In ihrer Klasse gibt es einige Kinder, die einen Status als «ISF-Kinder» haben. Das heisst: Sie haben aufgrund diverser Probleme eine Abklärung durch den Schulpsychologen hinter sich und wurden dieser Schulform zugewiesen. Die hohe Zahl – ein Drittel der Klasse – macht den Unterricht nicht leicht.


«Es ist eine schwierige Klasse, die viel Aufmerksamkeit und Konzentration und immer wieder ein intensives Eingehen auf einzelne Kinder fordert», sagt die erfahrene Lehrerin. Sie ist deshalb dankbar für die Unterstützung. Damit werde man endlich den Bedürfnissen aller Kinder gerecht. Sonst müssten bestimmt einige der Kinder in eine Kleinklasse eingeschult werden.


Die Idee entstand an der Basis

Dass die integrative Schulungsform 1998 als Pilotprojekt eingeführt wurde, ist primär Claudio Tamò zu verdanken. Der ehemalige Klassenlehrer im Auzelg und jetzige Heilpädagoge sah darin einen Weg, die immer schwieriger werdende Situation mit einer wachsenden Anzahl von Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu entschärfen. Mit dem gemeinsam erarbeiteten Konzeptvorschlag stiessen er und seine Kolleginnen und Kollegen bei den vorgesetzten Stellen auf offene Türen.


Bei pädagogischen Fachleuten und Schulbehörden setzt sich die Einsicht durch, dass die herkömmlichen sonderpädagogischen Angebote immer unübersichtlicher werden, schlecht koordiniert sind und dem Gedanken der Integration widersprechen. Die Behandlung von Kindern mit Schulschwierigkeiten wird zu oft an externe Fachleute delegiert. Damit wird den Kindern und ihren Eltern erst recht bestätigt, dass sie Problemfälle sind.


Der neue Ansatz ist anders: Es gibt Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen: Leistungsschwache, Lernbehinderte, Fremdsprachige, Hochbegabte. Die Ursache kann beim Kind liegen, aber auch beim familiären und sozialen Umfeld. Und diese Bedürfnisse sollen nicht mehr extern erfüllt werden, sondern möglichst im gewohnten schulischen Umfeld. Die Kinder gehen nicht mehr zu Fachleuten, die Fachleute kommen in ihre Klasse. Das erleichtert auch die enge Zusammenarbeit mit den Eltern.


Swens Eltern sind des Lobes voll: «Wir haben das Gefühl, dass wir ernst genommen und im Glauben an unser Kind gestärkt werden.» Wer weiss, vielleicht wird das Thema bald auch bei der jüngsten Tochter aktuell. Sabrina langweilt sich manchmal im Kindergarten. Sie löst einfache Rechenaufgaben, schreibt erste Wörter und mag fast nicht warten bis zum Schuleintritt im nächsten Herbst. Vielleicht wird sie auch besondere Bedürfnisse haben, die sie im gewohnten Umfeld erfüllt bekommt – als speziell begabtes Kind.

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