Beobachter: Schüler benoten Lehrer auf einer Website - was halten Sie vom digitalen Zeugnis?
Anton Strittmatter: Die Plattform erinnert mich an das Spiel Moorhuhnschiessen. Statt Moorhühner werden Lehrer heruntergeputzt. Eine seriöse Qualitätsverbesserung ist das sicher nicht.

Beobachter: Weshalb?
Strittmatter: Der Fragebogen ist dilettantisch gestaltet. Es besteht keine scharfe Trennung zwischen den Fragen, der gleiche Sachverhalt ist manchmal doppelt formuliert und führt zu Mehrfachbestrafungen oder Mehrfachbelobigungen. Einzelne Kriterien sind eine Anmassung.

Beobachter: Zum Beispiel?
Strittmatter: Ein Schüler kann nicht über die Fachkompetenz oder das Mass der Vorbereitung eines Lehrers urteilen. Genauso unzulässig wäre es für einen Lehrer zu behaupten, ein Schüler arbeite zu Hause zu wenig oder sei zu dumm. Er kann das nur vermuten, aber nicht wissen. Spickmich.de müsste allenfalls «wirkt unvorbereitet» verwenden, aber für solche Korrektheiten hat man dort offensichtlich keinen Sinn. Mankos können nur im Gespräch ergründet werden. Prangermethoden sind aber klassische Gesprächskiller!

Beobachter: Was hat ein guter Lehrer denn zu befürchten?
Strittmatter: In dieser Logik könnte man auch das Auspeitschen wieder einführen: Tugendhafte Menschen haben ja nichts zu befürchten. Die Plattform ist überdies leicht manipulierbar. Jeder kann sich einloggen und Lehrer benoten, die man nicht kennt. Das ist schludrig.

Beobachter: Aber grundsätzlich: Lehrer benoten Schüler doch auch, und nicht immer empfinden das die Schüler als fair.
Strittmatter: Schon wieder so eine kindliche Prügel-Logik. Weil der andere unfair ist, darf ich auch? Im Ernst: Die vorhandenen Kunstregeln für Benotungen sollten Fairness gewährleisten. Und wer sich schlecht behandelt fühlt, sollte das direkt anmelden und klären, bevor er oder sie es dem Rest der Welt via Internet mitteilt.

Beobachter: In welcher Form können Schüler heute Kritik an Lehrpersonen äussern?
Strittmatter: Wir vertreten die Haltung, dass Lehrpersonen sich eine hochwertige Feedback-Umgebung schaffen müssen, die Rückmeldungen von Schülern, Eltern, Kollegen und Schulleitung berücksichtigt. Unsere pädagogische Arbeitsstelle gibt einen «Werkzeugkoffer» mit rund 30 Feedback-Methoden ab. Dazu gehören Fragebogen, wöchentliche Klassengespräche und Lerntagebücher.


Beobachter: Nicht jede Lehrperson kann mit Kritik umgehen. Was, wenn die Anliegen der Schüler nicht ernst genommen werden?
Strittmatter: Es ist Aufgabe der Schulleitung, dafür zu sorgen, dass die Feedback-Kultur wirklich spielt. In Analysen wurde festgestellt, dass zwar häufig Feedback eingeholt wird, es aus Sicht der Schüler dann aber zu nichts führt. Es gibt Fälle, da läuft das Feedback tatsächlich ins Leere. Aber in einem anderen Teil der Fälle zieht die Lehrperson zwar Konsequenzen, aber die Schüler erkennen den Zusammenhang zwischen ihrem Feedback und dem geänderten Verhalten der Lehrperson nicht. Hier sind die Lehrer gefordert, den Prozess sichtbarer zu machen.

Beobachter: Zwischen Lehrern und Schülern besteht ein Machtgefälle. Traut sich ein Zehnjähriger, Kritik zu üben?
Strittmatter: Wenn der Lehrer keine Angst vor dem Urteil eines Zehnjährigen hat, wird sich auch der Zehnjährige nicht davor fürchten. Kinder und Jugendliche, deren kritische Meinung zu Hause nicht gefragt ist, haben sicher mehr Mühe damit. Wichtig ist, dass nicht bloss Kritik geäussert wird, sondern ein Austausch von Wahrnehmungen stattfindet. Zum Beispiel darüber, was das Lernen leichter macht beziehungsweise was es eher hemmt.

Beobachter: Was dürfen Schüler kritisieren, was nicht?
Strittmatter: Wenn diese goldenen Regeln einer Feedback-Kultur gegeben sind, darf grundsätzlich über alles geredet werden, solange der Schüler bei sich und seiner Schülerrolle bleibt. Falsch ist eine Aussage wie «Sie sind ungerecht», richtig hingegen «Ich fühlte mich in dieser Situation ungerecht behandelt».

Beobachter: Ist es überhaupt erwünscht, dass Schüler und Eltern mitreden?
Strittmatter: Ja. Man kann nicht eine öffentliche Schule sein wollen und gleichzeitig immun gegen Meinungen von anderen. Aber es ist natürlich anstrengend. Ein Problem ist das Zeitbudget: Heute muss bei unveränderter Pflichtstundenzahl viel mehr Gesprächszeit aufgewendet werden. Und Probleme machen auch Unflätigkeiten, wo sich die Partner nicht an die Anstandsregeln halten. Da ist dann nicht nur die betroffene Lehrperson, sondern auch die Schulleitung gefordert.

«Sexy» ist kein Kriterium mehr

Spickmich.de ist eine Online-Plattform aus Deutschland, auf der Schüler ein eigenes Profil anlegen und sich untereinander vernetzen können. Eine der Funktionen sorgt für Aufruhr: die Möglichkeit, Lehrer zu benoten. Noten vergibt man nur innerhalb des eigenen Schulhauses; auch für die Resultatsansicht muss man unter dem betreffenden Schulhaus registriert sein.

Mittlerweile haben sich auch Mädchen und Buben von rund 150 Schweizer Schulhäusern registriert. Auch sie benoten ihre Lehrer - in Kategorien, die sich sowohl auf den Unterricht als auch auf die Persönlichkeit beziehen.

Die Beurteilung enthält unter anderem «gut vorbereitet», «fachlich kompetent», «menschlich» und «cool und witzig». «Sexy» wurde entfernt. In Deutschland haben einige Lehrer gegen Spickmich.de Klage eingereicht - bisher stets erfolglos.

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