Dass Sophie fast nichts sagt, finden die anderen Kinder okay. Sie sei halt so. Und das sei kein Grund, sie auszulachen oder beim Spielen und Turnen nicht mitmachen zu lassen. Die Lehrerin hat ihnen erklärt: «Für Sophie ist es schwierig, vor fremden Kindern zu sprechen. Sie braucht Zeit, bis das klappt. Aber sie will es lernen und trainiert es jeden Tag. So wie es andere üben müssen, Rechenaufgaben zu lösen oder über ein Böckli zu springen.» Was Sophie beides gut kann.

Sophie ist acht und hat selektiven Mutismus. Kinder, die darunter leiden, haben keinerlei Defizite in ihrer Sprachentwicklung. Und eigentlich möchten sie gerne etwas sagen, aber sie bekommen kein Wort heraus. Sophie ist ein typischer Fall: Die Tragweite ihres Problems wurde offensichtlich, als sie in den Kindergarten kam. Seither geht sie in eine spezielle Therapie.

Mehr Mädchen als Buben bleiben stumm

In der Schweiz ist schätzungsweise eines von 1000 Kindern von Mutismus betroffen. Bei Mädchen kommt das Verstummen häufiger vor als bei Buben. Fachleute sind sich einig: Frühe Hilfe ist wichtig, um Folgen wie eine gestörte Kommunikation oder soziale Isolation zu vermeiden. Dabei ist Geduld gefragt. Bis den Kindern in Therapien ein erster Ton oder gar ein erstes Wort zu entlocken ist, können Monate vergehen.

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Trotz ihrer Sprechblockade besucht Sophie inzwischen eine Regelschule im Zürcher Oberland; sie geht in eine Klasse mit integrativer Förderung. Drei lernschwache Schüler und normal begabte Kinder lernen hier zusammen. Eine Heilpädagogin unterstützt die Lehrerin bei ihrer Arbeit und hilft jenen Kindern, die nicht so schnell mitkommen. Auch Sophie bekommt ab und an Hilfe. Allerdings nicht beim Lernstoff, den beherrscht sie – wie die meisten mutistischen Kinder – gut bis sehr gut. Nur mit dem Mündlichen hapert es. Und da muss man ihr manchmal gut zureden. Denn die richtige Antwort wüsste sie sehr wohl.

Sophies Lehrerin findet es besser, den richtigen Namen des Kindes nicht zu nennen, und will auch selbst anonym bleiben, um das Mädchen zu schützen. Es soll nicht noch stärker im Mittelpunkt stehen. Sophie macht es unsicher, wenn die Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist. Wie im Unterricht: Die Lehrerin fragt etwas. Das Mädchen schweigt. Und alle warten gebannt darauf, ob vielleicht doch noch was kommt.

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Der Umgang erfordert Feingefühl

So war es zumindest am Anfang. Inzwischen, sagt die Lehrerin, wartet sie einfach nicht mehr so lange. Sie macht weiter im Text, lässt die anderen Kinder zu Wort kommen, um am Ende der Fragerunde nochmals bei Sophie anzuklopfen: «Magst du es jetzt sagen?» Gut, wenn sie es tut. Aber auch nicht weiter schlimm, wenn sie es lässt. Sanft anschubsen, aber auch in Ruhe lassen – mit mutistischen Kindern umzugehen erfordert Feingefühl und Geduld. «Sie ständig schonen zu wollen ist ebenso falsch wie sie unter Druck zu setzen», sagt Erika Meili, Kinderpsychotherapeutin aus Pfäffikon ZH. Und vollends kontraproduktiv sei es, den Kindern Vorwürfe zu machen und deren Schweigen persönlich zu nehmen. Ein wichtiger Punkt, den Lehrpersonen auch den anderen Kindern erklären sollten. Denn das Schweigen habe nichts mit Antipathie zu tun. Ebenfalls schädlich: falschen Ehrgeiz entwickeln und sich eine Frist setzen, bis wann man das Kind zum Sprechen gebracht haben möchte. Dies lasse sich nicht terminieren.

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Man könne mit ihm stattdessen zunächst ohne Worte kommunizieren, es zum Beispiel mit Kopfnicken oder Kopfschütteln antworten lassen. Oder es etwas aufschreiben oder zu Hause die Antwort auf Tonband aufzeichnen lassen. Erika Meili hat jahrelange Erfahrung mit mutistischen Kindern und leitet Lehrpersonen an, die unsicher sind, wie sie mit den Schweigsamen umgehen sollen. Auch Sophies Lehrerin brauchte den fachlichen Rat einer Therapeutin, denn ein Kind mit Mutismus hatte sie noch nie in der Klasse gehabt. Inzwischen hat sie sich einiges über diese Kommunikationsstörung angelesen. Vieles jedoch laufe instinktiv, geschehe spontan aus der Situation heraus. «Wie einfühlsam eine Lehrperson das Kind im richtigen Moment zum Sprechen auffordert, auch davon hängt ab, ob es seinen Mutismus überwindet.»

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Sophie jedenfalls hat Vertrauen gefasst: Sie antwortet inzwischen, wenn auch nicht immer und noch sehr leise. Manchmal traut sie sich sogar nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden hat. Und mit ein paar wenigen Kindern aus der Klasse redet sie schon recht flüssig und in normaler Lautstärke.

Therapie: Rechtzeitig reagieren

Kinder mit selektivem Mutismus beherrschen die Sprache normal. Sie können sie in bestimmten Situationen nur nicht anwenden – meistens dann, wenn sie sich in fremder Umgebung befinden.

Das «gelegentliche Verstummen» beginnt oft vom Zeitpunkt an, wenn die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Kinderpsychotherapeutin Erika Meili empfiehlt: Spricht das Kind nach einem Monat im Kindergarten oder in der Schule noch immer nicht, nimmt es an Bewegungsspielen nicht teil und zeigt es keine Fortschritte im nonverbalen Kommunikationsverhalten, ist eine Abklärung angezeigt.

Aufmerksame Erzieherinnen und Lehrer informieren Eltern über das andauernde Schweigen ihres Kindes. Bei der Abklärung helfen können Kinder- und Jugendpsychiater oder der schulpsychologische Dienst. Therapien bieten spezialisierte Logopädinnen und Kinder- und Jugend­psychotherapeuten an. Eltern sollten sich im Voraus informieren, welche Angebote zu welchen Teilen von der Schulgemeinde, den Zusatzversicherungen oder der IV bezahlt werden.

In den Therapien lernen Kinder auf spielerische Weise, ihre Sprache einzusetzen. Je früher eine Therapie beginnt, desto grösser sind die Chancen, dass ein Kind seinen Mutismus überwindet. Wie lange eine Therapie dauert, kommt auf den Einzelfall an. Manche Kinder tauen bereits nach sechs Monaten auf. Bei anderen braucht es ein Jahr oder mehrere Jahre Geduld. Den Eltern empfiehlt Erika Meili: Verständnis zeigen fürs Kind, aber auch nicht immer das Antworten übernehmen, wenn es angesprochen wird und nichts sagt. Sonst fällt es ganz in die passive Rolle. Besser das Kind aufmuntern, es das nächste Mal selbst zu versuchen.

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